Monday, January 30, 2017

NHK Symphony Orchestra/Paavo Järvi – Richard Strauss Volume 1 – Don Juan & Ein Heldenleben [RCA Red Seal]


classicalsource
Colin Anderson
Jan 2017



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Find the right volume setting and the recorded sound is admirably spacious, focussed, detailed and dynamic; the bass line is especially strong. The booklet includes an article by Paavo Järvi regarding this his first recording with the NHK Symphony Orchestra, the beginning of a Richard Strauss project with an orchestra particularly attuned to the German repertoire, he feels, thanks to time-honoured associations with Wolfgang Sawallisch, Horst Stein and Otmar Suitner.

Don Juan is a good place to start, for Järvi relishes the exuberant opening – and ensures a really vivid timpani flourish (often not the case and a failing that can sink the whole thing) – to lead-off a brilliant account, one that avoids false sentiment without denuding the music’s capacity for sweet sensation. It is clear that the NHK players are totally dedicated to realising Järvi’s wishes, and the result is a swaggering and seductive Don Juan, played precisely and also with amorous intent, the latter quality bountifully in evidence from the principal oboist, whose phrasing and timbre tease the listener’s responses, and the horns are superbly exultant. This Don Juan is in the Kempe, Reiner and Szell moulds – direct, fiery and discerning.

Järvi is equally wholesome with Ein Heldenleben. He keeps the music on the move, without haste or harrying; it’s a glorious reading enhanced by antiphonal violins and numerous other aural delights. Some may like a little more indulgence in places, greater emphases, but what is refreshing is the current that Järvi maintains without sacrificing drama, beauty or compassion; this is a symphony with a vivid narrative, and prepared to the nth degree, yet the musicians’ interest is retained and a pictorial commentary is continually present.

Fuminori Maro Shinozaki’s violin solos – representing Hero Strauss’s wife to be – are vibrant and technically immaculate if maybe less capricious than ideal – that said, the orchestra’s response (to its concertmaster) is love at first sight. The ‘Battle’ music, heralded by realistically distant trumpets, lets rip a concentrated cacophony (perfectly weighted bass-drum strokes suggest cannon shots) until the Hero is victorious over his enemies, and so he continues, via rapt reflection (including to Don Juan, those voluptuous horns again) into retirement, a golden sunset, a tangible sense of achievement ... and this concert performance fades to silence, not to applause.

However, Strauss will be back soon from Tokyo. There’s certainly room on the shelf for Paavo Järvi’s meticulous yet free-flowing conducting of his music.http://classicalsource.com/db_control/db_cd_review.php?id=14256

Thursday, January 26, 2017

Brahms und der kleine Modernsky


Neue Zürcher Zeitung
Jürg Huber
27/01/2017


Der Dirigent Paavo Järvi in Prag. (Bild: Imago)

Paavo Järvi und Vilde Frang zu Gast in der Tonhalle

Paavo Järvi und Vilde Frang zeigen zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, wie unterschiedlich sich die musikalische Tradition in Werken von Brahms und Strawinsky anverwandeln lässt.
Mit Brahms ist in Zürich nicht zu spassen. Ernst schaut er mit mächtig wallendem Bart von der Decke des Grossen Saals der Tonhalle, die 1895 mit seinem «Triumphlied» eröffnet wurde. Noch eine Idee strenger erscheint sein Blick, wenn es um die 4. Sinfonie in e-Moll op. 98 geht: Hat sich doch vor einem Vierteljahrhundert David Zinman mit dieser Sinfonie nachdrücklich für die Chefposition beim Tonhalle-Orchester empfohlen. Auch Paavo Järvi hat kürzlich als Gast des Tonhalle-Orchesters einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen – gespannt war man deshalb, was für Ergebnisse eine jahrelange kontinuierliche Zusammenarbeit mit einem Klangkörper zeitigt. Järvi ist nämlich schon seit 2004 Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Sehnig und muskulös

Der Einstieg gelingt nach Mass. In den Haydn-Variationen op. 56a zeigt Brahms ein durchaus freundliches Gesicht, das die Bremer Gäste aufmerksam und schön ausspielend zur Geltung bringen: kompakt, doch durchscheinend dabei ihr elegant gemaserter Klang. Brahms im leichten – und leicht wehmütigen – Schubert-Ton, die 5. Variation wird zum Elfen-Scherzo à la Mendelssohn, und der Siciliano-Rhythmus der 7. lässt den graziösen Tanz nostalgisch aufleben.

Mit einer Passacaglia endet der Reigen – ähnlich wie später eine ostinate Bassfigur das Gerüst abgeben wird für das Finale der Vierten. Hier nun, in Brahms' sinfonischem Vermächtnis, entpuppt sich die Kammerphilharmonie trotz – oder gerade wegen? – der kleinen Streicherbesetzung als ein muskulöses, sehniges Orchester mit kernigem Klang. Zwar geht ihm der seidenweiche Streicher-Sound grosser Sinfonieorchester ab; dafür wird das oft vertrackte Stimmengeflecht hörbar, ohne dass es bei einer bloss strukturellen Durchdringung bliebe. Wenig ist von Altersmilde zu spüren, dafür hört man schroffes Aufbegehren mit allen Mitteln der kontrapunktischen Kunst, das besonders Scherzo und Finale zum atemlosen Erlebnis macht, wenn die Schlagzeuger, denen der gelernte Perkussionist Järvi viel Auslauf gewährt, diesen zu präsentem Klang nutzen.

Dazwischen gibt es indes immer wieder diese wunderbar serenen Stellen, etwa das traumverlorene Flötensolo im Finale. Eine eindringliche Interpretation auf höchstem Niveau, die es einem leichtmacht nachzuvollziehen, dass Arnold Schönberg in Brahms einen progressiven Vorläufer seiner selbst sah. Weniger gut zu sprechen war der Zwölftöner hingegen auf Igor Strawinsky, den er in einem satirischen Kanon als «kleinen Modernsky» karikiert. Damit zielte er explizit auf Strawinskys neoklassizistische Kompositionen ab, in denen dieser sich quasi die Barock-Perücke überstülpe. Beim Violinkonzert «in D» konnte man Schönbergs Einschätzung vor der Pause überprüfen.

So-Tun-als-ob
Die norwegische Geigerin Vilde Frang entledigte sich ihrer etwas undankbaren Aufgabe als Solistin mit Bravour. Den weit gespannten, dissonanten Akkord der Geige, der jeweils das Startsignal für die einzelnen Sätze gibt, spielt sie resolut, doch bald entspinnt sich ein kaleidoskopisches Treiben zwischen Solostimme und einzelnen Instrumenten des Orchesters. Ob kratzbürstig oder lyrisch, mechanisch oder elegant: Der geigerischen Gesten sind viele, und Frang beherrscht sie alle – doch bleibt das Konzert Musik über Musik, ein So-Tun-als-ob. Selbst in der zweiten Aria, bei der Frang viel verhangene Süsse in ihren Ton legt, ist dieser leise Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Spiels nicht ganz ausgeräumt.

Fraglos bei sich war Frang hingegen in der norwegischen Volksweise, mit der sie sich vom Tonhalle-Publikum verabschiedete: gestisch, spritzig, leicht.https://www.nzz.ch/feuilleton/paavo-jaervi-und-vilde-frang-zu-gast-in-der-tonhalle-brahms-und-der-kleine-modernsky-ld.141858

Monday, January 23, 2017

Neuland perfekt erkundet


weser-kurier.de
Markus Wilks
21.01.2017

Bremen. Drei Komponisten, drei Werke, drei Horizonterweiterungen: Takemitsu, Strawinski, Brahms. In ihrem ersten Abokonzert des Jahres stellte die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen drei Stücke vor, mit denen die Komponisten Neuland betraten. Dank Paavo Järvis gewohnt souveräner Leitung sowie der delikat ihre Stradivari spielenden Vilde Frang als debütierender Solistin war das ein Ohrenschmaus.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen betont gerne, dass sie besser und anders ist als viele andere Orchester. Das trifft ganz sicher auf das seit 2014 schwerpunktmäßig laufende Brahms-Projekt zu, mit dem sie weltweit erfolgreich gastiert. Vermutlich kein anderes Orchester hat in den vergangenen Jahren so oft die Sinfonien und Konzerte von Johannes Brahms gespielt. Mehr als 60 Mal stand bislang eine der vier Sinfonien auf einem Programm, wobei dem Publikum in Wien, St. Petersburg und Tokyo jeweils die Ehre einer zyklischen Aufführung zukam. In Bremen wagte das Orchester bislang kein solches Brahms-Festival.

In der Glocke begann am Donnerstag mit der Sinfonie Nr. 1 der auf mehrere Spielzeiten verteilte zweite Bremer Brahms-Zyklus. Wieder verstanden es die Musiker unnachahmlich, die Eigenarten der Sinfonie wie die chromatische Entwicklung, das Wechselspiel zwischen den Instrumenten, die aggressiven Paukenschläge in der Einleitung und das von Flöte und Horn gespielte „Alphornsolo“ besonders zu betonen. Järvi lässt sein Orchester in vielen Tutti-Stellen nicht so dröhnen wie sonst oft zu hören, sondern transparenter und ökonomischer spielen. Er setzte die Akzente, etwa die der Bässe, in durchsichtigeren Passagen. Zwischen dem klangsensiblen Musizieren der Solostimmen (insbesondere Oboe, Klarinette, Violine) bis hin zu den fulminant zugespitzten rhythmischen Energien im Finale lagen wieder faszinierende Welten. Gespür für feinste klangliche Schattierungen und einen ungewöhnlich homogenen, vibratoarmen Ton (manchmal noch genauer und schöner als im Brahms) bewies die Kammerphilharmonie im ersten Stück des Konzerts, in Tōru Takemitsus Requiem für Streichorchester. Konzertmeisterin Sarah Christian drückte mit ihren superweich gespielten Soli dem geschickt zwischen dissonant und melodiös wechselnden Stück ihren Stempel auf. Ein gefeiertes Debüt bei den Kammerphilharmonikern gab die Geigerin Vilde Frang. Sie stellte in Igor Strawinskis Violinkonzert weniger die aggressiven, virtuosen Seiten der Komposition heraus, sondern führte mit delikatem Spiel durch das komplex konstruierte, die Instrumente in immer neuen Konstellationen mit der Geige kombinierende Stück. Vom Flirren der kleinen Flöte bis hinunter zu den Farbtupfern der Tuba war das eine verspielte Interpretation, die perfekt mit dem weichen, nie forciert gebildeten Ton von Vilde Frangs Geige harmonierte.

http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-kultur-freizeit_artikel,-Neuland-perfekt-erkundet-_arid,1535043.html#nfy-reload

Musikalische Brücken schlagen


nwzonline.de
Annkatrin Babbe
21.01.2017

BREMEN Mit so vielen Bezeichnungen – von Wunderkind bis Geigenfee – hat man sie schon versehen; hören und lesen mag sie es bestimmt nicht mehr. Was sie selbst will: Brücken bauen – mit ihrem Instrument. Und wer sie hört, kann nachempfinden, was sie damit meint. Ihr Spiel berührt ganz direkt.

Vilde Frang war jetzt Gast im Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Järvi. Donnernden Beifall gab es für ihre Interpretation von Strawinskis Violinkonzert. Jeder Ton ist kristallklar, der Klang dabei höchst variabel: Bei absoluter technischer Souveränität bewegt sich Frang zwischen Fragilität und raumgreifender Stärke, zwischen Innigkeit und drängender Impulsivität, ohne dabei zu dick aufzutragen.

Schlicht und schlank

Das erste Konzert im neuen Jahr widmete Paavo Järvi dem im Dezember 2016 verstorbenen Cellisten und Dirigenten Heinrich Schiff, der als erster Gastdirigent Ende des vorigen Jahrhunderts auch mit der Kammerphilharmonie zusammengearbeitet hat.

Tōru Takemitsus Requiem für Streichorchester bildete vor diesem Hintergrund einen stimmungsvollen Einstieg in den Abend. Mehr Geräusch ist der Beginn des Ein-Satz-Requiems, erst nach und nach kristallisiert sich eine Struktur heraus, bilden rhythmische Phrasen Kontraste zur Schlichtheit des insgesamt schlanken Orchesterklangs.

Beifall zum Zweiten gab es für Brahms Sinfonie Nr. 1 in c-Moll op. 68. Nach den erfolgreichen Beethoven- und Schumann-Zyklen arbeitet die Kammerphilharmonie derzeit an einem Brahms-Zyklus. Die Veröffentlichung von Aufnahmen ist für dieses Jahr geplant. Bis ins Letzte ausgefeilt scheint die Interpretation unter Järvi. Bestechend ist das transparente, klar differenzierte Klangbild, das Herausstellen kleinster Feinheiten. Ohne Hektik durchströmt Järvi ein dynamisches Vorwärts, das wenig Raum für Pathetik lässt.
Mit Verankerung

Brücken schlägt die Sinfonie in verschiedene Richtungen: Da ist der Rückbezug auf Beethoven – nicht von ungefähr redet man bei Brahms 1. augenzwinkernd von Beethovens 10. Sinfonie –, auf Bach und andere und gleichzeitig die starke Verankerung im Hier und Jetzt unter Järvis Dirigat. Man kann (und will) sich der Musik nicht entziehen.

http://www.nwzonline.de/kultur/musikalische-bruecken-schlagen_a_31,2,1045906590.html