CD REVIEW: Tüür- "Magma"

December 1, 2007


FAZ Newspaper – Feuilleton (SCHALLPLATTEN UND PHONO) S. 40

Riesige Bögen von Liegeklängen
"Magma" und weitere glutvolle Werke von Erkki-Sven Tüür

Gleichzeitig mit der eindrucksvollen Aufführung von Erkki-Sven Tüürs "Magma"-Sinfonie durch das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks beim Tüür-Schwerpunkt des Frankfurter Auftakt-Festivals (siehe F.A.Z. vom 18. September) erschien die Einspielung des vierteiligen Einsätzers für Schlagzeug und Orchester. Doch keine Medienkampagne mit CD, Begleitkonzert und Werbe-Sauce war da am Werk, sondern schlicht ein glücklicher Zufall. Konzert und Aufnahme haben denn auch trotz gleicher Solistin, nämlich der fulminanten Evelyn Glennie, und trotz gleichem Dirigenten, dem HR-Orchesterchef Paavo Järvi, nichts miteinander zu tun. Järvi dirigiert auf dem Album vielmehr das agile Estnische National-Sinfonieorchester.

Das HR-Orchester hatte im Live-Konzert die Energieströme zur Glut erhitzt und die Klanggesteinsflüsse im dritten Teil, der einem klassischen langsamen Symphoniesatz vergleichbar ist, bis zur Statik erstarren lassen. Das estnische Orchester setzt dagegen noch mehr aufs Innenleben. Sorgfältig wird es ausgepinselt - zwar mit gewissen Einbußen für Furor und Kontraste, doch mit erheblicher Rücksicht auf den Solopart. In dieser ungleich konzertanteren Version ist Evelyn Glennie stets besser heraushörbar als in der symphonischer konzipierten Frankfurter Version.

Sie kann ihr Feuer ausspielen, obwohl auch hier der Schlagzeugpart in die orchestralen Energieschübe vernetzt bleibt, die sie antreibt und überhöht. Von den übrigen drei Werken des Albums erweist sich "The Path and the Traces" aus dem Jahr 2005 als besonders eindrucksvoll. Es geht auf Spuren in Tüürs Leben zurück: auf den griechisch-orthodoxen Chorgesang in einer Kathedrale auf Kreta, den der Komponist für ein Streicherensemble nachempfindet; auf Arvo Pärt, den Pfadfinder und Spurenleger für die nachfolgende estnische Komponistengeneration, dem Tüür dieses Werk zum siebzigsten Geburtstag widmete; und auf den Todeskampf und das friedliche Ende des eigenen Vaters.

Tüür konfrontiert die riesigen Bögen von Liegeklängen der tiefen Streicher mit dem hohen Streicherfiligran eines imaginären Chors - Kontrast von Ruhe und Bewegung, architektonischer Raumtiefe und deren kleinteiliger Ausstattung. Immer erregter tasten die Klangfiguren die Mauern und Säulen des fast statischen Bassfundaments ab. Anspielungen auf Pärts "Tintinnabuli"-Stil schleichen sich ein. Zum Schluss atmet der Streicher-"Chor" des Estnischen National-Sinfonieorchesters, der die schwebenden Rhythmen des Stücks zwölfeinhalb Minuten lang in hoher Ausdrucksspannung hält, friedlich, entspannt, erlöst aus.

ELLEN KOHLHAAS

Erkki-Sven Tüür, Magma. Sinfonie Nr. 4 für Schlagzeug und Sinfonieorchester; "Inquiétude du fini" für Kammerchor und Orchester; "The Path and the Traces" für Streicher. Evelyn Glennie, Estnischer Philharmonischer Kammerchor, Estnischer Nationaler Männerchor, Estnisches National-Sinfonieorchester, Paavo Järvi. Virgin 3 85785 29 (EMI)

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