Brahms und der kleine Modernsky


Neue Zürcher Zeitung
Jürg Huber
27/01/2017


Der Dirigent Paavo Järvi in Prag. (Bild: Imago)

Paavo Järvi und Vilde Frang zu Gast in der Tonhalle

Paavo Järvi und Vilde Frang zeigen zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, wie unterschiedlich sich die musikalische Tradition in Werken von Brahms und Strawinsky anverwandeln lässt.
Mit Brahms ist in Zürich nicht zu spassen. Ernst schaut er mit mächtig wallendem Bart von der Decke des Grossen Saals der Tonhalle, die 1895 mit seinem «Triumphlied» eröffnet wurde. Noch eine Idee strenger erscheint sein Blick, wenn es um die 4. Sinfonie in e-Moll op. 98 geht: Hat sich doch vor einem Vierteljahrhundert David Zinman mit dieser Sinfonie nachdrücklich für die Chefposition beim Tonhalle-Orchester empfohlen. Auch Paavo Järvi hat kürzlich als Gast des Tonhalle-Orchesters einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen – gespannt war man deshalb, was für Ergebnisse eine jahrelange kontinuierliche Zusammenarbeit mit einem Klangkörper zeitigt. Järvi ist nämlich schon seit 2004 Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Sehnig und muskulös

Der Einstieg gelingt nach Mass. In den Haydn-Variationen op. 56a zeigt Brahms ein durchaus freundliches Gesicht, das die Bremer Gäste aufmerksam und schön ausspielend zur Geltung bringen: kompakt, doch durchscheinend dabei ihr elegant gemaserter Klang. Brahms im leichten – und leicht wehmütigen – Schubert-Ton, die 5. Variation wird zum Elfen-Scherzo à la Mendelssohn, und der Siciliano-Rhythmus der 7. lässt den graziösen Tanz nostalgisch aufleben.

Mit einer Passacaglia endet der Reigen – ähnlich wie später eine ostinate Bassfigur das Gerüst abgeben wird für das Finale der Vierten. Hier nun, in Brahms' sinfonischem Vermächtnis, entpuppt sich die Kammerphilharmonie trotz – oder gerade wegen? – der kleinen Streicherbesetzung als ein muskulöses, sehniges Orchester mit kernigem Klang. Zwar geht ihm der seidenweiche Streicher-Sound grosser Sinfonieorchester ab; dafür wird das oft vertrackte Stimmengeflecht hörbar, ohne dass es bei einer bloss strukturellen Durchdringung bliebe. Wenig ist von Altersmilde zu spüren, dafür hört man schroffes Aufbegehren mit allen Mitteln der kontrapunktischen Kunst, das besonders Scherzo und Finale zum atemlosen Erlebnis macht, wenn die Schlagzeuger, denen der gelernte Perkussionist Järvi viel Auslauf gewährt, diesen zu präsentem Klang nutzen.

Dazwischen gibt es indes immer wieder diese wunderbar serenen Stellen, etwa das traumverlorene Flötensolo im Finale. Eine eindringliche Interpretation auf höchstem Niveau, die es einem leichtmacht nachzuvollziehen, dass Arnold Schönberg in Brahms einen progressiven Vorläufer seiner selbst sah. Weniger gut zu sprechen war der Zwölftöner hingegen auf Igor Strawinsky, den er in einem satirischen Kanon als «kleinen Modernsky» karikiert. Damit zielte er explizit auf Strawinskys neoklassizistische Kompositionen ab, in denen dieser sich quasi die Barock-Perücke überstülpe. Beim Violinkonzert «in D» konnte man Schönbergs Einschätzung vor der Pause überprüfen.

So-Tun-als-ob
Die norwegische Geigerin Vilde Frang entledigte sich ihrer etwas undankbaren Aufgabe als Solistin mit Bravour. Den weit gespannten, dissonanten Akkord der Geige, der jeweils das Startsignal für die einzelnen Sätze gibt, spielt sie resolut, doch bald entspinnt sich ein kaleidoskopisches Treiben zwischen Solostimme und einzelnen Instrumenten des Orchesters. Ob kratzbürstig oder lyrisch, mechanisch oder elegant: Der geigerischen Gesten sind viele, und Frang beherrscht sie alle – doch bleibt das Konzert Musik über Musik, ein So-Tun-als-ob. Selbst in der zweiten Aria, bei der Frang viel verhangene Süsse in ihren Ton legt, ist dieser leise Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Spiels nicht ganz ausgeräumt.

Fraglos bei sich war Frang hingegen in der norwegischen Volksweise, mit der sie sich vom Tonhalle-Publikum verabschiedete: gestisch, spritzig, leicht.https://www.nzz.ch/feuilleton/paavo-jaervi-und-vilde-frang-zu-gast-in-der-tonhalle-brahms-und-der-kleine-modernsky-ld.141858

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