Er war auf dem Weg zum Jahrhundert-Musiker, doch er starb einsam mit 26

 Paavo Järvi und die Berliner Philharmoniker widmen sich Hans Rott. Sein Leben war tragisch. Als er tot war, entdeckte ihn Gustav Mahler. Doch es war zu spät.

Der Dirigent Paavo Järvi in der Berliner Philharmonie mit der Partitur von Hans Rotts Erster Symphonie.
Der Dirigent Paavo Järvi in der Berliner Philharmonie mit der Partitur von Hans Rotts Erster Symphonie.Berliner Zeitung

Einer der wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte ist ein weithin Unbekannter: Hans Rott hat der Nachwelt ein einziges Werk hinterlassen, das den Gang der Entwicklungen beeinflussen sollte wie kaum eine andere Komposition. Die Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi bringen Rotts Erste Symphonie in E-Dur dieser  Tage zur Aufführung. Das Timing könnte besser nicht sein: Im Januar hatten die Philharmoniker unter Kirill Petrenko Gustav Mahlers monumentale „Achte“ mit spektakulärem Erfolg zelebriert.

Mahler ist ohne Rott nicht denkbar, sagt Järvi im Gespräch mit der Berliner Zeitung: „Es gibt viele Komponisten, die verbessern dieses oder jenes, bringen Innovationen im Detail. Aber nur ganz wenige zeigen einen völlig neuen Weg auf.“ Die Symphonik sei mit Brahms und Bruckner an eine formale Grenze gestoßen. Erst Mahler habe die Form so erweitert, dass sie von der Moderne adaptiert und weiterentwickelt werden konnte.

Dieser Durchbruch wäre ohne Hans Rott, den heute Vergessenen, nicht möglich gewesen. Mahler war mit Hans Rott befreundet. Er und Hugo Wolf trafen sich oft bei Rott in dessen Wiener Wohnung. Rott galt als der Lieblingsschüler von Anton Bruckner: „Von Bruckner hat Rott alles gelernt, die Erste Symphonie, die er als ganz junger Mann geschrieben hat, ist ein außergewöhnliches Werk“, sagt Järvi. Das betreffe den Einfallsreichtum, die völlig neuen Klangwelten und die meisterhafte Instrumentalisierung: „Rott hat die Tür in eine andere Welt geöffnet“, sagt Järvi.

Durch diese Tür ging schließlich aber nicht Hans Rott selbst. Der junge, hochmoralische Mann starb im Alter von 26 Jahren unter tragischen Umständen. Rott wurde 1858 in Wien als außerehelicher Sohn des Schauspielers und Gesangskomikers Carl Mathias Rott und der Sängerin und Schauspielerin Maria Rosalia Lutz geboren. Nach der Heirat der Eltern wurde er 1863 von seinem Vater „legitimiert“. Seine Eltern starben früh, zeitlebens hing er stark an der Erinnerung an seine Mutter.

Hans Rott
Hans RottMertens, Mai & Cie, Wien 1883 - Hans Rott Gesellschaft Wien

Er studierte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Klavier bei Leopold Landskron, Orgel bei Anton Bruckner, Harmonielehre bei Hermann Grädener und Komposition gemeinsam mit Gustav Mahler bei Franz Krenn. Rott hatte Schwierigkeiten, eine angemessene Arbeit zu finden. Bruckners Bemühungen, den glänzenden Organisten nach St. Florian oder Klosterneuburg zu vermitteln, scheiterten. Auch seiner genialen Symphonie war zunächst kein Erfolg beschieden. Johannes Brahms, der, wie Järvi erzählt, ein „rauer Geselle war, der auch Jean Sibelius weggeschickt hat“, äußerte sich im September 1880 als Kuratoriumsmitglied des von Rott angestrebten „Staatsstipendiums“ abfällig über das Werk. Brahms sagte, das Werk enthalte neben „so Schönen“ viel „Triviales und Unsinniges“, weshalb es nicht von Rott stammen könne. Auch eine Aufführung der Symphonie durch die Wiener Philharmoniker mit dem am Werk interessierten Hofopernkapellmeister Hans Richter kam nicht zustande.

Rott hatte zuvor eine Stelle bei den Piaristen in Wien angetreten, hasste jedoch die Routine der Kirchenmusik und kündigte. Er wollte unbedingt in Wien bleiben, verliebte sich dann jedoch und war bereit, um die Geliebte eines Tages ernähren zu können, die Stelle eines Chorleiters in Mühlhausen im fernen Elsass anzutreten. Er quälte sich mit der Entscheidung, trat die Reise schließlich doch an, und sie leitete sein Ende ein. Sein Reiseziel hat er nie gesehen.

Bei einem Zwischenaufenthalt in Linz hörte er Klopfgeräusche an den Wänden seines Zimmers. Während der Weiterfahrt ging er plötzlich mit vorgehaltener Pistole auf einen Reisenden los, der sich eine Zigarre anzündete. Rott glaubte, der Waggon sei im Auftrag von Johannes Brahms mit Dynamit gefüllt worden, um ihn zu töten. Kurz vor der Grenzstation Simbach musste er, laut den Daten von Uwe Harten, „offenbar schon unter Aufsicht“ den Zug verlassen. Er wurde „vollständig verworrenem Zustande“ in die Psychiatrische Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien eingewiesen. Nach einem ersten Suizidversuch wurde er 1881 in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt in Wien eingewiesen. Die Diagnose: „Verrücktheit, halluzinatorischer Verfolgungswahn“.

Damals war diese Diagnose eine Art Todesurteil, weil der Stand der Medizin keine Behandlung kannte. Rott verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in der Anstalt, meist geistig abwesend. Dass ihm das so erhoffte Staatsstipendium schließlich doch gewährt wurde, hatte für Rott in der Anstalt keine Bedeutung.

Zwar komponierte er zwischendurch immer wieder, vernichtete jedoch am Ende die meisten seiner Skizzen und Aufzeichnungen. Maja Loehr berichtet in ihrer Rott-Biografie von einem letzten klaren Augenblick Rotts. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1884 rief er einen „Tractwärter“ an sein Bett, dankte ihm und den Ärzten für die „liebevolle und freundliche Behandlung“ sowie die „gewissenhafte Verpflegung“ und sagte: „Ich habe mir für meine Zukunft etwas Besseres geträumt, meine Arbeiten sind von großen Meistern anerkannt worden, ich habe geglaubt, auf eine bescheidene Lebensexistenz rechnen zu dürfen; jetzt sehe ich ein, dass es ein leerer Wahn war und ich im Irrenhause sterben muss.“ Die Krankenakte vermerkt: „Von da ab war Patient wieder vollends verwirrt; sein Zustand verschlimmert sich zusehends.“ Rott starb 48 Stunden später an Tuberkulose.

Vielleicht sind es gerade die mozartische Kürze der bemessenen Lebenszeit und die tragischen Umstände, die zur Wiederentdeckung des Rottschen Oeuvre geführt haben. Järvi: „Natürlich bewegt uns Rotts Schicksal heute. Doch das tragische Leben allein würde mir nicht ausreichen. Entscheidend ist, dass die Symphonie ein außergewöhnliches Werk von höchster musikalischer Qualität ist.“ Das hatte auch Gustav Mahler erkannt. Er hatte Rott in der Anstalt besucht und besaß eine Klavierfassung der Symphonie, aus der er Freunden im Jahr 1882 vorspielte. Mahler hatte erwogen, die Symphonie aufzuführen, war von dem Plan jedoch abgerückt und behielt das Gesehene vorerst für sich.

Die Integration kam später. Rott hat Mahlers Musik im Detail vorweggenommen, mitunter sogar wörtlich. Paavo Järvi: „Mahler hat Passagen aus Rotts Musik kopiert. Heute würde man von Plagiaten sprechen.“ Das sei in der Musikgeschichte nicht ungewöhnlich, sagt Järvi. Denn Mahler habe es nicht bei der Kopie belassen, sondern eine eigene, völlig neue Tonsprache entwickelt: „Mahler hat die jüdische Vielfalt in die Symphonie gebracht. Er hat Militärmusik integriert, Kindergesänge, Glocken, das Lied, neue Rhythmen, Tempi und Farben.“ Rotts Funktion war die eines Brückenbauers: Mit Richard Wagner, den Rott wie die ganze Bruckner-Gruppe abgöttisch verehrt hat, war die Romantik an einen Höhepunkt gelangt, der gleichzeitig eine Sackgasse war. Rott und Mahler bereiteten den Weg für die Weiterentwicklung in die Moderne, bis hin zu Arnold Schönbergs Zwölftonmusik oder Erich Wolfgang Korngolds Hollywood-Klängen. Sie wiesen der Klassik den Weg aus dem alten, vergehenden Österreich in eine abenteuerliche, brüchige neue Welt.

Die Berliner Philharmoniker seien mit voller Begeisterung bei der Sache, sagt Järvi: „Manchmal staunen sie bei der Probe, weil sie Bruckner oder Mahler wiedererkennen.“ Ganz neu ist Hans Rott für das Orchester nicht: Ein Holzbläser erinnert sich, dass man die Symphonie schon einmal gespielt habe. Das war im September 2007. Auf den Leihstimmen steht noch immer der Familienname des Dirigenten der damaligen Aufführung: Neeme Järvi, der ein Faible für unbekannte Genies hatte, hatte das Werk Rotts entdeckt und es den Philharmonikern ebenso nahegebracht wie seinem Sohn Paavo. Vor der Pause spielen die Philharmoniker am Donnerstag, Freitag und Samstag gemeinsam mit Lang Lang Ravels Klavierkonzert.

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/hans-rott-er-war-auf-dem-weg-zum-jahrhundert-musiker-doch-er-starb-einsam-mit-26-li.10018507

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