Saturday, August 19, 2017

Europas Musiziergeist, in Estland konzentriert

diepresse.com
Walter Weidringer
18.08.2017

Im verträumten estnischen Badestädtchen Pärnu leitet Paavo Järvi ein einzigartiges Festival – und hat mit dem Estnischen Festivalorchester einen Klangkörper von europäischem Rang ins Leben gerufen.



Singend betritt das Streichquartett die Bühne: „Jaaniku, jaaniku!“, schallt es hin und her – und setzt sich instrumental fort: Auf estnischen Volksliedern basiert „Jaanikvartett“ des im Jänner 86-jährig verstorbenen Komponisten Veljo Tormis. Liebliche Spätromantik der 1920er (Heino Ellers „Männid“) antwortet darauf, gefolgt von pittoresken Schaukämpfen zwischen tonalen und atonalen Gesten, die Toivo Tulev in „Now Comes Good Sailing“ mit einer Prise Exotik würzt – und Erkki-Sven Tüür lässt in seinen Klaviertrios „Fata Morgana“ und „Lichttürme“ die Arpeggi flirren. Am nächsten Abend dann vor allem Mozart, in Gestalt einer Bearbeitung der Violinsonate KV 378 für Klarinette und Streichtrio durch Johann Anton Andrè. Matthew Hunt zeigt sich da als kecker Schmeichler, der mit seiner Klarinette spielerisch Schalk, Anmut und Galanterie vereint: eine famose Mischung.

Neue Musik, nicht bloß aus Estland, Raritäten quer durch die Musikgeschichte und natürlich Herzstücke des Repertoires: Das reiche Programm des Pärnu Music Festival reflektiert das personelle Konzept, das der Dirigent Paavo Järvi als Spiritus rector hier verwirklicht: Das 2011 von ihm gegründete Estnische Festivalorchester vereint Mitglieder des Kammerorchesters Tallinn mit dem besten estnischen Nachwuchs und Spitzenmusikern aus all den Klangkörpern, mit denen Järvi eng zusammengearbeitet hat: Bremen, Frankfurt, Paris – und gewiss bald auch Zürich, wo er 2019 Chef des Tonhalle-Orchesters wird. Unter seiner unprätentiös-kollegialen, immer sach- und werkdienlichen Leitung eifert das Ensemble also dem Lucerne Festival Orchestra nach – in bereits jetzt erstaunlicher Qualität. Bei einem ersten Gastspiel in Lettland, in der nicht gerade idealen Akustik der Dzintaru-Halle in Jūrmala, war zu hören, mit welch sarkastischem Biss und zugleich sonorer Farbigkeit das Orchester Schostakowitschs erste Symphonie erfüllte und auch die Schmerzensklänge seines achten Streichquartetts (in Rudolf Barshais behutsamer Bearbeitung) nicht schuldig blieb. Und erneut war es Matthew Hunt, der bei einer Zugabe lässig glänzte: einem charmanten, an Piazzolla erinnernden Walzer aus Lepo Sumeras Musik zum Film „Die Frühlingsfliege“.

Dass die Kammermusikabende zwischen den orchestralen Konzert-Eckpfeilern nicht etwa gastierende Ensembles bestreiten, sondern sich die Orchestermitglieder selbst beweisen, spricht für sich. Zusammen mit der peniblen Probenarbeit unter Järvi ergibt das ein dichtes Arbeitsprogramm, das freilich alle mit Freude erfüllen: Hier gilt's der Kunst. Regiert in berühmteren Festspielhochburgen oft der Trubel, gewinnt man in Pärnu noch den Eindruck, dass die Musik aus der vorhandenen Stille erwächst. Der Ablenkungen sind geringe, davon profitiert auch das Publikum.

Herrlich aus der Zeit gefallen und doch behutsam modernisiert, so erscheint Pärnu heute – und selbst der drei Kilometer lange, seichte Sandstrand ist nicht überlaufen. 1251 vom Deutschen Orden als Pernau gegründet, hat die Hansestadt an der nordöstlichen Rundung des Rigaer Meerbusens seit 1838 einen Aufschwung als Bade- und Kurort genommen. 1918 wurde nicht etwa in Tallinn, sondern hier die Unabhängigkeit vom revolutionär zerfallenen Zarenreich ausgerufen und eine Republik installiert, die 1940 mit der Besatzung durch die Rote Armee ihr vorläufiges Ende fand. In Sowjetzeiten gab es keinen „westlicheren“ Ort, hier traf sich im Sommer auch die musikalische Elite: David Oistrach veranstaltete sogar ein kleines Festival, ein berühmtes Foto zeigt den Buben Paavo mit seinem Vater Neeme Järvi und dem musikalischen Übervater Schostakowitsch, der hier gleichfalls Urlaub machte. 1980 gelang den Järvis die Emigration in die USA; heute ist die Dynastie wieder in der alten, seit 1991 erneut unabhängigen Heimat verwurzelt. Neeme, im Juni 80 geworden, dirigierte das Eröffnungskonzert; auch Paavos Bruder Kristjan, der frühere Tonkünstler-Chef, verbringt hier seine Ferien; Schwester Maarika spielt Flöte im Festivalorchester.

Feierlaune im Café Passion


Familiäre Stimmung auch im heimlichen Festival-Hauptquartier, dem in die Fußgängerzone überquellenden Café Passion. Hier herrscht zwanglose Feierlaune: Orchestermitglieder, Teilnehmer der Järvi-Dirigierakademie, Publikum und Journalisten essen und trinken zusammen; Privatgespräche wandeln sich zu Interviews und umgekehrt.

Atmosphäre bedeutet viel, in erster Linie aber fasziniert die Musik. Als Probenkiebitz im eher funktionalen als prunkvollen, ovalen großen Saal des Konzerthauses konnte man miterleben, wie Paavo Järvi in tadelloser Akustik zuerst die Einzelteile von Nielsens „Aladdin“-Suite fein säuberlich zu schillernden Szenen zusammensetzte, bevor sich ein kleines Wunder anbahnte: In einem Durchlauf der ersten beiden Sätze von Sibelius' zweiter Symphonie kam zur brillanten Klarheit plötzlich auch eine enorme Gefühlstiefe, die nicht zuletzt aus dem innigen Streicherklang erwuchs. Die große Musik des Finnen, wie neu geboren aus gesamteuropäischem Geist: ein bewegendes Versprechen.

Das Estnische Festivalorchester unter Paavo Järvi auf Europatournee: Wiener Konzerthaus, 23. Jänner 2018 (Pärt, Sibelius, Schostakowitsch).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

8月20日発売「レコード芸術」誌9月号は40ページにわたるパーヴォ・ヤルヴィの大特集です!

sonymusic.co.jp
19.08.2017




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パーヴォ・ヤルヴィに関してのこれだけの大きな特集は世界初!
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Wednesday, August 16, 2017

Paavo in Pärnu: Eine Järvi-Familienfestival-Affäre II

http://klassiker.welt.de/
Manuel Brug
13.08.2017


Auch ich in Pärnu. Nachdenken bei der ersten morgendlichen Schwimmrunde (ist das sportlich hier!): Was mach den Charme, ja Zauber dieses fast verwunschenen, jedenfalls auf angenehme Weise aus der Zeit gefallenen Ortes aus? Die Konzentration der Musiker, die sich um das Zentrum Paavo Järvi sammeln, das ist das Eine. Und das Fehlen jeglicher Prätention allüberall. Man kommt in die Konzerte wie man mag, strandleger in kurzen Hosen oder groß aufgetufft mit Pumps als Waffen. In der Pause wird fleißig beim Cognac wie bei den Torten zugelangt. Sehr estnisch das. Doch vor das Auftreten haben die Konzertgötter die Proben gesetzt. Und deren sind viele hier. Die Halle brummt. Immer steht da irgendeiner am Pult, Paavo, Profi oder Anfänger. Das Festival fädelt langsam seine diversen Linien auf, Festival Orchestra, Neeme Järvi Geburtstagskonzerte, Kammermusik (etwa mit Florian Donderer und seinem Signum Quartett in der innen klassizistisch schlichten Elisabethkirche), Akademistenaktivitäten. Viel estnische und baltische Musik ist programmiert, Erkki-Sven Tüür, mit dem der damals noch vollbehaarte Paavo Järvi einst in einer Rockband spielte, kommt selbst, weil die so gute wie schöne littauische Akkordeonistin Ksenija Sidorova sein Solokonzert „Prophecy“ spielt.



Das tut sie freilich nur in lettischen Jurmala, wo das Pärnu Festival Orchestra, seinen ersten Auftritt außerhalb von Pärnu haben wird. Mit dem zweiten Orchesterprogramm (in beiden findet sich Musik der Nachbarn Russland, Finnland und Dänemark) geht es noch nach Turku, Kopenhagen und Stockholm. Denn bei Paavo Järvis Orchesteraktivitäten mag zwar ein gehöriger Schub Nostalgie mitschwingen, mit Erinnerungen an ein nie enden wollendes Sommerfrischeparadies – mit Betonung auf „Frische“, alte Fotos bei Schostakowitsch auf dem Schoß oder als junger Perkussionist, der dem urlaubenden Aram Chatchaturian dessen „Säbeltanz“ auf dem Xylophon vorspielt. Mit 18 Jahren war Schluss damit, Neeme Järvi wollte lieber in den ihm günstiger gesinnten USA seine Karriere weiterverfolgen.

„Und heute“, so reflektiert Paavo während eines Mini-Slots scheinbarerer Untätigkeit (in dem natürlich andauernd irgendwer seinen Kopf zur Garderobentür reinsteckt), „ist hier Internet das große Ding. Die Esten sind die Weltmeister im App-Erfinden. Alle haben hier Start Ups. Ich jetzt auch.“ Genau, nämlich das Pärnu Festival Orchester, dass er international berühmt machen möchte. Der Zeitpunkt ist günstig: nächstes Jahr hat Estland die EU-Ratspräsidentschaft inne, weil man 100 Jahre als (naja) Republik feiert. Und da hat er für drei Spielzeiten beim Kulturministerium Gelder losgeeist, um sein Ensemble auf dem glatten Klassikparkett bei den Großen debütieren zu lassen. Es ist reif dafür. Und so geht es im Januar los, mit einem neuen Tüür-Stück im Gepäck: 16. Tallinn, 18. Brüssel, 20. Zürich, 21. Köln, 22. Berlin, 23. Wien, 24. Luxemburg. Alles großen Konzerthallen bis hin zur Berliner Philharmonie haben sich ihm geöffnet, blind seinem guten Namen vertraut. Den keiner der Veranstalter hat bisher das Orchester gehört. Ein Wagnis.

„Gar nicht“, findet Paavo Järvi. Guten Nationalstolz nennt man das. Was Claudio Abbado und aktuell Riccardo Chailly mit dem Lucernce Festival Orchestra Recht und Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestrabillig ist, dass will er auch wissen. Mit den besten Vorbildern vor Augen und Ohren. Esten und Elite, vor allem aber auch Freunde, das soll die Musikermischung sein. Auf dass die Künstler dieses kleinen Landes lernen können, den Blick weiten. Sein schöner Traum, der in erstaunlich kurzer Zeit Wirklichkeit wurde. Jetzt freilich potente Sponsoren für die weitere Zukunft finden muss. Für 2019 ist bereits eine Asientournee vereinbart. Und wenn man die wendige, flexible Truppe so hört, wie sie an jedem Probentag besser, zupackender wird, harmonischer verschmilzt, da ist man eigentlich nicht bange. Dieser manchmal ein wenig unterkühlt wirkende, technokratisch agierende, gar nicht viel Kunstsums machende Dirigent, er hat goldene Hände.



Findet später, wir sitzen jetzt in einer anderen, ebenfalls nicht wirklich ruhigen Konzerthausecke, Papa Neeme. Der beschwört wortreich Bruno Walter, Fritz Stiedry, Otto Klemperer, Kurt Sanderling und selbst Herbert von Karajan, die er in seiner Jugend in St. Petersburg alle hörte. Redet über Intuition und Verständnis, die Wichtigkeit der kleinen Geste, des lebendigen Gesichts. „Aber freundlich grinsen, das sollte ein Dirigent gar nicht. Ich muss nicht geliebt werden, ich muss etwas erreichen, effizient sein.“ Geliebt wird Neeme Järvi aber trotzdem. Auch von seinen Söhnen, obwohl, das hört man zwischen den Sätzen, die Hauptaufmerksamkeit der sich jetzt im besten Alter in ihrem ganzen Reichtum entfaltenden Karriere Paavos gilt…Aber Mama Liilia richtet das, verteilt ihre Sympathie gerechter. „Sie, die keine Musikerin ist, fungiert als die einzige Normale in der Familie, und wenn sie etwas anordnet oder verbietet, dann ist es auch so“, sagt Paavo, der es wissen muss. Und alle lieben sie Pärnu, „unsere kleine Sauna am Fluss, fünf Kilometer von hier“, spezifiziert Neeme.

Leichtigkeit des Ostseeseins. Der täglich mehrmalige Weg zwischen Hotel (für Spa-Besuche ist immer Zeit) und und Konzerthalle für Proben und Aufführungen lässt sich abwechslungsreich variieren. Einmal geht es am Tallinner Tor zwischen Erdwällen vorbei, dem einzig erhaltenen Stadteingang aus dem 17. Jahrhundert im ganzen Baltikum, oder der Weg führt durch die Strandanlagen entlang der Villa Ammende, einem Jugendstiljuwel, wo das Festival mit einem Kinderkonzert vertreten ist.

Abends dann sind Akademisten und Alumni zu hören, in einer bunten Mischung aus Mendelssohn, Tüür, Mozart, Biber, Schostakowitsch, Stenhammer und Kancheli. Die Begabungen teilen sich, Niveauunterschiede werden deutlich. Und auch ein paar Dirigierschüler, fünf von 16, müssen ran. Schnell merkt man, Hippster-Bart und Frack reichen nicht, der Unscheinbarste aber offenbart eine zupackende, furchtlose Musikalität, geleitet sicher die timide Geigerin. Natürlich ein Este! Neeme Järvi, der schon mittags bei der Probe eingriff, kann sich nicht halten, dirigiert auch im Sessel zufrieden mit. Wieder im blauen Sakko, offenbar des Maestros Lieblingsfarbe. Und hinten wuselnd die Helferlein, es gilt noch so viel zu stemmen und zu organisieren. Das 7. Pärnu Music Festival kommt deutlich auf Touren. Und ich nähere mich schon wieder Tallinn. Zwischen Dunstfeldern schwimmen Heuballen im letzten Abendäther auf der 90-minütigen Rückfahrt, erinnerungssatt.

http://klassiker.welt.de/2017/08/13/paavo-in-paernu-eine-jaervi-familienfestival-affaere-ii/

Paavo in Pärnu: Eine Järvi-Familienfestival-Affäre I

klassiker.welt.de
Manuel Brug
12.08.2017

Das Handy zeigt als Ortserkennung noch den alten deutschen Namen an: Pernau. Dabei heißt der einst vom Deutschen Orden gegründete Badeort, an dem bereits 1838 die erste, legendäre Schlammpackung verteilt wurde, lange schon Pärnu. Estnische Ostseeprovinz, aber im russischen Riesenreich der anektierenden UdSSR einst das westlichste Ferienseeressort, angenehm temperiert für alle die, welche nicht in Sotschi auf der Krim schwitzen wollten. Wie etwa Geigen-Poet David Oistrach und Komponistenkollege Dmitri Schostakowitsch. Es ist dort immer noch eine angenehme Mischung aus drei Kilometer herrlichem Dünensandstrand, Parks und Alleen von Kiefern, Lärchen, Birken, Linden und Eichen, Barockstraßen, orthodoxen Kirchen, fein verzierten Holzdatschen, Bauhaus-Moderne und sozialistischem Plattenbau. Geruhsam, kaum gentrifiziert, aber mit ein paar touristischen Annehmlichkeiten wie neuen Spa-Hotels. Und Feriensitz der Musikerdynastie der Järvis. Seit – immer schon (im amerikanischen Exil von 1980-90 freilich nur im Herzen), schließlich wurde die Großmutter hier 1901 geboren; ihr Haus hat man nie aufgegeben. Big Daddy Neeme hat hier das irgendwann verblichene Oistrach-Festival in der zaristischen Elisabethkirche, die eine der besten Orgeln des Landes hütet, übernommen und eine gern besuchte Dirigentenmasterclass hinzugefügt. Daraus wurde das Jervi Music Festival, seit 2010 heißt es nun Pärnu Music Festival, die geldgebende Stadt wollte auch vorkommen. Was Neeme gelassen geschehen ließ. Und nicht nur der wieder in Tallinn lebende Sohn Kristjan kommt hier zum Urlaubmachen her (bevor sein eigenes Baltic Sea Philharmonic auf Sommertour geht), der in London residierende Sohn Paavo hat neben der Järvi Akademie vor sechs Jahren ein Festival Orchestra aufgebaut, in dem auch die sonst in Genf wohnende Schwester Maarika Flöte spielt. Eine Ortsbegehung.

Schon der Flughafen in Tallinn hat ein meerblaues Dach und sandfarbene Böden, strahlt skandinavisch-baltische Gelassenheit aus. Auf dem Titel eines ausliegenden Magazins bleckt einem Neeme als milde Mischung aus Clown und Bulldogge entgegen. Der Fahrer ist mit kurzen Hosen, Streifen-Shirt und Sonnenbrille ganz sommerfestivalig drauf, blau ist auch die Limousine, die die 123 Kilometer gen Süden an die Bucht von Riga rollt. Pärnu, eine Halbinsel am gleichnamigen Fluss, liegt genau in der Mitte zwischen beiden Landeshauptstädten. Nachdem wir durch die Gartenstadt Nömme mit ihren Funktionalismus-Villen zwischen viel Grün gefahren sind, auch die Musikhochschule liegt hier, wie der gerade graduierte Schlagzeuger/Chauffeur erzählt, geht es schnurgerade zwischen endlosen Baumreihen dahin. Eine historische Brücke neben der Straße ist das einzig Bemerkenswerte.

Als wir über eine weitere Brücke in die Altstadt von Pärnu fahren, wird zwischen sozialistischem Aufmarschplatz samt stalinistischem Theater, goldenen Zwiebeltürmchen, verblichener Grand-Hotel-Herrlichkeit und vielen, vielen Kiosken, Kneipen und Cafés, die sich in den wenigen Straßen des Zentrums ballen, schnell klar: Es ist herrlich geruhsam hier, „wunderbar vergessen“, wird Paavo Järvi später sagen. Das Hotel ist modern, mit großem Wellness-Bereich (neun Saunen, von Salz bis Rauch – eine estnische Spezialität –, heiß bis cosy!) und skandinavischer Aufgeräumtheit. Andres Siitas, früher Intendant des Estnischen Nationalorchesters, jetzt zuständig für ein ganz anderes, wagemutiges Unternehmen, die erste Tournee des Estonian Festival Orchestra, empfängt uns mit estnischem Essen: Rote-Beete-Salat und Zander. Und das „Edelweiß“, wo die Bedienung pinkfarbene (hier gern gesehen) Dirndl trägt und die noch bunteren Cocktails Edelweissi Romantika (mit Kirsiliköör) oder Woo Woo heißen, da weiß ich schnell: Ich habe mich schon in diese zärtliche und zugleich harte, immer auf der ersten Silbe betone Sprache verliebt. Außerdem ist das als Spezialität gereichte Heringseis (als Vorspeise) echt der Kracher. Auch mögen sie schmierige Cremetorten hier. Sehr sympathisch.

Es geht vorbei an sich vor Begonientürmen fotografierenden Touristen, irischen, armenischen, italienischen Kneipen, an einem fein vergammelten Antiquariat, dass so spät-hippie-easy auch in Key West stehen könnte, in Richtung Flussufer. Da ist es weniger schön, eine breite Straße, Mietskasernen russischer Bauart, ein monströses Einkaufscenter. Das freilich umarmt und schirmt ab die eigens für die Järvis 2002 gebaute Konzerthalle. Die hat eine Bronzestatue des hier geborenen Gustav Fabergé (Vater des berühmten Eiermachers) vor der Türe sitzen, verfügt über 900 Plätze und einen Kammermusiksaal, ist funktional-angenehm, mit einer etwas direkten Akustik – wenn 75 Musiker mit Schostakowitschs 1. Sinfonie losschmettern. Was jetzt der Fall ist.





Denn gerade hat sich das Festivalorchester zur ersten Probe zusammengefunden. Im schmalen Backstage-Bereich türmen sich Koffer und Instrumentekästen, viele kommen direkt vom Flughafen. Das ist echter Enthusiasmus für einen Esten! Paavo Järvi, weltweit als Orchestererzieher geschätzt, hat seine bunte Truppe nun zum siebten Mal versammelt. Den Nukleus bildet das Tallinn Chamber Orchestra, dazu kommen ein paar Studenten, die Elite der estnischen Musiker (erstaunlich viele bei nur 900.000 Esten plus 400.000 Russen im Land), Musiker von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (deren Konzertmeister Florian Donderer fungiert hier schon seit Anfang in gleicher Position als guter Orchestergeist), aus dem hr Sinfonieorchester Frankfurt, dem Orchestre de Paris und sicher bald auch von der Zürcher Tonhalle. Denn Paavo scharrt hier alle seine Lieben aus seinen diversen Klangkörpern um sich – nur Musiker vom NHK Orchestra aus Tokio und aus Cincinnati fehlen – Interkontinentalflüge sind im Festival-Budget gegenwärtig nicht drin.



Das – wieviel es ist, weiß keiner zu sagen, in jedem Fall zu wenig – dieses Jahr aufgestockt wurde. Dann das Festival bekommt erstmals einen Appendix: eine direkt anschließende Tour durchs Baltikum und im Januar durch die europäischen Klassikkernlande, Deutschland ist mit Köln und Berlin dabei. Und das alles, weil Estland 2018 ganze 100 Jahre Unabhängigkeit feiert; wovon 50 Jahre unter russischer Besatzung verbracht wurden; doch das war man hier gewöhnt – nach 300 Jahren unter Deutschen, je 200 unter Schweden und schon einmal unter Russen.

Paavo hat bereits sein Festival-Shirt an, ein gefragter,weil zu wenig vorhandener Artikel, der im Büro mit leidensverzerrter Miene eben von einem deutschen Dirigentenzögling eingefordert wird. Die Tresenkraft bleibt hart. Ja richtig, neben dem kontrollierten, schon ziemlich gut klingenden Klangchaos auf dem Podium und der üblichen Hinterbühnen-Kakophonie unbeeindruckt vor sich hin Übender ist nebenan noch die Akademie der künftigen Pultlöwen (es sind nur Männer) am Laufen. Der Ukrainer Leonid Grin trägt die Hauptvorbereitungslast, aber Patriarch Neeme ist natürlich auch dauernd da und seit einer Woche auch Paavo. Coaching von drei, durchaus sich ergänzenden Seiten, ein Pianist und das Järvi Academy Youth Symphony Orchestra (das gibt es auch noch!) spielen dazu: Was kann der Nachwuchs mehr wollen?



Das Pärnu Music Festival: eine Woche im Juli (diesmal August, wegen der Tour), zwei Konzerte des Festival Orchestra mit berühmten Solisten, Radu Lupu und Lisa Batiashvili, andere mit dem Chamber und Youth Orchestra, dazu die Akademisten und Kammermusikprogramme. An diversen Orten. Manchmal auch Gäste, diesmal das European Union Youth Orchestra unter Vasili Petrenko. Da haben die versammelten Järvis kaum Zeit für den Strand, auch wenn der Nachwuchs, etwa Paavos zarte Töchter, die aus den USA zu Besuch sind, den einfordern. Eine Familiensache mit erweiterter Besetzung. Mich zieht es jetzt, der Aufenthalt ist im dichtgedrängten Festivalkalender sowieso allzu kurz, erst mal an den Strand; bisher war der hinter Lärchen nur zu ahnen.

Wieder so eine schnurgerade Allee, dann erscheint das neoklassizistische Ur-Moorbad, hinter das geschickt ein stylishes Hotel geklebt wurde. Dafür ist am hölzernen Kursaal daneben die Zeit stehengeblieben. Das Pub, das sich darin breitmacht, könnte noch von 1990 stammen. Auch hier sitzt ein Bronzedenkmal, gewidmet ist es Raimond Valgre, dem ebenfalls hier geborenen Verfertiger populärer Tanzmelodien. Die schönsten dudeln aus einem verborgenen Lautsprecher. Und um die Ecke prangt die Holzvilla des berühmtesten estnischen Cellisten, Raymond von Bööcke. Gegenüber Dünen wie auf Sylt, fast menschenbefreit. Wo sind die 80.000 auf die die Stadt von 40.000 im Sommer anschwillt? Flach ist Meer, weit geht der Blick, friedliche Abendstimmung. Und immerhin eine sprudelnde Stunde im Spa ist möglich!



Wie ein Konzertpräludium schlängelt sich bei tiefstehender Sonne der Weg zum Saal. Dort wird heute zur Eröffnung des diesmal ihm gewidmeten Festivals Urvater Neeme gefeiert, der am 7. Juni 80 Jahre alt wurde. Erst einmal aber erhält Paavo die Ehrenbürgerwürde von Pärnu (immerhin Estlands Sommerhauptstadt während drei Monate), die er bisher aus Termingründen nicht entgegennehmen konnte. Es gibt rote Rosen (die bekommt gleich Clanmutter Liilia, klein und mit ihrer Schwarz-Weiß-Grau-Tolle fast angepunkt) und eine Minute Dankesrede. Paavo dirigiert lieber, heute aber nicht. Getragen von einer fast greifbaren Sympathiewoge, die sich in ständigen Standing Ovations entlädt, spult sich das Programm ab, das der rüstige Jubilar im blauen Smoking-Jacket ohne den schnell zur Seite gestellten Stock mit dem Tallinn Chamber Orchestra absolviert.



Erst gibt es das kleine, graziöse Andante cantabile aus Haydn/Hoffstetters Serenade op. 3 Nr. 5, nur aus dem Ellenbogen geschüttelt, fast geküsst, an der Grenze zur Unhörbarkeit. Dann folgt, mit griffiger Geste und sattem, zupackenden, auch aufgerauten Ton, Kolja Blacher mit dem Beethoven-Violinkonzert. Der Jubilar mit dem 500 CD-Einspielungen (nur Karajan und Neville Marriner haben angeblich mehr zusammenbekommen) kannte ihn bisher nicht, ist aber schwer begeistert, wie er später erzählt. Nach der Pause, eine generös-sentimentale Geste, folgt – der 85-jährige Komponist ist anwesend – das straffe, vitale, dynamisch wendige Concerto von Jaan Rääts, der lange die Tonsetzerklasse an der Hochschule leitete. Neeme Järvi hat das Werk 1961 mit dem Radioorchester uraufgeführt, ist selbst überrascht, wie frisch es der Zeit trotzte. Schließlich, es ist Sommer, Mozarts Sinfonie Nr. 29 als meeresschäumender Rausschmießer. Eben nicht: eine erste Zugabe, dann nochmals Haydn/Hoffstetter. Noch leiser!

Dann aber Party. Erst Schnittchenempfang im Foyer, überall wuseln Järvis. Paavos zwei Kinder, zwei von Maarika, Kristjan hat vier, besonders fruchtbar war Neemes älterer Bruder, der erste Musiker in der Friseursfamilie: Auch dessen Nachkommenschaft bestückt das Festival Orchestra, dieses Jahr nur mit drei Großcousin-Mitgliedern, es können aber auch bis zu elf werden. Dann aber lässt die Energie nach – zumindest bei mir. Es war eben doch ein sehr früher Flug. Auf dem Heimweg noch ein kurzer Abstecher zur Festival-Kantine Café Passion, das abends zum Hotspot werden soll. Heute nur mittelgroße Runde, alle Ankömmlingen sind noch müde. Aber die Feste hier sollen legendär sein. Wenn nicht die Putzfrau schon um sechs kommt, statt wie gewöhnlich um acht. Und der am längsten Bleibende? Für gewöhnlich natürlich Paavo Järvi. Festival ist schließlich Verpflichtung.



http://klassiker.welt.de/2017/08/12/paavo-in-pernu-eine-jaervi-familienfestival-affaere-i/

Tuesday, August 15, 2017

Alles Järvi am Ostseestrand

deutschlandfunk.de
Julia Kaiser
14.08.2017

Die weltberühmte Dirigenten-Dynastie Järvi, handverlesene Musikerfreunde, ein modernes Konzerthaus und die historischen Bauwerke Pärnus sind die Zutaten für das Musikereignis in der sogenannten Sommerhauptstadt Estlands. Aus ganz Europa kamen Musiker und Besucher zum diesjährigen Pärnu Music Festival.



Eine unglaubliche Innigkeit hat das Haydn’sche Streichquartett in der hölzernen St. Elisabeth-Kirche mitten in Pärnu. Obgleich – oder vielleicht gerade weil in den Straßen vor der Tür das nächtliche Partyleben tobt und eine Menge Motorräder mit knallender Fehlzündung vorbeirauschen. Die Zuschauer umfangen das Signum Quartett förmlich mit ihrer Aufmerksamkeit, die Musik erklingt wie in einer Blase konzentrierter Inspiration.

"Das ist das Besondere am Pärnu Festival", strahlt Florian Donderer. Der erste Geiger des Signum Quartetts und der Kammerphilharmonie Bremen kommt seit dem allerersten Festivaljahr 2010 in die estnische Küstenstadt, zum Festival der Dirigentendynastie Järvi. Donderer ist auch der Konzertmeister des Pärnu Festival Orchesters.

"Das Festivalorchester ist der Kern, da spielen die Musiker, die Paavo im richtigen Leben, sozusagen kennengelernt hat und mit denen er auch persönlich eine musikalische Beziehung hat. Er ist ein unglaublich offener und sozial begabter Mensch. Wenn man als Musiker im Orchester etwas anbietet, dann springt er sofort darauf an. Und gleichzeitig ist das hier für die estnischen Musiker ein fester Termin, hier trifft man sich auch als Jugendorchester schon. Wir Gäste unterrichten auch, angebunden an dieses Festivalorchester gibt es auch ein Akademieorchester, dann sind hier Dirigierstudenten, die Dirigierorchester sind Jugendorchester."


Musikalisches Sommerfest der Generationen


Aus ganz Europa sind Musiker nach Pärnu gekommen, um Teil eines Sommerfestes der Generationen zu werden. Viele von ihnen sind Esten, die im Ausland arbeiten. Andere haben sich von deren Begeisterung anstecken lassen. Und die estnische Musikszene konzentriert sich für zwei Wochen sowieso in der kleinen Küstenstadt, wo die Familie Järvi ein Fenster in eine ideale Musikwelt öffnet. Paavo Järvi:

"Pärnu ist ein magischer Ort für uns, ein kleines Paradies. Denn es hat viele Qualitäten, die ein Festivalort braucht. Es ist eine kleine Stadt, es ist ein schöner Ort und es hat einen guten Konzertsaal. Wir nennen Pärnu die Sommerhauptstadt von Estland. Es gibt Strände, eine sehr entspannte Atmosphäre und für uns als Familie hat es auch einen sentimentalen Wert, denn wir sind alle hier aufgewachsen. Meine Großmutter ist hier geboren. Ich verbinde die schönsten Momente meiner Jugend mit Pärnu. Dies war ja ein geschlossenes Land und die Menschen durften ja nur innerhalb der Sowjetunion reisen. Estland hatte den westlichsten Ruf unter den Sowjetstaaten. Und das Klima ist im Sommer angenehm, viele ältere Menschen reisten lieber hierher als auf die Krim oder ans Schwarze Meer. Mit David Oistrach bin ich Ruderboot gefahren. Und Dmitri Schostakowitsch bin ich in Pärnu begegnet, als ich sieben Jahre alt war."


Kampf gegen das Vergessen

Sein Vater Neeme Järvi war in den 1960er-Jahren Chefdirigent des heutigen Estnischen Nationalorchesters, wurde vielfach ins Ausland eingeladen und brachte Werke estnischer Komponisten, etwa von Arvo Pärt zur Uraufführung. Er fiel in Ungnade bei der kommunistischen Partei, 1980 ging die Familie in die USA und kehrte nach der Perestroika zurück, sagt Paavo Järvi. Heute kämpfen die Järvis gegen das Vergessen der Sowjetzeit und dafür, die estnische Kulturszene zu stärken.

"Wir brauchen hier jeden, der Erfahrung hat und sie mit anderen teilen möchte. Denn das ist eines der Probleme mit jeder Art von Wissen: Es ist heute vielleicht mehr denn je im Internet verfügbar, aber es erreicht Sie nicht, wenn Sie nicht einen Grund haben, danach zu suchen. Wenn dagegen jemand sagt: Ich erinnere mich… Schostakowitsch hat mir dies gesagt und Leonard Bernstein das. Oder während der Sowjetzeit habe ich das und das erlebt. Dann schaffen Sie einen ganz anderen Zugang zu dieser Information. Deshalb ist jemand, der zum Beispiel als Solist persönliche Erinnerungen hat an die Arbeit mit den Berliner Philharmonikern oder einem Komponisten wir Arvo Pärt, als Konzertmeister. Dann hat er unglaublich viel mitzuteilen. Das erfährt man nicht aus Büchern, sondern nur aus erster Hand."


Dirigierkurs mit Paavo und Neeme Järvi

Der wichtigste Teil der Järvi-Akademie und damit das Herzstück des Pärnu Festivals ist der Dirigierkurs, bei dem junge Dirigierende mit einem Studentenorchester arbeiten und Paavo und Neeme Järvi mit auf der Bühne stehen und immer wieder eingreifen. Während dieser Meisterkurse sitzt das halbe Festivalorchester im Zuschauerraum, denn auch die Stimmgruppenführer wichtiger Orchester in Mailand, Bremen, London wollen an der langjährigen Erfahrung der beiden teilhaben. Neeme Järvi hat 1955 bis 1960 im damaligen Leningrad studiert und die größten Nachkriegsdirigenten persönlich kennen gelernt.


Dirigieren ist mehr als wild mit den Händen wedeln

Niemand macht sich eine Vorstellung vom Dirigieren! Dirigieren ist nicht nur den Takt zu schlagen. Es ist vielleicht so wie Malen. Man muss sehr aufmerksam sein und mit den Händen zeichnen, aber auch mit dem Ellbogen, dem Handgelenk. Von den jungen Leuten weiß niemand, wie man beim Dirigieren den gesamten Oberkörper benutzt. Sie denken, wenn man mit den Händen wedelt, wild und stark, dann machen sie etwas richtig. Das Publikum denkt auch: Ja, das ist dirigieren. Aber das ist ein Missverständnis. Dann sehen junge Leute mich und denken: Was ist das denn für eine Art zu dirigieren? Hier ist meine Antwort: Dirigent ist ein Beruf, für den man sein ganzes Leben lang lernt. Und zwar von großen Vorbildern. Ich habe zu Sowjetzeiten am Leningrader Konservatorium studiert. Ich bin historischen Dirigierpersönlichkeiten begegnet. Bruno Walter, Otto Klemperer, Fritz Stiedrich, dann dem russischen Dirigenten Malko und vielen mehr. Alle große Meister der alten deutschen Dirigierschule. Nur, wer zu den Konzerten der Großen wie Bruno Walter und Otto Klemperer gegangen ist, der ist auch ein großer Dirigent geworden."


Musik vom Kopf ins Herz


Neeme Järvi zählt ohne Frage dazu. In diesem Jahr ist das Pärnu Festival ganz dem 80. Geburtstag des Maestros gewidmet. Das Eröffnungskonzert mit der Streicherphilharmonie aus Tallinn, die fast komplett auch im Festivalorchester sitzt, zaubert den Zuschauern und jedem einzelnen Musiker ein glückliches Lächeln aufs Gesicht. Neeme Järvi:

"Es geht um die Kunst, mit dem Orchester zu kommunizieren. Die Musiker sollen mich nicht anlächeln, weil ich ein netter Typ bin. Darum geht es nicht. Viele Dirigenten möchten gern nette Typen sein, grinsen ständig ins Orchester – völlig unnötig. Wenn man sich aber tief in das Musikmachen einfühlt, dann lächeln alle automatisch – weil es so wunderschön ist. Haydn oder Mozart – oder dieses Stück von Rääts. Es ist hochrhythmisch, jeder ist zutiefst involviert. Und beim wunderbaren Haydn – ich zeige nur ganz wenig, und die Musiker reagieren sofort. Diese Art der Kommunikation mit dem Orchester ist notwendig, nur so kann man Kunst machen. Atmen und Phrasieren. Dann geht die Musik von hier – nach hier. Vom Kopf ins Herz."

Sunday, August 06, 2017

Brilliant Brahms from Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

seenandheard-international.com
Claire Seymour
5.08.2017

United Kingdom 2017 BBC PROMS 26 – Tüür, Mozart, Brahms: Vilde Frang (violin), Lawrence Power (viola), Deutsche Kammerphilharmonie Bremen/Paavo Järvi (conductor), Royal Albert Hall, London, 3.8.2017. (CS)

Erkki-Sven Tüür – Flamma (UK première)
Mozart – Sinfonia concertante in E flat major, K.364
Brahms – Symphony No.2 in D major, Op 73

Last week I attended a terrific Prom which, on paper at least, seemed to begin with what is more conventionally the ‘end’ and turn the programme on its head. Now, I’m going to start a review with what usually comes last: the encore.

I’m not generally a fan of encores; I tend to think that a well-constructed programme needs no after-comment and a deliberately, skilfully created mood can be broken. But, there are some players or singers whom one just doesn’t want to stop, and there are occasions when it just seems right for performers to ‘say a bit more’, whether that is something exuberant, reflective or conclusive.

There’s something about the close proximity of the performers and the standing Prommers that can inspire an added freshness and spontaneity – such as Pekka Kuusisto’s impromptu Finnish folk-song merriment at the RAH last year. And, here, it seemed perfectly apt for Vilde Frang and Lawrence Power to ‘complete’ their quasi-operatic performance of Mozart’s Sinfonia concertante ­­with a theatrical coda. The Allegro maestoso had been a feisty duet as the ‘couple’ tested and teased each other – it was easy to imagine the ups-and-downs of Susanna and Figaro. In the Andante, wistful melancholy deepened into a seriousness and sincerity of almost overwhelming poignancy. Then, as in any good buffa finale, the clouds of sadness and loneliness were deftly pushed aside by a zippy Presto which brought all the voices together in reconciliation and joy.

All that was needed was a witty ‘postlude’ to remind us that, despite the harmonious resolution, it might not be all plain-sailing from now on. Frang acquiesced with faux-reluctance when Power reached for her violin, and gamely began to play the viola part of duet-variations on ‘Twinkle, twinkle, little star’ – a nod to Mozart’s own ‘Ah vous dirai-je, Maman’ – until Power’s over-indulgent E-string melodising led her to snatch her fiddle back and launch into a high-jinx arrangement of the nursery rhyme which pitted astonishing pyrotechnics against pizzicato playfulness. Despite their efforts to ‘have the last word’, the duo ended with the musical equivalent of a shrug of the shoulders, an admission of equality and acceptance. The Prommers loved it.

Before that we’d enjoyed details in Mozart’s ‘double concerto’ that I’ve rarely heard before, as the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen under the baton of their artistic director, Paavo Järvi, accompanied the soloists with such graceful lightness that the tiniest pianissimo gesture – a dulcet oboes’ duet, accompanied by punchy crisp violin pizzicatos; a gentle horn pedal underpinning the soloists’ entwining arguments – could be effortlessly projected, creating freshness, grace and real excitement too. Like an opera overture, the first movement’s opening orchestral tutti gave us a foretaste of all the emotions to be lived in the scenes ahead, and the soloists, too, eased themselves into the drama, Power the first to join with the orchestral violas, then Frang taking up the violins’ line.

There were times in the running semi-quaver passages when I thought Frang wanted to go just a miniscule touch faster, but her lithe, clean violin line contrasted beautifully with Power’s fuller, grainier tone. After vigorous exchanges (some of the biting staccatos and exaggerated leaps were worthy of ‘Come scoglio’), the soloists came together with true sweetness, twirling through the lyrical chains of 3rds and 6ths. There was surprising flexibility and freedom – extended fermatas, whispered pppps and stark dynamic contrasts – showing how quickly and capriciously the emotional tone of this movement can change. In the cadenza, as Frang took off on a flight of triplet arpeggios, Power’s low double-stopped thirds seemed to be almost coaxing the violinist back down from the heights, and the voices embraced in a murmured Adagio which exploded into a fortissimo trill; then, they were off again, racing towards the conclusion.

The elaborate decorative lines of the Andante stretched expansively with Romantic tenderness, over the gentle pulsing of the orchestral strings. Järvi skilfully shaped the chromatic nuances and made sure we felt the emotional enrichening brought about by the telling contributions of the oboe and horns. Again, the cadenza was notable for its expressive freedom, the extended pauses and silences suggesting a struggle to give musical voice to such intense emotions; with Power’s elongation of appoggiaturas which begin each falling semi-quaver group, the music seemed to sigh, over and over, with unrelieved yearning, until the music slipped almost into silence, with Järvi also daring to venture the quietest of orchestral entries – barely there, the merest cadential breath.

The Presto followed segue, and at a swift tempo, whisking us into another world of tightly trilling violins, dry horn punctuations, and tingling string semiquavers. There was a remarkable crispness to the articulation which made every detail speak easily, as the players whipped through the dramatic twists and turns – sudden silences, dramatic twists, and did Power add a variant or two to the viola line? The soloists’ climactic climb seemed to say, ‘Anything you can do I can do better’: Power leapt from the stratosphere down to a gritty low accent, while Frang’s top Eb rang with astonishing strength and brilliance. It was a performance that, after the tetchiness, heart-wringing and nonchalance, ended with a harmonious smile.

There was freedom, too, in the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen’s performance of Brahms’ Second Symphony after the interval. Tempi were fairly swift but rubatos and the shifting metrical stresses were organically integrated into the on-going momentum. And, the fairly modest orchestral forces meant that, as in the Mozart, one could hear all of the intricate voicings within the texture.

Hans von Bülow wrote of the symphony, to Eduard Hanslick, ‘The melodies fly so thick here that you have to be careful not to step on one.’ And, there was a genial warmth to the second subject of the Allegro non troppo, Brahms’ parallel thirds and sixths – that pianist Stephen Hough made so scintillatingly lucid a few nights previously – now played with relaxed ease, but not over-sweetened, by the violas and cellos (which the repeat of the exposition gave us two opportunities to enjoy). But, Järvi did not neglect the movement’s shadows: the opening was cool and distant, the first motif’s semitonal murmur less the sway of a waltz, or a stroll through the countryside, than an intimation of unrest. The strings’ marcato dotted rhythms were a vigorous call to attention, initiating some driving repetitions in the inner lines. In the development section, the entry of the trombones and tuba darkened the sound and destabilised the bar line, and this volatility was further deepened by the timpani’s surging trill. However, Järvi peeled back the clouds and allow in transparency and light.

The Adagio non troppo took note of Brahms’ tempo proviso: it was sufficiently spacious for the opening cello melody to breathe, but brisk enough for the chromatic harmonies to wind their way forward with direction, and the movement acquired a persuasive urgency. The woodwind charmed at the start of the Allegretto grazioso, which sashayed with the lilt of a Mahlerian ländler: when the horns’ syncopation seemed to put on the brakes, so the cellos’ pizzicatos picked up the pulse once again, and such gives-and-takes seemed entirely natural. The Presto trio was deliciously crisp and clean, knocking the gentle gait off-balance with its down-beat trochaic accents. The Allegro con spirito also had a real sense of momentum but fluidity too, never rushing. Järvi used marked dynamic contrasts to intensify the temporal battles, but finally let the music push itself onwards to a celebratory close.

After their Beethoven and Schumann ‘Projects’, the orchestra are now working with Järvi on a Brahms cycle. Their concordance and confidence were ever-apparent here, and in the two Hungarian Dance encores that followed, and which were both friskily playful and full of fiery spirit.

There was fire at the start of the concert, too, in the UK première of Erkki-Sven Tüür’s 2011 Flamma for string orchestra, which aims to capture the flames’ destructive and purifying force, specifically a conflagration in the Australian bush. The astonishing opening, in which the cellos and double basses raced each other ever higher, culminated in furious down-bow chord clusters from the violins; thereafter, a concertino texture prevailed, with various sections assuming a solo role and passing motifs between them. Some gestures, such as leader Sarah Christian’s string-crossing arcs, seemed to allude to Baroque idioms, and the concerto grosso form. As the motifs darted about, slowly developing – rumbling low, sparking high, leaping then subsiding – I was reminded of William Golding’s description of the forest fire started by the over-excited boys at the start of Lord of the Flies: ‘The flames … crept as a jaguar creeps on its belly … flapped at the first of the trees … leapt nimbly across the gap between the trees and then went swinging and flaring along […] The separate noises of the fire merged into a drum-roll that seemed to shake the mountain.’

This concert confirmed the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen’s fine reputation, and I very much hope that we get the opportunity to hear them in the UK, under Paavo Järvi, perhaps with some more Brahms, in the not too distant future.

A rare and rewarding visit from the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, plus all the best of the BBC Proms 2017 so far

telegraph.co.uk
John Allisson
4.08.2017


Prom 26: Mozart and Brahms ★★★★☆

For the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen’s first return to the Proms in seven years, expectations were high. The orchestra’s classy reputation precedes it everywhere, yet even audience members unfamiliar with the ensemble would have found several clues in its name. A tightly knit chamber orchestra in the best German tradition, its base in Bremen, in the northwest of the country, helps to make it open to wider influences from across northern Europe.

Indeed, its artistic director for the past 13 years has been the Estonian conductor Paavo Järvi, so it was hardly surprising to find this concert opening with the British premiere of a work by his compatriot Erkki-Sven Tüür. Originally written for the Australian Chamber Orchestra and premiered in Canberra in 2011, Flamma alludes in more than just its title to the destructive and sometimes renewing force of bushfires – a malevolent energy is felt in the music from the very first bars.

Scored for a small group of strings only, Flamma is full of flickering, rasping textures. For all their intricate detail, though, they form part of a bigger, shifting soundscape, which Järvi controlled with unruffled authority. Based on the old concerto grosso model, a small group of soloists – tracing rapt melismatic lines — enter into dialogue with the bigger body of strings while flame-like figures are never far from leaping up again. In Kensington of all places in summer 2017, Flamma’s elegiac moments perhaps took on a wider meaning.

One of Mozart’s greatest early masterpieces, the Sinfonia concertante for violin, viola and orchestra, positively glowed in the hands of these players. They were joined by a pair of highly responsive soloists, Vilde Frang and Lawrence Power, who respectively relished the music’s sweet-toned delicacy and warmth. The sublime slow movement registered fully here, proving that intimate music-making is possible in the Albert Hall. Järvi enforced crisp articulation but never at the expense of eloquence.

Another repertoire staple, Brahms’s Second Symphony, received a no less illuminating performance, one that gained in part from the chamber orchestra dimensions – closer to the size of many German orchestras in Brahms’s day. But it was the orchestra’s responsiveness to Järvi, shown also in two Brahms Hungarian Dance encores, that allowed it to fully embrace this music’s myriad changes of mood. Exciting propulsion gave way to pastoral beauty and finally to sunny high spirits in the finale: rare enough in Brahms and even rarer in too many performances of his music.

Prom 26 review: Frang, Power, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Järvi – fire and air from a crack team

theartsdesk.com
Boyd Tonkin
4.08.2017

Fresh light on old favourites from Mozart and Brahms – and a moving newcomer



Before reuniting us in high spirits with a pair of much-loved old friends, Mozart's Sinfonia Concertante and Brahms's Second Symphony, the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen under Paavo Järvi at the Promstook us into a darker, and unexpectedly affecting, place. Written for the Australian Chamber Orchestra, Flamma by Järvi’s fellow-Estonian Erkki-Sven Tüür evokes the mysterious, and terrifying, power of fire with a nod to its sacred role in Aboriginal culture.

In June, just on the other side of Kensington from the Royal Albert Hall, Londoners witnessed and felt that power in the most horrific of circumstances. Scored for string orchestra, with the Bremen players uniformly fine as the burden of the argument shifts from one group of instruments to another and the section leaders in turn sculpt uncanny melodies, Flamma unfolds as a kind of orchestral concerto. Its sudden leaps of mood and pace and direction bring the sinister capriciousness of a raging blaze to mind.

Not often performed in Britain (on this evidence, not often enough) Tüür’s prolific output stems – so he attests – from a bewildering range of influences that stretch from an early love of King Crimson and Genesis to Penderecki and Xenakis, not to mention Gregorian plainchant. In practice, Flamma proved more of of an impressionistic, colouristic piece than that lineage might suggest. Its string parts yearn up or down towards the far edges of their range (the low instruments high, the high ones low) as a crackling tension mounts between the swirling intensity of the tutti sections and breakaway jumps into moments of lyricism, even serenity, by different instruments. The Bremeners’ leader Sarah Christian, plangent and brooding, was outstanding here. Maybe it was more than just his geographical roots that seemed to align Tüür’s savage beauty, with its hints of the ritual appeasement of nature’s demons, to the folkloric exoticism not of the Antipodes but of musical trail-blazers a century and more ago in Estonia’s own mighty neighbour. Some passages here hinted at the pagan glamour of young Stravinsky – even, perhaps, Rimsky-Korsakov. After the string blaze dwindled down into post-conflagration calm, a shocking coda fiercely rekindled the embers.

It would be trite to say that, after a spell amid this gorgeous devastation, Järvi then led us into the serene sunlit uplands of Mozart’s Sinfonia Concertante. Above all in its tender, melancholic C minor andante, this double concerto for violin and viola (in all but name) passes through its own dark valleys of grief and bewilderment before joy bursts through again. The pairing of the young Norwegian star Vilde Frang and the still youthful but already august Lawrence Power as soloists looked like a dream duo, since each has already (with other partners) made high-class recordings of this work. In the opening movement, with its fabulously expressive conversazione between the two instruments, perhaps the forceful Bremeners tended to push the silvery, refined voice of Frang’s violin into the shade a little too much. “Maestoso” this movement might be, but its stateliness need not wear studded boots. Genial, assured but never cosily avuncular, weaving its mellow lines around the ethereal melodies of the violin, Power’s viola established its authority from the off.

If an element or two felt lacking in the early chemistry, by the time of Mozart’s soaring first-movement cadenza the duo’s tete-a-tete had developed, as its should, into a real heart-to-heart. The peerless andante, with Frang’s vibrato never excessive, ached and yearned with an elegiac sweetness that avoided any mawkishness, while Järvi gave them time and space to shine. In the rondo, Power and Frang’s intimate chit-chat became brilliant, torrential badinage, and their final giddying ascent into string heaven sang with an ecstatic bliss. The audience loved the pair’s comedy encore of “Twinkle, Twinkle Little Star” variations (complete with instrument swap), but even prankster Mozart might have thought they dragged out the joke a little too long.



The Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, with its co-operative ethos, its medium-sized forces and its commitment to re-engineer the core repertoire for modern times and modern ears, treats orchestral re-invention as matter of outlook rather than hardware. Their account of Brahms’s serene but not untroubled Second Symphony had a tonic freshness and transparency that bowed to the grand tradition without being overwhelmed by it. Under Järvi, its long-serving artistic director, this middleweight orchestra not only punches but strokes and kneads in a class above its fairly modest dimensions, the sound rich and velvety without the cloying unctuousness that can tempt in the pastoral meadows and forests of this piece.

The luscious amble of the first moment, those signature trombones beautifully rounded, never drifted into an aimless walk in the Carinthian woods. Its midway disintegration into storm and stress had a startling immediacy; as in Tüür’s fire-dance, nature here can scourge as much as heal. In the middle movements, sumptuous oboes, clarinets and horns relished their starring roles while the sleek, burnished strings suggested not some band of cold-eyed iconoclasts but an outfit that can, when it wishes, re-ignite the superbly purring German orchestral engine of the past. The final “Allegro con spirito” reminded us with dash and verve that Brahms can lead us into the sawdust-strewn inn as well as the sun-dappled forest glade, while Järvi’s tempi made the most of the weird hiatus – a brief dark night of the soul – that precedes the exuberant coda. After that, drinks were on the Bremeners in a barnstorming – if a tad predictable – encore of Hungarian Dances.

http://www.theartsdesk.com/classical-music/prom-26-review-frang-power-deutsche-kammerphilharmonie-bremen-j%C3%A4rvi-%E2%80%93-fire-and-air

Monday, July 24, 2017

Musikalischer Geisterspuk

bayerische-staatszeitung.de
19.07.2017
Vasselina Kasarova




Der "Kissinger Sommer" ging mit beeindruckenden Orchesterleistungen zu Ende

Nun ist auch die neue Ära des Kissinger Sommers unter dem Intendanten Tilman Schlömp zu Ende gegangen - musikalisch wohl nicht so opulent wie bisher, denn die Mittel wurden gekürzt, vom Konzept her aber interessant, denn der Schwerpunkt lag auf der „romantischen“ Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts, vom Kartenverkauf erwartungsgemäß nicht so berauschend, denn die großen Namen und Orchester fehlten weitgehend.

Ein Glücksgriff war das neu installierte Festivalorchester, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter ihrem Dirigenten Paavo Järvi. Sie brillierte durch mitreißenden Schwung, feinste Lyrismen und die präzis und engagiert mitgehenden Instrumentengruppen.

Zu viel Rumfuchteln

Ein extra entworfenes Programm brachte das hervorragende Orchester unter dem Titel „Ein Kissinger Sommernachtstraum“ heraus. Dieser Abend vereinte Felix Mendelssohn-Bartholdys berühmte Konzertouvertüre E-Dur op. 21 und den beliebten Hochzeitsmarsch sowie die seltener zu hörende Schauspielmusik op. 61. Garniert wurde das Ganze von einem Text, frei nach Shakespeares Komödie von Amina Gusner, vorgetragen von Katja Riemann, die sich hier als charmanter Puck präsentierte. Zwar waren Teile des Publikums eigens wegen ihr gekommen, jubelten dieser Prominenz auch gerne zu, doch leider erwies sie sich gerade gegenüber der wunderbar sensibel und illustrativ vorgetragenen Musik als ein gewisser Störfaktor - ganz abgesehen davon, dass sich die renommierte Schauspielerin mehrfach versprach und beim lebendigen Vortrag nicht immer so gut verständlich artikulierte. Sie versuchte auch, durch ständige Bewegung, übertriebenes Herumfuchteln und als „Nebendirigentin“ ohne Bezug zum Rhythmus sich ins rechte Licht zu setzen.

Doch mit einem solchen oft etwas lästigen theatralischen Zusatz versöhnten mehr als genug die Klänge von Mendelssohns Musik. Die „Bremer“ gaben der Konzertouvertüre duftige, wunderbar lebendig geläufige, aber auch triumphal festliche, sieghafte Elemente, fügten Geheimnisvolles, heiter Koboldhaftes dazu und schwelgten auch in beschaulich anmutigen, friedlichen sowie tragisch dramatischen Momenten.

Der Zauber macht süchtig

Järvi hielt dabei alles selbst bei rasantem Tempo in sicherem Griff, gab energische Impulse, verband vorzüglich die wechselnden Stimmungen, die sich in der geschilderten geisterhaften Nacht im Wald ergaben.

Dazu kam ein auch äußerlich elfengleicher Chor, nämlich der Damenchor Tütarlastekoor Ellerhein aus Estland (der Heimat des Dirigenten), verstärkt durch den Deutschen Kammerchor. Die zart, sanft schwebenden Stimmen der Sängerinnen verbanden sich zu einem weichen Gesamtklang, der etwas vom Zauber einer Sommernacht vermittelte; die erste und zweite Elfe, die Soprane von Christina Landshamer und Katharina Konradi überstrahlten den Chor noch, wobei letztere besonders gefiel. In einer samtigen Orchesterfläche klang dieser musikalische Geisterspuk klangschön und getragen aus. Ein solcher Zauber macht süchtig!

Bemühte Heroine

Ein Festival wartet in der Regel mit einem prominenten „artist in residence“ auf. 2017 war es für den Kissinger Sommer die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. Leider aber scheinen die besten Tage dieser einst so schönen Stimme vorbei. Sie präsentierte sich sehr bemüht in der Scène lyrique „La mort de Cléopatre“ von Hector Berlioz.

Es ist der Monolog der unglücklichen ägyptischen Pharaonin vor ihrem Selbstmord durch die Giftschlange. Sie beklagt anfangs ihre schmachvolle Situation, erinnert sich in ihrer ersten Arie an die einstigen schönen Tage, ruft die großen Pharaonen und die Götter ihres Landes verzweifelt an und vergiftet sich schließlich.

Diesen dramatischen inneren Konflikt unterstützte die Sängerin, begleitet vom verkleinerten Orchester der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrusa, mit heftigen Bewegungen und intensiver Mimik. Dies aber unterstrich nur die unruhige Darbietung, denn die Stimme war in der dunklen, etwas hohlen Tiefe nicht sicher positioniert, die langen Linien wirkten schwankend, während jedoch die Höhen kraftvoll strahlten. So schien das Ganze bis zum leise verklingenden Celli-Schluss wie der melodramatische Abgesang einer großen Heroine, die völlig von ihren Gefühlen überwältigt wird. Natürlich jubeln da ihre treuen Anhänger; dieser so sympathischen Sängerin wünschte man für die Zukunft eine geschicktere Hand bei der Auswahl ihrer Stücke.

Die Bamberger unter ihrem neuen Chefdirigenten begannen den Abend mit einem Stück, das wohl zu Recht vergessen, aus historischer Perspektive aber interessant ist, nämlich der Ouvertüre zu Berlioz’ erster Oper „Les francs-juges“. Der Komponist hat sein Werk später vernichtet, nur die Ouvertüre, die recht plakativ mit kontrastierenden Effekten spielt, ist davon übrig.

Raffinierte Orchesterfiguren

Aufatmen konnte man bei Richard Wagners „Rienzi“-Ouvertüre. Die raffinierten Orchesterfiguren, die inneren Steigerungen, die mächtig packenden, heiteren wie sieghaften und schicksalsschweren Elemente – alles konnte hier aufleuchten, und der Dirigent unterstrich die Entwicklungen bis hin zu einem strahlenden Triumph durch kräftige, breite Betonungen.

Die 4. Symphonie von Brahms gingen die Bamberger dann nachdrücklich, mit sehnsüchtig leuchtenden Farben an. Hrusa arbeitete dabei die Struktur heraus, oft ein wenig schematisch, ließ den ersten Satz leidenschaftlich und doch beherrscht markant enden. Das Andante war bestimmt von breiten, genüsslich ausgekosteten Klang-Flächen. Hier ließ sich Hrusa viel Zeit, um dann den sehr schnellen folgenden Satz als tänzerisch fein schwirrenden Kontrast aufzubauen. Warum aber das Finale nicht attacca angeschlossen wurde, sondern nach konzentrierter Pause eher behäbig daherkam, hatte wohl seinen Grund darin, dass eher die schicksalhafte Macht, das Tragische betont werden sollte. Damit schloss sich das Gesamtkonzept des Abends - und eine Zugabe war überflüssig. (Renate Freyeisen)

Sunday, July 09, 2017

Paarvo Järvi and the NHK Symphony in riveting account of Schumann and Schubert

bachtrack.com
3.07.2017
Alan Yu

Walking through Yoyogi Park to get to NHK Hall in warm and muggy weather on Saturday afternoon was a sweaty affair, so it was a relief to settle down to the cool composure of Paavo Järvi as he raised the baton in a programme of works by Schumann and Schubert. It’s a mark of his mastery that with the least fanfare he delivered an afternoon of superb musicality without second guessing the composers’ intentions.



Much as Beethoven’s reputation as a composer dwarfs that of Schumann, they both attempted only one opera. Schumann’s Genoveva, which does not regularly feature in performance nowadays apart from the overture, is based loosely on the medieval tale of Genevieve of Brabant who was wrongly executed by her husband for adultery. Genoveva initially received a poor reception which seems to have persisted. Yet the overture is an elegant and imaginative work. Although the Genoveva overture by itself is not enough to rescue Schumann from criticism of his “dense” orchestration, Paavo Järvi showed what a thoughtful performance could do to showcase the composer’s talents. The polished but subdued tone of the strings in the NHK Symphony Orchestra also helped to reduce their dominance. The opening was sombre and heavy, a prescient suggestion of the tragic fate that would befall the protagonist Genoveva, but the clarinet was able to break through with a speck of brightness. The horns were prominent in a beautifully shaped section of radiant lightness that followed an impassioned plea. The trombones brought the work to a close in a glorious celebration of Genoveva’s innocence.

Schumann’s Cello Concerto in A minor received no better acceptance than Genoveva, and he had difficulty drumming up interest among performers and publishers alike. Through the years it has become fashionable for performers to have their own opinions of what Schumann intended, to the extent of ignoring the score. The pinnacle of disrespect must have been Shostakovich’s attempt to improve its orchestration. It was refreshing to hear Tanja Tetzlaff and Paavo Järvi give a moving and insightful account of the work without resorting to unnecessary modification or embellishment. Above all, Järvi’s sensitive handling of the orchestral parts made the performance a true collaboration between orchestra and soloist. He tamed an orchestra of Brahmsian scale to give a Mozartian effect. The pace of the outer movements was brisk and lively, and the soloist was eloquent and expressive. As the lush and polished strings laid a bed of feathers, the horns chimed in to add colour to the emotion. Pizzicato strings remained in the background in the second movement, and the soloist was goose pimple-inducing in her evocative treatment of the heavenly, beautiful melody.

It was fitting that Schubert’s “Great” C Major Symphony should follow the works of Schumann. It had laid in obscurity for ten years after Schubert’s death before Schumann rescued it and sent it to Mendelssohn for its first public performance. Like many of Schumann’s own symphonies, the “Great” has had its fair share of criticism, for being too long with repetitive sections, namely. The NHK Symphony Orchestra put paid to these criticisms in a riveting performane of unusual clarity and integrity. The structure of the work and its full range of orchestral colours were unambiguously explained with poise, finesse and drive.

The strings were firm and resolute after the short horn call in the opening movement, as the pace changed into a light, bouncy rhythm when the material developed further. After a few twists and turns, the brass came out in full force to bring the movement to an emphatic close. In the Andante second movement, a haunting tune on woodwinds led by the oboe overlaying a march bookended a lightly lyrical middle section, quietly introduced by the horns. Rapid fire strings launched the Scherzo without a break, their soft and rich tone coming to the fore. A stately dance morphed into a lighter skip which, dare I say it, showed Straussian characteristics. The rapport between conductor and orchestra was so good that at one point hardly noticeable head movements were enough to keep the action going. Ardent strings and brass that opened the final Allegro vivace gave way to woodwinds heralding a cheerful detour, but a fanfare on trombones, despite being rudely cut short at first, kept up the pressure and brought the movement to a rousing close.

Not quite satiated after fifty-five minutes of sheer delight, the audience brought Paavo Järvi back five times with uproarious and uninterrupted ovation.

https://bachtrack.com/review-nhk-symphony-orchestra-paavo-jarvi-tanja-tetzlaff-tokyo-july-2017

Monday, June 26, 2017

Paavo Järvi to take over at the Tonhalle Orchestra Zurich


infranken.de
06.2017
Thomas Ahnert



Dass sich zu Beginn eines Konzerts nicht, wie in den letzten Jahren üblich geworden, nicht nur der Konzertmeister verbeugt, sondern das gesamte Orchester - und natürlich auch am Ende -, das haben die Kissinger von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gelernt. Beim Eröffnungskonzert wurde noch geschmunzelt, jetzt, bei dem Konzert, das früher "Rosengala" hieß, war die Geste schon vertraut.
Sie macht ja auch Sinn, denn die Mitglieder der Bremer Kammerphilharmonie verstehen sich nicht als Kollektiv oder Tonerzeugungsbrigade, sondern als Solistengemeinschaft. In der kommt es wirklich auf jeden einzelnen an.
Der überwältigende Eindruck des Eröffnungskonzerts wiederholte sich. Mit Robert Schumanns "Manfred-Ouvertüre" eröffneten die Bremer das Konzert - ein Werk, das sie 1998 schon einmal mit Thomas Hengelbrock im Großen Saal gespielt hatten, damals allerdings als Teil der gesamten Schauspielmusik. Paavo Järvi zielte auf die glasklare Darstellung der emotionalen Kurven, auf die Nervosität der harmonischen Reibungen, auf Ermüdungen, auf eine stark differenzierte Dramatik und auf die bereits bekannte Transparenz.

Was herauskommt, wenn ein Dirigent und ein Solist sich wirklich mal absprechen können, das zeigte sich bei dem Klavierkonzert Nr. 3 c-moll op. 37 von Ludwig van Beethoven mit Arcadi Volodos . Schon die recht ausgiebige Orchesterexposition, in der es mehr zu entdecken gab als nur Melodien, machte deutlich, dass es zu einem stark nuancierten Austausch kommen würde, der Solo und Tutti als Einheit verstand. Man konnte darüber schmunzeln, wie Volodos gegen Ende der Einleitung ein paar (Mannheimer) Raketen in das Orchester feuerte, um sich einzumischen, und dann die Stimmung sofort ins Lyrische zog. Der Eindruck des oft zitierten Neuhörens stellte sich ein, weil Volodos engsten Kontakt zum Orchester hielt und sich im Zusammenspiel auf Stimmen bezog, die wirklich zu hören war. Da hatte er viel zu tun dank der außergewöhnlichen Transparenz des Orchesters. Da konnte es auch einem Arcadi Volodos ausnahmsweise mal passieren, dass er im Eifer des Gefechts mit der linken Hand einen Halbton zu tief rutschte. Er wird der einzige gewesen sein, der sich darüber geärgert hat. Man wünschte sich nur manchmal, dass er sich, vor allem im zweiten Satz, ein bisschen mehr unter Hintanstellung seiner enormen Kraft an der Intimität des Orchesters orientiert hätte. Und dass die Kadenz des ersten Satzes nicht so stark nach Rachmaninow geklungen hätte.
Und dann Brahms' 1. Sinfonie. Die Themen sind ja im Großen und Ganzen bekannt. Aber die Details ...! Paavo Järvi hatte mit seinen Leuten die Partitur genauestens analysiert und jeder Stimme ihre Bedeutung gegeben, sie erkennbar gemacht im Gesamtzusammenhang. Aber er hatte es auch geschafft, die inneren Zusammenhänge herzustellen, den Spannungsfaden nie abreißen zu lassen. Und die Musik in eine moderne Klangsprache zu fassen. Besonders auffällig war das im letzten Satz mit dem berühmten Beethoven-Zitat und den choralartigen Auftürmungen. Da zog Järvi das Tempo so stark an, dass die Musik eine überraschend mechanistische Komponente wie bei Honeggers berühmtem "Pacific 231" bekam. Und plötzlich konnte das logisch erscheinen: Als Brahms die Sinfonie schrieb, knackten die Dampflokomotiven gerade die 100-km/h-Marke.

Kissinger Sommer: So kann es weitergehen

infranken.de
06.2017
Thomas Ahnert




Es muss so etwas wie Liebe auf den ersten Ton gewesen sein: die ersten Bravos schon nach der Einleitung, Robert Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale. Da hat Otto Normalkonzertbesucher normalerweise das Blättern in seinem Programm beendet und rogramm beendet und stellt sich allmählich aufs Zuhören ein. Und dann so etwas!

Nein, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Järvi hat die Kissinger-Sommer-Besucher - in diesem Jahr übrigens auffallend viele Auswärtige - regelrecht überfallen und entwaffnet mit ihrem musikantischen Schwung, mit ihrer ganz offensichtlichen Spielfreude, mit ihrer Virtuosität und Präzision. Da wurde sofort deutlich, was Kammerorchester im Idealfall meint: kammermusikalisches Musizieren, bei dem jeder Verantwortung übernimmt, als hänge der Erfolg zu allererst von ihm ab, bei dem sich niemand hinter dem anderen versteckt. Lebendiger, mitreißender kann Musizieren nicht sein. Und es fällt schwer, seine Superlative nicht gleich zu Beginn des Festivals zu verbrauchen.

Auf gleicher Wellenlänge

Also zurück auf den Boden. Den Bremern eilt der Ruf voraus, man würde Schumann oder Brahms oder Beethoven völlig anders und neu hören, wenn sie deren Musik spielen. Das stimmt, und dafür gibt es auch ganz sachliche Gründe. Zum einen haben sich die Bremer 2008 für Paavo Järvi entschieden, weil der auf deren Wellenlänge liegt. Sie bräuchten ja eigentlich gar keinen Dirigenten, aber Paavo Järvi ist einer, der die Musik bis ins kleinste Detail analysiert und dann schaut, wie man diese Kleinteile so zusammensetzt, dass sie ein zusammenhängendes Ganzes ergeben, aber in diesem Ganzen sich behaupten. Oder anders gesagt: Wer die Bremer hört, hört auch die kleinste Melodielinie, hört plötzlich neue Zusammenhänge oder Begründungen für Entwicklungen, die bei anderen, auch guten Orchestern untergehen, weil die Dirigenten sie nicht erkennen oder sie ihnen nicht so wichtig sind - oder sie eher auf Gesamtklang als auf Struktur zielen. Ein erfreulicher Nebeneffekt war, dass Schumanns "kleine Sinfonie" bei diesem gestalterisch enormen Zugriff überraschend modern und heutig klang, auch wenn sie gleichzeitig ihren romantischen Impetus auslebte, stark auf intensive Dramatik zielte.
Der andere Grund: Die Streicher sind nicht so üppig besetzt wie bei den großen Orchestern, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts sich etablierten. Das macht den Klang weniger pastos, dafür durchhörbarer, greifbarer, klarer. Es geht nichts in der Masse unter.
Auf das 4. Violinkonzert von Henri Vieuxtemps durfte man gespannt sein - ein Werk, das noch nie beim Kissinger Sommer zu hören war. Es war schon deshalb interessant, weil Vieuxtemps wie sein Fast-Zeitgenosse Paganini als Virtuose gefeiert wurde. Aber es zeigte sich sehr schnell, dass er ein erheblich besserer Komponist als der Genues "Teufelsgeiger" war. Sein Konzert ist richtig schöne Musik, die zwar enorme Vituosität fordert, sie aber nicht schwitzend zur Schau stellt. Und die auch für das Orchester viel zu bieten hat.
Genau das Richtige für Hilary Hahn. Sie ging mit einer erstaunlichen Abgeklärtheit und Ruhe an die Arbeit. Technisch blitzsauber, gelang es ihr, in den drei schnellen Sätzen die Schwierigkeiten vergessen zu machen und statt dessen den musikalischen nach vorne zu holen. Dabei fand sie zu einem wunderbaren Zusammenspiel mit dem Orchester, das sich eine große, partnerschaftliche Selbstbewusstheit erlauben konnte. Der Effekt waren echte, nachvollziehbare Dialoge, die nicht im virtuosen Blendwerk untergingen, waren Ausbrüche des Orchesters, in denen sich die Solistin trotzdem behaupten konnte, ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Und zwar so komplex, dass am Ende des dritten Satzes plötzlich Applaus aufkam. Das kommt davon, wenn man den mit dem Impetus eines Finalsatzes spielt. Ein wunderschöner Kontrast dazu war der langsame Satz, wunderbar lyrisch gesungen in Dialogen der Solistin mit den Bläsern und Streichern, wobei jeder einmal den Vortritt hatte. Man spürte, dass da wirklich eine gemeinsame Erarbeitung dahinter stand.

Es geht auch ohne Stradivari
Was übrigens auch angenehm auffiel: Hilary Hahn spielt keine Stradivari, sondern eine wunderbare Violine, die der Pariser Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume 1864 gefertigt hat. Sie ist zwar der Nachbau einer Guarneri del Gesù, denn Vuillaume war ein Anhänger des Cremonenser Idealklangs - den übrigens auch nicht alle Stradivaris erreicht haben. Dafür hat er einen Klang erzielt, der vielleicht nicht so rund ist wie der italienische, aber absolut klar, wesentlich direkter und durchsetzungsfähig. Da kann man leichter bei einem Konzert wie dem von Vieuxtemps die Balance in Richtung Orchester verschieben, weil sich die Violine stärker behaupten kann.
Zwei Zugaben spielte Hilary Hahn aus den Sechs Sonaten und Partiten von Bach mit toller gestalterischer Übersicht: die E-dur-Gigue und die h-moll-Sarabande.
Ja und dann die von vielen wirklich erwartete 2. Sinfonie von Johannes Brahms. "Neu gehört" ist ein schwer zu fassender Begriff, "anders gehört" vielleicht treffender. Denn die Bremer spielten mit den routinierten Hörerwartungen, indem sie genau diese Routine ankratzten. Schon der Beginn klang keineswegs selbstsicher, sondern wie ein Hineintasten in die Musik mit kleinen Pausen des Nachdenkens und der Neuorientierung. Und sie machen die Sache spannend, wobei Paavo Järvi eigentlich nicht mehr viel zu tun hat: Sie zwingen zum Zuhören, weil sie tatsächlich ein paar Neuigkeiten zu sagen haben, etwa von der vorwärtstreibenden Kraft der plötzlich hörbaren Synkopen im ersten Satz. Oder von der Individualiserung und Aufwertung der einzelnen Stimmen, was ja genau das ist, was die Romantik will. So entstehen eine starke Emotionalisierung und größte Spannung. Wobei Paavo Järvi natürlich genau weiß, wie man die erzeugt: durch eine starke, aber sinnfällige Dynamik. Im letzten Satz hält er den Deckel so lange auf der Musik, bis sie gar nichts anderes mehr kann als in einem hymnischen Choral zu explodieren.
Zwei Ungarische Tänze von Brahms spielten die Bremer als Zugabe: raffinierte Küche, endlich mal mit scharfem Paprika gewürzt.

CRÍTICA: PAAVO JÄRVI DEBUTA EN LA TEMPORADA OPERÍSTICA DE LA SCALA CON 'DON GIOVANNI' DE MOZART

codalario.com
6.06.2017
Pablo Sánchez Quinteiro




Milán. 17-V-2017. La Scala. Don Giovanni, Mozart. Thomas Hampson, Tomasz Konieczny, Hanna Elisabeth Müller, Bernard Richter, Anett Fritsch, Luca Pisaroni, Giulia Semenzato, Mattia Olivieri. Dirección musical: Paavo Järvi. Dirección de escena: Robert Carsen.

El debut de Paavo Järvi en la temporada operística del Teatro de la Scala de Milán ha llegado de la mano del “dramma giocoso” mozartiano, Don Giovanni. Una estimulante pero a la vez exigente tarjeta de presentación, para la cual se recuperó la producción con la que Robert Carsen y Daniel Barenboim habían abierto la temporada 2011-12.

Se trata de una celebrada puesta en escena en la que una relativa economía de medios es compensada con una inventiva desbordante y con un planteamiento en el que se combina a la perfección el respeto al libreto original con una concepción decididamente moderna que llega en muchos momentos a agitar las conciencias de los espectadores.

Ya desde el mismísimo comienzo, en la propia obertura, el público queda atrapado con la aparición inesperada de un Don Giovanni burlón quien, con un simplemente movimiento de mano, provoca la caída del telón y la aparición de un inmenso espejo que introduce al espectador de forma distorsionada en el escenario. Este espectacular dispositivo hará su aparición en distintos momentos de la representación. Es unade las diversas argucias con las que un inspiradísimo Carsen consigue que la acción se desarrolle en diversos planos espacialesque siempre tienden a que la perspectiva del público se funday se confunda con lo que está sucediendo en escena.

En no pocos momentos la ópera se convierte en una obra de teatro dentro del propio teatro, transmutándose Don Giovanni en un director teatral que en primer plano y de espaldas al público sigue de forma socarrona -inevitablemente acompañado por una sensual doncella- la representación de sus propios engaños y desengaños. Asimismo, en múltiples ocasiones los cantantes se desplazan al propio patio de butacas, llegando a interactuardirectamente con el público. Todos estos aspectos se ven acentuados con un decorado en el que la arquitectura del teatro es proyectada hasta el infinito en una serie de tapices que se prolongan aprovechando toda la profundidad del escenario de tal forma que los límites entre la escena y las galerías del teatro se confunden, rompiéndose una vez más de forma clarividente, las barreras entre el espectador y la ficción.

Entre los continuos golpes de efecto de Carsen destaca la aparición de la estatua del Comendador en el segundo Acto en el palco de autoridades del teatro. Situando al dedo acusador del Comendador junto a los altos y “respetables” estamentos de la sociedad -esos mismos que indefectiblemente apadrinan la injusticia y la corrupción- uno no puede dejar de sentir la consabida apropiación del dolor de las víctimas que tan a menudo vemos en nuestros telediarios. A estas alturas de la representación, la moraleja de la ópera ya ha adquirido unos tintes nuevos para el público: ¿No será el burlador de Sevilla una llamativa cabeza de turco para una sociedad hipócrita? ¿Hasta qué punto las víctimas del conquistadorno son realmente suyas sino que lo son de sus propios afanes por satisfacer sus egos, sus deseos? Por si a alguno le quedaba alguna duda, la conclusión de la obra con un Don Giovanni resurgiendo del infierno, cigarrillo en boca, mientras cínicamente observa como sus supuestamente damnificados se hunden bajo las llamas del infierno resulta totalmente definitiva. Si tan sorprendente conclusión puede resultar impactante en algún lugar del mundo éste es precisamente el Teatro de la Scala. Un sacrosanto templo de la música que nosfascina por la opulencia y el lujo que por él desfila; no en vano estamos en la capital mundial de la imagen. Más de uno se debió remover incómodo en su butaca reflexionando sobre el triste final de tan respetados y respetables personajes ¡Qué milagrosa es música como la de Mozart, que doscientos años después de su composición puede mover y conmover las conciencias de una sociedad de una forma tan impactante y moderna!

Una representación tan arriesgada y combativa, sin duda requería de un Don Giovanni total, de un barítono casi utópico al que sólo un grande como Thomas Hampson puede en la actualidad acercarse. Sorprendente y a la vez significativo que este papel significase su debut en la Scala. Tanto por su voz -todavía a sus sesenta años abrumadora- como por su presencia seductora y sus habilidades escénicas, Hampson era la elección ideal. Cuesta creer que fuese el único miembro del reparto objeto de algún reparo desde la temida loggione, reticencia totalmente injustificada, pues si en algún momento su voz careció del impacto que se podría esperar, fue sin duda debido a las exigencias físicas de una actuación sobrehumana. Incluso para un cantante con su sempiterna energía vocalera inevitable verse en más de un momento con su respiración comprometida. Sería injusto destacar algún momento puntual de su noche. Únicamente citar como curiosidad su "Deh, vieni alla finestra" muy contenido en dinámica y muy enfático, pero con un fraseo y un timbre maravillosos.

Hampson se vio rodeado de un reparto constituido por cantantes que todavía no han alcanzado el renombre internacional pero que sin duda pronto estarán en boca de todos. Un elenco de lo más consistente, sin ningún eslabón débil en la cadena. Se trataba de una combinación perfecta de voces, mayoritariamente jóvenes y primorosas, todas ellas sin excepción con una refinada presencia escénica y unas aptitudes vocales de primera línea.

La Donna Anna de Elisabeth Müller fue un grato descubrimiento por su voz exuberante, plena de rebosante lirismo. Su “Non mi dir” fue una de las arias más celebradas de la noche por el dramatismo y la expresividad del recitativo previo y por su magnífica coloratura. Anett Fritschcomo Donna Elvira aportó las máximas dosis de intensidad. Su “Mi tradì, quell'alma ingrata” le permitió exhibir un instrumento ágil y una voz muy expresiva en todos los registros. La Zerlina de Giulia Semenzato aportó la dulzura que se espera en su personaje. Combinó a la perfección con un vigoroso Masetto de Mattia Olivieri.

La parte masculina del reparto contó igualmente con la sobresaliente participación de Luca Pisaroni. Fue un Leporello joven y resonante, con unas magníficas dotes teatrales. Brilló igualmente el Don Ottavio del suizo Bernard Richter. Con una voz fluida y potente, pero a la vez limpia y de hermoso timbre, Richter le aportó personalidad propia a un carácter habitualmente presentado de forma pusilánime. Finalmente, el comendador de Tomasz Konieczny, contribuyó a la magia de una memorable escena final con una voz muy potente y un timbre sobrecogedor.

Todos estos elementos comentados no hubiesen funcionado sin una dirección y una prestación orquestal de primerísima línea. El pedigrí mozartiano de Paavo Järvi se confirmó con una dirección que desde el foso mostró esas mismas cualidades que han hecho de él una referencia en la música orquestal: claridad y musicalidad. Gozó en la orquesta de La Scala de un instrumento memorable, con unas cuerdas incisivas y enérgicas –en ocasiones puntuales excesivas- y unas milagrosas maderas, sensuales hasta lo indecible -¡tan decisivas en la música de Mozart! Aunque el torbellino escénico de esta ópera apenas deja respiro para recrearse exclusivamente en la música, fue una delicia presenciar una construcción musical tan sublime, en la que Järvi concertó con una habilidad prodigiosa y sin necesidad de recurrir a retóricas gratuitas, todo tipo de crescendo y graduaciones dinámicas. Por citar sólo un ejemplo, la conclusión del Acto I hizo resaltar la escritura de Mozart de una forma pocas veces escuchada, poniéndola al lugar de su mejor música sinfónica.

En resumen, una producción inmaculada que sin duda merece formar parte de los grandes momentos de la historia musical de la Scala. Tanto por su altísima calidad musical y escénica, como por demostrarnos una vez más como la ópera y su mensaje siguen manteniendo inalterada su vigencia en pleno siglo XXI.