Die Portugiesin Maria João Pires gehört in diese Kategorie Künstler: uneitel, unspektakulär, dafür umso tiefer in der Musik verwurzelt.
Beinahe winzig wirkt die 70jährige neben Dirigent Paavo Järvi, als sie das Podium betritt. Ihre kurzen Finger scheinen auf dem Steinway gerade eine Oktave greifen zu können. Doch sobald Pires in Mozarts G-Dur-Klavierkonzert KV 453 eintaucht, zählt nur noch eines: die Musik an sich. Die Pianistin verschwindet im Werk, gestaltet ganz von innen heraus. Natürlich und gediegen klingt dieser Mozart. Järvi hält die Staatskapelle behutsam zurück, Pires' Kantilenen blühen in zeitlosen Farben.
Es ist ein Mozart ohne Operneffekte, ohne rhetorische Zuspitzungen, ohne derbe Späße. Solistin und Orchester lächeln sich wissend an. Mal abgeklärt, mal melancholisch. Erst im Finale beginnt die Staatskapelle zu scherzen. Pires dagegen bleibt gediegen bis zum letzten Ton. Langer, seriöser Publikumsapplaus hinterher. Tief und dankbar neigt sich die Portugiesin zu Boden. Als sie den Saal ohne Zugabe verlassen möchte, jubelt ihr das Publikum sicherheitshalber doch noch zu. Und es lohnt sich. Denn Pires stimmt Schumanns "Vogel als Prophet" aus den Waldszenen op. 82 an - entwaffnend klar und feinsinnig ausbalanciert.
Seltsam: In diesem Moment muten Schumann und Mozart wie Brüder im Geiste an. Eine Idee, die auf Järvi abzufärben scheint. Denn betont ausgewogen klingt Schumanns "Frühlingssinfonie" nach der Pause. Ohne scharfe Ecken und Kanten, doch nun mit einer gehörigen Portion Witz. Der estnische Pultstar federt und tänzelt, zügelt und reißt mit. Dies ist ein Schumann, der rundum von sich überzeugen will. Ein Schumann, der sich vor Publikum nicht mit grüblerischen Details aufhält - weil Järvi bereits über alles nachgedacht hat. Das Publikum kann begeistert genießen.