Friday, December 15, 2017

Die Ausgeruhten und die Standfeste

fr.de
Judith von Sternburg
8.12.2017




Paavo Järvi und Viktoria Mullova mit der Kammerphilharmonie Bremen in Frankfurt.

Das „Waldweben“ aus Richard Wagners „Siegfried“ separat zu präsentieren, ist beliebt, aber sonderbar. Das liegt nicht nur daran, dass sich die Musik in den Raum mogelt, und zwar erst recht, wenn Paavo Järvi dirigiert, ein Mann, der sich umdreht und anfängt in praktisch einer Bewegung. Es liegt auch daran, dass in der Oper für alle Beteiligten zehrende Ereignisse vorausgehen, die nun in einer Phase des Friedens und der Entspannung nachklingen, wohingegen ein Konzertpublikum am Anfang vielleicht in Schwung gebracht werden will.

Dazu sind Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen so ausgeruht und quick, dass das, was sonst mit letzter Kraft aus dem Graben säuselt und wabert, auf der Bühne der Alten Oper Frankfurt fast schon zu exakt auf den Punkt kommt. Es ist ein Phänomen, dass bei Wagner die Anstrengung der Akteure und ihre Überwindung durch übermenschliche Leistungen gerne zu hören sein darf.

Dafür passt der Anfang auf diese Weise gut zum zweiten Teil des Abends: Johannes Brahms’ 4. Sinfonie wird von Järvi wiederum dermaßen aus einem Guss geformt, in satz- und am Ende mehr als satzlangen Bögen, dass die Atmosphäre des Waldwebens nicht so weit weg zu sein scheint. Die Strukturen lösen sich so weit im Ganzen auf, von informeller Musik könnte man vor allem im 1. Satz sprechen, wenn es den Begriff gäbe. Järvis Umgang mit Brahms’ Musik ist dabei elegant und leicht. Eine wohltuende Beiläufigkeit begleitet das im Konzertsaal auch in diesen Monaten schon sehr häufig reproduzierte Geschehen. Mit der Kammerphilharmonie Bremen, die er seit 2004 leitet, ist Järvi so vertraut, dass manchmal einladende Gesten ausreichen, um die Dinge in die gewünschte Richtung zu lenken.

Im Mittelteil zeigt sich Sergej Prokofjews 2. Violinkonzert von anderer Sperrig- und Ruppigkeit, Musik aus einer im Jahr 1935 auch deutlich veränderten Welt. Viktoria Mullova, mit Notenpult und hochkonzentriert, ist eine wunderbare Solistin dafür, deren gediegene Ruhe, vorbildliche Haltung und unexaltierte Virtuosität die verwirrte Hörerin sicher durch die Untiefen des Werks steuern. Wo es im Mittelsatz süß werden könnte, wird es bei Mullova geheimnisvoll. Als Zugabe spielt sie ein Solostück ihres Sohnes Misha Mullov-Abbado, die Geigerin auch hierbei standfest in den Turbulenzen vertrackter Rhythmen.

http://www.fr.de/kultur/musik/alte-oper-die-ausgeruhten-und-die-standfeste-a-1403516

Paavo Järvi verewigt sich in der "Mall of Fame"

weser-kurier.de
Jonas Mielke
14.12.2017

London, Peking und Paris. Dirigent Paavo Järvi ist in Klassik-Metropolen auf der ganzen Welt zu Gast. Bremen, das ist seine "musikalische Heimat", sagt er. Hier ist er mit seinen in Bronze gegossenen Handabdrücken verewigt worden.



London, Peking und Paris. Dirigent Paavo Järvi ist in Klassik-Metropolen auf der ganzen Welt zu Gast. Bremen, das ist seine "musikalische Heimat", sagt er. Hier ist er mit seinen in Bronze gegossenen Handabdrücken in der Lloyd-Passage verewigt worden.

Jochem Hauser, ehrenamtlicher Vorsitzender der Lloyd-Passage würdigte, neben Järvis künstlerischer Bedeutung für die Hansestadt, vor allem sein Engagement in Osterholz-Tenever. In Bremens Stadtteil mit großen sozialen Herausforderungen engagieren sich die Weltklassemusiker der Deutschen Kammerphilharmonie mit dem Projekt "Zukunftslabor" und der einmal im Jahr stattfindenden Stadtteil-Oper. Dorthin soll auch die Spende über 1000 Euro der Lloyd-Passage in Paavo Järvis Namen gehen.

Seit 2004 ist Paavo Järvi künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen. "Hier sind die besten musikalischen Projekte entstanden, an denen ich in meiner Karriere beteiligt war", sagte Järvi, der im Dezember seinen 55. Geburtstag feiert. Zur Hansestadt hat der Chefdirigent ein ganz besonderes Verhältnis: "Wenn ich vom Flughafen, über die Brücke, in die Stadt fahre, dann fühle ich mich zu Hause", sagte Järvi.

Er leitet derzeit zudem das NHK Symphony Orchestra Tokio, hat bis zum Sommer 2016 das Orchestre de Paris dirigiert und ist Berater des Estonian National Symphony Orchestra. Sorgen um einen Abschied von Paavo Järvi aus Bremen müssen sich seine Fans nicht machen. Orchestermanager Albert Schmitt zufolge habe Järvi schon 2013 gesagt: "Die Deutsche Kammerphilharmonie hat mich, solange sie mich haben möchte."

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-paavo-jaervi-verewigt-sich-in-der-mall-of-fame-_arid,1679957.html

Paavo Järvi hat sich verewigt

nwzonline.de
Thomas Kuzaj
15.12.2017



Paavo Järvi ist künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen. Nun hat er sich in der Innenstadt verewigt.

BREMEN „Ich hoffe, dass es viele Leute genießen werden, über meine Finger zu spazieren.“ Seit Donnerstag sind die Handabdrücke des estnisch-amerikanischen Weltklasse-Dirigenten Paavo Järvi (54) in der Bremer Innenstadt „verewigt“ – auf einer Bronzeplatte in der „Mall of Fame“ der Lloyd-Passage.

Damit kann der Grammy-Gewinner, seit 2004 als künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie mit Bremen eng verbunden, von sich behaupten, so berühmt wie Claudio Pizarro, Hape Kerkeling und Sabine Postelzu sein. Oder wie der Astronaut Ulf Merbold, die Fußballlegenden Uwe Seelerund Max Lorenz sowie der Bremer Eiswettschneider.

Denn all diese „Promis“ sind ebenfalls mit Bronzeplatten in der „Mall of Fame“ auf dem Trottoir der Lloyd-Passage präsent. Oder besser: deren Handabdrücke. Auch Bandleader James Last, Kunst-Star James Rizzi und Showmaster Rudi Carrell haben hier ihre bronzenen Abdrücke hinterlassen. Und nun eben auch Järvi. Die Abdruckvorlage für die Bronzeplatte zu schaffen, das sei gar nicht so einfach, sondern eine besondere Herausforderung. So beschrieb es jedenfalls Jochem Hauser vom Vorstand der Passage. „Man muss fünf Minuten lang ruhig stehen, das ist anstrengend.“ Järvi hat es offenbar gern auf sich genommen. „Ich muss sagen, ich bin noch nie Teil von so etwas gewesen“, sagte er mit Blick auf die „Mall of Fame“. „Es ist eine große Ehre.“

Järvi freute sich zudem, dass die mit der Ehre verbundene 1000-Euro-Spende der Passage an das „Zukunftslabor“ der Deutschen Kammerphilharmonie geht. Das „Zukunftslabor“ ist die Zusammenarbeit des Orchesters mit der Gesamtschule Bremen-Ost in Osterholz-Tenever. Die Kammerphilharmonie hat ihr Probendomizil in der Schule. Die bundesweit gefeierten Projekte des „Zukunftslabors“ fördern Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil mit vielen sozialen Problemen und Konflikten.

Zurück in die Passage. In der „Mall of Fame“ werde mit Järvi eine „neue Kategorie“ eröffnet – der Dirigent nämlich ist der erste Vertreter der klassischen Musik in der Bremer Handabdruck-Sammlung. Der Musiker nahm seine Hände am Donnerstagmittag nicht zum Dirigieren, sondern um zu prüfen, ob der Bronzeabguss denn auch gelungen ist. Anschließend hatte die soeben enthüllte Platte ihren Test bestanden. Denn Järvi verkündete: „Es passt.“

Die besten Brahms-Versteher kommen aus Bremen

abendblatt.de
Joachim Mischke
14.12.2017

Paavo Järvi mit Deutscher Kammerphilharmoniein der Elbphilharmonie

Hamburg. Es war einmal ein Konzertsaal in Hamburg, da trat ein bemerkenswertes Orchester aus Bremen auf – und so gut wie niemand wollte es dort hören, obwohl es schon damals Beachtliches leistete. Dieses unverdiente Trauerspiel im Großen Saal der Musikhalle ­endete schnell. Das war 1994, als kulturelle Basisarbeit es gegen viele Widerstände noch sehr schwer hatte in dieser Stadt. Jetzt, Elbphilharmonie, Großer Saal, die 2017er-Version des gleichen ­Orchesters, das seit einigen Jahren Stammgast in Hamburg ist und im neuen Konzerthaus erstmals mit seinem Künstlerischen Leiter gastierte, und ­natürlich war das Konzert nun verdient voll. Die aktuelle Ironie dieses Kapitels aus der jüngeren hiesigen Musikgeschichte: Nachdem in den vergangenen Wochen sowohl Philharmoniker als auch Symphoniker mit Brahms' Zweiter ihre Interpretationssichten auf dessen Standard-Repertoire vorstellten und entweder die Tradition betonten oder den ­Effekt, hinterließ ausgerechnet das Orchester aus einer anderen Hansestadt mit der Vierten den nachhaltigsten und stärksten Brahmsversteher-Eindruck.

Auch Geigerin Viktoria Mullova war ein Hörgenuss

Dabei macht Paavo Järvi bei der ­Beschäftigung mit diesem Komponisten letztlich nur dort weiter, wo andere gern schnell die glättende Konvention walten lassen: kleine Besetzung, große Wirkung, knackig geschärfte Kontraste, ein sehr unsentimentales, sehr leidenschaftspralles ­Herangehen an die Materie, und immer eine enorme Transparenz in den Details. Beethovens Sinfonien wurden genau so von den Bremern noch weiter radikalisiert, Schumanns Weltschmerzen pfleglich unter die Lupe gelegt. Bei diesem Brahms à la Bremen war schon der Einstieg toll, und der Rest blieb dieser Linie treu: Wohlig weich und dennoch willensstark legte sich das Tutti ins erste Thema, machte es sich im Eleganten ­bequem und achtete doch sehr ­darauf, keine Energie unnötig zu verschwenden. Alles floss, nichts zerfloss, nichts verklumpte, die Holzbläser und die Hörner konnten ihre heiklen Soli barrierefrei ausreizen. Und da dieses ­Orchester nicht für ausufernde Besetzungsgrößen ­bekannt ist, hatte Järvi beim kammermusikalischen Umgang vier dynamisch klug gestaltete Sätze lang leichtes, sehniges Spiel.

Kontrastprogramm zum Beginn war Wagners "Waldweben", ein Stückchen umgeschmiedeter "Ring" aus dem "Siegfried", bei dem man buchstäblich jeden Ast, ­jedes Lindenblatt hören statt nur ahnen konnte. Die klärende Saal-Akustik machte es möglich, die Kammerphilharmonie hatte die Nervenstärke dafür. Und mit Viktoria Mullova die passgenaue Solistin für das g-Moll-Violinkonzert von Prokofiev – keine brave Virtuosin, keine Musterschülerin, die die Motorik abfertigt und darauf achtet, Klangschönheit für wichtiger zu halten als gestalterische Eigenwilligkeiten. Den ersten und den dritten Satz spielte sie so feinmotorisch uneitel, wie sie gespielt gehören. Den Mittelsatz verzauberte Mullova mit zartbitterer Anmut in einen Schneeprinzesschen-Walzer, geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Coolness und Kühle tänzelnd.

Aktuelle CD
: "Brahms Sinfonie Nr. 2 / Tragische Ouvertüre / Akademische Festouvertüre" (RCA). Konzerte: 7.2. Laeiszhalle: Haydns "Jahreszeiten", 13./14.4., Elbphilharmonie: Schubert, u. a. mit Matthias Goerne

https://www.abendblatt.de/kultur-live/article212849479/Die-besten-Brahms-Versteher-kommen-aus-Bremen.html

Kammerphilharmonie-Dirigent Paavo Järvi in „Mall of Fame“ aufgenommen

kreiszeitung.de
Thomas Kuzaj
14.12.2017



„Ich hoffe, dass es viele Leute genießen werden, über meine Finger zu spazieren.“ Seit Donnerstag sind die Handabdrücke des estnisch-amerikanischen Weltklasse-Dirigenten Paavo Järvi (54) in der Bremer Innenstadt „verewigt“ – auf einer Bronzeplatte in der „Mall of Fame“ der Lloyd-Passage.

Damit kann der Grammy-Gewinner, seit 2004 als künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie mit Bremen eng verbunden, von sich behaupten, so berühmt wie Claudio Pizarro, Hape Kerkeling und Sabine Postel zu sein. Oder wie der Astronaut Ulf Merbold, die Fußballlegenden Uwe Seeler und Max Lorenz und der Bremer Eiswettschneider.

„Es ist eine große Ehre“

Und nun eben auch Paavo Järvi. Die Abdruckvorlage für die Bronzeplatte zu schaffen, das sei gar nicht so einfach, sondern eine besondere Herausforderung. So beschrieb es jedenfalls Jochem Hauser vom Vorstand der Passage. „Man muss fünf Minuten lang ruhig stehen, das ist anstrengend.“ Paavo Järvi hat es offenbar gern auf sich genommen. „Ich muss sagen, ich bin noch nie Teil von so etwas gewesen“, sagte er mit Blick auf die „Mall of Fame“. „Es ist eine große Ehre.“

Järvi freute sich zudem, dass die mit der Ehre verbundene 1.000-Euro-Spende der Passage an das „Zukunftslabor“ der Deutschen Kammerphilharmonie geht. Das „Zukunftslabor“ ist die Zusammenarbeit des Orchesters mit der Gesamtschule Bremen-Ost in Osterholz-Tenever. Die Kammerphilharmonie hat ihr Probendomizil in der Schule. Die bundesweit gefeierten Projekte des „Zukunftslabors“ fördern Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil mit vielen sozialen Problemen und Konflikten.

Platte hat Überprüfung bestanden

Zurück in die Passage. In der „Mall of Fame“ werde mit Järvi eine „neue Kategorie“ eröffnet – der Dirigent nämlich ist der erste Vertreter der klassischen Musik in der Bremer Handabdruck-Sammlung. Der Musiker nahm seine Hände am Donnerstagmittag nicht zum Dirigieren, sondern um zu prüfen, ob der Bronzeabguss denn auch gelungen ist. Anschließend hatte die soeben enthüllte Platte ihren Test bestanden. Denn Järvi verkündete: „Es passt.“

Wednesday, December 13, 2017

Familenbande

rondomagazine.de
Regine Müller
Ausgabe 6/2017

Mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen entschlackt der Dirigent seit über zehn Jahren das klassisch-romantische Kernrepertoire. Und das auf Augenhöhe mit den Musikern.

Paavo Järvi probt Beethovens Achte für eine bevorstehende China-Tour. Im Probensaal, der in der Gesamtschule Bremen-Ost untergebracht ist, klingt es direkt und sehr ungnädig, denn man hört alles. Die Musiker wirken angriffslustig und sitzen auf der Stuhlkante. Hier ruht sich niemand aus auf den Lorbeeren der legendären Gesamteinspielung, die als Sensation gefeiert wurde und 2010 prompt einen ECHO kassierte. Soeben ist das erste Album eines geplanten Brahms-Zyklus erschienen, den man mit der 2. Sinfonie eröffnet. Und wieder, auch hier, gelingt dem Dream-Team eine gründliche Durchlüftung des Bekannten. Nach der Probe bittet Järvi um eine kurze Pause, bevor das Interview beginnt.

RONDO: Was haben Sie mit der Deutschen Kammerphilharmonie entwickelt, seit Sie 2004 die künstlerische Leitung übernommen haben?

Paavo Järvi: Nicht ich habe – wir haben uns gemeinsam entwickelt. Und einiges verändert. Man könnte sagen, wir starteten als Kinder und nun, nach fast 20 Jahren, sind wir keine Kinder mehr. Diese enorme Menge an Reisen, Konzerten und Proben, das war ein langer Prozess, der eben auch Zeit braucht. Das ist ganz wichtig, um das Repertoire immer wieder zu überdenken, zu proben, aufzuführen, und es wieder zur Seite zu legen. Und nun erneut den Beethoven- Zyklus zu machen, ist sehr spannend, denn viele der Musiker sind neu im Orchester! Manche Prioritäten ändern sich.

RONDO: Können Sie den besonderen Geist dieses Orchesters beschreiben?

Järvi: Der Geist verdankt sich ganz wesentlich der Struktur des Orchesters. Denn die Musiker verwalten sich selbst, sie sind selbst Eigentümer, Shareholder des Orchesters. Für jeden Musiker ist das Orchester daher eine sehr persönliche Sache. Sie sind eben nicht angestellt. Der Erfolg des Ensembles ist ganz eng verknüpft mit ihrem persönlichen Erfolg. Das ist der Grund für diese besonders engagierte, andere Haltung, die sich auch in der Art zu spielen ausdrückt. Sie haben immer Lust auf die Proben. Manchmal arbeiten sie sehr hart und sind vielleicht ein bisschen müde, aber es ist ihre Nr. 1- Priorität, hier zu spielen, und das spürt man.

RONDO: Man fühlt die Freude bei der Probe!

Järvi: Ja, es ist eine spezielle Energie. Sie schonen sich einfach nie!

RONDO: Sie spielen keine historischen Instrumente, aber sie wissen um die historische Aufführungspraxis?

Järvi: Das ist genau das, was ich so schätze. Denn historische Instrumente zu spielen, ist schön und gut, aber es ist gar nicht nötig, wenn man die Konventionen der historischen Aufführungspraktik kennt. Die Bremer Musiker beherrschen das alles, sie haben sehr nahe dran an der Aufführungspraxis angefangen. Und nun expandieren wir gemeinsam mit diesen Kenntnissen in Bereiche des romantischen Repertoires wie Brahms und Schumann.

RONDO: Was halten Sie von dem Non Vibrato-Diktum?

Järvi: Ich denke, das ist eine Fehlkonzeption der Fanatiker. Vibrato wurde früher sehr wohl gelegentlich eingesetzt, um die Farbe und den Klang zu verändern. Nicht als Routine, so wie heute. Aber es kommt einfach sehr auf die musikalischen Notwendigkeiten des Moments an.

RONDO: Ab 2019 sind Sie Chef des Züricher Tonhalle- Orchesters. Wird das Orchester dann Ihre neue Nummer 1?

Järvi: Ich kann das gar nicht in diesem Lichte betrachten. Denn das hier ist meine Familie. Wir sind so lange Zeit zusammen, dieses besondere Orchester ist ein wichtiger Teil meines musikalischen Lebens. Ich möchte nicht missverstanden werden, wenn ich es so formuliere: Wenn man zwei Kinder hat, kann man doch nicht sagen, welches wichtiger wäre?

RONDO: Warum sind Sie hier mit dem Probenzentrum ausgerechnet am Ende der Welt, so weit vom Zentrum Bremens angesiedelt?

Järvi: Das ist kein Zufall, sondern ein ganz wichtiger Aspekt, denn die Musiker sind sehr engagiert in Sachen Education und Integration. Wenn ich komme, sitzen manchmal ganze Klassen in den Proben. Aber nicht im Saal, sondern im Orchester, neben den Musikern! Das ist ein Teil der pädagogischen Projekte, die das Orchester sehr ernsthaft betreibt.

RONDO: Wie würden Sie das Kernrepertoire des Orchesters umreißen?

Järvi: Das Kernrepertoire ist das klassische und frühromantische Repertoire. Wenn wir auf die Entstehungszeit des Orchesters zurückblicken, dann war da viel Haydn, auch Bach. Seit ich kam, und nachdem wir den Beethoven-Zyklus eingespielt hatten, lag der Akzent zunächst bei Schumann. Und nach Schumann kommt nun Brahms. Meine Hoffnung ist, dass wir weitermachen mit Schubert. Das ist genau das richtige Repertoire für die Besetzungsgröße und den Zuschnitt des Orchesters.

RONDO: Mit der neuen Brahms-Einspielung ist wieder ein Wurf gelungen, der das Zeug zur Referenz- Aufnahme hat. Ist die Revision des Brahms-Bildes das Ziel?

Järvi: Ich bin sehr stolz darauf, es ist ein großes Projekt, denn die Musiker hatten sich vorher nie mit Brahms beschäftigt, bislang ist Brahms den großen Orchestern vorbehalten. Dabei hatte Brahms nie mehr als 40 Leute im Orchester! Daran müssten die Leute erinnert zurückbliwerden. Wir sind gewöhnt an die Post-Wagner- Brahms-Auffassung, ich selbst bin so groß geworden, mit den Aufnahmen von Furtwängler und Karajan. Ich glaube, wir machen das nun in der angemesseneren Weise. Aber es gibt kein richtig und falsch.

RONDO: Brahms klingt in Ihrer Einspielung ungewohnt rhetorisch?

Järvi: Rhetorik! Genau das versuchen wir, und der agogische Impuls ist ganz generell unser Motor.


Alle für einen


Die Bremer Kammerphilharmonie ist als Privatgesellschaft organisiert und verwaltet sich selbst. Alle Entscheidungen bezüglich Programm, Besetzungen und Einspielungen treffen die Musiker. Relativ selbstbestimmt und unabhängig sind diese auch in Sachen Finanzierung, denn anders als die meisten großen Orchester sind sie nur zu einem kleinen Teil abhängig von öffentlicher Subventionierung. Mehr als 70 Prozent des Jahresbudgets von 6,5 Millionen Euro erwirtschaftet das Ensemble durch Konzerte und Einspielungen, den Rest steuern private Geldgeber und staatliche Förderung bei. Die Unabhängigkeit sorgt für flache Hierarchien: Auch ihren Dirigenten begegnen die Musiker auf Augenhöhe.

Sunday, December 10, 2017

Eyes east: the next wave of classical talent will come from the Baltic States

rhinegold.co.uk
Andrew Mellor
8.12.2017




On 6 December, Finland will remember the day a century ago when it gained independence from Russia, thanks to its own political sleight of hand and Lenin’s mistaken belief that he had the country in his pocket. It came after years of dissatisfaction and a final series of humiliations for the Finnish people that induced countless enduring works of art.

History repeated itself across the Baltic Sea in the 1990s. The Baltic States of Estonia, Latvia and Lithuania spotted their chance and took it, literally singing their way to freedom from the USSR towards new futures that looked very bright indeed. These small, nimble countries have been among the quickest to emerge from the financial crisis and are now on the ascendant once more. Putin, feeling a little like Lenin must have as Finland forged ahead in the 1940s and 1950s, doesn’t like it one bit.

What does all this have to do with the UK classical music industry? Quite a bit, potentially. The good folk of Birmingham have recently welcomed the third Baltic chief conductor in a row to the CBSO. But it’s notable that while Sakari Oramo was a product of Finland’s phenomenal and continuing harvest of exceptional conductors, Andris Nelsons and Mirga Gražinytė-Tyla have seen the focus move south across the Baltic to Latvia and Lithuania. There is every reason to believe that the trend will continue, and with a crescendo.



Are the Baltic States, in fact, the new Finland? ‘In a way, yes they are,’ replied one high-profile conductor when I put that question to him recently. But he’s biased: he’s Estonian. Still, Paavo Järvi is well placed to make such a call. With the Järvi Academy, he is directly involved in nurturing a new crop of conductors from the region. His father Neeme has just returned to Estonia as a national hero, taking charge of the National Symphony Orchestra following his stint at the Orchestre de la Suisse Romande, promising to dedicate the rest of his life to his homeland and demanding investment in Estonian musical infrastructure.

So far, so speculative. But on the ground in Latvia and Estonia, things get a bit more real. Participatory classical music at a decent level remains a central part of life here. It is common to see exceptional young musicians busking on the streets of Riga and Tallinn, sometimes whole quartets. Start-up ensembles such as Sinfonietta Riga have the nimble vitality of their tech equivalents (the Baltic states brought you Skype and TransferWise) and sound extremely good, too.

Another such ensemble is Kristjan Järvi’s Baltic Sea Philharmonic. Yet another is Paavo Järvi’s Estonian Festival Orchestra, which combines the Lucerne model of ramming an orchestra full of fully-fledged European concertmasters and section principals (eight, in the case of the strings of the EFO alone) with a policy of giving young Estonian instrumentalists the chance to play alongside their more experienced counterparts and make contacts in the wider orchestral world.

More than anything, those musicians get the chance to break free both musically and geographically. ‘We have some players who have the potential of becoming truly great,’ says Järvi of the Estonian members of the EFO. I can well believe him. Following his orchestra through Latvia and Estonia earlier this year, it became clear that the ensemble is capable of the electricity and spontaneity associated with its forbear in Lucerne. Those lucky enough to hear the orchestra live over the summer experienced something else in addition: a form of fanfare from young and exceptionally talented Baltic musicians introducing themselves to the world.

Among the international members of the EFO is the British clarinettist Matthew Hunt. ‘The Baltic States are young countries, free from the shackles of the Soviet Union, and you feel that hunger and national pride in how their musicians play,’ he told me. ‘They go out, absorb what they can from elsewhere, and there’s no complacency at all.’ Perhaps what we were actually hearing from this orchestra – and will again as it embarks on a European tour in January – is the realisation from its young Baltic members that just as music offered them collective freedom in the 1990s, it has the potential to transform their lives all over again.

Paavo Järvi à l’Orchestre de Paris : retour d’un père fondateur en chef prodigue

bachtrack.com
Tristan Labouret
1.12.2017

Paavo Järvi occupe une place à part dans l’histoire de l’Orchestre de Paris. Sous le mandat du maître estonien, directeur musical entre 2010 et 2016, l’orchestre a changé de dimension à plus d’un titre, quittant notamment les murs froids d’une salle Pleyel artificiellement rajeunie pour la chaleur d’une Philharmonie vierge de toute note. L’acoustique du nouveau temple parisien de la musique symphonique était alors encore à façonner (la disposition de nombreux appendices architecturaux n’était pas arrêtée) et Järvi fut davantage qu’un témoin, un véritable acteur du processus de construction : à la tête de l’Orchestre de Paris, il prit part aux derniers essais qui contribuèrent, en retour, à sculpter l’identité sonore de la formation symphonique dans son nouvel antre.





Cette semaine, l’Orchestre de Paris n’accueillait donc pas seulement un chef invité : il retrouvait un père fondateur. L’osmose opère dès les premières notes du Concerto pour violon de Sibelius, comme si les musiciens et leur ex-directeur musical n’avaient jamais cessé de jouer ensemble. L’Orchestre de Paris réagit avec un naturel presque déconcertant aux moindres gestes de Järvi. Une légère impulsion du bout des doigts suffit à déclencher un pianissimo frissonnant chez les violons, auxquels répondent bientôt des contrechants chaleureux dans les bois, enrobés par la justesse des cors : quel modèle d’accompagnement orchestral ! On en vient à envier la soliste, Akiko Suwanai, d’évoluer avec de tels partenaires, dans un genre où il n’est pas rare de voir des phalanges réputées faire preuve de négligence. Très solide rythmiquement, la violoniste s’intègre parfaitement au flux symphonique et déploie un jeu concentré, intelligemment phrasé et d’une grande clarté d’élocution. Son style violonistique n’est toutefois pas exempt d’une tension intérieure qui trouble régulièrement la limpidité du discours musical : le vibrato se raidit dans un thème lyrique trop métronomique, la force excessive de l’archet empêche les doubles cordes de respirer… Harmonieux mais froid, le bis résumera l’impression laissée par Suwanai : dans l’Andante de la Sonate n° 2 de Bach, le dessin soigné de la mélodie ne s’épanouira pas totalement, contrecarré par une pulsation rigide.

Ce n’est pas faire injure au concerto de Sibelius que de constater que, ce soir, il a une allure de hors-d’œuvre avant le redoutable (et tant attendu) plat de résistance : la Symphonie n° 7 de Chostakovitch, que Järvi fut le premier à introduire au répertoire de l’Orchestre de Paris voici maintenant dix ans. On pourra s’interroger sur la pertinence de la programmation : était-il absolument nécessaire d’introduire cette œuvre colossale par un concerto ? Malgré l’endurance irréprochable de l’orchestre et de son chef estonien, on frôlera l’indigestion à la fin du dernier mouvement.



Cette réserve ne doit pas porter ombrage à la qualité de l’interprétation. Osons d’ailleurs un avis sans concession qui s’est imposé à nos oreilles d’un bout à l’autre du concert : personne d’autre que Järvi ne parvient à faire sonner l’Orchestre de Paris à un tel niveau d’excellence. Ce soir, l’orchestre offre un exemple admirable d’équilibre entre conscience collective et expression individuelle : avec des vitesses d’archet remarquablement synchronisées, les cordes font preuve d’une homogénéité comme on en voit rarement dans les orchestres français, tandis que l’ensemble des nombreux solos est à saluer sans exception, de la souplesse grave de la clarinette basse à la pureté légère du piccolo, révélation de la soirée.

Remarquable diplomate, Järvi sait exactement comment solliciter (ou non) ses musiciens, laissant fleurir les solos sans les encadrer d’une battue inutile, faisant éclater les tutti en embrassant compulsivement l’orchestre tout entier, envoyant une pichenette fugace aux contrebasses pour assurer un pizzicato. Le maestro brille dans sa gestion des dynamiques qu’il amène à des extrémités insoupçonnées : connaissant mieux que quiconque l’acoustique de la Philharmonie et ses limites, il pousse au bord du vide sonore l’orchestre qui accepte l’énormité du risque avec confiance. C’est face au gouffre que l’œuvre de Chostakovitch révèle toute sa dramaturgie et, pour le spectateur, c’est vertigineux : happé par cette interprétation de l’extrême, le public offrira une symphonie de toux cathartique à la fin du premier mouvement, nécessaire pour se remettre de la tension d’un crescendo orchestral mené de main de maître.

L’œuvre est longue, extrêmement difficile à réaliser tant son chant semble tituber sur le fil d’un phrasé interminable, mais Järvi enroule les mélodies autour de sa baguette et la concentration déterminée de l’orchestre fait le reste. Au bout de plus d'une heure de sensations fortes conclues par un tutti cataclysmique, c’est une Philharmonie conquise qui ovationne les interprètes. Maître Järvi, vous serez toujours ici chez vous.