Friday, December 15, 2017

Die Ausgeruhten und die Standfeste

fr.de
Judith von Sternburg
8.12.2017




Paavo Järvi und Viktoria Mullova mit der Kammerphilharmonie Bremen in Frankfurt.

Das „Waldweben“ aus Richard Wagners „Siegfried“ separat zu präsentieren, ist beliebt, aber sonderbar. Das liegt nicht nur daran, dass sich die Musik in den Raum mogelt, und zwar erst recht, wenn Paavo Järvi dirigiert, ein Mann, der sich umdreht und anfängt in praktisch einer Bewegung. Es liegt auch daran, dass in der Oper für alle Beteiligten zehrende Ereignisse vorausgehen, die nun in einer Phase des Friedens und der Entspannung nachklingen, wohingegen ein Konzertpublikum am Anfang vielleicht in Schwung gebracht werden will.

Dazu sind Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen so ausgeruht und quick, dass das, was sonst mit letzter Kraft aus dem Graben säuselt und wabert, auf der Bühne der Alten Oper Frankfurt fast schon zu exakt auf den Punkt kommt. Es ist ein Phänomen, dass bei Wagner die Anstrengung der Akteure und ihre Überwindung durch übermenschliche Leistungen gerne zu hören sein darf.

Dafür passt der Anfang auf diese Weise gut zum zweiten Teil des Abends: Johannes Brahms’ 4. Sinfonie wird von Järvi wiederum dermaßen aus einem Guss geformt, in satz- und am Ende mehr als satzlangen Bögen, dass die Atmosphäre des Waldwebens nicht so weit weg zu sein scheint. Die Strukturen lösen sich so weit im Ganzen auf, von informeller Musik könnte man vor allem im 1. Satz sprechen, wenn es den Begriff gäbe. Järvis Umgang mit Brahms’ Musik ist dabei elegant und leicht. Eine wohltuende Beiläufigkeit begleitet das im Konzertsaal auch in diesen Monaten schon sehr häufig reproduzierte Geschehen. Mit der Kammerphilharmonie Bremen, die er seit 2004 leitet, ist Järvi so vertraut, dass manchmal einladende Gesten ausreichen, um die Dinge in die gewünschte Richtung zu lenken.

Im Mittelteil zeigt sich Sergej Prokofjews 2. Violinkonzert von anderer Sperrig- und Ruppigkeit, Musik aus einer im Jahr 1935 auch deutlich veränderten Welt. Viktoria Mullova, mit Notenpult und hochkonzentriert, ist eine wunderbare Solistin dafür, deren gediegene Ruhe, vorbildliche Haltung und unexaltierte Virtuosität die verwirrte Hörerin sicher durch die Untiefen des Werks steuern. Wo es im Mittelsatz süß werden könnte, wird es bei Mullova geheimnisvoll. Als Zugabe spielt sie ein Solostück ihres Sohnes Misha Mullov-Abbado, die Geigerin auch hierbei standfest in den Turbulenzen vertrackter Rhythmen.

http://www.fr.de/kultur/musik/alte-oper-die-ausgeruhten-und-die-standfeste-a-1403516

Paavo Järvi verewigt sich in der "Mall of Fame"

weser-kurier.de
Jonas Mielke
14.12.2017

London, Peking und Paris. Dirigent Paavo Järvi ist in Klassik-Metropolen auf der ganzen Welt zu Gast. Bremen, das ist seine "musikalische Heimat", sagt er. Hier ist er mit seinen in Bronze gegossenen Handabdrücken verewigt worden.



London, Peking und Paris. Dirigent Paavo Järvi ist in Klassik-Metropolen auf der ganzen Welt zu Gast. Bremen, das ist seine "musikalische Heimat", sagt er. Hier ist er mit seinen in Bronze gegossenen Handabdrücken in der Lloyd-Passage verewigt worden.

Jochem Hauser, ehrenamtlicher Vorsitzender der Lloyd-Passage würdigte, neben Järvis künstlerischer Bedeutung für die Hansestadt, vor allem sein Engagement in Osterholz-Tenever. In Bremens Stadtteil mit großen sozialen Herausforderungen engagieren sich die Weltklassemusiker der Deutschen Kammerphilharmonie mit dem Projekt "Zukunftslabor" und der einmal im Jahr stattfindenden Stadtteil-Oper. Dorthin soll auch die Spende über 1000 Euro der Lloyd-Passage in Paavo Järvis Namen gehen.

Seit 2004 ist Paavo Järvi künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen. "Hier sind die besten musikalischen Projekte entstanden, an denen ich in meiner Karriere beteiligt war", sagte Järvi, der im Dezember seinen 55. Geburtstag feiert. Zur Hansestadt hat der Chefdirigent ein ganz besonderes Verhältnis: "Wenn ich vom Flughafen, über die Brücke, in die Stadt fahre, dann fühle ich mich zu Hause", sagte Järvi.

Er leitet derzeit zudem das NHK Symphony Orchestra Tokio, hat bis zum Sommer 2016 das Orchestre de Paris dirigiert und ist Berater des Estonian National Symphony Orchestra. Sorgen um einen Abschied von Paavo Järvi aus Bremen müssen sich seine Fans nicht machen. Orchestermanager Albert Schmitt zufolge habe Järvi schon 2013 gesagt: "Die Deutsche Kammerphilharmonie hat mich, solange sie mich haben möchte."

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-paavo-jaervi-verewigt-sich-in-der-mall-of-fame-_arid,1679957.html

Paavo Järvi hat sich verewigt

nwzonline.de
Thomas Kuzaj
15.12.2017



Paavo Järvi ist künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen. Nun hat er sich in der Innenstadt verewigt.

BREMEN „Ich hoffe, dass es viele Leute genießen werden, über meine Finger zu spazieren.“ Seit Donnerstag sind die Handabdrücke des estnisch-amerikanischen Weltklasse-Dirigenten Paavo Järvi (54) in der Bremer Innenstadt „verewigt“ – auf einer Bronzeplatte in der „Mall of Fame“ der Lloyd-Passage.

Damit kann der Grammy-Gewinner, seit 2004 als künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie mit Bremen eng verbunden, von sich behaupten, so berühmt wie Claudio Pizarro, Hape Kerkeling und Sabine Postelzu sein. Oder wie der Astronaut Ulf Merbold, die Fußballlegenden Uwe Seelerund Max Lorenz sowie der Bremer Eiswettschneider.

Denn all diese „Promis“ sind ebenfalls mit Bronzeplatten in der „Mall of Fame“ auf dem Trottoir der Lloyd-Passage präsent. Oder besser: deren Handabdrücke. Auch Bandleader James Last, Kunst-Star James Rizzi und Showmaster Rudi Carrell haben hier ihre bronzenen Abdrücke hinterlassen. Und nun eben auch Järvi. Die Abdruckvorlage für die Bronzeplatte zu schaffen, das sei gar nicht so einfach, sondern eine besondere Herausforderung. So beschrieb es jedenfalls Jochem Hauser vom Vorstand der Passage. „Man muss fünf Minuten lang ruhig stehen, das ist anstrengend.“ Järvi hat es offenbar gern auf sich genommen. „Ich muss sagen, ich bin noch nie Teil von so etwas gewesen“, sagte er mit Blick auf die „Mall of Fame“. „Es ist eine große Ehre.“

Järvi freute sich zudem, dass die mit der Ehre verbundene 1000-Euro-Spende der Passage an das „Zukunftslabor“ der Deutschen Kammerphilharmonie geht. Das „Zukunftslabor“ ist die Zusammenarbeit des Orchesters mit der Gesamtschule Bremen-Ost in Osterholz-Tenever. Die Kammerphilharmonie hat ihr Probendomizil in der Schule. Die bundesweit gefeierten Projekte des „Zukunftslabors“ fördern Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil mit vielen sozialen Problemen und Konflikten.

Zurück in die Passage. In der „Mall of Fame“ werde mit Järvi eine „neue Kategorie“ eröffnet – der Dirigent nämlich ist der erste Vertreter der klassischen Musik in der Bremer Handabdruck-Sammlung. Der Musiker nahm seine Hände am Donnerstagmittag nicht zum Dirigieren, sondern um zu prüfen, ob der Bronzeabguss denn auch gelungen ist. Anschließend hatte die soeben enthüllte Platte ihren Test bestanden. Denn Järvi verkündete: „Es passt.“

Die besten Brahms-Versteher kommen aus Bremen

abendblatt.de
Joachim Mischke
14.12.2017

Paavo Järvi mit Deutscher Kammerphilharmoniein der Elbphilharmonie

Hamburg. Es war einmal ein Konzertsaal in Hamburg, da trat ein bemerkenswertes Orchester aus Bremen auf – und so gut wie niemand wollte es dort hören, obwohl es schon damals Beachtliches leistete. Dieses unverdiente Trauerspiel im Großen Saal der Musikhalle ­endete schnell. Das war 1994, als kulturelle Basisarbeit es gegen viele Widerstände noch sehr schwer hatte in dieser Stadt. Jetzt, Elbphilharmonie, Großer Saal, die 2017er-Version des gleichen ­Orchesters, das seit einigen Jahren Stammgast in Hamburg ist und im neuen Konzerthaus erstmals mit seinem Künstlerischen Leiter gastierte, und ­natürlich war das Konzert nun verdient voll. Die aktuelle Ironie dieses Kapitels aus der jüngeren hiesigen Musikgeschichte: Nachdem in den vergangenen Wochen sowohl Philharmoniker als auch Symphoniker mit Brahms' Zweiter ihre Interpretationssichten auf dessen Standard-Repertoire vorstellten und entweder die Tradition betonten oder den ­Effekt, hinterließ ausgerechnet das Orchester aus einer anderen Hansestadt mit der Vierten den nachhaltigsten und stärksten Brahmsversteher-Eindruck.

Auch Geigerin Viktoria Mullova war ein Hörgenuss

Dabei macht Paavo Järvi bei der ­Beschäftigung mit diesem Komponisten letztlich nur dort weiter, wo andere gern schnell die glättende Konvention walten lassen: kleine Besetzung, große Wirkung, knackig geschärfte Kontraste, ein sehr unsentimentales, sehr leidenschaftspralles ­Herangehen an die Materie, und immer eine enorme Transparenz in den Details. Beethovens Sinfonien wurden genau so von den Bremern noch weiter radikalisiert, Schumanns Weltschmerzen pfleglich unter die Lupe gelegt. Bei diesem Brahms à la Bremen war schon der Einstieg toll, und der Rest blieb dieser Linie treu: Wohlig weich und dennoch willensstark legte sich das Tutti ins erste Thema, machte es sich im Eleganten ­bequem und achtete doch sehr ­darauf, keine Energie unnötig zu verschwenden. Alles floss, nichts zerfloss, nichts verklumpte, die Holzbläser und die Hörner konnten ihre heiklen Soli barrierefrei ausreizen. Und da dieses ­Orchester nicht für ausufernde Besetzungsgrößen ­bekannt ist, hatte Järvi beim kammermusikalischen Umgang vier dynamisch klug gestaltete Sätze lang leichtes, sehniges Spiel.

Kontrastprogramm zum Beginn war Wagners "Waldweben", ein Stückchen umgeschmiedeter "Ring" aus dem "Siegfried", bei dem man buchstäblich jeden Ast, ­jedes Lindenblatt hören statt nur ahnen konnte. Die klärende Saal-Akustik machte es möglich, die Kammerphilharmonie hatte die Nervenstärke dafür. Und mit Viktoria Mullova die passgenaue Solistin für das g-Moll-Violinkonzert von Prokofiev – keine brave Virtuosin, keine Musterschülerin, die die Motorik abfertigt und darauf achtet, Klangschönheit für wichtiger zu halten als gestalterische Eigenwilligkeiten. Den ersten und den dritten Satz spielte sie so feinmotorisch uneitel, wie sie gespielt gehören. Den Mittelsatz verzauberte Mullova mit zartbitterer Anmut in einen Schneeprinzesschen-Walzer, geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Coolness und Kühle tänzelnd.

Aktuelle CD
: "Brahms Sinfonie Nr. 2 / Tragische Ouvertüre / Akademische Festouvertüre" (RCA). Konzerte: 7.2. Laeiszhalle: Haydns "Jahreszeiten", 13./14.4., Elbphilharmonie: Schubert, u. a. mit Matthias Goerne

https://www.abendblatt.de/kultur-live/article212849479/Die-besten-Brahms-Versteher-kommen-aus-Bremen.html

Kammerphilharmonie-Dirigent Paavo Järvi in „Mall of Fame“ aufgenommen

kreiszeitung.de
Thomas Kuzaj
14.12.2017



„Ich hoffe, dass es viele Leute genießen werden, über meine Finger zu spazieren.“ Seit Donnerstag sind die Handabdrücke des estnisch-amerikanischen Weltklasse-Dirigenten Paavo Järvi (54) in der Bremer Innenstadt „verewigt“ – auf einer Bronzeplatte in der „Mall of Fame“ der Lloyd-Passage.

Damit kann der Grammy-Gewinner, seit 2004 als künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie mit Bremen eng verbunden, von sich behaupten, so berühmt wie Claudio Pizarro, Hape Kerkeling und Sabine Postel zu sein. Oder wie der Astronaut Ulf Merbold, die Fußballlegenden Uwe Seeler und Max Lorenz und der Bremer Eiswettschneider.

„Es ist eine große Ehre“

Und nun eben auch Paavo Järvi. Die Abdruckvorlage für die Bronzeplatte zu schaffen, das sei gar nicht so einfach, sondern eine besondere Herausforderung. So beschrieb es jedenfalls Jochem Hauser vom Vorstand der Passage. „Man muss fünf Minuten lang ruhig stehen, das ist anstrengend.“ Paavo Järvi hat es offenbar gern auf sich genommen. „Ich muss sagen, ich bin noch nie Teil von so etwas gewesen“, sagte er mit Blick auf die „Mall of Fame“. „Es ist eine große Ehre.“

Järvi freute sich zudem, dass die mit der Ehre verbundene 1.000-Euro-Spende der Passage an das „Zukunftslabor“ der Deutschen Kammerphilharmonie geht. Das „Zukunftslabor“ ist die Zusammenarbeit des Orchesters mit der Gesamtschule Bremen-Ost in Osterholz-Tenever. Die Kammerphilharmonie hat ihr Probendomizil in der Schule. Die bundesweit gefeierten Projekte des „Zukunftslabors“ fördern Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil mit vielen sozialen Problemen und Konflikten.

Platte hat Überprüfung bestanden

Zurück in die Passage. In der „Mall of Fame“ werde mit Järvi eine „neue Kategorie“ eröffnet – der Dirigent nämlich ist der erste Vertreter der klassischen Musik in der Bremer Handabdruck-Sammlung. Der Musiker nahm seine Hände am Donnerstagmittag nicht zum Dirigieren, sondern um zu prüfen, ob der Bronzeabguss denn auch gelungen ist. Anschließend hatte die soeben enthüllte Platte ihren Test bestanden. Denn Järvi verkündete: „Es passt.“

Wednesday, December 13, 2017

Familenbande

rondomagazine.de
Regine Müller
Ausgabe 6/2017

Mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen entschlackt der Dirigent seit über zehn Jahren das klassisch-romantische Kernrepertoire. Und das auf Augenhöhe mit den Musikern.

Paavo Järvi probt Beethovens Achte für eine bevorstehende China-Tour. Im Probensaal, der in der Gesamtschule Bremen-Ost untergebracht ist, klingt es direkt und sehr ungnädig, denn man hört alles. Die Musiker wirken angriffslustig und sitzen auf der Stuhlkante. Hier ruht sich niemand aus auf den Lorbeeren der legendären Gesamteinspielung, die als Sensation gefeiert wurde und 2010 prompt einen ECHO kassierte. Soeben ist das erste Album eines geplanten Brahms-Zyklus erschienen, den man mit der 2. Sinfonie eröffnet. Und wieder, auch hier, gelingt dem Dream-Team eine gründliche Durchlüftung des Bekannten. Nach der Probe bittet Järvi um eine kurze Pause, bevor das Interview beginnt.

RONDO: Was haben Sie mit der Deutschen Kammerphilharmonie entwickelt, seit Sie 2004 die künstlerische Leitung übernommen haben?

Paavo Järvi: Nicht ich habe – wir haben uns gemeinsam entwickelt. Und einiges verändert. Man könnte sagen, wir starteten als Kinder und nun, nach fast 20 Jahren, sind wir keine Kinder mehr. Diese enorme Menge an Reisen, Konzerten und Proben, das war ein langer Prozess, der eben auch Zeit braucht. Das ist ganz wichtig, um das Repertoire immer wieder zu überdenken, zu proben, aufzuführen, und es wieder zur Seite zu legen. Und nun erneut den Beethoven- Zyklus zu machen, ist sehr spannend, denn viele der Musiker sind neu im Orchester! Manche Prioritäten ändern sich.

RONDO: Können Sie den besonderen Geist dieses Orchesters beschreiben?

Järvi: Der Geist verdankt sich ganz wesentlich der Struktur des Orchesters. Denn die Musiker verwalten sich selbst, sie sind selbst Eigentümer, Shareholder des Orchesters. Für jeden Musiker ist das Orchester daher eine sehr persönliche Sache. Sie sind eben nicht angestellt. Der Erfolg des Ensembles ist ganz eng verknüpft mit ihrem persönlichen Erfolg. Das ist der Grund für diese besonders engagierte, andere Haltung, die sich auch in der Art zu spielen ausdrückt. Sie haben immer Lust auf die Proben. Manchmal arbeiten sie sehr hart und sind vielleicht ein bisschen müde, aber es ist ihre Nr. 1- Priorität, hier zu spielen, und das spürt man.

RONDO: Man fühlt die Freude bei der Probe!

Järvi: Ja, es ist eine spezielle Energie. Sie schonen sich einfach nie!

RONDO: Sie spielen keine historischen Instrumente, aber sie wissen um die historische Aufführungspraxis?

Järvi: Das ist genau das, was ich so schätze. Denn historische Instrumente zu spielen, ist schön und gut, aber es ist gar nicht nötig, wenn man die Konventionen der historischen Aufführungspraktik kennt. Die Bremer Musiker beherrschen das alles, sie haben sehr nahe dran an der Aufführungspraxis angefangen. Und nun expandieren wir gemeinsam mit diesen Kenntnissen in Bereiche des romantischen Repertoires wie Brahms und Schumann.

RONDO: Was halten Sie von dem Non Vibrato-Diktum?

Järvi: Ich denke, das ist eine Fehlkonzeption der Fanatiker. Vibrato wurde früher sehr wohl gelegentlich eingesetzt, um die Farbe und den Klang zu verändern. Nicht als Routine, so wie heute. Aber es kommt einfach sehr auf die musikalischen Notwendigkeiten des Moments an.

RONDO: Ab 2019 sind Sie Chef des Züricher Tonhalle- Orchesters. Wird das Orchester dann Ihre neue Nummer 1?

Järvi: Ich kann das gar nicht in diesem Lichte betrachten. Denn das hier ist meine Familie. Wir sind so lange Zeit zusammen, dieses besondere Orchester ist ein wichtiger Teil meines musikalischen Lebens. Ich möchte nicht missverstanden werden, wenn ich es so formuliere: Wenn man zwei Kinder hat, kann man doch nicht sagen, welches wichtiger wäre?

RONDO: Warum sind Sie hier mit dem Probenzentrum ausgerechnet am Ende der Welt, so weit vom Zentrum Bremens angesiedelt?

Järvi: Das ist kein Zufall, sondern ein ganz wichtiger Aspekt, denn die Musiker sind sehr engagiert in Sachen Education und Integration. Wenn ich komme, sitzen manchmal ganze Klassen in den Proben. Aber nicht im Saal, sondern im Orchester, neben den Musikern! Das ist ein Teil der pädagogischen Projekte, die das Orchester sehr ernsthaft betreibt.

RONDO: Wie würden Sie das Kernrepertoire des Orchesters umreißen?

Järvi: Das Kernrepertoire ist das klassische und frühromantische Repertoire. Wenn wir auf die Entstehungszeit des Orchesters zurückblicken, dann war da viel Haydn, auch Bach. Seit ich kam, und nachdem wir den Beethoven-Zyklus eingespielt hatten, lag der Akzent zunächst bei Schumann. Und nach Schumann kommt nun Brahms. Meine Hoffnung ist, dass wir weitermachen mit Schubert. Das ist genau das richtige Repertoire für die Besetzungsgröße und den Zuschnitt des Orchesters.

RONDO: Mit der neuen Brahms-Einspielung ist wieder ein Wurf gelungen, der das Zeug zur Referenz- Aufnahme hat. Ist die Revision des Brahms-Bildes das Ziel?

Järvi: Ich bin sehr stolz darauf, es ist ein großes Projekt, denn die Musiker hatten sich vorher nie mit Brahms beschäftigt, bislang ist Brahms den großen Orchestern vorbehalten. Dabei hatte Brahms nie mehr als 40 Leute im Orchester! Daran müssten die Leute erinnert zurückbliwerden. Wir sind gewöhnt an die Post-Wagner- Brahms-Auffassung, ich selbst bin so groß geworden, mit den Aufnahmen von Furtwängler und Karajan. Ich glaube, wir machen das nun in der angemesseneren Weise. Aber es gibt kein richtig und falsch.

RONDO: Brahms klingt in Ihrer Einspielung ungewohnt rhetorisch?

Järvi: Rhetorik! Genau das versuchen wir, und der agogische Impuls ist ganz generell unser Motor.


Alle für einen


Die Bremer Kammerphilharmonie ist als Privatgesellschaft organisiert und verwaltet sich selbst. Alle Entscheidungen bezüglich Programm, Besetzungen und Einspielungen treffen die Musiker. Relativ selbstbestimmt und unabhängig sind diese auch in Sachen Finanzierung, denn anders als die meisten großen Orchester sind sie nur zu einem kleinen Teil abhängig von öffentlicher Subventionierung. Mehr als 70 Prozent des Jahresbudgets von 6,5 Millionen Euro erwirtschaftet das Ensemble durch Konzerte und Einspielungen, den Rest steuern private Geldgeber und staatliche Förderung bei. Die Unabhängigkeit sorgt für flache Hierarchien: Auch ihren Dirigenten begegnen die Musiker auf Augenhöhe.

Sunday, December 10, 2017

Eyes east: the next wave of classical talent will come from the Baltic States

rhinegold.co.uk
Andrew Mellor
8.12.2017




On 6 December, Finland will remember the day a century ago when it gained independence from Russia, thanks to its own political sleight of hand and Lenin’s mistaken belief that he had the country in his pocket. It came after years of dissatisfaction and a final series of humiliations for the Finnish people that induced countless enduring works of art.

History repeated itself across the Baltic Sea in the 1990s. The Baltic States of Estonia, Latvia and Lithuania spotted their chance and took it, literally singing their way to freedom from the USSR towards new futures that looked very bright indeed. These small, nimble countries have been among the quickest to emerge from the financial crisis and are now on the ascendant once more. Putin, feeling a little like Lenin must have as Finland forged ahead in the 1940s and 1950s, doesn’t like it one bit.

What does all this have to do with the UK classical music industry? Quite a bit, potentially. The good folk of Birmingham have recently welcomed the third Baltic chief conductor in a row to the CBSO. But it’s notable that while Sakari Oramo was a product of Finland’s phenomenal and continuing harvest of exceptional conductors, Andris Nelsons and Mirga Gražinytė-Tyla have seen the focus move south across the Baltic to Latvia and Lithuania. There is every reason to believe that the trend will continue, and with a crescendo.



Are the Baltic States, in fact, the new Finland? ‘In a way, yes they are,’ replied one high-profile conductor when I put that question to him recently. But he’s biased: he’s Estonian. Still, Paavo Järvi is well placed to make such a call. With the Järvi Academy, he is directly involved in nurturing a new crop of conductors from the region. His father Neeme has just returned to Estonia as a national hero, taking charge of the National Symphony Orchestra following his stint at the Orchestre de la Suisse Romande, promising to dedicate the rest of his life to his homeland and demanding investment in Estonian musical infrastructure.

So far, so speculative. But on the ground in Latvia and Estonia, things get a bit more real. Participatory classical music at a decent level remains a central part of life here. It is common to see exceptional young musicians busking on the streets of Riga and Tallinn, sometimes whole quartets. Start-up ensembles such as Sinfonietta Riga have the nimble vitality of their tech equivalents (the Baltic states brought you Skype and TransferWise) and sound extremely good, too.

Another such ensemble is Kristjan Järvi’s Baltic Sea Philharmonic. Yet another is Paavo Järvi’s Estonian Festival Orchestra, which combines the Lucerne model of ramming an orchestra full of fully-fledged European concertmasters and section principals (eight, in the case of the strings of the EFO alone) with a policy of giving young Estonian instrumentalists the chance to play alongside their more experienced counterparts and make contacts in the wider orchestral world.

More than anything, those musicians get the chance to break free both musically and geographically. ‘We have some players who have the potential of becoming truly great,’ says Järvi of the Estonian members of the EFO. I can well believe him. Following his orchestra through Latvia and Estonia earlier this year, it became clear that the ensemble is capable of the electricity and spontaneity associated with its forbear in Lucerne. Those lucky enough to hear the orchestra live over the summer experienced something else in addition: a form of fanfare from young and exceptionally talented Baltic musicians introducing themselves to the world.

Among the international members of the EFO is the British clarinettist Matthew Hunt. ‘The Baltic States are young countries, free from the shackles of the Soviet Union, and you feel that hunger and national pride in how their musicians play,’ he told me. ‘They go out, absorb what they can from elsewhere, and there’s no complacency at all.’ Perhaps what we were actually hearing from this orchestra – and will again as it embarks on a European tour in January – is the realisation from its young Baltic members that just as music offered them collective freedom in the 1990s, it has the potential to transform their lives all over again.

Paavo Järvi à l’Orchestre de Paris : retour d’un père fondateur en chef prodigue

bachtrack.com
Tristan Labouret
1.12.2017

Paavo Järvi occupe une place à part dans l’histoire de l’Orchestre de Paris. Sous le mandat du maître estonien, directeur musical entre 2010 et 2016, l’orchestre a changé de dimension à plus d’un titre, quittant notamment les murs froids d’une salle Pleyel artificiellement rajeunie pour la chaleur d’une Philharmonie vierge de toute note. L’acoustique du nouveau temple parisien de la musique symphonique était alors encore à façonner (la disposition de nombreux appendices architecturaux n’était pas arrêtée) et Järvi fut davantage qu’un témoin, un véritable acteur du processus de construction : à la tête de l’Orchestre de Paris, il prit part aux derniers essais qui contribuèrent, en retour, à sculpter l’identité sonore de la formation symphonique dans son nouvel antre.





Cette semaine, l’Orchestre de Paris n’accueillait donc pas seulement un chef invité : il retrouvait un père fondateur. L’osmose opère dès les premières notes du Concerto pour violon de Sibelius, comme si les musiciens et leur ex-directeur musical n’avaient jamais cessé de jouer ensemble. L’Orchestre de Paris réagit avec un naturel presque déconcertant aux moindres gestes de Järvi. Une légère impulsion du bout des doigts suffit à déclencher un pianissimo frissonnant chez les violons, auxquels répondent bientôt des contrechants chaleureux dans les bois, enrobés par la justesse des cors : quel modèle d’accompagnement orchestral ! On en vient à envier la soliste, Akiko Suwanai, d’évoluer avec de tels partenaires, dans un genre où il n’est pas rare de voir des phalanges réputées faire preuve de négligence. Très solide rythmiquement, la violoniste s’intègre parfaitement au flux symphonique et déploie un jeu concentré, intelligemment phrasé et d’une grande clarté d’élocution. Son style violonistique n’est toutefois pas exempt d’une tension intérieure qui trouble régulièrement la limpidité du discours musical : le vibrato se raidit dans un thème lyrique trop métronomique, la force excessive de l’archet empêche les doubles cordes de respirer… Harmonieux mais froid, le bis résumera l’impression laissée par Suwanai : dans l’Andante de la Sonate n° 2 de Bach, le dessin soigné de la mélodie ne s’épanouira pas totalement, contrecarré par une pulsation rigide.

Ce n’est pas faire injure au concerto de Sibelius que de constater que, ce soir, il a une allure de hors-d’œuvre avant le redoutable (et tant attendu) plat de résistance : la Symphonie n° 7 de Chostakovitch, que Järvi fut le premier à introduire au répertoire de l’Orchestre de Paris voici maintenant dix ans. On pourra s’interroger sur la pertinence de la programmation : était-il absolument nécessaire d’introduire cette œuvre colossale par un concerto ? Malgré l’endurance irréprochable de l’orchestre et de son chef estonien, on frôlera l’indigestion à la fin du dernier mouvement.



Cette réserve ne doit pas porter ombrage à la qualité de l’interprétation. Osons d’ailleurs un avis sans concession qui s’est imposé à nos oreilles d’un bout à l’autre du concert : personne d’autre que Järvi ne parvient à faire sonner l’Orchestre de Paris à un tel niveau d’excellence. Ce soir, l’orchestre offre un exemple admirable d’équilibre entre conscience collective et expression individuelle : avec des vitesses d’archet remarquablement synchronisées, les cordes font preuve d’une homogénéité comme on en voit rarement dans les orchestres français, tandis que l’ensemble des nombreux solos est à saluer sans exception, de la souplesse grave de la clarinette basse à la pureté légère du piccolo, révélation de la soirée.

Remarquable diplomate, Järvi sait exactement comment solliciter (ou non) ses musiciens, laissant fleurir les solos sans les encadrer d’une battue inutile, faisant éclater les tutti en embrassant compulsivement l’orchestre tout entier, envoyant une pichenette fugace aux contrebasses pour assurer un pizzicato. Le maestro brille dans sa gestion des dynamiques qu’il amène à des extrémités insoupçonnées : connaissant mieux que quiconque l’acoustique de la Philharmonie et ses limites, il pousse au bord du vide sonore l’orchestre qui accepte l’énormité du risque avec confiance. C’est face au gouffre que l’œuvre de Chostakovitch révèle toute sa dramaturgie et, pour le spectateur, c’est vertigineux : happé par cette interprétation de l’extrême, le public offrira une symphonie de toux cathartique à la fin du premier mouvement, nécessaire pour se remettre de la tension d’un crescendo orchestral mené de main de maître.

L’œuvre est longue, extrêmement difficile à réaliser tant son chant semble tituber sur le fil d’un phrasé interminable, mais Järvi enroule les mélodies autour de sa baguette et la concentration déterminée de l’orchestre fait le reste. Au bout de plus d'une heure de sensations fortes conclues par un tutti cataclysmique, c’est une Philharmonie conquise qui ovationne les interprètes. Maître Järvi, vous serez toujours ici chez vous.

Thursday, November 16, 2017

Musikalische Zeitdokumente im dritten Konzert der Elbphilharmoniker


unser-luebeck.de
Arndt Voß
15.11.2017


Beethovens „Violinkonzert“, geschätzt heute als ein ganz großer Beitrag zu seiner Gattung, konnte sich nur langsam durchsetzen.

Das Besondere wurde erst weit nach der Wiener Uraufführung 1806 erkannt und positiv bewertet – heute kaum vorstellbar. Nach wie vor nimmt ihr klassischer Ausdruck gefangen, tat es auch im dritten Konzert der Elbphilharmoniker (MuK Lübeck, 11. November 2017), in einer bewundernswerten Wiedergabe, bei der sich Partner trafen, deren Auffassung sich ergänzte.

Als Dirigent stand Paavo Järvi auf dem Pult und inspirierte das Orchester in einer Weise, die den Elbphilharmonikern offensichtlich lag. Der Este, noch Chef beim NHK in Tokio, zugleich künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen, hatte eine sehr ruhige, doch bestimmende Art. Seine Gestaltung wirkte durchdacht, niemals pathetisch oder aufgesetzt, war im intensiven Miteinander aufmerksam, aber niemals unterkühlt. Und die Musiker folgten mit selten gehörter Brillanz und innerer Teilnahme.

Und auch Frank Peter Zimmermann als Solist ist ein überzeugender, absolut souveräner Interpret, der seine Stellung als „Artist in Residence“ beim Orchester damit sichtbar machte, dass er den Part der Ersten Violinen nahezu durchgängig mitspielte. Er steigerte so hörbar den intensiven Kontakt zum Orchester und vertiefte gleichzeitig Beethovens Absicht, das Soloinstrument nicht als Prima Donna zu behandeln, sondern ihm eine enge Verbindung zum Orchester zu geben. Immer wieder wandte er sich zudem dem Dirigenten zu, wurde damit Mittler der Interpretation durch den Dirigenten. Der packte im ersten Satz frisch zu, betonte das „Allegro“ in der Tempovorschrift „Allegro ma non troppo“. Dadurch wirkten die Paukenschläge drängender, auch erregender als in manch anderer Interpretation. So wurde besser verständlich, was in das Werk hineininterpretiert wird, dass es Kriegerisches widerspiegelt, die Zeit der Belagerung Wiens durch die Franzosen.



Damit spannte sich ein Bogen zu dem zweiten Stück des Abends, zu Dmitrij Schostakowitschs siebter Sinfonie, die weit direkter und expressiver sich artikuliert. Das gibt der zunächst etwas merkwürdig erscheinenden Zusammenstellung einen inneren Sinn. Zu einem großen Teil 1941 im belagerten Leningrad entstanden, wollte der Komponist ein akustisches Mahnmal gegen brutale Macht setzen. Auch diesem Werk war beschieden, zunächst gründlich verkannt zu werden. Der Missbrauch als Propagandawerk in der Stalin-Ära ist nur ein Aspekt. Auch in späteren Zeiten wurde es selten aufgeführt, weil es allein als Werk kommunistischer Ideologie verstanden wurde, als ein Werk, das durch seine Länge sich zudem schwer vermitteln würde.

Davon konnte in dieser Aufführung keine Rede sein. Das Lübecker Publikum war über die mehr als eineinhalb Stunden gebannt, schon im ersten Satz mit dem klaren Bezug zu Krieg und existentieller Bedrohung. Es schildert in drastischer Manier das Heranrollen einer Militärmaschinerie. Dass es die Hitlers war, macht der Komponist durch ein Thema deutlich, das auch in den Folgesätzen immer wieder melodisch eingewoben wird. Es ist das verzerrte Zitat von Lehárs sekttrunkenem „Da geh ich zu Maxim“, ein markantes Symbol für den eitlen Machthaber, dessen Lieblingsoperette die „Lustige Witwe“ war. Es ist zugleich Ausdruck der sträflichen Verkennung der Lage durch das deutsche Militär, das mal eben Leningrad glaubte einnehmen zu können. Schostakowitsch nutzt dazu Ravels Bolero als Abbild, dessen erotisch explosiver Gestus von Järvi mit dem Orchester atemnehmend eingehalten wird. Die Spannung hielt durch alle Sätze, bis hin zum Finale. Auch ihm gab Järvi eine tiefe Deutung. Oft wird darin eine Hymne auf den Sieg Stalins über Hitler gesehen. Die in einem Durakkord kulminierende Schlusssteigerung verführt dazu. Järvi aber zeigt das Simple solch einer Deutung. Grandios und zugleich schmerzhaft lässt er die sich wiederholende Mollpassage davor sich ausbreiten und stiehlt dem Dur den erlösenden Gestus.

Selten hat man solch einen Beifall gehört.

Fotos: Paavo Järvi 2013 (c) Quincena Musical

http://www.unser-luebeck.de/magazin/musik/rueckblicke/6322-beethovens-violinkonzert-und-schostakowitschs-leningrader-musikalische-zeitdokumente-im-dritten-konzert-der-elbphilharmoniker

NDR Elbphilharmoniker unter Paavo Järvi in subtiler Bestform

welt.de
11.11.2017

Komponisten müssen nicht mit offenen Karten spielen. Schostakowitsch war so ein Meister des Verschleierns. Er legte derart geschickt falsche Fährten, dass Stalins Schergen ihm abnahmen, eigentlich ein ganz braver Sowjet zu sein. Als Paavo Järvi jetzt den gigantischen 80-Minüter der Leningrader Sinfonie mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester zur Aufführung brachte, wirkte der schöne Schein freilich als genau das, was er ist: als ein doppelter Boden, der aus arg dünnem Eis ist. Gustav Mahler sei ein schlechter Ja-Sager gewesen, befand Musikphilosoph Adorno einst mit Blick auf die für ihn wenig glaubhaften Momente der Affirmation in dessen Sinfonik.

Dmitrij Schostakowitsch war womöglich der viel schlechtere Ja-Sager. Wo er im Angesicht der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht anno 1941 C-Dur-Jubeltöne schreibt, da dröhnt es so gewaltig, dass man ihm keinen Ton glauben mag. Järvi dirigiert solche Stellen mit derart nüchtern ruhiger Hand und klarer Zeichengebung, so wohl disponierend kühlkopfig, dass die Musik so gar nicht schwitzt. Gerade diese kluge Distanz setzt große Fragezeichen hinter manches als plakativ entlarvte sozialistische Idyll – wie im ersten Satz, hinter manch tränenreiche Melancholie – wie im zweiten, oder hinter die volksnahe Lebensfreude – wie im dritten.

Die NDR-Sinfoniker sind in subtiler Bestform, die Blechbläsersalven der „Invasions-Episode“ aber bringen die Elphie an ihre akustischen Grenzen: Da dirigiert Järvi ohne Rücksicht auf Verluste und lässt Posaunen und Trompeten ohrenbetäubend schmerzhaft plärren. Zuvor spielte Frank Peter Zimmermann hübsch kontrastdramaturgisch Beethovens vertracktes Violinkonzert mit dem ihm eigenen noblen Virtuosenton, traumwandlerisch allen Doppelgriff-Unspielbarkeiten trotzend, im Finale in zugespitzter Vitalität und mit einer tollkühnen Kadenz.

Classical CDs Weekly

theartsdesk.com
Graham Rickson
11.11.2017



Brahms: Symphony No. 2, Tragic Overture, Academic Festival OvertureDeutsche Kammerphilharmonie Bremen/Paavo Järvi (RCA)


Paavo Järvi and the Deutsche Kammerphilharmonie’s scintillating Beethoven cycle hasn't received the acclaim it deserves in the UK. Seek it out forthwith, and you'll feel compelled to invest in this first installment of their Brahms cycle. The orchestral sound is still pretty rich, the strings numbering over 30. Wind details emerge without effort, with principal flautist Bettina Wild a stand-out. Flexible tempi allow Järvi to really engage with Brahms's long opening movement; I like the urgency which he brings to the busy music early in the development. Perhaps the trombones could have been recorded with a bit more presence, but that's a minor quibble: the sublime coda is beautifully done. Järvi’s inner movements are exceptional, the Adagio non troppo solemn but fluid, followed by an Allegretto grazioso full of puppyish bounce.


It's capped by a rumbustious, upbeat finale, though Järvi’s players remember to find plenty of mystery in the crepuscular interlude five minutes in. Brahms's brassy coda blazes, the trombones’ D major chord ringing out. As couplings, we're given the Tragic and Academic Festival overtures. The latter gets a stand-out performance, with prominent contrabassoon and tuba. Excellent, in other words: here's hoping that subsequent volumes are as good.

Brahms 2nd with Paavo Järvi and the Kammerphilharmonie Bremen – Outstanding!

musicophilesblog.com
Musicophile
11.11.2017

Brahms

Did I mention I like Brahms? Well to be fair, the subtitle of my blog kind of gives it away.

These are good times for lovers of Brahms symphonies. Only recently Andris Nelsons has released his fantastic cycle of the 4 symphonies with the Boston Symphony Orchestra (see my 5 star review here), now finally Paavo Järvi starts his Brahms cycle with the Kammerphilharmonie Bremen as well.
Paavo Järvi

I really liked his Beethoven cycle with the same orchestra, actually it is among my current references. His Schumann is also great. So obviously I had high hopes for his Brahms.

And I’m not disappointed.

Brahms Symphony No. 2 – Paavo Järvi – Kammerphilharmonie Bremen (RCA 2017)




The 2nd symphony is not my favorite of the four. 1 and 4 are outstanding, 3 is great, and 2 is just nice in my personal classification. Many have described the 2nd as Brahms “Pastorale“. Obviously, there is more to it, but a certain influence in the peaceful moments cannot be completely discarded. That said, , as the booklet also nicely explains, Brahms himself called the work “melancholic” and “sad” and even had the score printed with a black border.

How does Järvi deal with the symphony? The Kammerphilharmonie Bremen, as the name indicates, is a chamber orchestra, so you’d expect a slimmer sound than e.g. with the Berlin Philharmonic.

But don’t expect this to sound like a HIP baroque orchestra, you still get the full color of a symphony orchestra, maybe just not as cinemascope as e.g. the latest Rattle cycle or Nelsons with the BSO. There have been some interesting adaptations, e.g the drums are having goat skin giving them a very particular sound.

Overall, it is very balanced, and nuanced. You get plenty of romanticism though, after all this is Brahms we are talking about. I particularly like the end of the 2nd movement, where

As a “filler”, you get the Tragic Overture and Academic Festival Overture. Both are nice to have, but nothing I´d listen to on a regular basis. There is too much outstanding music elsewhere.

Overall this is one of the best Brahms 2 currently on the market.

My rating: 5 stars

You can find it here (Qobuz) or on many other streaming sites.

If you prefer the original SACD, it is unfortunately very pricey (only found it for $40-60, what’s going on here?)

Rhetorischer Jungbrunnen

swr.de
Christine Lemke-Matwey
3.11.2017




Schlank, transparent, effizient

Die Kammerphilharmonie Bremen wird gerne angeführt, wenn es darum geht, den Luxuslinern unter unseren Sinfonieorchestern – den Wienern, den Berlinern, den Dresdnern oder auch den großen Amerikanern – etwas entgegenzusetzen: Hört her, es muss nicht immer die klangliche Doppelrahmstufe sein (die ist es bei den genannten auch nicht immer), es geht auch schlanker, transparenter, effizienter. Sogar bei Brahms.


Mut zur Deutlichkeit

Geradezu legendär ist ja der Beethoven-Zyklus, den der estnisch-amerikanische Dirigent Paavo Järvi zusammen mit den Bremern vor ein paar Jahren erarbeitet hat, durchsichtig, unprätentiös und fast immer rasant in den Tempi. An diese Erfolgsgeschichte knüpfen die Musiker nun mit Brahms an, und natürlich fragt man sich, geht das überhaupt, braucht Brahms nicht etwas anderes, mehr Körper, mehr Tiefe und Sentiment, ja, Gefühl? Braucht er sicher, gerade in der als „pastoral“ geltenden Zweiten – und Järvi gibt es ihm. Das heißt, ästhetisch bleibt er sich und den Kammerphilharmonikern treu, wieder geht es klanglich transparent zu und geschmeidig in den Tempi, wieder hören die Musiker extrem wach und sehr genau in die Noten hinein, mit Mut zur Deutlichkeit, zur Schärfe auch.


Juvenile Interpretation
Das Ergebnis ist gleichsam ein rhetorischer Jungbrunnen für den „alten“ Brahms, der natürlich niemals nur alt war oder altbacken oder ein verknöcherter Traditionalist. Mit der Musik des Spätromantikers in keiner Richtung ideologisch umzugehen und sich dem Emotionalen darin nicht zu verweigern, das ist, wenn man so will, Järvis Schlüssel zu Brahms. Und der schließt selbst etwas schwerere Schlösser – wie das zur Akademischen Festouvertüre – mit leichter Hand auf – in einer geradezu juvenilen Interpretation der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi. Zu finden ist sie auf der ersten CD eines geplanten Brahms-Zyklus‘, auf den man sich sicher freuen kann.


CD-Tipp vom 3.11.2017 aus der Sendung „Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

Wednesday, November 01, 2017

跟着指挥大师帕沃·雅尔维,在上海之巅探寻贝多芬

newsxmwb.xinmin.cn
朱渊
1.11.2017



图说:帕沃·亚尔顿游上海 官方图

  登上这座城市最高的楼,在湛蓝天空的底色下,俯瞰上海宏伟的全貌,放下指挥棒,用手指勾勒出黄浦江转弯处那道漂亮的弧线……昨日,率不来梅德意志室内爱乐乐团在上海交响乐团音乐厅演出“完全贝多芬”的指挥大师帕沃·雅尔维,忙中偷得半日闲,赶个大早来到上海中心118层观光厅,用眼睛为这座美丽的城市按下快门。在他看来,这座极具融合性的城市如同贝多芬《d小调第九交响曲》中的“合唱”一般,具有打破一切界限的可能。

  谈上海|“多变”上海不断在成长

  虽然这已不是帕沃·雅尔维首度来沪,但几乎每次来演出安排都很紧凑,并没时间好好逛一逛。然而在走马观花的“路过”中,上海依然给雅尔维留下了十分深刻的“多变”形象。雅尔维说:“来中国演出我最多去的是北京和上海。上海十分与众不同,它融合了传统和现代两种风格,并且每次来都能感觉到这座城市在成长。





图说:帕沃·亚尔顿游上海 官方图

  “完全贝多芬”系列,雅尔维和不来梅德意志室内爱乐乐团一起演出了10年,东京首演后,到过圣保罗、萨尔茨堡音乐节、巴黎等地。这是他们首次将“完全贝多芬”带来中国。在与上海交响乐团沟通后,雅尔维决定给上海观众带来一个全新的贝多芬体验。他说:“带‘完全贝多芬’来中国是件很重要的事,我们是把一种欧洲的音乐传统带来中国,演奏给素不相识的中国观众,在这个过程中我们好像成为了朋友。从音乐结束后观众的反馈中,我好像感受到一种由音乐建立的友情,我们好像变成了一个‘贝多芬粉丝团’。”

  让雅尔维选择一首贝多芬的交响曲来形容上海,于他是个难题。他说:“贝多芬《d小调第九交响曲》‘合唱’中蕴含打破一切界限的精神,它很能形容这座城市,但它也带来更加丰富的信息,譬如世界兄弟姐妹的情感是共通的。就像音乐会时,我所感受到的上海乐迷的热情。我相信他们了解贝多芬,也了解他的音乐。

  雅尔维如今常住伦敦,在他看来,伦敦是座拥有丰厚历史的城市,但伦敦的现状却不尽如人意。反倒对上海,只是个“游客”的他,却感觉到这座城市充满活力,发展速度非常快。为将这份活力与一双女儿分享,雅尔维在纪念品区逗留良久,最终挑选了两件黄色印有“上海之巅”英文字样T恤作为礼物。他笑说:“我有两个女儿,一个10岁、一个12岁,平时到哪儿,我都会买纪念T恤送她们。若你们以后看到两个小女孩穿着一模一样的纪念衫,一定这就是我的女儿。”



图说:雅尔维买了纪念T恤给女儿 官方图

  谈音乐|像贝多芬一样演奏贝多芬

  此次带“完全贝多芬”来中国演出,北京站是从“贝一”到“贝九”顺着演,上海站则从“贝九”到“贝一”倒着演。很多人好奇,为什么要做顺时、逆时针的尝试。雅尔维这样比喻:“从一到九,我们如同一点点搭建贝多芬的音乐世界,到《第九交响曲》的时候,就好像我们现在站在上海中心,是上海最高的地方。倒过来演,是新的灵感和尝试,试着在世界追求更高、更快、更强的发展跑道上,把自己慢慢缩小,去寻找最初的源头。这种追根溯源的演出,让我们一起去探寻那个最初始、最本来的贝多芬。”

  演出两晚,不少资深乐迷训练有素的耳朵已灵敏捕捉到,雅尔维指挥棒下的“完全贝多芬”某些段落节奏特别快,演奏风格也和常听的贝多芬不一样。有人猜测他用的乐谱版本与众不同,也有人说这是指挥个人对贝多芬的理解。对此,雅尔维反问:“我倒是想问,贝多芬究竟发生了什么?他是从古典时期走来的音乐家,最初学习的是海顿,后来才在他的音乐中加入了更多的戏剧性,比如‘命运’中命运的敲门声,并在‘贝九’里加入了合唱,这都是贝多芬的创造。”





图说:雅尔维指挥乐队时 网络图

  雅尔维指出,录音工业是从二十世纪才开始的,那些伟大的指挥家们,他们的耳朵当时已被瓦格纳化了。以至于后来,人们在演奏海顿和贝多芬的时候,发出的依旧是被瓦格纳化的音响,“我们处理得很慢、很深厚、很戏剧性。但是要知道,贝多芬从来没有听过瓦格纳,在他的乐谱里,有着很多很清晰的速度标记,后来都被忽略了。”

  “他的速度标记,有些真的很快。有人觉得,那是因为贝多芬聋了,他的节拍器可能有问题。但我觉得这只是一个借口,我们不能把贝多芬演奏得好像晚期浪漫派一样。”故而,雅尔维在乐队编制上做了调整,“乐队编制、声部摆位,都是按照贝多芬当初创作曲子时的要求来。当然还有演奏风格,我们没有那么多俄罗斯风格的揉弦。我们在努力想象,也通过一些资料,去重建贝多芬的音乐逻辑、重回贝多芬创作的时代。”



  雅尔维强调,音乐很重要的一点就是节奏,既然贝多芬已定下了的音乐速度,为什么一直置之不理呢?他所做的一切,不过是尽可能“像贝多芬一样演奏贝多芬”。(新民晚报记者 朱渊)

http://newsxmwb.xinmin.cn/wentihui/wtrw/2017/11/01/ls/31330053.html?1509523256879=&from=singlemessage&isappinstalled=0























Tuesday, October 31, 2017

Pärnu muusikafestival – peegeldus vanast heast Euroopast, uute perspektiividega

Ajakiri Muusika
Kristel Pappel
Oktoober 2017

Pärnu on kuulutatud suvepealinnaks ja järelikult ootame seal ka pealinnale vastavat muusikaelu. Et see nii ka olla võib, tõestab Pärnu muusikafestival. Mitme Pärnu suvefestivali (sh Oistrahhi festival, festival “Klaaspärlimäng”) järglasena ja Järvide muusikaperekonna suvise tegevus- ja puhkepaigana on festival saanud kordumatu ilme ja muutunud rahvusvaheliseks magnetiks.

Vaadates Euroopa tausta, siis on suvefestivale mõistagi peaaegu et loendamatult, ning selleks et festival üldse saaks toimuda ja huvi äratada, peab siin olema midagi erilist. Rohkesti on kammermuusikafestivale, ooperifestivale, kombineeritud festivale, ja ka selliseid, kus rõhk on orkestril, dirigendil ja orkestrimuusikal. Viimasest valdkonnast meenub eelkõige Luzerni festival ja Claudio Abbado festivaliorkester. Parimad tulid kokku, et musitseerida koos Abbadoga.

Pärnusse tulevad parimad kokku, et musitseerida koos Paavo Järviga. Ettevõtmise võti on erakordne isiksus, kelle juhatusel on orkestrimäng vaimustav, inspireeriv tegevus, mis puudutab neid sfääre, mille pärast muusikat üldse tehakse ja kuulatakse – eksistentsiaalsed küsimused, surutud kokku sügavasse kunstielamusse. Vararomantikute seisukohal, et instrumentaalmuusika tungib universumi ja inimolemise ülimate saladusteni, põhineb kogu XIX ja XX sajandi kontserdikultuur ning hoolimata modernismi ja postmodernismi pööretest on see kehtiv tänaseni. See on parimas mõttes vana Euroopa kunstimõistmine, nõudlikkus ja idealism, asetatuna XXI sajandi konteksti ning sealjuures pilguga tulevikku.

Festivaliorkester koosneb nii Paavo Järvi praeguste ja endiste orkestrite solistidest (kontsertmeister oli Deutsche Kammerphilharmonie esiviiuldaja Florian Donderer) kui ka eesti muusikutest, kes teevad karjääri välisorkestrites, ning Eesti parimatest jõududest, sh oli seekord kaasatud Tallinna Kammerorkester. Esmakordselt kandis orkester Eesti Festivaliorkestri nime ning kollektiivi tegevust toetavad mitmed EV institutsioonid, nagu EV 100, EAS jt. Orkestri edukus oleneb sünergiast, mis tekib eri isiksuste, koolkondade, kogemuste pinnal, ja iga mängija solistipotentsiaalist. Paavo Järvi missioon on olnud mitte ainult selle orkestri tegevusega tutvustada Eestit ja Eesti muusikat, vaid arendada edasi Eesti orkestrikultuuri, tõsta selle konkurentsivõimelisust, näidata noortele muusikutele reaalseid perspektiive.






Festivali avas 10. augustil Neeme Järvi 80. sünnipäevale pühendatud kontsert Tallinna Kammerorkestriga. Suure meistrina leidis maestro kammerorkestri jaoks sobiva filigraanse ja nõtke joone ning Mozart, Haydn ja Rääts kõlasid värskelt ja viimistletult. Imeliselt kirgas oli Beethoveni viiulikontserdi esitus, milles soleeris baltisaksa juurtega Berliini viiuliprofessor Kolja Blacher. Tema isa Boris Blacher (1903–1975), üks tuntumaid saksa heliloojaid pärast Teist maailmasõda, oli sündinud Tallinnas.

Eesti Festivaliorkester (EFO) Paavo Järvi dirigeerimisel esines kõigepealt 13. augustil tõsise Šostakovitši-Beethoveni kavaga. Šostakovitši kammersümfoonia c-moll on seade 8. keelpillikvartetist, mida läbib helilooja n-ö nimetähtede teema – üks isiklikumaid teoseid, dokument kunstnikust ja tema ajast. Paavo Järvi oskas ühendada intiimsuse ja sümfoonilisuse, groteski ja traagika mõjuvaks tervikuks. Kontserdi lõpetanud Šostakovitši 1. sümfoonia näitas orkestri virtuoossust ja karakterite rohkust kõlas. Beethoveni 4. klaverikontserdi solistipartiid mängis legendaarne, praegu 72-aastane pianist Radu Lupu, kelle tõlgendus Beethovenist oli lüüriline ja sissepoole pööratud, mitte heroiline, vaid mõtisklev. Ilusa punkti pani poeetiline lisapala, Schuberti eksprompt klaverile Ges-duur. Küll aga ei saa olla rahul Pärnu kontserdimaja klaveriga, mis ei vasta kõrgetele rahvusvahelistele standarditele.




EFO kanda oli ka festivali lõppkontsert 17. augustil, mille kavva oli Paavo Järvi valinud Nielseni “Aladdini süidi”, Tšaikovski viiulikontserdi, Kancheli teose “V&V” ning Sibeliuse 2. sümfoonia D-duur. Nielseni süit oli orkestrile kõla, mängutehnilise valmisoleku ja ansamblimängu proovikivi, sest ainult täielik üleolek materjalist – mida me selliselt orkestrilt ka eeldame – paneb teose särama. Orkestris on tugevaid soliste, kes mitmel kontserdil silma paistsid (Florian Donderer, klarnetist Matthew Hunt, löökpillimängija Madis Metsamart jt). Tšaikovski viiulikontserdis ja Kancheli teoses “V&V” soleeris Gruusiast pärit Lisa Batiashvili, näidates väga head, erksat ja elegantset viiulimängu, suurepärast fraasikujundust ning loomulikku virtuoossust. Kogu festivali kulminatsiooniks sai aga Sibeliuse 2. sümfoonia. Paavo Järvi on kahtlemata tänapäeva üks silmapaistvamaid Sibeliuse muusika tõlgendajaid, vähesed tajuvad selles peituvat tohutut jõudu ja dramaatikat nii ehedalt, veel vähem aga osatakse Sibeliuse eepilisest kõnetoonist kujundada pinev tervik. Paavo Järvi on suur dramaturg – või öelda hoopis suur skulptor, kes materjalile õige kuju annab. Orkester tuli dirigendi taotlustega jäägitult kaasa.



Pärnu muusikafestivali teema on orkester, seega esinesid veel ka Euroopa Liidu Noorteorkester (14. augustil) Vassili Petrenko juhatusel ning Järvi Akadeemia Noorte Sümfooniaorkester (12. augustil). Suurt huvi pakkus just viimane, sest seda nõudliku kavaga kontserti juhatasid Järvi dirigeerimiskursustel osalejad. Nagu varasematelgi festivalidel, võlus ka nüüd nii noorte orkestrantide kui ka dirigentide innukus ja püüd anda endast maksimum.

Pärnu muusikafestivali üks eripära on kava läbipõimitus ja mõistlik tihedus. Tähtsal kohal on kammermuusika viljelemine, orkestri juhtivad muusikud annavad koos külalissolistidega kontserte Pärnu eri saalides. Deutsche Kammerphilharmonie mängijatest moodustatud Signum keelpillikvartett esitas 11. augusti hilisõhtul Eliisabeti kirikus Haydni kvarteti C-duur op. 20 nr 2 ja Schuberti “Rosamunde”-kvarteti a-moll D 804. Viimistletud ja tundlik ettekanne saksa kvartetimängu parimates traditsioonides mõjus sumeda suveöö saabudes meeli ja mõtteid ülendavalt. Järvi Akadeemia galal 11. augustil esinesid solistid-kursuste juhendajad ning Järvi Akadeemia Sinfonietta kursuslaste dirigeerimisel (Eesti noortest dirigentidest võtsid neist osa Andres Kaljuste, Mikk Murdvee, Jaan Ots, Ingrid Roose, Maria Seletskaja). Väga hea barokkstiili tundmisega tõlgendas Biberi “Passacagliat” viiuldaja Marina Chiche, tugeva mulje jätsid Šostakovitši, Kancheli ja Mendelssohni teostega Anna-Liisa Bezrodny ja Sharon Roffmann ning trio Eva Bindere, Kristīna Blaumane ja Reinis Zariņš. Eriti hea meel oli säravast, mitmekülgsest sopranist Arete Teemetsast, kes sel kontserdil laulis Mozarti kantaati “Exsultate, jubilate”, ning viiuldaja Triin Ruubelist, kes köitis Stenhammari romansside läbitunnetatud esitusega.

Oluline on aga ka Eesti muusika publiku ette toomine, nagu 15. augustil kontserdimajas, kus kõlasid Tüüri “Fata morgana” (Robert Traksmann, Marcel Johannes Kits, Rasmus Andreas Raide) ja “Valgustornid” (Harry Traksmann, Leho Karin, Marrit Gerretz-Traksmann), Tormise “Jaanikvartett” (Mari Targo, Lisanne Altrov, Karin Sarv, Leho Karin), Elleri viiulipala “Männid” (Mikk Murdvee, Raide), Tulevi ansambliteos “Now Comes Good Sailing” (Laur Eensalu, Indrek Vau, Marten Altrov, Heigo Rosin, Olga Voronova, Theodor Sink, Maria Luisk, Gerretz-Traksmann, dirigeeris kursuslane Ingrid Roose) – väga hea valik eriilmelisi kompositsioone, mida tahaks nende interpreetide esituses tingimata veel kuulata. Festivalil anti üle ka Lepo Sumera nimeline heliloomingupreemia, mille pälvis muusikaakadeemia professor Helena Tulve.

Pärnu festivali kava oli kõigis punktides kõrgetasemeline, nagu ka akordionivirtuoosi Ksenija Sidorova kontsert 12. augustil ning järgmisel päeval Ammende villas toimunud südamlik lastekontsert Arete Teemetsa ja Peeter Veltmanni soleerimisel. Kohe pärast festivali lõppkontserti suundus EFO esimesele pikemale turneele Põhjamaadesse (Turu, Kopenhaagen, Stockholm). Festivaliorkestrit on vaja, nagu ka Pärnu muusikafestivali.


PAAVO JÄRVI WANTS TO APPEAR IN YOUR CLASSROOM

slippedisc.com
Norman Lebrecht
24.10.2017

A message from the well-travelled conductor:

For over thirty years, working and growing with musicians. I have taken the stage thousands of times, and yet every single rehearsal and concert continues to be a transformational experience. Above all, I’ve learned that orchestras are in many ways a microcosm of society at large. Any rehearsal can be examined as a study on human behavior. All over the world, at any given time, over 100 musicians are constantly making choices that impact the common goal of making the best music possible. Thousands of seemingly unnoticeable interactions and compromises are occurring every second. Each musician, who is remarkably talented in their own right, must decide when to ask questions, when to trust, when to speak up, and when to listen.

The growth of an orchestra between the first rehearsal and a concert never ceases to amaze me. Somehow, magically, these individuals become one whole, rising above discord and chaos to create harmony that touches lives. It is this transformation that inspires me to dedicate my life to music. To me, every concert is a miraculous example of what we are capable of when we are determined to reach a common goal.

We now live in a world where it seems everyone shouts and no one listens. But it is through careful listening that we can achieve our greatest potential. It is careful listening that is the lifeblood of democracy. It is careful listening that is at the heart of education. And it is only through true education that we can have understanding. Every musical performance is a miracle. And with every miracle, there is hope. Thank you for your impact and dedication as teachers. I am grateful for the opportunity to share my experience with you.

[Classroom editions of the film are available at www.MaestroMovie.com, where you can also download FREE curriculum.]

Sincerely,


Paavo Järvi

Complete Cycle of Beethoven's 9 symphonies continues to show in Beijing

China Plus
Xu Fei
25.10.2017


Classical music fans in Beijing are now embracing a massive work-the complete cycle of Beethoven's 9 symphonies with The Deutsche Kammerphilharmonie Bremen.

Paavo Jarvi, an internationally famous Estonian conductor, is the artistic director of the orchestra.

"If we could bring a very fine choir from one of my neighboring countries, just to make it a little bit more varied, and perhaps, a little bit different angle than kind of normally expected traditional German choir. We also in the cast have a very fine Chinese musician and we also have an Estonian singer. Whenever possible, I try to promote our region as well, north of the Europe."


Eroica took on the first, second and third symphonies on Sunday; Destiny on Monday covered the fourth and the fifth.



The concert on Wednesday evening is Pastoral, and for number six and seven, and Choral which will take place Thursday evening concludes brilliantly with symphonies eight and nine.

The Beijing Music Festival's organizers have arranged this complete Beethoven cycle in order to commemorate the 190th anniversary of Beethoven's death. Their performance is also the city's first Beethoven symphonic cycle concerts over the past 30 years.
http://chinaplus.cri.cn/news/showbiz/14/20171025/43727.html

Feast of Beethoven: Complete symphonic cycle stages at BJ Music Festival

apdnews.com
15.10.2017

It's holiday for Beethoven fans in China as the complete Beethoven symphonic cycle orchestrated in the Chinese capital for the first time at the Beijing Music Festival or BMF.

Until Thursday, the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (Bremen German Chamber Philharmonic) and Estonian conductor Paavo Jarvi will be staging four Beethoven Cycle concerts at the Forbidden City Concert Hall, commemorating the 190th anniversary of the composer's death.

Bringing the Beethoven feast to BMF is especially meaningful this year as 2017 marks the festival's 20th anniversary, according to Jarvi.



At a press event, the conductor told media that when he first began working with the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen more than 20 years ago, the orchestra's understanding and interpretation of Beethoven's works made him realize that they were the perfect partners with which to record the classic musician's symphonies.

"Their Beethoven interpretations have been acclaimed worldwide by audiences and critics alike as benchmark performances," according to Harrison Parrott, an international artist and project management agency working in the field of classical music.

BMF program director Tu Song noted that this is the first time that the Beethoven Cycle has been staged in Beijing in the last three decades.

As one of the most well-known musicians in the world, Beethoven is especially popular in China for his symphony works from "Eroica" to "Fate."

http://www.apdnews.com/e-lifestyle/776831.html

Complete Beethoven Cycle comes to Beijing Music Festival

globaltimes.cn
23.10.2017



Conductor Paavo Jarvi (center) leads the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Photo: Courtesy of BMF

Beethoven, probably one of the most well-known musicians in the world, is especially popular in China for his symphony works from Eroica to Fate. Now, classic music lovers in Beijing will have the chance to appreciate the complete suite of Beethoven's nine symphonies at a performance commemorating the 190th anniversary of the composer's death.

Until Thursday, the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (Bremen German Chamber Philharmonic) and Estonian conductor Paavo Jarvi will be staging four Beethoven Cycle concerts at the Forbidden City Concert Hall as part of the ongoing Beijing Music Festival (BMF).

According to Jarvi, staging the Beethoven Cycle during BMF is especially meaningful this year as 2017 marks the festival's 20th anniversary.

At a press event, the conductor told media that when he first began working with the Deutsche Kammerphilharmonie Bremen more than 20 years ago, the orchestra's understanding and interpretation of Beethoven's works made him realize that they were the perfect partners with which to record the classic musician's symphonies.

BMF program director Tu Song noted that this is the first time that the Beethoven Cycle has been staged in Beijing in the last three decades.

http://www.globaltimes.cn/content/1071554.shtml

Paavo Järvi dirige Brahms

radioclassique.fr
24.10.2017



A la recherche de l’authenticité

Le chef estonien poursuit son exploration du répertoire romantique en compagnie de la Philharmonie de Chambre de Brême avec ce premier volet d’un cycle complet des quatre symphonies de Johannes Brahms.

Ce premier volet comprend la Symphonie n° 2 et deux Ouvertures symphoniques, l’ «Ouverture tragique» et l’ «Ouverture pour une fête académique», que le chef enregistre pour la toute première fois. A l’instar de leurs enregistrements consacrés à Beethoven, Paavo Järvi et son orchestre ont recours pour ce répertoire aux instruments utilisés du vivant du compositeur – cordes divisées, trompettes et timbales naturelles – , cultivant ainsi un esthétique sonore « dégraissée ».

Johannes Brahms : Symphonie n° 2, Ouverture tragique, Ouverture pour une fête académique. Philharmonie de Chambre de Brême, dir. Paavo Järvi (1 CD RCA)

https://www.radioclassique.fr/magazine/articles/paavo-jarvi-dirige-brahms/

'CD of the month' - Fono Forum

Fono Forum 
Andreas Friesenhagen
November 2017 

Wednesday, October 11, 2017

優れた歌手たちと機知に富んだオケの共演~パーヴォ・ヤルヴィ&N響「ドン・ジョヴァンニ」

mainichi.jp
小田島 久恵
11.10.2017

【パーヴォ・ヤルヴィ指揮 NHK交響楽団 モーツァルト:歌劇「ドン・ジョヴァンニ」(全2幕演奏会形式上演)】

 演奏会形式オペラには、ソロ歌手の衣装も譜面台の有無もバラバラな「文字通りの演奏会」風のものもあれば、演出やイメージ映像が介在するセミ・ステージ形式のものもある。

 みなとみらいホールで行われた(9月11日)パーヴォ・ヤルヴィ指揮、NHK交響楽団によるモーツァルトの歌劇「ドン・ジョヴァンニ」は明らかに後者のスタイルであった。この公演の2日前にはNHKホールでも同じ内容のオペラが上演されたが、ホールの規模からいっても客席からの距離からいっても、みなとみらいの方がより「ホールオペラ」らしいたたずまいだったのではないかと思う。

 歌手もオケもさえた、上質で瀟洒(しょうしゃ)な上演であった。今年の春に「ドン・ジョヴァンニ」を振ってスカラ座デビューを飾ったパーヴォ・ヤルヴィが、3シーズン目を迎えたN響と同じオペラを振ることに決めた。順序が逆なら「スカラの『本番』のために日本のオケを実験台にした?」という邪推も湧いてしまうというものだが、幸いパーヴォはそんな姑息(こそく)な人ではない。狭量でプライドの高いスカラ座の客とは違う「オペラの伝統を持たぬがゆえに『曇りのない目』でモーツァルトを描ける」相手として、日本の聴衆に本気をぶつけてきた。スカラの公演を聴いていないのだが、音楽的には「真に彼が思うモーツァルト・オペラ」をN響との共演のために用意してきたのではないかと思われた。

 というのも、小編成で組まれたN響のサウンドは古楽的な硬質さに貫かれ、ヴィヴラートを抑制した弦とバロック・ティンパニの乾いた響きは、パーヴォが2016年に連れてきたドイツ・カンマーフィルに似ていたからだ(パーヴォはこのオケと2004年から継続的なパートナーシップを築いている)。もっとも、N響はドイツ・カンマーほど熱くはない。あくまでもスタイリッシュで知的なアンサンブルを聴かせ、小編成ではさらに研ぎ澄まされたオケの伝統美を披露した。それでも、意外性や遊びはふんだんに盛り込まれていて、モーツァルトの「冗談」と「笑い」の呼吸は木管の表情豊かなフレージングにも表れていた。いたるところにくつろいだ笑いが起こり、楽員の反応も生き生きとして、客席との積極的なコミュニケーションが行われていた。



ドン・ジョヴァンニ(右=ヴィート・プリアンテ)とレポレッロ(カイル・ケテルセン)=写真提供:NHK交響楽団

 ところで、この「ドン・ジョヴァンニ」は歌手たちが全員最高で、それもまだ日本であまり知られていない英語圏の歌手が3人もいたので「世界はまだまだ広い」と思わずにはいられなかった。タイトル・ロールの騎士のヴィート・ブリアンテと侍従レボレロのカイル・ケテルセンは、客席から見ると兄弟のように姿かたちが似ていて、同じバリトンでもドン役のブリアンテのほうがややシリアスなトーン。ケテルセンのレポレッロは陽気で声量もあり、アドリブなのか体当たりの演技も迫力で、ほぼ彼が主役なのではないかと思えるシーンも。この演出は……現代演出というべきか、レポレッロが冒頭から手にしているのはパソコンのタブレットで、そこからなんとなく想像はできたが、タブレット画面を見ながら「カタログの歌」を歌うのである。どうしたことか、モーツァルトにはそういう冗談を許容する懐の深さがあって、全く不自然ではなかった。

 ドン・ジョヴァンニにレイプされかけて父親を殺されるドンナ・アンナはアメリカ人ソプラノ、ジョージア・ジャーマンが歌った。金髪で細身の美女で、バロックとベルカントが得意だという声質は知的で明朗、現代の社交界の若いマダムのようなイブニングドレスがよく似合う。

 面白いことに、ドン・ジョヴァンニが「3日で飽きて捨てた」ドンナ・エルヴィーラを歌ったオーストラリア人のソプラノ、ローレン・フェイガンも金髪の引き締まった体つきの美女で、アンナとエルヴィーラが並ぶと双子の姉妹のように見える(つまり双子が2組)。悲劇的なアンナより、より複雑な表現力を求められるエルヴィーラだが、フェイガンは完璧な歌唱力で、役への取り組みにも真剣味があった。この役は歌手の知性を求められるパートで、バロック・オペラ風のしかつめらしい音型が続くのも大変だし、「真剣になればなるほど滑稽(こっけい)になる」悲しい女を曇りのない目で観察する能力も求められる。バルバラ・フリットリがドンナ・アンナよりドンナ・エルヴィーラを歌いたがった理由がよくわかった。歌う女優として、これほどやりがいのある役も珍しいのだ。

 性の冒険者であるドン・ジョヴァンニに対して、ドンナ・アンナの誠実なる婚約者ドン・オッターヴィオは大抵の上演では分が悪い。モーツァルト特有の牧歌的な木管に合わせて小市民的な歌を歌っている情けない男にもなりかねない……、が、胸を打つリリック・テノールでこのパートに魂を注いだスイス出身のベルナール・リヒターは、勇敢で真っすぐな歌唱で聴衆から大きな喝采を浴びていた。リヒターも姿がよく、金髪でスマートな体形。1973年生まれというが、もっと若く見える。ドン・オッターヴィオとドンナ・アンナは最初から正統派の夫婦で、主役のドン・ジョヴァンニがあぶれ者になる未来が早々と見えた。それでも、ドン・ジョヴァンニ役の歌手の多くが「厄介この上ない曲」と恐れる「シャンパンの歌」で、ブリアンテは「待ってました」とばかりに最高の声を聴かせた。たった1分半のアリアである……「女を呼んで飲んで食べて一晩中騒ごう」という刹那(せつな)の歌に、ドン・ジョヴァンニの狂気のすべてが詰まっている。歌い出す前の歌手の鬼気迫る表情を、今でも忘れることはできない。

 若手歌手が占めたこの公演では、石像の幽霊となる騎士長も若い。1976年生まれのウクライナ出身のバス、アレクサンドル・ツィムバリュクが終わり近くで歌う「お前に晩さんに招かれたので来た」は、巧みな照明効果も加わって、真に恐ろしいオペラの瞬間が訪れた。

 そしてこの佐藤美晴演出のすごみは、奈落落ちした後のドン・ジョヴァンニが何事もなかったように生き返って、ラストの六重唱を歌い終えたみんなと「やあ!」と再会するところである。カロリーネ・グルーヴァーが二期会でこれに近いエンディングを作っていたことがあったが、佐藤演出はさらに小粋だった。モーツァルトの音楽は、ピアノ・ソナタでもコンチェルトでもシンフォニーでもそうだが、一瞬孤独のふちが恐ろしく描かれても「なーんちゃって!」というどんでん返しによって、帳消しになってしまうのだ。「悪夢からの帰還」というのもモーツァルト好みの世界観だ。「ドン・ジョヴァンニ」は「オペラ・ブッファまたはドラマ・ジョコーソ」なのだから、この深刻すぎないラストは正解なのだ。



ドン・ジョヴァンニ(ヴィート・プリアンテ)とツェルリーナ(三宅理恵)=写真提供:NHK交響楽団

 賢いツェルリーナとマゼットの若いカップルを二期会の三宅理恵と久保和範が好演し、外国人歌手たちに遜色のない演技を披露した。東京オペラシンガーズも献身的で、見事に役者のそろった「ドン・ジョヴァンニ」は、平日マチネにみなとみらいに集まった観客を、大人の笑いの世界に導いていた。優れた歌手たちと、機知に富んだオーケストラの共演は、「ドン・ジョヴァンニ」が教訓的なオペラであることを超えて、人間の可愛らしさや面白さを描いた「愛のオペラ」であることを伝えてきた。そこで巻き起こった笑いは、とても成熟したものだったのである。

(音楽・舞踊ライター 小田島 久恵)
公演データ

【パーヴォ・ヤルヴィ指揮 NHK交響楽団 モーツァルト:歌劇「ドン・ジョヴァンニ」(全2幕演奏会形式上演)~パーヴォ・ヤルヴィと歌手たちの華麗な響き】

9月9日15:00 NHKホール 11日14:00 横浜みなとみらいホール

指揮:パーヴォ・ヤルヴィ

ステージ演出:佐藤 美晴

 

ドン・ジョヴァンニ:ヴィート・プリアンテ

騎士長:アレクサンドル・ツィムバリュク

ドンナ・アンナ:ジョージア・ジャーマン

ドン・オッターヴィオ:ベルナール・リヒター

ドンナ・エルヴィーラ:ローレン・フェイガン

レポレッロ:カイル・ケテルセン

マゼット:久保 和範

ツェルリーナ:三宅 理恵

 

合唱:東京オペラシンガーズ

管弦楽:NHK交響楽団

Paavo Järvis mitreißender Brahms-Zyklus

ndr.de
Marcus Sträbler
6.10.2017


"Eine Brahms-Offenbarung" schwärmte die "New York Times" nach einem Gastspiel der Deutschen Kammerphilharmonie und bejubelte die "triumphale Lesart" der zweiten Sinfonie. So wie in New York haben Paavo Järvi und sein Orchester mit ihrem Brahms-Zyklus auch in Wien und Tokyo Erfolge gefeiert, bevor sie ins Studio gegangen sind, um die vier Sinfonien aufzunehmen. Die zweite ist jetzt auf CD erschienen.

Ein schlanker, klarer Brahms-Klang


Die Berliner Philharmoniker spielen flächig, ernst und weihevoll, fast wie in einer Kathedrale. Bei Paavo Järvi bekommt die Musik mehr Fluss und Kontur als bei der 40 Jahre alten Aufnahme von Herbert von Karajan. Durch den durchsichtigen Klang tritt die Melodie der Celli deutlicher hervor.

Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen modellieren einen schlanken und klaren Brahms-Klang. Schon zu Beginn der Sinfonie, wenn sich das Thema der Hörner über der Grundierung der tiefen Streicher abhebt.

Wie eine leichte Sommerbrise


Die Hornmelodie ist der Auftakt zu einem Werk, in dem viel und oft die Sonne scheint. Johannes Brahms, damals 44 Jahre alt, schrieb seine zweite Sinfonie 1877 im Urlaub am Wörthersee. Die liebliche Landschaft und das freundliche Klima haben - so scheint es zumindest - in der Musik ihre Spuren hinterlassen. Das ist bei Järvi und seinem Orchester zu spüren, wenn sie gemeinsam tief einatmen und sich Zeit lassen, bevor sie den hellen Klang der Geigen genießen. Er strömt so frisch und rein wie eine leichte Sommerbrise.

Trotz ihres heiteren Grundtons ist die zweite Sinfonie alles andere als eine musikalische Postkartenidylle. Brahms zeigt auch hier seinen Ernst und seinen Hang zur Melancholie - wenn auch etwas zarter und weniger düster als noch in der ersten.

Emotionale Bandbreite

Die Deutsche Kammerphilharmonie wird ihrem Namen auch in der neuen Aufnahme gerecht und präsentiert sich als Orchester von kammermusikalischer Transparenz und Wachsamkeit, etwa bei den intimen Dialogen der Bläser und mit einem breiten Spektrum an Zwischentönen. Paavo Järvi lauscht diesen leisen Klängen mit seinem eingespielten Team sensibel nach, vergisst dabei aber nicht die sinfonische Wucht, die Brahms ja auch auszeichnet. Der Forte-Ausbruch im Finale fegt den Hörer mit seiner orchestralen Kraft förmlich aus dem Sessel.

So vital und mitreißend wie die zweite Sinfonie klingen auch die beiden kürzeren Orchesterstücke, die das Programm abrunden: die tragische Ouvertüre und die akademische Festouvertüre von Brahms. Auch da offenbart die Aufnahme eine emotionale Bandbreite von der Grübelei bis zum ausgelassenen Humor, die den Komponisten Johannes Brahms und seine Musik lebendig macht.


Tuesday, October 03, 2017

Paavo Järvi: mõtted Eestist käivad minuga alati kaasas

kultuur.err.ee
Kaspar Viilup
2.10.2017




Paavo Järvi pälvis pühapäeval Eesti Muusikanõukogu interpretatsioonipreemia tippdirigendina eesti muusika maailmakaardil hoidmise eest.

Väike intervjuu pärjatuga.

Palju õnne! Mida tähendab teie jaoks Eesti Muusikanõukogu interpretatsioonipreemia? Olete võitnud aastate jooksul hulgaliselt preemiaid, kas see eristub nende seast kuidagi?

On eriline, sest iga preemia, mis on antud kodumaal, mis tuleb omadelt inimestelt, on tähendusrikas. See ju näitab, et kodumaal toetatakse ja elatakse kaasa minu tegemistele ja see on minu jaoks suurim tunnustus!

Tunnustus tuli teieni rahvusvahelise muusikapäeva raames. Kas teie kui rahvusvahelise muusiku jaoks on muusikapäeval suur väärtus, et ühendada Eesti muusikuid üle maailma?

See on tõepoolest väga tore ettevõtmine ja väga vahva päev kõigile eesti muusikutele maailma eri paigus.

Alustasite kolmandat hooaega NHK sümfooniaorkestriga. Mis on selle hooaja suuremad plaanid ning kuidas seni hooaeg kulgenud on?

Sellel hooajal on palju huvitavaid projekte: alustasime hooaega Mozarti concertante "Don Giovanniga", plaadistame Bartóki CD ja palju väga erinevat muusikat. NHK on erakordselt kõrgetasemeline orkester ja plaanid on väga põnevad: näiteks tähistame "West Side Story’ga" Bernsteini 100. juubelit, mida mängitakse NHK ajaloos esimest korda.

Kui palju te Jaapanis töötamise kõrvalt Eestisse jõuate? Kas tunnete tihti koduigatsust?

Tunnen! Tahaksin väga palju rohkem kodus käia. Püüan igal võimalikul momendil koju jõuda, sest mõtted Eestist käivad minuga alati kaasas.

Milline on Eesti positsioon rahvusvahelisel muusikamaastlikul, kas Eestit teatakse?


Eestit teatakse kui koorimaad, Eestit tuntakse kui maad, kust on pärit Arvo Pärt. Mulle muidugi teeks heameelt, kui Eestit ja meie muusikat teataks veel enam, aga arvestades meie rahvaarvu on muidugi positsioon väga hea. Sellegipoolest loodan, et meil saab olema rohkem rahvusvaheliselt tuntud artiste ja muusikalisi kollektiive. Eesti Festivaliorkestri missioon seisnebki selles, et tutvustada Eestit ja Eesti kultuuri rahvusvahelisel tasemel.


Olete esinenud lavadel üle maailma. Milline on lemmik kontserdimaja või -lava?


Berliini Filharmoonia on üks mu lemmikkohti, samuti Musikverein Wien ja Pariisi Filharmoonia – need on kolm kohta, mis kohe esimese hooga meelde tulevad. Kõik nad on omamoodi erilised ja pakuvad alati rõõmu tagasi minnes.


Millal võib teid jälle Eestis näha?


Kindlasti jaanuaris, mil me valmistame ette Eesti Festivaliorkestri turneed Euroopasse ning siis juba juulis Pärnus.

Paavo Järvi entfesselt Brahms' 2. Sinfonie

rp-online.de
2.10.2017
Wolfram Goertz

Klassik Es zählt zu den beruhigenden Faktoren des Musiklebens, dass wir den Meisterwerken niemals entkommen werden. Allein die unstillbare Nachfrage nach dem sinfonischen Panorama zwischen Mozarts "Jupiter" und Mahlers Neunter zeigt, dass wir vor allem das lieben und begehren, was wir kennen. Für viele ist das innerliche Mitsummen einer Beethoven-Sinfonie ein Glücksakt, der als spirituelle Erfahrung nur schwer zu toppen ist.


Auch die Sinfonie Nr. 2 D-Dur von Johannes Brahms zählt zu den ewigen Brummern, die durch unsere Philharmonien und Tonhallen fliegen. Die Zweite liefert alles, was wir von Brahms erwarten: herbstliche Melancholie, das wehmutsvolle Tuten der Hörner, die Schmissigkeit der Streicher und der Trompeten, einprägsame Melodien, großartige Steigerungen und dieses spezifische Element der "entwickelnden Variation", die Schönberg als wesenhaft für Brahms' Sinfonik erachtete.

Und der Schluss ist an Rassigkeit und Virtuosität kaum zu überbieten. Selbstverständlich ist der Markt mit vielen guten Aufnahmen gesättigt. Man kann sich an den großartigen George Szell halten, an den unschlagbaren Günter Wand, an den Entdecker John Eliot Gardiner. Karajan war immer ein sehr, sehr guter Brahms-Interpret. Bernstein putschte sich an Brahms auf und goss all sein Herzblut hinein (das war nicht wenig).

Toscanini vereiste ihn, um ihn herrlich wieder auzutauen. Norrington legte ihn mitsamt den Strukturen frei. Jetzt kommt Paavo Järvi und erzählt mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen die Geschichte dieses Stückes als die einer Kammermusik-Komposition, deren Schichten sozusagen nebenbei eine Sinfonie ergeben. Järvi und seine Musiker enhüllen (auf dieser RCA-CD) viele Details, aber sie sind keine Präparatoren, die ihre Funde für die Nachwelt in die Vitrine stellen.

Dieser Brahms ist lebendig, hellwach, kein Altmeister, sondern ein Feuerkopf, der zugleich das Prinzip Beethoven erweiterte und mit neuem Leben erfüllte.

Jede Stimme zählt

niusic.de
Robert Colonius
3.10.2017

Ein Orchester als Unternehmen? Das klingt erst einmal unmusikalisch, nach Kommerz. Doch nur so kann sich die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen bis heute mit größtem Erfolg behaupten und das bewahren, was ihr stets wichtig war – ihre Unabhängigkeit.

Am Bremer Hauptbahnhof kann einem schon etwas mulmig werden. Die Anzahl der Jogginghosen und Glitzerschuhe ist hoch, Bettler und Obdachlose tummeln sich dort. Es herrscht „Bahnhofsstimmung“, im negativen Sinne. Bremen hat einen schlechten Ruf. Das ist nicht ganz unbegründet: Auf bundesweiten Rankings über Bildung, Arbeit oder Sicherheit findet es sich mit den anderen Stadtstaaten Berlin und Hamburg fast immer ganz hinten. Und ausgerechnet in dem als Problemviertel geltenden Stadtteil Osterholz-Tenever hat sich ein Orchester niedergelassen, das zu den ganz großen weltweit gezählt wird: die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. In einem Saal der Gesamtschule Bremen-Ost wird seit nunmehr zehn Jahren regelmäßig geprobt und gelegentlich aufgenommen. Prallen da nicht Welten aufeinander?




Grundsanierung


„Wir konnten da nicht einfach so hingehen. Bremens ärmster Stadtteil: 30 % Hartz-IV-Empfänger, 90 Nationalitäten. Wenn man da als Inbegriff des klassischen Bildungsbürgertums hingeht, muss man nicht damit rechnen, dass die Leute reihenweise dahin strömen. Wir mussten erst einmal lernen“, erzählt Albert Schmitt, Geschäftsführer der Kammerphilharmonie.
Davor war viel passiert. Nachdem sich die Kammerphilharmonie schon längst ihren Ruf erspielt hatte, haperte es noch mit den Probebedingungen. Die Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) sollte grundsaniert werden. „Man erkannte hier die Chance, nicht nur neu zu bauen, sondern sich auch neu zu erfinden“, so Schmitt. So wurde der ehemalige Saal der Stadtbibliothek (innerhalb der GSO) renoviert und orchestertauglich gestaltet, samt Lagerräumen und Mikrofonen.

Ankunft in der GSO. Das Gelände, das Gebäude, der Saal mit dem riesigen roten Banner der Kammerphilharmonie – wie aus dem Ei gepellt. Es steht eine Probe mit Erkki-Sven Tüürs „Flamma“ für Streicher an, am Dirigentenpult: Paavo Järvi als Maestro. Oder welche Rolle nimmt er ein? „Hier muss ich gar nicht den Maestro spielen. Wir können experimentieren und auch feststellen, was nicht funktioniert. Das ist befreiend“, sagt Järvi. Das ist sofort in der Probe zu spüren, die ein wenig anders verläuft, als man es von Orchestern gewohnt ist. Aus allen Ecken kommen Vorschläge, wie man diese oder jene Stelle spielen könnte. Tanja Tetzlaff (Cello) sind die Sechzehntel zu mechanisch: „Ein bisschen rubato sollte da schon erlaubt sein, wir sind doch klassische Musiker“. Für Järvi entstammt die Musik seines estnischen Landmanns Tüür dem „Art-Rock“. Es muss schon „tight“ sein. Ob er dann hier und da vielleicht seinen Schlag unterteilen könnte, wird er gebeten. Gut, dann macht er das eben, und es klappt.


Demokratische Proben


„Unsere Lieblingsthemen: Demokratie und Hierarchie“, sagt Beate Weis, langjährige Violinistin der Kammerphilharmonie. „In den Proben ist es mehr demokratisch, im Konzert nicht. Järvi als Chefdirigent weiß die demokratischen Anteile zu nutzen.“ Dirigenten würden damit ganz unterschiedlich umgehen. Sind neue dadurch manchmal auch eingeschüchtert? „Das kann passieren. Unangenehm wird es, wenn wir einen kennenlernen wollen und schnell merken, dass da nicht viel kommt. Dann nehmen die Beiträge von allen Ecken überhand, und es kippt. Die Proportionen müssen stimmen, sonst nimmt man den da vorne nicht mehr ernst und arbeitet an ihm vorbei“, so Ulrich König, Oboist bei der Kammerphilharmonie.
Demokratisch geht es auch in der sonstigen Organisation zu, wenn zum Beispiel über kostspielige Tourneen abgestimmt werden muss. Für bestimmte Aufgaben gibt es kleinere Gremien. Matthew Hunt, Klarinette, ist im Programmausschuss: „Nächstes Jahr spielen wir Schubert. Darüber haben wir eine Klausur gemacht, Aufnahmen angehört, ausprobiert. Bei der Klausur selbst wird nichts beschlossen, wir öffnen nur unsere Augen und Ohren.“
Juliane Bruckmann spielt seit eineinhalb Jahren Kontrabass bei der Bremer Kammerphilharmonie, seit Juli als festes Mitglied. „Erstaunt war ich über die Meinungen, die in den Sitzungen immer noch weit auseinander gehen. Da gibt es keine festgefahrenen Gruppen. Als Neuling wird man sofort ernst genommen und nach der eigenen Meinung gefragt.“





Nicht verbraten werden


Schon zu Anfang, 1980 noch als reines Studenten-Streichorchester gegründet, war allen bereits klar, worum es gehen sollte: um das Proben und vor allem Musizieren auf gleichberechtigte, demokratische Art. Friederike Latzko, Bratschistin und Gründungsmitglied, erinnert sich: „Der Plan war, dass wir unsere Freiheit bewahren. Wir wollten uns absetzen von den staatlichen oder städtischen Orchestern, die von oben etwas vorgesetzt bekommen.“ Die weitgehende Unabhängigkeit von staatlichen Subventionen (statt 90 % nur etwa 30 % Zuschuss) geht allerdings auch mit einem allgegenwärtigen Risiko einher. So steckte die Kammerphilharmonie Ende der 90er in einer Schuldenkrise. Bei aller künstlerischen Leistung wurde zu wenig Wert auf Profit gelegt. Häufige Wechsel in der Geschäftsführung folgten. Schmitt, der bis dahin Kontrabass in der Kammerphilharmonie gespielt hatte, sah sich gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: „Bei meiner Übernahme 2002 waren es 750.000 Euro Verschuldung. Wir waren eine GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts), jeder haftete gesamtschuldnerisch. Aus Verzweiflung sagte ich mir, dass ich das zumindest nicht schlechter machen kann,“ sagt Schmitt und lacht dabei. „Aber dafür hatte ich Insiderwissen.“

Ein Orchester als Unternehmen, bis dahin aber ohne PR, Marketing oder Fundraising – da musste erst einmal ein Image her, um Partner zu akquirieren. „Der strittigste Punkt war die Einstellung eines Marketing-Organisators, weil dafür wieder Geld ausgegeben werden musste“, erzählt Schmitt. Bei einem Businessplan seien die Mechanismen im Grunde immer gleich. „Das ist, wenn man aus dem Orchester kommt, unbefriedigend, weil man möchte, dass das ‚Produkt’ in seiner Sensibilität und Einzigartigkeit vorkommt und nicht in standardisierten Prozessen verbraten wird“, so Schmitt. Schrittweise wurde die Bremer Kammerphilharmonie zu einem Hochleistungsteam mit Geschäftssinn – die Schulden wurden dadurch getilgt. Die Mitglieder sind nach wie vor Teilhaber des Ganzen. Eine detaillierte Beschreibung zur Vorgehensweise Schmitts gibt es hier.




Guten Abend, gute Nacht

Öffentliche Generalprobe für die „Night Of The Proms“ in zwei Tagen. Der Probensaal ist sehr voll. Darunter auch der ein oder andere Schüler, dabei sind noch Sommerferien. Järvi will lieber noch einmal ins Detail gehen, keine Show machen. So lässt er nach „Flamma“ und der opernhaften und witzigen Darbietung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Sinfonia concertante“ mit Vilde Frang (Violine) und Lawrence Power (Viola) den letzten Satz wiederholen. Das Tempo ist ihm zu gemächlich. Noch einmal. Mehr piano am Anfang. Zu dieser Note hin spielen. Hier abphrasieren. Järvi nimmt nun doch die Zügel in die Hand.
Nach der Pause folgt Brahms’ zweite Sinfonie. „Lasst uns mit dem Finale anfangen. Warum nicht?“, verkündet Järvi und setzt an. Hier scheint alles zu stimmen und Järvi ist am Ende zufrieden. Großer Applaus. Jetzt der Kopfsatz mit seinem „Guten Abend, gute Nacht“-Seitenthema, passend zur Tageszeit. Järvi bricht kurz danach ab. Es genügt ihm als Probe. Musiker und Publikum haben gearbeitet.

Wenn keine Schulferien sind, ist die Bremer Kammerphilharmonie in der GSO von vielen Schülern umgeben. Für Außenstehende mag dies nach wie vor sensationellen Charakter haben, doch darauf legt es das Orchester nicht an: „Das Unspektakuläre ist gefragt, nicht Glamour. Die Kinder brauchen keine Musik, sondern Verlässlichkeit. Das Angebot muss bestehen bleiben, man darf es nicht wegnehmen“, sagt Schmitt.
Mit dem Einzug in die GSO hat sich die Kammerphilharmonie zur Aufgabe gemacht, einen positiven Einfluss auf das gesamte Stadtviertel zu nehmen, zum Beispiel durch das „Zukunftslabor“, in dem an Schulen mit Kindern und Jugendlichen eine „Stadtteil-Oper“ erschaffen wird. Die Musik soll einen ganz konkreten Mehrwert haben. „Wir geben Inspiration, das Leben in die Hand zu nehmen, sich zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen“, so Schmitt. Als Ausgangspunkt sei ein Netzwerk aus Lehrern, Eltern und auch Polizei nötig gewesen. „Das Viertel ist ja ein Hotspot. Wenn man aber von dort aus agiert, kann die Musik mit ihrer nonverbalen, emotionalen Qualität berühren“, sagt Schmitt. „Für manche Leute sind unsere Projekte existenziell geworden. Ein Sehnsuchtsort.“

Nicht im stillen Kämmerlein

Ursprünglich als Musikstudentenorchester 1980 gegründet, konnte sich die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen musikalisch schnell profilieren, während sie sich größtenteils selbst finanzierte. Nach überstandener Schuldenkrise und der erfolgreichen Unternehmensgründung spielt das Orchester heute mit allen Größen und auf allen Bühnen der Szene. Die Einspielung der Sinfonien Beethovens unter Paavo Järvi ist hochgelobt und preisgekrönt. Im Oktober folgt eine Aufnahme mit Werken von Brahms. Mehr Information unter www.kammerphilharmonie.com.