Tuesday, April 25, 2017

Licht, Himmel, Klang

zeit.de
Christine Lemke-Matwey
24.04.2017


Eine Reise ins Baltikum, nach Estland, wo ein kleines Festival sich anschickt, Europa zu erobern

Ein Bekenntnis vorweg: Ich gehöre zur Generation der sogenannten Kriegsenkel, bin Kindeskind von Vertriebenen aus dem Baltikum, und immer wenn ich nach Estland fahre, komme ich mir auf wundersame Weise uralt und federleicht vor. Angefüllt mit Gedanken, die mich über alle Zeitläufte und Ländergrenzen hinwegtragen, dorthin, wo es ganz sicher wieder so schön sein wird, wie es niemals gewesen sein kann.

Traumata vererben sich, heißt es. Ein familiäres Gedächtnis, erzählte Biografien auch.

Ein Dreivierteljahr ist meine letzte Reise in den Norden nun her, Hochsommer war es, und woran ich mich erinnere, ohne in meinen Recherche-Unterlagen zu wühlen und Interviews abzuhören, ist vor allem dieses verrückte kleine bohrende Heimatgefühl, das ich nirgendwo sonst auf der Welt habe. Ein Gefühl von Ruhe und von Schmerz, von Himmel und Licht.

Mit dem Seebad Pärnu, das früher einmal Pernau hieß, hatte meine Familie nicht viel zu tun – außer dass man sich durch das Wasser mit allen Baltendeutschen verbunden fühlte, die an den Küsten lebten. Pärnu liegt hoch oben am Rigaischen Meerbusen, hat rund 42.000 Einwohner und eine Architektur, die von den typischen Holzhäusern geprägt ist, wie man sie überall im Baltikum findet, aber auch von Jugendstil, Art Nouveau und etwas vom Bauhaus. Seit dem frühen 19. Jahrhundert gilt Pärnu als "Estlands Sommerhauptstadt", seines weißen Sandstrands und des Heilschlamms wegen, der hier aus der Ostsee gefördert und zur medizinischen Anwendung gebracht wird.


Das Meer ist extrem flach, man muss mehrere Hundert Meter Richtung Horizont stapfen, um schwimmtaugliche Tiefen zu erreichen. Bei Wellengang trägt die Gischt bräunliche Kronen, des Schlammes wegen, und im Winter, wenn die Tage so kurz sind, das man unversehens von einer Dämmerung in die nächste fällt, friert die Bucht rasch zu. Dann knirscht und knackt es aus der Tiefe, vor allem nachts, und raunt von früher.

DIE JÄRVI-DYNASTIE
Wie viele Järvis es in Estland gibt, die Musiker sind, hat noch niemand gezählt. Die prominentesten gehören zur Familie des Dirigenten Neeme Järvi (unten), der 1937 in Tallinn geboren wurde und 1980 in die USA emigrierte. Er hat über 400 Schallplatten aufgenommen, gern mit unbekanntem Repertoire. Seine Söhne Kristjan, 44, und Paavo sind ebenfalls Dirigenten. Seit 2010 leitet Paavo das Pärnu Music Festival, das sich sofort zu einem regen Familientreffpunkt entwickelt hat.

Das erste Mal war ich kurz nach Weihnachten 2004 in Pärnu, das Meer knirschte und knackte, und am anderen Ende der Welt, rund um den Indischen Ozean, ereignete sich die große Tsunami-Katastrophe. Die Fernsehbilder eines brachial zerstörten exotischen Paradieses standen in einem unfassbaren Kontrast zur eisigen Stille der Natur um uns herum. Jetzt, zwölf Jahre später, bin ich wieder hier, es ist Sommer, wie gesagt, und die Tage sind so lang, dass man aufpassen muss, die Nächte nicht zu vertun. Ich besuche das Pärnu Music Festival, das in sein sechstes Jahr geht und gewissermaßen eine Erfindung des Järvi-Clans ist, der berühmten estnischen Musikerdynastie. Dass auch Künstler den Weg in die Sommerfrische von Pärnu finden würden, war klar. Die Komponisten Dmitri Schostakowitsch und Aram Chatschaturjan gehörten zu den Stammgästen, und der Geiger David Oistrach veranstaltete in seiner Datscha nicht nur Konzerte, sondern führte dort auch stolz den Plattenspieler vor, den er auf einer seiner Tourneen in Ost-Berlin erworben hatte. Für die sowjetische Intelligenzia war das kleine Pärnu ein mondänes Schaufenster zum Westen.

Oistrach, erzählt der Dirigent Neeme Järvi, 79, einer der Begründer der Dynastie, habe gerne dirigieren lernen wollen. "'Neeme', sagte er, 'zeig mir, wie das geht.'" Und sein Jugendfreund Neeme zeigte es ihm: "Mit seinen kleinen runden Händen konnte er es schließlich ganz gut." Wir sitzen in einer Garderobe des 2002 neu erbauten Konzerthauses von Pärnu (900 Plätze im großen Saal, 170 im kleinen), Neeme Järvi und sein Sohn Paavo, ebenfalls ein international renommierter Dirigent. Kleine Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Paavo als schmales blasses Jüngelchen an der Seite eines verschmitzt dreinblickenden Schostakowitsch. Kaum haben wir angefangen zu reden, schaut seine Schwester Maarika zur Tür herein, die Flötistin, "Tere!", "guten Tag", später gesellt sich Mutter Lillian dazu.

Eine Woche dauert das Festival, Symphonie- und Kammerkonzerte werden durch Meisterkurse und eine Akademie für junge Dirigenten ergänzt. Die leiten Neeme und Paavo gelegentlich auch zusammen, dann steht der Sohn vorn am Dirigentenpult und korrigiert Körperhaltung und Schlagtechnik der Kandidaten, während der Vater an der Seite sitzt und gut gelaunt schnauft: "And now: magic!" Oder: "Manche spielen Beachvolleyball, Sie spielen Sibelius!" Vor Bewerbern jedenfalls kann sich die Akademie kaum retten. Das Dirigieren habe sich zu einer regelrechten Seuche entwickelt, klagt der Meister schmunzelnd.Die Järvis sind für Estland das, was für die Deutschen vielleicht die Wagners sind, nur weniger ideologisch. Das Festivalprogramm zählt neben Neeme, Paavo und Maarika auch Madis, Mari, Marius, Martin, Mihkel, Miina und Teet Järvi als Mitwirkende auf, sie spielen Bratsche, Klavier, Orgel, Cello oder Geige. Nur Kristjan Järvi, Neemes jüngerer Sohn, der Chef des MDR Sinfonieorchesters in Leipzig, hatte diesen Sommer keine Zeit. Es ist der schiere Enthusiasmus, der aus dem winzigen Oistrach-Festival zunächst ein Järvi-Festival und seit 2010 dann das Pärnu Music Festival erwachsen ließ. Eine Metamorphose nicht ohne Ansprüche. "Anfangs", sagt Paavo Järvi und blickt aufs Jahr 2010, "waren wir hier sehr familiär. Das sind wir immer noch, aber das Niveau ist gestiegen, technisch wie künstlerisch."

Die Musiker des Orchesters (das, der Breitenwirkung halber, nicht Pärnu Festival Orchestra heißt, sondern Estonian Festival Orchestra) kommen von überall her. Mitglieder der Berliner Philharmoniker und der Bremer Kammerphilharmonie sitzen Schulter an Schulter neben estnischen Nachwuchsinterpreten und Kollegen aus Frankreich, Griechenland oder den USA. Paavo Järvis Ziel ("in zwei oder drei Jahren") ist es, einer Institution wie dem Lucerne Festival Orchestra nachzueifern, jenem von Claudio Abbado gegründeten Elite-Ensemble, in dem sich Sommer für Sommer die Besten der Besten sammeln. Das mag etwas hoch gegriffen erscheinen, ist von der musikalischen Qualität aber nicht abwegig. Und auratisch, landschaftlich nimmt Pärnu es mit dem Vierwaldstätter See locker auf. Das Entlegene, nordisch Verwunschene hat einen enormen Reiz. Nicht zuletzt um dafür zu werben, wird das Orchester 2018 zum ersten Mal auf Europatournee gehen.

Überdies könnte die geopolitische Lage Estlands zwischen Russland und dem Westen auch der Musik eine Brisanz bescheren, nach der man andernorts erst krampfhaft suchen muss. "Unser Orchester fördert internationale Beziehungen", sagt Neeme Järvi trocken, gerade weil die Probensprache heute Englisch sei. Viele junge Esten lernten aus Prinzip kein Russisch mehr.

Letztlich wisse niemand, so Neeme weiter, was der russische Präsident Wladimir Putin vorhabe, aller moralischen, wirtschaftlichen und militärischen Unterstützung der Nato und der EU zum Trotz. An der Lebensangst der Esten hat sich offenbar wenig geändert. Eine Angst, die das kleine Land seit Jahrhunderten kennt, mal unter schwedischer, mal unter deutscher, mal unter russischer Besatzung, wobei es sicher bessere und schlechtere Zeiten gab.

"Wir haben kein gutes Selbstbewusstsein", sagt Paavo Järvi, "wir warten immer auf Lob von außen." Damit meint er auch: Ein ordentlich dotiertes Orchester als Botschafter Estlands in der Welt würde helfen, das heimische Selbstbewusstsein zu stabilisieren.

Die Esten, Letten und Litauer sind hochmusikalische Völker. Man denke an ihre traditionellen Sängerfeste mit mehreren Zehntausend Menschen oder an die "Singende Revolution" von 1989. Im Gesang (und oftmals nur im Gesang) überlebten die eigenen Sprachen. Für das professionelle Musizieren allerdings ist diese Laienkultur nicht wirklich hilfreich. Dadurch dass die Musik lange einen subversiven Auftrag zu erfüllen hatte und erfüllte, ging es weniger um Fragen des technischen oder künstlerischen Fortschritts.

Viele Musiker seien schnell zufrieden, bemerkt Paavo Järvi, "insofern ist es eine didaktische Idee, die jungen Esten im Orchester neben internationale Topkräfte zu platzieren: Man wird nur besser, wenn man erlebt, wie gut andere sind." Erst wenn diese Einsicht sich durchgesetzt habe, könnten andere Parameter verändert werden: die fehlende Infrastruktur zur Talentförderung, das "sozialistische Denken", sobald es um privates Sponsoring gehe. Das estnische Musikleben, sagt Paavo Järvi, finde nach wie vor unter einer gläsernen Decke statt – "und wir sind dabei, diese Decke zu durchbrechen".

1980 emigrierte Neeme Järvi mit seiner Familie in die USA, die künstlerischen Einschränkungen in der UdSSR nahmen überhand. Nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 kehrten die Järvis nach Estland zurück. Ihre amerikanischen Pässe haben sie behalten, und ihre Wohnsitze sind heute über die ganze Welt verstreut. Als "Flüchtlinge", wie man bei uns zu Hause sagte, haben sie sich nie gefühlt, der Musik und ihrer späten Geburt sei Dank.

Meine Großeltern hingegen, die über Nacht alles verloren, wollten Reval/Tallinn und Hapsal/Haapsalu, ihre "alte Heimat", nie wiedersehen. Im Mai 1945 sind sie 44 und 49 Jahre alt und ahnen, dass sie den kleinen Ort im oberfränkischen Zonenrandgebiet, an den es sie verschlagen hatte, nicht mehr verlassen werden. Endstation Erinnerung. Wie schön, wenn das Erzählte wieder zu leben beginnt.

Sämtliche Angaben zum diesjährigen Festival vom 10. bis zum 18. August unter parnumusicfestival.ee. Im Januar 2018 geht das Estonian Festival Orchestra mit Paavo Järvi und der Geigerin Viktoria Mullova auf Tournee.

Friday, April 21, 2017

Classical Source CD review - Nielsen




classicalsource.com
Colin Anderson
April 2017

This very welcome release preserves Concerto performances from the Philharmonia Orchestra’s Nielsen Symphony Cycle with Paavo Järvi.

Late in his life Carl Nielsen (1865-1931) decided to write a Concerto for each member of the Copenhagen Wind Quintet; sadly he composed only the two on this disc. That for Flute (1926) – for Holger Gilbert-Jespersen (who recorded the piece during the 1950s) – is whimsical and brimful of character, a range of moods embraced with a sense of theatre, not least an interrupting trombone, and with strong, varied and memory-hugging musical ideas. Samuel Coles plays with much virtuosity and personality and he enjoys a vibrant and deft interaction from his Philharmonia colleagues – whether the orchestra is being complementary or contrary to the flautist – with Järvi alive to details and colours that are projected as a part of an action-packed drama. (Signum also has a Nielsen Flute Concerto on its books, from Juliette Bausor, link below.)

Caprice and confrontation, and a dark lyricism, inform the Clarinet Concerto (1928) for Aage Oxenvad – “a person of somewhat choleric temperament, irascible but warm at heart” – such qualities, and others, reflected in this compelling music, a remarkable and fierce individuality in evidence from a tunesmith composer with progressive tendencies. The single movement, if of defined sections, rages and is soulful, a volatility underlined by a side drum as provocateur. Nothing is predictable yet everything belongs, and Mark van de Wiel plays this demanding work with flair, poise and insight; and, like Coles, receives an esteemed collaboration from the Philharmonia Orchestra and Järvi.

In February 1919 a new production of Adam Oehlenschläger’s Aladdin was staged in Copenhagen, for which Nielsen wrote a considerable amount of incidental music, and spectacularly good it is too, opening with the bold ‘Oriental Festive March’, played here with white-hot intensity, and also wonderfully suggestive, such as in ‘Aladdin’s Dream and Dance of the Morning Mist’, respectively tender and charming. The remaining five movements of the Suite (published posthumously in 1940) are all inventive and appealing, not least the multi-dimensional ‘Marketplace in Ispahan’, full of contrasts and divergences – an oriental ‘Fourth of July’ (Charles Ives) – and the Suite closes with the stamping exuberance of ‘Negro Dance’, Järvi totally at-one with Nielsen’s invention.

The only reservation is a minor one: that the Royal Festival Hall recordings have had a little resonance added (distracting) and that somewhat more space and distance has been found for Henry Wood Hall than is there in person; however the sound is vivid and complements first-class music and music-making.

Saturday, April 08, 2017

RECORDING OF THE MONTH

musicweb-international.com
Simon Thompson
April 2017


Richard STRAUSS (1864-1949)Don Juan [17:16]
Ein Heldenleben [44:13]
NHK Symphony Orchestra, Tokyo/Paavo Järvi
rec. live, Suntory Hall, Tokyo, 18 & 19 February 2015
RCA 88985391762 [61:29]



Strauss from Japan? Don’t be perturbed, but celebrate, because the results are excellent. Paavo Järvi took up the reins as chief conductor of the NHK Symphony Orchestra in the autumn of 2015, and for their first big recording project they turn to three planned discs of the orchestral music of Richard Strauss. This first instalment is really good, not least because the Japanese musicians approach Strauss’s music from a different angle to most of their recorded rivals, and the results are well worth hearing.

The first thing that strikes you is the nature of the orchestral sound. It’s light, breezy, airy and really quite wonderful. Järvi’s fast tempi help, but you can’t get away from the fact that the sound is really very un-Germanic. You might think that’s a bad thing in Strauss, a composer who sits right at the heart of the Austro-German tradition. In fact, however, it is different but remarkably successful, and so new-sounding as to be very refreshing indeed. However, don't believe any of the all-too-easy clichés about the sound being explained by this orchestra’s distance from Europe and from European culture: they’ve had several German conductors, and they’ve been playing this sort of repertoire for nearly a century. They sound this way because Järvi and the players want them to sound this way, so don’t try to explain it away: just embrace the new insights and the freshness that it brings.

There is weight when you need it, of course, most obviously in the vigorous, upwardly thrusting hero’s theme that opens Heldenleben, underpinned by sumptuous basses and with a gorgeously rich tone. The recording helps, too, placing the woodwind snipings of the adversaries right at the front of the sound and making them very present. The solo violin - played with not only great virtuosity but also uncommon sensitivity by Fuminori Marco Shinozaki - also benefits from a forward placing, but this gives it a pleasingly concertante feeling of togetherness, with the violin and orchestra answering one another’s questions like companions.

The live-ness of the recording is an almost unalloyed benefit, generating energy and spur-of-the-moment excitement that you don’t always get in the studio, and it helps to make the battle scene sound powerful, especially from the thunderous percussion. The only major downside comes there, too, because the offstage trumpets from that section’s beginning can get swamped as the orchestra cranks up. However, the build to the return of the Hero’s theme (track 5, 6:07) is thrilling, as is the first emergence of the Don Juan theme at the outset of the Works of Peace. The rest of that section is then characterised by some lovely solos and a persuasive sense of flow that leads into a sensationally lovely treatment of the Hero’s Retreat theme: the string tone at track 7, 3:51 will delight you, and even the attempts of the Adversaries to overthrow it can’t succeed. The final, temporary fortissimo blast feels perfectly judged, Järvi giving us a long, slow build up and then releasing the tension at just the right time.

This is a Heldenleben that deserves to stand alongside many more prestigious Central European readings, not because it threatens to unseat them, but because it’s refreshingly different, and a similar lightness of touch characterises an effervescent, brilliant Don Juan. The opening flourish will make the hairs on the back of your neck stand up - just listen to the clarity of the timpani and glockenspiel! - and the shimmer surrounding the first love theme is delightfully seductive. The rest of the work benefits from that lightness of sound I mentioned above, so that Don’s amorous escapades have a dance-like quality to them that’s both entirely appropriate and utterly engaging, interrupted by moments of delectable beauty, such as the gorgeously played oboe solo for the second love theme. The great horn theme at the ten-minute mark rings out with thrilling clarity, and the trumpet solo at 11:41, so easily missed in many recordings, oozes the character of a Yorkshire colliery band. The hero’s demise is shocking, as it should always be, the wisps of his spirit seeming to linger in the violins, and the effect is both poignant and at the same time unarguable in its suddenness.

A hit, then! I look forward to the next instalment.