Monday, February 26, 2018

SHOSTAKOVICH Symphony No 6. Sinfonietta (Järvi)

gramophone.co.uk
David Gutman



Estonia’s vexed relationship with Russian power echoes Shostakovich’s unavoidably equivocal world view. The composer spent time in the Baltic seaside resort of Pärnu, then a relatively liberal outpost of the Soviet empire, and Alpha’s beautifully designed physical product includes photographic corroboration of his encounter with the Järvis in 1973.
AdTech Ad
Like his father, Paavo Järvi plainly loves recording, but where Neeme in his prime was intent on transmitting the inner life of a score, Paavo can seem almost excessively sure-footed, as if preoccupied with precisely buffed surfaces. Not so here in a release coinciding with the 100th anniversary of Estonian independence. Since 2011 the peripatetic maestro has touched base at the Pärnu Festival every August, overseeing its evolution into a kind of alternative Lucerne, a summer season for the cream of Estonian musical talent drawing guest players from more venerable European ensembles. The resulting super-group is not huge but its bright clarity, with violins antiphonally placed, does not preclude the plumbing of depths both physical and emotional.
In any event this must be one of the finer Sixths of the digital era. Minor imprecisions present in the closing concert of the 2016 season as captured on film have been eliminated for this audio version (subsequently recorded in whole or in part). Even now, the finale whirls us to its end with articulate ferocity at a tempo almost faster than the players can manage. Vladimir Jurowski, to name one recent rival, is much more symphonically sedate. Closer to Jurowski, and indeed to Neeme, in Shostakovich’s great opening Largo, Paavo rejects the funereal approach implied by the initial metronome mark, admitting a rare degree of light and shade. I loved the idiosyncratic woodwind solos.
Sadly Abram Stasevich’s arrangement of the Eighth String Quartet proves more problematic. However compelling the performance, readers reluctant to embrace the usual string orchestra transcription by Rudolf Barshai will have insurmountable problems with the incursions of timpani. The symphony at least is terrific.

Das Beste aus beiden Welten - Paavo Järvi

musikverein.at

Paavo Järvi hat sich einen glänzenden Ruf als unermüdlicher, aber freundschaftlich arbeitender Orchestererzieher erworben – ein moderner Maestro par excellence. Nicht zuletzt seine Beethoven-Interpretationen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen haben international Furore gemacht. Nun gastiert der aus Estland stammende Dirigent mit den Bremern und dem Geiger Christian Tetzlaff im Goldenen Saal, um Haydn, Mozart und Schubert auf modernen Instrumenten, aber mit historischem Wissen neu zu deuten.

Pärnu ist ein stilles Seebad an der baltischen Küste südlich von Tallinn“, sagt Paavo Järvi schlicht. Herrlich aus der Zeit gefallen und doch auch behutsam modernisiert, so erscheint es heute – und der drei Kilometer lange, seichte Sandstrand besitzt speziellen Reiz. 1251 vom Deutschen Orden unter dem Namen Pernau gegründet, hat die Hansestadt an der nordöstlichen Rundung des Rigaer Meerbusens seit 1838 einen Aufschwung als Bade- und Kurort genommen. 1918 wurde nicht etwa in Tallinn, sondern hier Estlands Unabhängigkeit vom revolutionär zerfallenen Zarenreich ausgerufen und eine Republik installiert, die 1940 mit der Besatzung durch die Rote Armee ihr vorläufiges Ende fand. Nach dem Untergang der Sowjetunion und neugewonnener Souveränität hat auch die weitverzweigte estnische Musikerfamilie Järvi dort ihren alten seelischen Stützpunkt zurückgewonnen – und 2011 mit dem Pärnu Musikfestival ein florierendes künstlerisches Zentrum errichtet, in dem Paavo Järvi als Spiritus rector fungiert.

Kraft der Wurzeln

Vielleicht muss man Pärnu und ganz besonders das Festival erlebt haben, um den Musiker Paavo Järvi wirklich verstehen zu können. Herrscht in berühmteren Festspielhochburgen oft der Trubel und rückt mit seinem Lärm der Kunst auf den Pelz, gewinnt man in Pärnu noch den Eindruck, dass die Musik aus der vorhandenen Stille erwächst. Die Ablenkungen sind gering, davon profitiert auch das Publikum. Und man kann dort exemplarisch hören, wozu Paavo Järvi fähig ist: Bekannt für seine penible Probenarbeit bis zuletzt, erzielt er bei den Aufführungen dann noch ein spezielles Plus an Ausdruck und Leidenschaft. Mittlerweile kommt der ganze Järvi-Clan wieder jeden Sommer in Pärnu zusammen: Neeme, bald 81 und unvermindert aktiv, seine Frau Liilia und ihre drei Kinder, wobei die Söhne Paavo (Jahrgang 1962) und der frühere Tonkünstler-Chef Kristjan bekanntlich wie der Vater zum Taktstock gegriffen haben, während die Tochter Maarika Flötistin geworden ist; nicht zu vergessen deren Ehepartner und Kinder sowie weitere musizierende Verwandte aller Generationen.

Ein Schnappschuss …

Lange Zeit gab es keinen „westlicheren“ Ort in der Sowjetunion als Pärnu. Künstler wie Dmitrij Schostakowitsch und David Oistrach genossen diesen Fluchtpunkt der UdSSR – und ein berühmt gewordenes Foto zeigt den zehnjährigen Paavo mit seinem Vater Neeme und dem musikalischen Übervater Schostakowitsch. „Hinter der Kamera war Gustav Ernesaks, der estnische Chorleiter und Komponist, dessen Lied ‚Mu isamaa on minu arm‘ zu einer inoffiziellen Nationalhymne aller Esten während der sowjetischen Besatzung wurde“, erzählt Paavo Järvi. Die Emigration seiner Familie 1980 in die USA war eine Art von Befreiung und zugleich ein tiefer Einschnitt, ein Abschied von der Heimat: „Die Erinnerungen an die Sommer meiner Kindheit in Pärnu rückten immer mehr in weite, nostalgische Ferne.“ Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der erneuerten Unabhängigkeit Estlands war den Järvis die Rückkehr erlaubt – der Rest ist bereits Festspielgeschichte.

Das Warten hat sich gelohnt!

hr2.de
Meinolf Bunsmann
26.02.2018





Paavo Järvi dirigiert Musik von Schostakowitsch. Mit dem von ihm 2011 gegründeten Estnischen Festival Orchester. Ein rundum gelungenes Debütalbum

Ein Urlaubsort wird zum Aufnahmeort. 1973 lernt der zehnjährige Paavo Järvi bei seinem Badeurlaub im estnischen Pärnu den russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch kennen. Über 40 Jahre später nimmt er seine Musik mit dem Estnischen Festival Orchester auf. Im Konzerthaus von Pärnu. Die 6. Sinfonie und das 8. Streichquartett in der Fassung für Streicher und Pauken. Ein rundum gelungenes Debütalbum!


Tiefe. Weite. Sehnsucht.

Es federt, es fließt, man kann die motorische Energie der Musik fühlen. Der Klang dieses Ensembles birgt Suchtpotential. Paavo Järvi dirigiert das Estnische Festival Orchester mit großer Präzision und Stringenz. Führt es kontrolliert zu dramatischen Höhepunkten, hat die Musik immer "im Griff". Im dritten Satz von Schostakowitschs Sechster Sinfonie fast schon mit Rossinischer Leichtigkeit.

Paavo Järvi und dem Estonian Festival Orchestra beim Proben über die Schulter schauen: im Video

Fazit

Ein Este unter Esten. Paavo Järvi und das Estnische Festival Orchester. Dirigent und Musiker auf einer Wellenlänge. Dieses Schostakowitsch-Album ist ein Volltreffer!

https://www.hr2.de/musik/cd-tipps/cd-titel,jaervi-schostakowitsch-100.html

Sunday, February 25, 2018

«Musik muss man gemeinsam machen»

nzz.ch
Marco Frei
25.02.2018

Im Sommer endet die kurze Ära von Lionel Bringuier als Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters. Sein Nachfolger Paavo Järvi ist schon vor seinem Einstand 2019 sehr präsent in Zürich. Worauf dürfen sich Musiker und Musikfreunde einstellen?




Die Fotografie geniesst Kultstatus in Estland. Der grosse Komponist Dmitri Schostakowitsch ist darauf zu sehen, zusammen mit dem estnischen Dirigenten Neeme Järvi. Auch ein Kind lugt etwas scheu nach links. Es ist Paavo, der älteste Sprössling des «Järvi-Clans». Sein Bruder Kristjan ist ebenfalls Dirigent, die Schwester Maarika bläst die Flöte. Das tut sie auch im Estonian Festival Orchestra (EFO), das 2011 gegründet wurde, von Paavo Järvi. Seinen Sitz hat das Orchester in Pärnu, einem Seebad südlich von Tallinn. Hier haben sich einst viele Persönlichkeiten des sowjetischen Musiklebens eine Sommerfrische gegönnt: der Geiger David Oistrach etwa oder eben Schostakowitsch – und hier ist 1973 auch die besagte Aufnahme entstanden.



Sommers ist in Pärnu der Bär los. Im Winter liegt hier hingegen der Hund begraben. Trotzdem kommt an diesen eisigen Tagen im Januar das EFO in Pärnu zusammen, um zu proben. Als Dirigent versteht sich Paavo Järvi als Teil einer Gemeinschaft, ganz leger mit Turnschuhen und T-Shirt. Ein «PR-Gag» ist das nicht, denn: Wer mit ihm spricht, muss akzeptieren, dass ihn pausenlos Musiker belagern. Auch seine Schwester schaut vorbei. Wie Järvi als Bruder ist? «Furchtbar! Er ruft nicht an, meldet sich nicht: schlimm! Und seine Witze sind wirklich schlecht.» Er nimmt es gelassen und lächelt, wohl mehr verlegen als vergnügt. Seine eigene Person rückt er nämlich nicht so gern in den Fokus. Das braucht er nicht, um zu erreichen, was er will.

Herr Järvi, von Bernard Haitink stammt der Ausspruch, dass er als Dirigent nur die Luft sortiere. Was halten Sie davon?

Dass man die Musiker einfach spielen lasse und als Dirigent im Grunde gar nichts tue, sind schöne Worte. Sie entspringen meiner Meinung nach einer «Gentleman-Attitüde», um auf derartige Fragen nicht einzugehen. Nur weil sich Bernard Haitink nicht viel bewegt, heisst es nicht, dass er nicht viel macht. Er erkennt sofort und genau, was ein Orchester wann benötigt. Wenn es nicht gebraucht wird, tut er es nicht. Er vertraut der Intelligenz und der Integrität der Musiker. Und wenn Haitink den Raum betritt, sitzen alle bereits an der Stuhlkante: allein weil er sich ein bestimmtes Renommee erworben hat.

Was folgern Sie daraus?

Grosse Dirigenten wie Haitink oder auch mein Vater Neeme Järvi haben mit der Zeit erkannt, dass vieles, was sie zuvor taten, nicht zwingend notwendig war. Indem man einiges bewusst weglässt, offenbart sich allmählich, wie unnötig manche Bewegungen oder Informationen sind. Sie irritieren nur. Vieles ist einzig dem eigenen Ego geschuldet, um «grosse Gefühle» aufzuzeigen. Aber niemanden kümmert das, und es hat keinen Effekt auf das Ergebnis.

Was haben Sie noch von Ihrem Vater gelernt?

Alles! Seinetwegen liebe ich Musik und bin Musiker. Die ganze Dirigiertechnik habe ich von ihm gelernt, auch den Enthusiasmus, das Sammeln von Aufnahmen und das Studieren des Repertoires. Das hat mich sehr vertraut gemacht mit den unterschiedlichen Traditionen und Möglichkeiten der Interpretation. Vor allem aber wirkten seine Liebe und Begeisterung für das, was er gerade tat, absolut ansteckend. Das Dirigieren ist ein langfristig angelegter Beruf und demzufolge eine ständige «work in progress». Jedenfalls sollte das idealerweise so sein. Man sollte früh anfangen, um eine gewisse Erfahrung zu sammeln.

Genau das trifft auf den Werdegang von Järvi zu. Das betont auch Erkki-Sven Tüür. Er ist neben Arvo Pärt der international bekannteste Komponist Estlands und ein enger Weggefährte von Järvi. Sie haben sich Ende der 1970er Jahre kennengelernt, an der Musikhochschule in Tallinn, wo Järvi neben Dirigieren auch Schlagzeug studierte. In der von Tüür gegründeten Rockgruppe In Spe, die im Baltikum während der Sowjetzeit subversiven Kultstatus genoss, trommelte Järvi mit. Seine Laufbahn als Dirigent nennt Tüür «einzigartig», weil Järvi «kluge Entscheidungen» getroffen habe. «Er hat alles Schritt für Schritt getan, und die Kontinuität sowie die stetige Optimierung des Könnens sind faszinierend.» Tatsächlich fällt auf, dass Järvi schon Mitte der 1990er Jahre in Malmö sowie beim Kungliga Filharmoniska Orkestern in Stockholm ein breites Repertoire gepflegt hat. Andererseits arbeitet Järvi danach mit Klangkörpern, die in Struktur und Ausrichtung zum Teil erheblich voneinander differieren.

Zehn Jahre lang leitet er ab 2001 das Sinfonieorchester in Cincinnati, wirkt von 2006 bis 2013 beim Radiosinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (HR) in Frankfurt. Überdies folgt er einem Ruf zum Orchestre de Paris und tritt 2015 als Chefdirigent bei den NHK-Sinfonikern in Tokio an. Ausser mit diesen grossen Klangkörpern arbeitet Järvi seit 2004 mit der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen zusammen. Zuvor hatte Järvi sein Studium am Curtis Institute in Philadelphia sowie in Los Angeles fortgesetzt, nicht zuletzt bei Leonard Bernstein. Seine ganze Familie war 1980 in die USA emigriert.

Wie hat Sie Ihr Vater an die Musik herangeführt?

Er hat nie gefordert: «Du musst das oder jenes tun.» Wenn wir eine Aufnahme zu Hause anhörten, sagte er mehr: «Hast du das eben gehört? Ist das nicht grossartig? Hast du wahrgenommen, wie er sich an dieser Stelle Zeit nimmt?» Es war wie eine Art Spiel, ein Lehrspiel. Manchmal nahm er die Partitur zur Hand, blätterte sie auf und fragte uns: «Wo sind wir gerade?» Auf diese Weise haben wir frühzeitig gelernt, wie eine Partitur notiert ist: eben durch die praktische Anschauung. In diesem Sinn ist alles seine Schuld.

Obwohl Sie sich interpretatorisch von Ihrem Vater erheblich unterscheiden?

Es gibt Unterschiede, ja. Man wird älter, nimmt alles mit, was man an Erfahrungen angesammelt hat. Mein Vater hat viel länger in der Sowjetunion gelebt als wir Geschwister. Wir haben eine Ausbildung genossen in Estland, aber dann sind wir nach Amerika gegangen. Wir sind also verbunden und doch auch verschieden. Ich bin eine andere Person. Das ist normal und auch gesund.

Wie ist Ihr Vater mit seinen Musikern umgegangen?

Mit Daniel Barenboim hatte ich einmal eine wunderschöne Unterhaltung. Er sagte mir: «Wissen Sie, ich habe noch nie und nirgends einen Orchestermusiker getroffen, der Ihren Vater nicht mag.» Ich glaube, das besagt etwas Entscheidendes: Niemand lässt sich zwingen, schöne Musik zu machen. Das erscheint allerdings wie ein Widerspruch, wenn man sich an manche grosse Dirigenten des 20. Jahrhunderts erinnert. Nehmen Sie George Szell, Fritz Reiner, Eugene Ormandy oder Leopold Stokowski: Sie haben nicht nur die grossen amerikanischen Orchester massgeblich aufgebaut, sondern die Musiker buchstäblich terrorisiert.

Das galt ebenso für Arturo Toscanini, und auch Christian Thielemann ist nicht gerade ein Friedensstifter, oder?

Jedenfalls wird über jene Dirigenten oft und gern gesagt, sie hätten einen «tollen Ensembleklang» kreiert. Doch was haben sie tatsächlich erreicht? Wenn wir zurückblicken, müssen wir feststellen: Sie haben ihr eigenes Werk vergiftet. Man kann von ihrem Trunk nicht trinken, weil sie einen permanenten Antagonismus zwischen den Musikern und den Dirigenten erschaffen haben. Es ist ein giftiges Gebräu aus Misstrauen, Furcht und Konflikten bis hin zu im Grunde offener Verachtung. Leider ist das ein Teil der DNA mancher Orchester in Amerika geworden.

Wie meinen Sie das?

In Amerika ist dieser Antagonismus häufig spürbar. Er wurde gewissermassen von Generation zu Generation vererbt. Die Musiker misstrauen zunächst einmal allem. Jeder Wandel oder Wechsel, was immer man beigeben oder weglassen möchte, wird grundsätzlich als ein Angriff auf das Wohl der Musiker betrachtet. Für sie ist der Dirigent nicht jemand, der sich um sie kümmert, sondern versucht, ihnen weh zu tun. Das gleicht im Grunde der Reaktion eines misshandelten Kindes.

Welche Lehre ziehen Sie für sich selbst daraus?

Mein Vater ist stets ein «Mitmusiker» gewesen, und auch das habe ich von ihm. Natürlich ist das eine Haltung, die dem partnerschaftlichen Geist der Kammermusik entspringt. Das ist der Schlüssel zu aller Musik, jedenfalls für mich. Musik muss man gemeinsam machen.

Dieser Ausspruch könnte auch von Claudio Abbado stammen. Es geht um ein Aufeinanderhören und -achten, eine gleichberechtigte Partnerschaft aus dem Geist der Kammermusik: ein offener Austausch im Sinne des «Fare musica insieme». Diese Haltung wird auch an der Scuola di Musica in Fiesole bei Florenz gelebt, die Abbado als Dirigent geistig mitgeprägt hat. Wer mit Musikern spricht, die mit Järvi schon lange arbeiten, hört stets ähnliche Charakterisierungen. Aus der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (DKB) ist etwa zu hören, dass sich Järvi als «Partner» fühle: ein «Kammermusiker unter Kammermusikern». «Er möchte zusammenfassen, was aus dem Orchester kommt», sagt die Geigerin Beate Weis. «Für uns ist er ein perfekter Partner, weil er kein Problem damit hat und es sogar liebt, dass das Orchester generell aktiv teilnimmt am Entstehungsprozess einer Interpretation», ergänzt ihr Kollege Jörg Assmann. «Natürlich hat Järvi am Ende die Verantwortung, aber er lässt gewähren.»

Auch Musiker aus grossen Sinfonieorchestern bestätigen dies. «Bei uns in Frankfurt hat er es geschafft, dass alle aus einem partnerschaftlichen Geist heraus musizierten», betont Geigerin Sha Katsouris von den HR-Sinfonikern. «Das ist sehr viel wert für ein grosses Orchester. Er hat die Haltung des Musizierens wirklich verändert.» Für das Estonian Festival Orchestra (EFO) spricht Marika Krupp wiederum von einer «Fluidität der Ideen und Meinungen». «In den Proben hört er auch uns an, wenn jemand eine Frage hat oder einen Vorschlag. Er erlaubt diesen Prozess.» Für die Violinistin ist Vertrauen das zentrale Wort in der Zusammenarbeit mit Järvi, da es eben eine «musikalische Partnerschaft» ausdrücke.

«Er verschafft sich Respekt, ohne das irgendwie zu forcieren oder einzufordern. Wir folgen ihm, weil wir ihm total vertrauen und ihn einfach mögen.» Als «freundlich und warmherzig» charakterisiert ihn wiederum ihre Kollegin Aet Ratassepp. «Er ist ein grosser Magnet, weiss, wie man Musiker anzieht: musikalisch und menschlich.» Demzufolge zählt Abbado für Järvi zu den grossen Vorbildern, und auch Iván Fischer bezeichnet er als «wahrlich aussergewöhnlichen Musiker». Beide Namen verbinden sich überdies eng mit zwei Klangkörpern, die Järvi als «entscheidende Inspirationen» für das EFO benennt: das Lucerne sowie das Budapest Festival Orchestra.

Im Estonian Festival Orchestra stammt jeweils die Hälfte der Musiker aus Estland und aus der ganzen Welt, auch aus Russland. Geht das problemlos, angesichts der gegenwärtigen Spannungen zwischen den baltischen Staaten und Russland?

Unser Orchester möchte auf der einen Seite Estland repräsentieren, als kultureller Botschafter, aber es ist ein internationales Ensemble. Wir schliessen niemanden aus, sondern nehmen grundsätzlich alle auf, woher auch immer sie stammen. Ich würde niemals Musiker ausladen, nur weil sie aus Russland sind. Dies wäre das Ende der Musik als globaler Sprache. Wir wollen Brücken schlagen zwischen Menschen und Kulturen, was zwangsläufig das Politische berühren kann.

Taugt Kunst generell als Katalysator für das konfliktreiche Weltgeschehen?

Jedenfalls sind mit ihr stets grosse Werte verbunden. Ich bin nicht naiv. Mir ist klar, dass Musik weder Krieg noch Terror verhindern kann. Aber ohne Musik nähern wir uns möglichen Katastrophen schneller an. In diesem Sinn ist unsere Arbeit tatsächlich brisant und kontrovers. Für mich gilt ganz klar: Alle Musiker sind meine Geschwister. Genau das ist unsere Botschaft.

Heisst das auch, dass Sie als Dirigent führen, ohne zu führen?

Es ist grundsätzlich ein Missverständnis, dass Autorität mit Angst zu tun haben müsse. Daran glaube ich nicht. Mit Liebe kann man sehr viel mehr erreichen als mit Angst. Auf der anderen Seite muss es eine klare Struktur geben, wenn wir alle gemeinsam an einem Stück feilen und intensiv arbeiten wollen. Dünkel aber und pseudoautoritäres Gehabe lenken nur vom Wesentlichen ab. Das ist ermüdend und langweilig, völlig unerheblich. Am Ende des Tages befördert das keine nachhaltigen Erfolge, sondern bringt allenfalls kurzfristige Ergebnisse. Wer mit Freude dabei ist, musiziert automatisch besser. Ich persönlich kenne keine Musiker, die schlecht spielen möchten.

Bedeutet das umgekehrt, dass Musiker nicht mit dem Autopiloten falscher Routine musizieren sollten?

Natürlich. Im Falle des EFO kenne ich alle Musiker persönlich. Ich frage sie an, lade sie ein, und sie machen ihrerseits bei uns aus klaren Gründen mit. Wir suchen sie auch wegen ihrer Persönlichkeit aus – die Persönlichkeit ist genauso wichtig wie die musikalische Kompetenz und Qualität. Aus diesem Grund halte ich übrigens Probespiele hinter dem Vorhang für problematisch, weil sie sehr limitiert sind. Alles muss passen, übrigens auch die Körperlichkeit. Manche Musiker passen schon allein deswegen nicht zu einer Gruppe, weil sie sich kaum oder unpassend bewegen. Sie glauben nicht an eine bestimmte Art der physisch-nonverbalen Kommunikation.

In Zürich werden Sie allerdings die Musiker nicht ohne weiteres aussuchen können, oder?

Ja, aber ich habe noch nie irgendein Verlangen verspürt, dies in einem Orchester zu tun. Mir geht es darum, das Potenzial des Zusammenspiels und des gemeinsamen Eruierens von Musik zu optimieren. Es wird natürlich etwas Zeit beanspruchen, sich aneinander zu gewöhnen. In jedem Orchester gibt es überdies bestimmte Traditionen, und auch das müssen wir berücksichtigen: wie in jeder Partnerschaft.

Fühlen Sie sich in einem Orchester wohl, das eine lang gepflegte Tradition konserviert?

Nein, ich kann nicht Teil einer Routine sein. Wenn Musiker sagen, dass sie bestimmte Werke bereits bestens kennen würden, machen sie sich schon verdächtig: weil es Ausdruck einer bestimmten Erwartung ist. Das ist kein guter Ansatz, um stets von neuem den Prozess des Ergründens gemeinsam zu beschreiten. Man sollte nie aufhören zu spüren, dass in Partituren etwas verborgen liegt, was wir noch nicht wissen. Erst mit einer solchen Grundhaltung kann eine Interpretation etwas Besonderes werden.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Für mich persönlich gibt es nichts Schwierigeres, als die Musik von Johannes Brahms lebendig und interessant zu gestalten. Eine Sinfonie von Brahms in der immer gleichen massigen Art zu spielen, sehr grau in der Farbgebung, das ist für mich überhaupt nicht interessant. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein grosses Sinfonieorchester nur dann das gewaltige sinfonische Repertoire in höchster Qualität bewältigen kann, im dichtgedrängten Alltag, wenn es auf irgendeiner Art von Erfahrung aufbauen kann. Ist beides vorhanden, die Erfahrung und die Offenheit, hat man beste Voraussetzungen.

Ähnlich hat es von 1995 an David Zinman beim Tonhalle-Orchester vorgelebt. Die Parallelen zwischen ihm und Järvi sind ohnehin staunenswert, etwa im Blick auf das Repertoire. Beide Dirigenten haben mit Einspielungen der Sinfonien Beethovens diskografische Massstäbe gesetzt, so unterschiedlich die Lösungen auch sind: Zinman mit dem Tonhalle-Orchester (Arte Nova) und Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie (RCA). Peter Zelinka sieht zudem Übereinstimmungen in der grundsätzlichen Haltung. Seit 1993 wirkt Zelinka als Geiger im HR-Sinfonieorchester in Frankfurt, und er kennt Zinman auch als Gastdirigent.

«Er ist wie Järvi sehr kollegial und umgänglich», so Zelinka. «Ausserdem hinterfragen beide in ihren Interpretationen grundsätzlich Konventionen, statt ihnen blind zu folgen.» Die Unterschiede sieht Zelinka vor allem in der Probenarbeit, bei der Zinman «manchmal sehr pedantisch» gewesen sei. «In dem Sinn ist Järvi grosszügiger, weil er ein gutes Gespür dafür hat, wann er einfach spielen und gewähren lassen muss. Er lässt mehr los. Auch Zinman kommt aber aus einer kammermusikalischen Grundhaltung. Von daher passt es sehr gut, dass beim Tonhalle-Orchester die Wahl auf Järvi gefallen ist.»

Inwieweit sehen Sie Verbindungen zu Ihrem Vorgänger David Zinman?

Ich bewundere ihn sehr. Er ist ein wunderbarer Dirigent. Generell schätze ich Musiker, die etwas aufbauen. Nur Feuerwerke kreieren und verschwinden, ohne etwas zurückzulassen: Das ist nicht so meine Sache. Ich mag Musiker mit langfristigen Plänen. Wenn sie gehen, verlassen sie den Ort in einer besseren Verfassung. Sie hinterlassen Fussspuren in der Geschichte dieser Institution. Genau dies ist Zinman in Zürich fraglos geglückt. Ich habe alle Aufnahmen von ihm und bin ein Fan seiner Arbeit.

Können Sie darauf aufbauen?

Ich hoffe, dass wir an dieser Grundhaltung wieder anknüpfen können. Jedenfalls ist das kein Bruch, sondern eine gute Grundlage, um andere Perspektiven zu ergründen. Ein Orchester auf ein höheres Niveau zu bringen, erfordert Zeit. Es ist ein langsamer Prozess. Dafür aber fallen nur wenige gute Ensembles auch wieder zurück: Es muss schon etwas sehr Ungesundes in der Kultur und Natur eines Klangkörpers stecken, damit dies passiert. Wer also ernsthaft etwas entwickelt, kann davon ausgehen, dass Dauerhaftes bleibt.

Damit dies gelingt, sieht Geiger Peter Zelinka allerdings auch die Musiker in der Pflicht. Seinen Kollegen vom Tonhalle-Orchester rät er vor allem eines: «Seid offen und aufgeschlossen, schreitet mit Järvi gemeinsam voran! Er fühlt sich dort zu Hause, wo er spürt, dass es Musiker gibt, die es schätzen, mit ihm gemeinsam etwas aufzubauen.» Welches Repertoire in Zürich konkret aufgebaut werden soll, darüber hält sich Järvi bedeckt. Als «Herzstück des Orchesters» betrachtet er jedoch das klassische und romantische deutsche Repertoire. Überdies fühlt er sich der nordischen, russischen und baltischen Musik verbunden, allein wegen seiner Herkunft. Auch das französische Repertoire und die Musik des 20. Jahrhunderts möchte Järvi in Zürich pflegen. Die Chemie scheint zwischen ihm und den Musikern grundsätzlich zu stimmen.

Wie haben Sie das Tonhalle-Orchester bisher erlebt?

Als ich mit ihnen die 3. Sinfonie von Robert Schumann gemacht habe, war ich unglaublich beeindruckt, und zwar nicht nur von der Qualität oder der Präzision, sondern von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Flexibilität. Die Tonhalle-Musiker können Details ungewöhnlich schnell umsetzen oder anders gestalten. Für mich war das in diesem Ausmass unerwartet und sehr positiv. Es geht nicht darum, um jeden Preis risikofreudig zu sein, aber: Sie lieben die Veränderung, sind sehr offen für Neues.

Eine goldene Ära



frm. · Er hat ein besonderes Faible für CD-Aufnahmen – auch das hat Paavo Järvi von seinem Vater Neeme Järvi. Bei Einspielungen sei er ein «wahrer Tüftler», ist von Musikern des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt am Main zu hören. Unzählige Aufnahmen hat er mit diesem Orchester realisiert, und bis heute erscheinen Einspielungen aus dieser Zeit, obwohl Järvi schon seit 2013 nicht mehr in Frankfurt als Chefdirigent wirkt. Was bleibt, sind Dokumente aus einer goldenen Ära. Auf den jüngsten Veröffentlichungen präsentiert sich Järvi als erstklassiger Exeget für die Musik der Moderne: konkret von Paul Hindemith sowie von Anton Webern. Järvi ist der perfekte Anwalt für das Schaffen Hindemiths, er hat ein untrügliches Gespür für den strengen, teilweise neobarocken Formsinn, um zugleich stets einen intimen Lyrismus freizulegen. Für sein Hindemith-Engagement ist Järvi 2012 zu Recht ausgezeichnet worden. Dagegen zeigt das g-Moll-Klavierquartett von Johannes Brahms in Arnold Schönbergs Bearbeitung, wie sehr Järvi mit dem Klischee einer breiten, schweren Klanglichkeit bricht. Bei ihm klingt diese spätromantische Orchester-Schlachtross klar und entschlackt, überaus wach in der Attacke. Dies schlägt eine Brücke zur jüngsten Brahms-Aufnahme (Sony 88985459462), die Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen vorgelegt hat.

Das HR-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi. Paul Hindemith: Sinfonie «Mathis der Maler», Sinfonische Metamorphosen nach Carl Maria von Weber, Fünf Stücke für Streichorchester op. 44 Nr. 4, «Ragtime (wohltemperiert)» op. 26 Nr. 5. Naïve CD 5434 (1 CD).
Johannes Brahms: Klavierquartett Nr. 1 op. 25 (orchestriert von Arnold Schönberg). Anton Webern: Langsamer Satz für Streichorchester. Johann Sebastian Bach: «Fuga (ricercata) a 6 voci aus «Das musikalische Opfer» (orchestriert von Anton Webern). Naïve CD 5447 (1 CD).

Friday, February 23, 2018

Sortie CD : Anne Gastinel - Beethoven : Triple concerto, trio op. 11

franciemusique.fr
23.02.2018


Représentante emblématique du violoncelle français, Anne Gastinel a choisi, pour son retour au disque, l’une des œuvres les plus passionnantes de l’histoire de la musique : le Triple Concerto de Beethoven, où trois solistes réunis en une seule œuvre à mi-chemin entre le concerto, la musique de chambre et la symphonie font vivre et vibrer une certaine idée du partage en musique.

« Être aussi connectés qu’en musique de chambre »

Créé à Leipzig en février 1808, le Triple Concerto illustre ce qu’aucun compositeur n’avait osé faire avant Beethoven: trois solistes réunis en une seule œuvre concertante, le « Triple » est un échange permanent, un équilibre subtil qui ouvre les portes du romantisme vers de nouveaux horizons musicaux. Anne Gastinel a choisi de faire appel à son ami pianiste Nicholas Angelich et au violoniste avec lequel elle rêvait de jouer, Gil Shaham, pour cet enregistrement live d’un concert avec l’Orchestre de la radio de Francfort dirigé par Paavo Järvi.

Elle savait ainsi pouvoir respecter l’équilibre entre les trois parties de solistes particulièrement recherché par le compositeur ; et c’est un pari réussi de parvenir à constituer un trio, naturellement et intuitivement et d’être aussi connectés qu’en musique de chambre. L’écoute et l’échange permanent sont au cœur de cette rencontre.
Les parties de solistes sont particulièrement périlleuses dans ce Triple Concerto, tant pour le piano dont la tonalité est inconfortable que pour le violon pour qui la partie est délicate ; quant au violoncelle, il porte une grande responsabilité car c’est lui qui donne le ton, l’impulsion.
Anne Gastinel déguste le plaisir du live qui permet d’accéder à cette magie de l’instant irremplaçable, l’artiste s’accorde des variations infimes et tente de donner une couleur particulière que seul ce moment vivant du concert autorise.

Il en est de même pour le Trio pour clarinette pour lequel la relation était une évidence et le plaisir à jouer ensemble s’entend au disque.
En lien étroit avec le chef Paavo Järvi, elle reçoit l’énergie et la fluidité qu’il transmet au trio et aux musiciens de l’orchestre. Faire de la musique ensemble, faire quelque chose de beau, d’harmonieux, de respirer ensemble, de communier.

Anne Gastinel, violoncelle

Née en 1971, Anne Gastinel commence le violoncelle à l’âge de 4 ans. Elle entre au CNSMD de Lyon à 11 ans, elle y remporte le Premier Prix en 1986 et est admise la même année en troisième cycle au CNSMD de Paris. Yo-Yo Ma, János Starker et Paul Tortelier, auprès desquels elle se perfectionne et qui marqueront profondément son évolution personnelle et musicale, reconnaissent déjà en elle la maturité d’une artiste à part. Elle remporte de nombreux prix dans les grands concours internationaux (Scheveningen, Prague, Rostropovitch) et commence dès lors à se produire dans toute l’Europe, définitivement révélée au grand public lors du Concours Eurovision 1990.

Sa carrière l’emmène désormais dans les plus belles salles d’Europe mais aussi au Japon, en Chine, en Afrique du Sud, au Brésil, en Indonésie, au Canada, aux États-Unis (Salle Pleyel, Schauspielhaus, Théâtre des Champs-Élysées, Musikverein, Suntory Hall, Théâtre du Châtelet, Victoria Hall…). Elle s’y produit aux côtés de grands maîtres: Yehudi Menuhin, Mstislav Rostropovitch, Henri Dutilleux ou Kurt Sanderling ; elle retrouve également au cours de ces voyages les musiciens et compositeurs avec lesquels elle aime échanger : Emmanuel Krivine, Daniele Gatti, Josep Pons, Vladimir Spivakov, Pinchas Steinberg, Krzysztof Penderecki, Edmon Colomer, Michel Plasson, Yuri Bashmet, Tan Dun, Michael Schønwandt, Paavo Järvi, Claire Désert, Éric Tanguy, Justin Brown, Marianne Thorsen, Louis Langrée, Pedro Halffter, Philippe Cassard,Alain Altinoglu, Michel Portal, Nelson Goerner, Gil Shaham, Nicholas Angelich et tant d’autres.

Depuis plus de vingt ans, ses enregistrements sont couronnés des plus hautes distinctions. En 2006, Anne Gastinel reçoit la Victoire de la musique dans la catégorie « Soliste de l’année » (après avoir obtenu les trophées « Jeune Talent » et « Meilleur enregistrement »). Reconnue par les plus grands comme l’ambassadrice du violoncelle, elle est choisie en 1997 par Marta Casals Istomin pour jouer pendant un an le mythique Matteo Goffriller de Pablo Casals et partage désormais avec un Testore de 1690 autant de créations contemporaines que de programmes du grand répertoire. Anne Gastinel est professeur au CNSMD de Lyon depuis 2003.

DISTRIBUTION
Anne Gastinel, violoncelle
Gil Shaham, violon
Andreas Ottensamer,
clarinette
Nicholas Angelich, piano
Orchestre de la radio de Francfort
Paavo Järvi, direction

PROGRAMME
Trio pour clarinette, violoncelle et piano en si bémol majeur op.11
Allegro con brio
Adagio
Thème et variations
Ludwig van Beethoven, 1770-1827
Triple concerto pour violon, violoncelle, piano op.56
Allegro
Largo
Rondo alla Polacca

Anne Gastinel en concert en trio aux Bouffes du Nord le 19 février 2018, 20h30
David Grimal
, violon
Anne Gastinel, violoncelle
Philippe Cassard, piano

Ludwig Van Beethoven
Trio n°1 en mi bémol majeur, op. 1
Trio n°4 en si bémol majeur, op. 11
Trio n°5 en ré majeur; «Les Esprits», op. 70 n°1

Tuesday, February 20, 2018

パーヴォ・ヤルヴィ 意気込みを語る ~きっとホール全体が一つの気持ちになれるはず~

bunkamura.co.jp
20.02.2018

1曲1曲単体で演奏しても、キラ星のような名曲ばかりの『ウエスト・サイド・ストーリー』。でも、それをわざわざ演奏会形式で上演するには特別なシークレットがあるのでは?とパーヴォ・ヤルヴィに質問してみた。いわく、「あなたが指揮をしていてこの作品の中核になっているナンバーは何ですか?」と。答えてくれるにしても、たぶんかなり悩んだ末に違いないというこちらの予想はあっさり裏切られ、パーヴォからは「それは“サムウェア”だね」という明快な答が返ってきた。
「君もいうように、この作品は“トゥナイト”“マリア”“アメリカ”……etc.と名曲ぞろいだし、“体育館のダンス”の“マンボ”のように、クラシック音楽だけでなはなく、世界中のあらゆる音楽から影響を受けたレナード・バーンスタインだからこそ作り得た曲ばかりだと思う。でもそんな中でも“サムウェア”は特別なんだよ。人種間だけでなく“クラプキ巡査”に描かれているようにそれ以外の差別や憎しみが蔓延している中にあって、愛し合う2人が幸福に暮らせるどこかが必ずある。いや、そこでは反目し合っていた人間たちもお互いを思いやり仲良く暮らしているという、この物語の究極の理想形があると思うんだ」

 だからなのだろうか、他のナンバーは演じられるキャラクター本人によって歌われるが、“サムウェア”だけはいろんなヴァージョンがある。登場人物ではないソプラノ歌手によって歌われる版、少年が天使のようなボーイソプラノで歌う版……いずれにも共通しているのは、現実ではなくて天上から聞こえてくるがの如く神々しさに満ちていることだ。それもあって、物語の大団円にもこのメロディは効果的に流れてくるのだろう。
「指揮者をやっていると、クラシック音楽しか興味がない人間と思われたりするが、青春時代に『ウエスト・サイド・ストーリー』の洗礼を受けなかった音楽関係者などいないと思うよ。僕自身、もちろん基本にはクラシック音楽の勉強があったけど、ティーンエイジャーの頃はバンドを組んで楽しく活動していたし(笑)。そんな僕にとっても、「これは一体」という驚きが『ウエスト・サイド・ストーリー』にはある。作られてから約70年が経っているなんて信じられないし、今なお自分が指揮をしていてもワクワクするんだよ」

 そのワクワク感が形になって、指揮者もオーケストラの団員もダンサーのように踊ってしまったデュダメルのケースもあるが、パーヴォはあくまでも知的なアプローチを忘れない。
「バーンスタインという人がそういうキチンとした人、というか、スタイリッシュで独特の姿勢を持った人だったんだ。僕たち弟子に対しても厳しいけど、反面とことん自由な魂がある人で、だからこそ『ウエスト・サイド・ストーリー』のような大傑作を生み出せたんだと思う。特別なレコーディングは別にして、これまで人々が聞いてきたのは殆どが、ミュージカルが上演されている狭いオーケストラピットに入る演奏者たちの演奏によるものだよね。それが、晴れて舞台上に上がることによって(笑)、より強烈な印象が残ることは間違いない。しかも世界でも名高い、一流オーケストラの手によるわけだからね」

 確かにパーヴォが語るように、N響のメンバー一人一人も、各々のソリストたちも、多感な時期にきっとこの『ウエスト・サイド・ストーリー』に出会っていたのだろうなと思うと感慨深いものがある。そしてそれは、客席でドキドキしながら聴いている我々も同じなのだが。
「今回のような機会を与えてもらって本当にうれしい。きっとホール全体が一つの気持ちになれるはずだからね」


インタビュー:佐藤友紀(ジャーナリスト)

http://www.bunkamura.co.jp/orchard/lineup/18_wss/topics/1239.html

Friday, February 16, 2018

Gemischte Gefühle

terzwerk.de
Felix Kriewald
16.02.2018

Das Cover zeigt einen nachdenklich bis entschlossen drein blickenden Mann, im Hintergrund erstreckt sich ein trüber Ostseestrand. Der Ort ist Pärnu, ein ruhiger Urlaubsort südlich von Tallinn, Estland. Der Mann ist Paavo Järvi, gefeierter Dirigent. Sein Gesichtsausdruck verrät mit der restlichen Bildkomposition bereits alles, was man über die Werke auf diesem Tonträger wissen muss.



Die Symphonie Nr. 6 von Dmitri Schostakowitsch ist kein fröhliches Stück. Entgegen der Aussage des Komponisten, er wolle darin „die Stimmungen des Frühlings, der Freude und der Jugend wiedergeben“, ist trotz einer gewissen Helligkeit deutlich ein leidvoller Gesamttenor herauszuhören. Bekanntermaßen führte der Komponist unter Stalins Terrorregime ein Leben in ständiger Angst und musste unzählige Verluste hinnehmen.

Diese Angst bestimmt den Duktus des ersten Satzes, in dem sich besonders die Holzbläser des Estnischen Festivalorchesters mit herausragenden Soli auszeichnen können. Wer sich einmal gefragt haben sollte, ob Musik schüchtern oder gar verstört klingen kann, findet in dieser Aufnahme die Antwort. Auf den langsamen, langen ersten Satz folgen zwei kurze, schnelle Scherzi. Diese dreisätzige Form ist nicht nur für Schostakowitsch sondern generell für die Gattung Symphonie ungewöhnlich. Der zweite und dritte Satz, vor allem das galoppierende Finale mit ironisch jubelndem Ende, sind dann tatsächlich eher von heiterem, leichtem Gemüt. Lockere und tänzerische Rhythmen lassen den Schmerz des Kopfsatzes beinahe schuldig vergessen. Als Schostakowitsch einst die Symphonie in einer Klavierfassung seinen Freunden vorspielte, merkte jemand an, es sei geradezu als hätte man soeben Rossini im Gewand des 20. Jahrhunderts gehört. Tatsächlich erinnert der Rhythmus des dritten Satzes an Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell, welche Schostakowitsch später noch explizit in seiner 15. Symphonie zitieren wird.

Diese Leichtigkeit kontrastierend zum ersten Satz, setzen die Mitglieder des Festivalorchesters mit einer seltenen Spielfreude sehr gut um, es ist deutlich zu hören, dass hier nicht nur gearbeitet, sondern mit Leidenschaft Musik gemacht wird. Paavo Järvi ist sich dieser Besonderheit bewusst, bezeichnet er sein Orchester doch als Familie. Das Pärnu Musikfestival besteht seit 2011, die Verbindung des Dirigenten zu diesem Ort bereits seit seiner Kindheit, da seine leibliche Familie dort viele Jahre ihre Ferien verbrachte. Nun hat man sich also gemeinsam mit dem Label ALPHA CLASSICS an das erste Album gewagt.






Das Streichquartett Nr. 8 bekommt durch die vervielfachte Besetzung den Charakter einer Trauergesellschaft. Klingt das Original mit seinen vier Mitwirkenden nach der Zerrissenheit und dem Leid eines Einzelnen, so bringt das gesamte Streichorchester den Klang von kollektivem Schmerz und zu Gehör, ohne an einem intimen Ausdruck zu verlieren. Schostakowitsch widmete sein Werk den „Opfer(n) des Faschismus und des Krieges“. Die Sinfonietta lässt diese Stimmung eines unterdrückten und gepeinigten Volkes noch exakter wahrnehmen als die Ursprungsfassung. Häufiger aufgenommen als Kammersymphonie in der Orchestration von Rudolf Barshai, ist diese Einspielung jedoch einzigartig. Das Arrangement von Abram Stasewitsch unterscheidet sich davon in der Verstärkung des Orchesters durch vier Pauken, die in dieser Aufnahme von Madis Metsamart gespielt werden. Mit zarten Wirbeln untermalt er den getragenen ersten Satz, im folgenden, ohnehin rabiaten, Allegro molto entfachen die zusätzlichen Akzente der Pauke ein regelrechtes Donnerwetter. Was Metsamart im vierten Satz veranstaltet grenzt an Geschmackssache, zumal seine Kanonenschläge die Streicherakkorde fast bis zur Unkenntlichkeit übertönen.
In einigen, besonders intimen Passagen greift das Arrangement dann wieder auf Sologeigen und -celli zurück und lässt so die Quartettatmosphäre des Originals durchschimmern. Über fünf Sätze, jedoch von Satz zu Satz attacca gespielt, nehmen uns die Streicher des Festivalorchesters mit auf eine emotionale Reise durch das gebeutelte Leben Dmitri Schostakowitschs. Sie funktionieren optimal als Gruppe und legen die ideale Dosis Individualität an den Tag, die sie an keiner Stelle zu solistisch herausstechen lässt, was bei einer solchen Bearbeitung nicht gerade einfach ist.

Das erste Album des Estnischen Festivalorchesters ist definitiv gelungen. Paavo Järvi weiß dem jungen und dynamischen Ensemble eine gewaltige expressive Bandbreite abzuverlangen. Järvi sagt, er habe bewusst Stücke von Dmitri Schostakowitsch aufnehmen wollen, da auch der Komponist eine besondere Nähe zu Pärnu hatte. Schostakowitsch verbrachte hier zu Lebzeiten seine Sommer um innerhalb der Sowjetunion ein Stück westliche Toleranz genießen zu können. Hier traf er 1973, zwei Jahre vor seinem Tod auf Neeme Järvi und seinen damals zehnjährigen Sohn Paavo. Diese Begegnung war prägend für den heutigen Chefdirigenten des Pärnu Musikfestivals.

In diesem Jahr feiert Estland 100 Jahre Unabhängigkeit von der sowjetischen Besatzungsmacht. „Dass wir diese Werke in Pärnu mit einer Musikergeneration aufführen und aufnehmen können, die nun sowohl den Frieden als auch die Bewegungsfreiheit quer über Europas Grenzen hinweg genießen kann, macht diese Werke nur noch ergreifender“, so der Dirigent über den Hintergrund der Einspielung.

„Sie stehen an der Schwelle einer hoffnungsvollen Zukunft, in der Sie Ihr Schicksal frei und unabhängig bestimmen und lenken können! Beginnen Sie damit, für sich selbst eine Heimat zu errichten, die von Recht und Ordnung regiert wird, damit sie ein würdiges Mitglied in der Familie der zivilisierten Nationen wird!“ (Aus der estnischen Unabhängigkeitserklärung)

Saturday, February 10, 2018

Classical CDs Weekly: Shostakovich, Christoph Prégardien, Nataša Mirkovič

theartsdesk.com
Graham Rickson
10.02.2018


Shostakovich: Symphony No 6, Sinfonietta (Quartet No 8, arr. Abram Stasevich) Estonian Festival Orchestra/Paavo Järvi (Alpha Classics)

The one false note here comes in the form of Paavo Järvi’s description of Shostakovich's Symphony No 6, referring to its “air of peculiar lightness.” Hmm, hardly. He certainly doesn't conduct it as if that's what he believes. The lower strings of the Estonian Festival Orchestra lend the downbeat opening astonishing depth of tone, though you might feel that something's being held back. Rightly, Järvi keeps things on a tight leash until the eruption five or so minutes in, the brass powerful enough to strip paint. The bleak mood is sustained brilliantly, before a consolatory horn solo ushers in some of the most ardently romantic music Shostakovich composed. Phenomenal: you might well need a sit down before continuing. What does ensue is a pair of quickfire scherzos, the first dark and mischievous, the second one a raucous gallop. Järvi’s swift speeds push his players to the limit (check out the finale’s opening!) but they’re with him all the way. What to make of the closing pages – exuberant stomp or nervous collapse? I suspect the latter.

The coupling is an arrangement of the iconic Eighth Quartet by the composer’s friend Abram Stasevich. Unlike Barshai’s familiar transcription, this one adds timpani. The results are undeniably exciting, but I'm not totally convinced: too often the drumbeats feel intrusive. The jabbing chords opening the fourth movement are overwhelming, but the same moment sounds more effective on strings alone. As with the symphony, the faster sections enthral. Percussion issues aside, an unmissable, well-engineered disc, though a little short measure at just under 57 minutes.

Friday, February 09, 2018

In jeder Beziehung aufregend

swr.de
9.02.2018



CD
Titel:Shostakovitch | Symphony No. 6 | Sinfonietta
Interpret:Estonian Festival Orchestra | Paavo Järvi
Label:Alpha Classics 389

Prägende Begegnung mit dem Komponisten

Er zehn Jahre alt, als er 1973 im estnischen Seebad Pernau den Komponisten Dmitri Schostakowitsch kennenlernte: der Dirigent Paavo Järvi, Sohn von Neeme Järvi, Bruder von Kristjan Järvi, Mitglied einer opulenten Musikerdynastie also und heute u. a. Leiter des kleinen feinen Pärnu Music Festivals. Es muss eine prägende Begegnung gewesen sein, damals in den Dünen, Fotos zeigen ein dünnes blondes Bürschchen neben dem dick bebrillten Schostakowitsch. Zwei Jahre später starb der Komponist. Das Engagement Paavo Järvis für seine Musik mag aus dieser authentischen Anschauung her rühren, jedenfalls hat er sich ein Leben lang für den Russen eingesetzt – in der amerikanischen Emigration, in Paris und auch nach 1989, als das Sowjetreich zerbrach, und die Järvis wieder ungehindert in ihre estnische Heimat reisen konnten.
Dringlich und unprätentiös

Die erste CD, die Paavo nun mit dem Estonian Festival Orchestra veröffentlicht, ist Schostakowitsch gewidmet – wem sonst, möchte man fragen? Das Cover zeigt den Dirigenten am weiten Ostseestrand und gibt gleichsam die Antwort auf die Frage, was die Aura eines Ortes mit der Kunst macht, wie sie sie inspiriert und gleichsam auflädt und unverwechselbar werden lässt. So dringlich und so unprätentiös jedenfalls hat Schostakowitschs sechste Sinfonie lange nicht mehr geklungen, bei aller Zeitgeschichte, die hier natürlich auch mitschwingt. Diese Sechste ist formal eher der Rumpf einer Sinfonie als ein abgeschlossenes Werk. Entstanden ist die Sinfonie 1939, die Uraufführung fand im November, zwei Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in Leningrad statt, wie St. Petersburg damals hieß – ich erwähne das, um die Verschränkungen der Zeitläufte, denen sich ein Künstler wie Schostakowitsch ausgesetzt sah, ins Bewusstsein zu rücken.
Musik von einer Innigkeit und Bekenntnistiefe

Ganz besonders deutlich wird das gut 20 Jahre später in Schostakowitschs achtem Streichquartett, einem autobiografischen Werk, das sein Freund Abram Stasevich später für Streichorchester und Pauke bearbeitet hat. Die Bearbeitung trägt den Titel „Sinfonietta“ und findet sich ebenfalls auf der neuen Järvi-CD. Musik von einer Innigkeit und Bekenntnistiefe, die das Hören regelrecht unbequem machen kann. Weil eine solche Tiefe impliziert, dass das Gegenüber, die Zuhörer, auch etwas zu bekennen haben müssten.

„Sie stehen an der Schwelle einer hoffnungsvollen Zukunft, in der Sie Ihr Schicksal frei und unabhängig bestimmen und lenken können!“ – So heißt es in der estnischen Unabhängigkeitserklärung, die Paavo Järvi im Booklet seiner neuen CD zitiert, natürlich nicht ohne sie auf die Musiker des Estonian Festival Orchestra anzuwenden und auf eine junge Generation, die endlich in Frieden und Freiheit arbeiten und lernen könnte. Ende Februar übrigens feiert Estland das 100-jährige Jubiläum seiner ersten Unabhängigkeit von 1918, die bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1940 währte.

Eine in jeder Beziehung aufregende Neueinspielung.

CD-Tipp vom 9.2.2018 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt – Neue CDs“

Sunday, February 04, 2018

Was der neue Chef-Dirigent mit dem Tonhalle-Orchester vorhat

aargauerzeitung.ch
Anna Kardos
4.02.2018

Paavo Järvi wird ab 2019 das Tonhalle-Orchester leiten. Der Dirigent kann sehr vieles – nur nicht abschalten

Die Hintergrundmusik in der Hotellobby ist laut, Dirigent Paavo Järvi (55) soeben in Zürich gelandet, nach dem Interview will er ins Konzert. Selber tourt er gerade mit dem Estonian Festival Orchestra durch Europa. Stress? Scheint für der Esten ein Fremdwort.
Paavo Järvi, auf Ihrem aktuellen Album und Ihrer Europatour spielen Sie Musik aus Ihrer Heimat Estland und aus der Sowjetunion. Was ist das Besondere an dieser Musik?

Was sonst wollen Sie nach Zürich bringen, wenn Sie 2019 Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters werden?

Paavo Järvi: Besonders ist vor allem das Estonian Festival Orchestra, das wir am Festival in Pärnu gründeten. Gemeinsam möchten wir estnische und nordische Musik einem breiten Publikum näher bringen.

Was sonst wollen Sie nach Zürich bringen, wenn Sie 2019 Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters werden?


Um in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu funktionieren, darf ein Orchester sich nicht auf etwas spezialisieren. Früher war das anders. Wer Karajan hören ging, wusste: Er wird Brahms oder Strauss dirigieren. Sogar herausragende Orchester verfügten über ein kleines Repertoire. Seither hat sich die Welt verändert, das Publikum ist offener geworden. Etwas davon möchte ich nach Zürich mitbringen.

Hat Ihr Vater Neeme Järvi Ihnen Tipps gegeben im Umgang mit den Schweizern? Immerhin war er Chefdirigent des Orchestre de la Suisse romande.


(lacht) Nein. Aber ich habe sehr viel von ihm gelernt. Als ich jünger war, rief ich ihn oft an. Oder er telefonierte und sagte: Pass auf bei dieser Stelle da – die ist heikel.

Ihr Bruder ist auch Dirigent, Ihre Schwester Flötistin.

In unserer Familie gibt es 25 Musiker – und viele spielen im Estonian Festival Orchestra. Mein Vater ist das Zentrum. Er ist sehr stolz auf uns.

Sie haben in der «NZZ am Sonntag» gesagt, Sie kämen nicht mit dem Slogan: «Make the Tonhalle great again». Hat das Orchester an Qualität verloren, seit Chefdirigent Zinman gegangen ist?

(vehement) Nein. Das Orchester ist wundervoll. Und es hat nicht an Qualität verloren. Allerdings könnte es sichtbarer werden in Zukunft.

Müssen Orchester sich heute auch präsentieren?


In der heutigen Welt herrscht so viel Betrieb. Überall ist etwas los, und ständig strömen Informationen auf uns ein.

Was wollen Sie dem entgegenhalten?


Man braucht eine klare Identität und Sichtbarkeit. Man muss für etwas stehen.

Wie erreicht ein Orchester das?

Wichtig sind Alben und zu touren. Auch dass man visuelle Medien so oft wie möglich nutzt. Die Tonhalle bietet Streams an, aber es könnten mehr sein. Da nicht die ganze Welt nach Zürich kommen wird, müssen wir unseren Weg in die Welt finden.
Das klingt nach einem neuen Zeitabschnitt bei der Tonhalle. David Zinman war ein väterlicher Dirigent, der amtierende Chef Lionel Bringuier ist ein leidenschaftlicher Junger. Welche Art von Dirigent werden Sie sein?

Ich kann nur sein, was ich bin. Meine Aufgabe ist sehr klar: Mit anderen Musik zu machen und den Hörern die bestmögliche Musik bieten – und alles andere vergessen.

Präsentieren und Musik machen geschehen also nicht gleichzeitig?

Manchmal überrascht mich, wie andere mich wahrnehmen. In Frankreich steht in jeder Kritik: Er hat eine eiserne Faust in einem Samthandschuh. Ich finde nicht, dass ich das habe. Ja ich weiss nicht einmal, was das heissen soll.

Wie würden Sie sich denn beschreiben?

Das ist eine sehr schwierige Frage für mich: Ich bin Musiker. Ich bin Este. Ich lebe überall und nirgends. Und ich bin sehr glücklich.

Was macht Sie glücklich?

Ich lebe nahe am Idealzustand, habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern. Ich freue mich jeden Morgen, aufzustehen und Musik zu machen. Ich kann meine Rechnungen bezahlen. Und manchmal liegen sogar ein Glas oder eine Flasche Champagner drin. Alles läuft reibungslos und erlaubt mir, Musik zu machen.

Sie haben Dirigieren und Schlagzeug studiert. Über Schlagzeuger machen andere Musiker gerne Witze.

Sie werden staunen, aber viele Dirigenten haben Schlagzeug studiert: Simon Rattle, mein Vater Neeme Järvi, Fritz Reiner. Schlagzeug spielen hat den Vorteil, dass man früh in Orchestern aushelfen kann. Man erhält Gelegenheit, die komplizierte Chemie zwischen Musikern und Dirigent von Grund auf zu lernen: Was einen Dirigenten sympathisch macht und warum man anderen nur schwer folgen kann. Man lernt, wie man um etwas bitten und wie man etwas fordern muss. Es ist eine richtige Schule.

Ihr Dirigierlehrer war Leonard Bernstein, der mit einem Bein in der Klassik stand und dem anderen am Broadway. Wollen Sie auch die Grenzen lockern? In Bremen haben Sie mit Popmusikern zusammengespannt.

Ich wollte eine Brücke bauen zu uns, weil es mich schockiert hat zu hören, wie viele Kinder noch nie in einem klassischen Konzert waren. Tatsächlich gelingen aber nur sehr wenige Versuche, die Genres zu kreuzen. Einer verliert immer.

Warum?

Die Ziele von leichter Musik und von Kunstmusik sind unterschiedlich. Die eine will unterhalten, die andere zum Denken anregen. Zudem ist Pop, hinsichtlich der Medien, Choreografie oder der visuellen Effekte durchorganisiert. Er ist grösser und lauter.

Kann klassische Musik nicht auch gross und laut sein?

Doch. Die Sinfonien von Mahler wurden komponiert, um gross zu sein. Aber für eine Haydn-Sinfonie ist das völlig der falsche Weg. (verbeisst sich ein Gähnen) Entschuldigung, ich komme direkt aus den USA und kämpfe mit der Zeitverschiebung. Eigentlich bin ich permanent jetlagged.
Stichwort Erholung: Geigerin Viktoria Mullova, die mit Ihnen tourt, sagt: «Stärke wächst aus Stille.» 

Wo holen Sie sich Stille?

Ich bin ganz ehrlich: Ich habe viel zu wenig Stille. Was mir am meisten fehlt, ist Zeit. Ich bin nie allein. Andererseits, wenn man sich permanent in diesem Kreislauf von Musikmachen bewegt, ist man jederzeit fit zum Auftreten.

Ist Musik für Sie eine Obsession?

Es ist vor allem das Adrenalin. Würde ich zwei Wochen Ferien machen – was mir nie passiert –, wäre ich komplett verloren. Ein Gefühl wie … auf Englisch gibt es den Ausdruck: Ein Fisch im Wasser, ein Fisch an Land. Als Fisch im Wasser weiss ich, was ich zu tun habe.
Sie sind Chefdirigent in Tokio und Bremen, Ihre Familie lebt in den USA, werden Sie 2019 nach 

Zürich ziehen?

Ich werde hierherziehen. Aber so, wie ich eben an einen Ort ziehe. Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, weiss ich die Antwort darauf nicht. Die meiste Zeit verbringe ich unterwegs von einem Konzert zum nächsten.

https://www.aargauerzeitung.ch/kultur/musik/was-der-neue-chef-dirigent-mit-dem-tonhalle-orchester-vorhat-132156980

Friday, February 02, 2018

Järvi and the Philharmonia Orchestra present a Bohemian feast with exhilarating performances of Dvořák

bachtrack.com
Young-Jin Hur
2.02.2018

It would be no grave exaggeration to suggest that Dvořák’s melodic inventiveness is one that enriches the charm of Western classical music. Paavo Järvi, after presenting a series of works by the Danish composer Carl Nielsen with the Philharmonia Orchestra last year, returned to present a feast of Bohemian vigour via Dvořák’s three late masterpieces.



The Carnival overture, being the central installment of the orchestral triptych of “Nature, Life and Love”, is a work that brims of buoyant vivacity. Upon the solid gestures of Järvi’s direction, drama as much as festivity was observed, even if the orchestral clarity and warmth of tone were at times compromised. Evidently, Järvi saw ample opportunity for contrasts, as the wistful central thematic group bore shape of an oasis, reflecting the unusually bracing sinew of the outer movements.

Yet the aesthetics of Järvi assured that nothing was zealously overcooked, whilst the large picture was respected with a seriousness of intent. Thus even in the most animated or vehement of occasions a sense of steadiness if not sobriety was present. Such a view was further expressed in the Cello Concerto, which started off slowly in solemn gravity. Capuçon was well within the same chemical makeup, as the ensemble and soloist progressed the piece as an elegiac essay rather than a work of autumnal sunshine. A meditative calm pervaded the spare Adagio, and while the heroic undertone was never fully fleshed out in the Finale, in truth the interpretation of this last movement was never far out from the rest of the brushstroke: sombre, calm and not without a shade of regret. If refreshment implies surprise, the cool breeze of the performance implied something very similar.

Given the preceding performances, it was fitting of Järvi’s judgement to attack the D minor Symphony with a certain monumental starkness. The timpani came rarely gently and the strings did not evince their vibrato cheaply. The explicit melancholy of the Adagio was underplayed with a brisk attitude; little sweetness lingered in the fleet contours of the winds, and a sense of nobility eclipsed a movement that can risk being affective routine.

Yet as much flair as musicality awaited in the second half of the symphony. Through carefully yet fluidly carved out dynamics and judicious interpretative accents, the Scherzo lilted with scintillating vim, even if the architectural foundations remained unshaken. And had the orchestra reserved its finest spirit of the evening for the last movement? The sparring timpani and regimented strings took the volume a notch higher, and save a small blunder from the horns, an exhilarating performance of both sturdy discipline and passion was delivered, to conclude with utmost uplift. Facing the hush immediately following the final note of the score, questions of whether in this symphony Dvořák opted for a textbook darkness to light narrative, or whether he had found a unique voice beyond his musical reverence toward Brahms, all became irrelevant.

https://bachtrack.com/review-dvorak-southbank-centre-philharmonia-jarvi-capucon-february-2018

Capuçon, Philharmonia, Järvi, RFH review - Dvořák in blazing focus

theartsdesk.com
David Nice
2.02.2018


Centrist conductor and cellist strike a perfect balance between passion and precision



You can't have too much Dvořák in a single evening, at least not when the works in question operate at the highest level of volatility and melodic abundance like last night's overture, concerto and symphony. "Febrile centrists" might look like an oxymoron, but that just about sums up conductor Paavo Järvi and cellist Gautier Capuçon: superlative techniques, feet firmly planted only so that the music can fly, moving dexterously through the turbulence but never pushing too hard. With the Philharmonia burning for both, this was an incandescent event.

Rarely did we encounter the Dvořák of sunlit Bohemian woods and fields; the Seventh Symphony, in any case, is closer to the dark German forests of Brahms and even Wagner. For all its showpiece glitter, the Overture Carnival has a manic-depressive essence perfectly captured here; after all, pre-Lenten jollity is all about excess, and Dvořák is quick to spotlight the melancholy soul driven forward by the crazy crowd. Even the central idyll, beautifully underpinned by Jill Crowther's cor anglais, has a sadness about it, and Järvi managed the transitions with queasy flexibility, the natural rubato possessed only by the greatest conductors.

That Capuçon (pictured below by Gregory Batardon) is among the greatest of cellists was announced by the passionate projection of his amazing sound from the start. When I last heard him in this concerto, in a Turkish open-air auditorium, the amplification was unnatural; last night showed that he brings his own, much assisted by his handsome-looking 1701 Matteo Goffriller instrument. The sound has more upper than lower resonance, which may not be to the taste of all cello lovers, but it allows every note to be heard. In a work where the orchestration could sometimes overwhelm the soloist, that's an asset; so is perfect intonation in fierce or flyaway passages where cellists usually can't help a sour note or two.



Yet all that wouldn't be enough if the emotional picture were wanting. Neither Järvi nor Capuçon allowed any slack in the more introspective passages, but the yearning still hit the spot, and both underlined how the journey to a deep contentment is very hard-won; the finale's third, clinching melody told us we'd reached haven, capped by the meditative reminiscences before the final swell. Capuçon is an exceptional chamber musician too, so it was hardly surprising to find him fine-tuned to his orchestral colleagues. So often there's concertante work with the woodwind, as in a Mozart piano concerto, and especially with the first flute; Philharmonia principal Samuel Coles joined Capuçon to make the weave at the start of the development an unforgettable moment, leading to an equally inscaped climax.

That boded well for the symphony, where the flute always gilds the lily and softens the craggier moments in this most embattled of Dvořák's nine. It can come across as over-manipulated tragedy, but Järvi kept the focus, the energy levels and the elasticity working at all times; I've never heard the Philharmonia play better, or more engagingly, for him. Violins to Järvi's right as well as left offered examplary clarity in the interchanges of scherzo and finale; articulation throughout reigned supreme. The intensity was also helped by running the second, third and fourth movements without a break.

While trombones found a wealth of colour in their ensembles, the horns were not quite on top form; agents and PRs should be careful not to push the considerable talents of last night's principal, BBC Young Musician finalist Ben Goldscheider, too hard too soon. But that's an insignificant cavil in the face of a great interpretation. With Principal Guest Conductors Jakub Hrůša having provided vintage Brahms, and Santtu-Matias Rouvali a legendary Musorgsky/Ravel Pictures, Järvi's Dvořák set a third diamond in the current Philharmonia crown – and it looks like there may be more to come this season.
http://www.theartsdesk.com/classical-music/capu%C3%A7on-philharmonia-j%C3%A4rvi-rfh-review-dvo%C5%99%C3%A1k-blazing-focus

Järvi and the Philharmonia Orchestra present a Bohemian feast with exhilarating performances of Dvořák

bachtrack.com
Young-Jin Hur
2.02.2018

It would be no grave exaggeration to suggest that Dvořák’s melodic inventiveness is one that enriches the charm of Western classical music. Paavo Järvi, after presenting a series of works by the Danish composer Carl Nielsen with the Philharmonia Orchestra last year, returned to present a feast of Bohemian vigour via Dvořák’s three late masterpieces.




The Carnival overture, being the central installment of the orchestral triptych of “Nature, Life and Love”, is a work that brims of buoyant vivacity. Upon the solid gestures of Järvi’s direction, drama as much as festivity was observed, even if the orchestral clarity and warmth of tone were at times compromised. Evidently, Järvi saw ample opportunity for contrasts, as the wistful central thematic group bore shape of an oasis, reflecting the unusually bracing sinew of the outer movements.

Yet the aesthetics of Järvi assured that nothing was zealously overcooked, whilst the large picture was respected with a seriousness of intent. Thus even in the most animated or vehement of occasions a sense of steadiness if not sobriety was present. Such a view was further expressed in the Cello Concerto, which started off slowly in solemn gravity. Capuçon was well within the same chemical makeup, as the ensemble and soloist progressed the piece as an elegiac essay rather than a work of autumnal sunshine. A meditative calm pervaded the spare Adagio, and while the heroic undertone was never fully fleshed out in the Finale, in truth the interpretation of this last movement was never far out from the rest of the brushstroke: sombre, calm and not without a shade of regret. If refreshment implies surprise, the cool breeze of the performance implied something very similar.

Given the preceding performances, it was fitting of Järvi’s judgement to attack the D minor Symphony with a certain monumental starkness. The timpani came rarely gently and the strings did not evince their vibrato cheaply. The explicit melancholy of the Adagio was underplayed with a brisk attitude; little sweetness lingered in the fleet contours of the winds, and a sense of nobility eclipsed a movement that can risk being affective routine.

Yet as much flair as musicality awaited in the second half of the symphony. Through carefully yet fluidly carved out dynamics and judicious interpretative accents, the Scherzo lilted with scintillating vim, even if the architectural foundations remained unshaken. And had the orchestra reserved its finest spirit of the evening for the last movement? The sparring timpani and regimented strings took the volume a notch higher, and save a small blunder from the horns, an exhilarating performance of both sturdy discipline and passion was delivered, to conclude with utmost uplift. Facing the hush immediately following the final note of the score, questions of whether in this symphony Dvořák opted for a textbook darkness to light narrative, or whether he had found a unique voice beyond his musical reverence toward Brahms, all became irrelevant.

https://bachtrack.com/review-dvorak-southbank-centre-philharmonia-jarvi-capucon-february-2018