Monday, July 24, 2017

Musikalischer Geisterspuk

bayerische-staatszeitung.de
19.07.2017
Vasselina Kasarova




Der "Kissinger Sommer" ging mit beeindruckenden Orchesterleistungen zu Ende

Nun ist auch die neue Ära des Kissinger Sommers unter dem Intendanten Tilman Schlömp zu Ende gegangen - musikalisch wohl nicht so opulent wie bisher, denn die Mittel wurden gekürzt, vom Konzept her aber interessant, denn der Schwerpunkt lag auf der „romantischen“ Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts, vom Kartenverkauf erwartungsgemäß nicht so berauschend, denn die großen Namen und Orchester fehlten weitgehend.

Ein Glücksgriff war das neu installierte Festivalorchester, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter ihrem Dirigenten Paavo Järvi. Sie brillierte durch mitreißenden Schwung, feinste Lyrismen und die präzis und engagiert mitgehenden Instrumentengruppen.

Zu viel Rumfuchteln

Ein extra entworfenes Programm brachte das hervorragende Orchester unter dem Titel „Ein Kissinger Sommernachtstraum“ heraus. Dieser Abend vereinte Felix Mendelssohn-Bartholdys berühmte Konzertouvertüre E-Dur op. 21 und den beliebten Hochzeitsmarsch sowie die seltener zu hörende Schauspielmusik op. 61. Garniert wurde das Ganze von einem Text, frei nach Shakespeares Komödie von Amina Gusner, vorgetragen von Katja Riemann, die sich hier als charmanter Puck präsentierte. Zwar waren Teile des Publikums eigens wegen ihr gekommen, jubelten dieser Prominenz auch gerne zu, doch leider erwies sie sich gerade gegenüber der wunderbar sensibel und illustrativ vorgetragenen Musik als ein gewisser Störfaktor - ganz abgesehen davon, dass sich die renommierte Schauspielerin mehrfach versprach und beim lebendigen Vortrag nicht immer so gut verständlich artikulierte. Sie versuchte auch, durch ständige Bewegung, übertriebenes Herumfuchteln und als „Nebendirigentin“ ohne Bezug zum Rhythmus sich ins rechte Licht zu setzen.

Doch mit einem solchen oft etwas lästigen theatralischen Zusatz versöhnten mehr als genug die Klänge von Mendelssohns Musik. Die „Bremer“ gaben der Konzertouvertüre duftige, wunderbar lebendig geläufige, aber auch triumphal festliche, sieghafte Elemente, fügten Geheimnisvolles, heiter Koboldhaftes dazu und schwelgten auch in beschaulich anmutigen, friedlichen sowie tragisch dramatischen Momenten.

Der Zauber macht süchtig

Järvi hielt dabei alles selbst bei rasantem Tempo in sicherem Griff, gab energische Impulse, verband vorzüglich die wechselnden Stimmungen, die sich in der geschilderten geisterhaften Nacht im Wald ergaben.

Dazu kam ein auch äußerlich elfengleicher Chor, nämlich der Damenchor Tütarlastekoor Ellerhein aus Estland (der Heimat des Dirigenten), verstärkt durch den Deutschen Kammerchor. Die zart, sanft schwebenden Stimmen der Sängerinnen verbanden sich zu einem weichen Gesamtklang, der etwas vom Zauber einer Sommernacht vermittelte; die erste und zweite Elfe, die Soprane von Christina Landshamer und Katharina Konradi überstrahlten den Chor noch, wobei letztere besonders gefiel. In einer samtigen Orchesterfläche klang dieser musikalische Geisterspuk klangschön und getragen aus. Ein solcher Zauber macht süchtig!

Bemühte Heroine

Ein Festival wartet in der Regel mit einem prominenten „artist in residence“ auf. 2017 war es für den Kissinger Sommer die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. Leider aber scheinen die besten Tage dieser einst so schönen Stimme vorbei. Sie präsentierte sich sehr bemüht in der Scène lyrique „La mort de Cléopatre“ von Hector Berlioz.

Es ist der Monolog der unglücklichen ägyptischen Pharaonin vor ihrem Selbstmord durch die Giftschlange. Sie beklagt anfangs ihre schmachvolle Situation, erinnert sich in ihrer ersten Arie an die einstigen schönen Tage, ruft die großen Pharaonen und die Götter ihres Landes verzweifelt an und vergiftet sich schließlich.

Diesen dramatischen inneren Konflikt unterstützte die Sängerin, begleitet vom verkleinerten Orchester der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrusa, mit heftigen Bewegungen und intensiver Mimik. Dies aber unterstrich nur die unruhige Darbietung, denn die Stimme war in der dunklen, etwas hohlen Tiefe nicht sicher positioniert, die langen Linien wirkten schwankend, während jedoch die Höhen kraftvoll strahlten. So schien das Ganze bis zum leise verklingenden Celli-Schluss wie der melodramatische Abgesang einer großen Heroine, die völlig von ihren Gefühlen überwältigt wird. Natürlich jubeln da ihre treuen Anhänger; dieser so sympathischen Sängerin wünschte man für die Zukunft eine geschicktere Hand bei der Auswahl ihrer Stücke.

Die Bamberger unter ihrem neuen Chefdirigenten begannen den Abend mit einem Stück, das wohl zu Recht vergessen, aus historischer Perspektive aber interessant ist, nämlich der Ouvertüre zu Berlioz’ erster Oper „Les francs-juges“. Der Komponist hat sein Werk später vernichtet, nur die Ouvertüre, die recht plakativ mit kontrastierenden Effekten spielt, ist davon übrig.

Raffinierte Orchesterfiguren

Aufatmen konnte man bei Richard Wagners „Rienzi“-Ouvertüre. Die raffinierten Orchesterfiguren, die inneren Steigerungen, die mächtig packenden, heiteren wie sieghaften und schicksalsschweren Elemente – alles konnte hier aufleuchten, und der Dirigent unterstrich die Entwicklungen bis hin zu einem strahlenden Triumph durch kräftige, breite Betonungen.

Die 4. Symphonie von Brahms gingen die Bamberger dann nachdrücklich, mit sehnsüchtig leuchtenden Farben an. Hrusa arbeitete dabei die Struktur heraus, oft ein wenig schematisch, ließ den ersten Satz leidenschaftlich und doch beherrscht markant enden. Das Andante war bestimmt von breiten, genüsslich ausgekosteten Klang-Flächen. Hier ließ sich Hrusa viel Zeit, um dann den sehr schnellen folgenden Satz als tänzerisch fein schwirrenden Kontrast aufzubauen. Warum aber das Finale nicht attacca angeschlossen wurde, sondern nach konzentrierter Pause eher behäbig daherkam, hatte wohl seinen Grund darin, dass eher die schicksalhafte Macht, das Tragische betont werden sollte. Damit schloss sich das Gesamtkonzept des Abends - und eine Zugabe war überflüssig. (Renate Freyeisen)

Sunday, July 09, 2017

Paarvo Järvi and the NHK Symphony in riveting account of Schumann and Schubert

bachtrack.com
3.07.2017
Alan Yu

Walking through Yoyogi Park to get to NHK Hall in warm and muggy weather on Saturday afternoon was a sweaty affair, so it was a relief to settle down to the cool composure of Paavo Järvi as he raised the baton in a programme of works by Schumann and Schubert. It’s a mark of his mastery that with the least fanfare he delivered an afternoon of superb musicality without second guessing the composers’ intentions.



Much as Beethoven’s reputation as a composer dwarfs that of Schumann, they both attempted only one opera. Schumann’s Genoveva, which does not regularly feature in performance nowadays apart from the overture, is based loosely on the medieval tale of Genevieve of Brabant who was wrongly executed by her husband for adultery. Genoveva initially received a poor reception which seems to have persisted. Yet the overture is an elegant and imaginative work. Although the Genoveva overture by itself is not enough to rescue Schumann from criticism of his “dense” orchestration, Paavo Järvi showed what a thoughtful performance could do to showcase the composer’s talents. The polished but subdued tone of the strings in the NHK Symphony Orchestra also helped to reduce their dominance. The opening was sombre and heavy, a prescient suggestion of the tragic fate that would befall the protagonist Genoveva, but the clarinet was able to break through with a speck of brightness. The horns were prominent in a beautifully shaped section of radiant lightness that followed an impassioned plea. The trombones brought the work to a close in a glorious celebration of Genoveva’s innocence.

Schumann’s Cello Concerto in A minor received no better acceptance than Genoveva, and he had difficulty drumming up interest among performers and publishers alike. Through the years it has become fashionable for performers to have their own opinions of what Schumann intended, to the extent of ignoring the score. The pinnacle of disrespect must have been Shostakovich’s attempt to improve its orchestration. It was refreshing to hear Tanja Tetzlaff and Paavo Järvi give a moving and insightful account of the work without resorting to unnecessary modification or embellishment. Above all, Järvi’s sensitive handling of the orchestral parts made the performance a true collaboration between orchestra and soloist. He tamed an orchestra of Brahmsian scale to give a Mozartian effect. The pace of the outer movements was brisk and lively, and the soloist was eloquent and expressive. As the lush and polished strings laid a bed of feathers, the horns chimed in to add colour to the emotion. Pizzicato strings remained in the background in the second movement, and the soloist was goose pimple-inducing in her evocative treatment of the heavenly, beautiful melody.

It was fitting that Schubert’s “Great” C Major Symphony should follow the works of Schumann. It had laid in obscurity for ten years after Schubert’s death before Schumann rescued it and sent it to Mendelssohn for its first public performance. Like many of Schumann’s own symphonies, the “Great” has had its fair share of criticism, for being too long with repetitive sections, namely. The NHK Symphony Orchestra put paid to these criticisms in a riveting performane of unusual clarity and integrity. The structure of the work and its full range of orchestral colours were unambiguously explained with poise, finesse and drive.

The strings were firm and resolute after the short horn call in the opening movement, as the pace changed into a light, bouncy rhythm when the material developed further. After a few twists and turns, the brass came out in full force to bring the movement to an emphatic close. In the Andante second movement, a haunting tune on woodwinds led by the oboe overlaying a march bookended a lightly lyrical middle section, quietly introduced by the horns. Rapid fire strings launched the Scherzo without a break, their soft and rich tone coming to the fore. A stately dance morphed into a lighter skip which, dare I say it, showed Straussian characteristics. The rapport between conductor and orchestra was so good that at one point hardly noticeable head movements were enough to keep the action going. Ardent strings and brass that opened the final Allegro vivace gave way to woodwinds heralding a cheerful detour, but a fanfare on trombones, despite being rudely cut short at first, kept up the pressure and brought the movement to a rousing close.

Not quite satiated after fifty-five minutes of sheer delight, the audience brought Paavo Järvi back five times with uproarious and uninterrupted ovation.

https://bachtrack.com/review-nhk-symphony-orchestra-paavo-jarvi-tanja-tetzlaff-tokyo-july-2017