Thursday, October 31, 2019

Orgelhaft orchestral

www.concerti.de
Christian Lahneck
31.10.2019

Paavo Järvi hat vier Werke von Messiaen zusammengestellt, die das Tonhalle-Orchester Zürich hellwach und mit rhythmischer Präzision spielen.


Eine mutige Wahl zum Amtsantritt. Inzwischen leitet Paavo Järvi, der Vielgefragte, auch das Tonhalle-Orchester von Zürich und dringt dort zum Auftakt seiner CD-Tätigkeit in eine Marktlücke vor. Denn sowohl Orchester als auch Dirigent sind mit Werken von Messiaen bislang ärmlich vertreten. Nun hat Järvi vier Werke zusammengestellt: „Le Tombeau resplendissant“, „Les Offrandes oubliées“, „L’Ascension“ – Werke aus den frühen 1930er Jahren – sowie „Un sourire“ von 1989. Vom ersten Takt an ist das Orchester hellwach und spielt, vor allem, mit rhythmischer Präzision, die hier wie eine Grundvoraussetzung für die daraus abgeleiteten klanglichen Finessen erscheint. Den elegisch-meditativen Charakter von „Les Offrandes oubliées“ treffen die Musiker genau, ohne Kitsch. Die vierteilige „Ascension“ wird abschließend zu einer orgelhaft-orchestral aufgefächerten Bekenntnismusik.


© Kaupo Kikkas

Paavo Järvi

Messiaen
L’Ascension, Le Tombeau resplendissant, Les Offrandes oubliées & Un sourire

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi (Leitung)
Alpha

https://www.concerti.de/rezensionen/paavo-jaervi-tonhalle-orchester-zuerich-messiaen/

Paavo Järvi in Zürich: Jetzt beginnt das Abenteuer

nzz.ch
Christian Wildhagen
31.10.2019


Paavo Järvi bei seinem Antrittskonzert in Zürich, Anfang Oktober, mit Mitgliedern des Tonhalle-Orchesters. (Bild: Gaëtan Bally / Tonhalle Zürich)

Wer Wind sät, wird Sturm ernten – so weiss es bereits das Alte Testament. Und so tat es Paavo Järvi, der soeben erfolgreich bestallte Musikdirektor des Tonhalle-Orchesters Zürich: Er säte Wind und öffnete auch gleich noch die imaginären Fenster des Konzertsaals, um die frische Luft einer neuen Zeit hereinwehen zu lassen in die der Durchlüftung und Erfrischung überaus bedürftige Tonhalle Maag.

Järvi tat es am Mittwoch wortwörtlich: mit dem 2015 von ihm in Paris uraufgeführten Stück «Sow the Wind . . .» seines estnischen Landsmannes Erkki-Sven Tüür, der während der Konzertsaison 2019/20 den «Creative Chair» der Tonhalle innehat. Knapp zwanzig Minuten lang entfacht Tüürs Tongemälde aus anfänglichem Säuseln und Wehen einen veritablen Höllensturm: Da bläst und tost es, dass der Saalboden vibriert; dazwischen aber vernimmt man das Summen von riesigen Bienenschwärmen, ein Glucksen von wilden Bächen, ein Oszillieren des Lichts in zerzausten Baumkronen, wie man es aus den besten Naturmusiken der Romantik kennt. Und prompt ist danach die Atmosphäre im Raum wie ausgewechselt. Hört doch, scheint Järvi dem verdutzten Publikum zuzurufen: So aufregend, so beredt kann zeitgenössische Musik klingen!

Euphorie des Anfangs
Järvi lüftet bei den jüngsten beiden Konzerten, seinem zweiten und dritten Programm seit Amtsantritt, freilich auch in übertragenem Sinne gründlich durch. Und zwar von Anfang an. Da gibt es kein Zögern, kein behutsames Abtasten der Möglichkeiten; das Orchester und sein neuer Chef kennen sich bereits seit gut einem Jahr – entsprechend geht es in medias res. Schon am vergangenen Freitag, bei Peter Tschaikowskys grosser Orchesterfantasie «Francesca da Rimini», die den furiosen Auftakt bildet für einen Tschaikowsky-Schwerpunkt, in dessen Rahmen unter anderem alle sechs Sinfonien aufgeführt und mitgeschnitten werden sollen.

Auch in dieser ausladenden Tondichtung nach Dantes «Göttlicher Komödie» stürmt es infernalisch – kein Zufall gewiss, wenn man Järvis raffinierte Programmkonzeptionen an früheren Wirkungsstätten kennt. Und auch hier regen sich zwischendrin lieblichere Töne, die das Orchester mit lange so nicht mehr gehörter Klangsinnlichkeit auskosten darf. Järvi belebt und aktiviert quasi mit dem ersten Takt das gesamte Ausdrucks- und Dynamikspektrum: vom Pianissimo-Hauch bis zum druckvoll-gestützten dreifachen Forte, und schlagartig wirkt es, als sei der gräuliche Schleier, der sich nach und nach über den edlen, warmen Klang des Tonhalle-Orchesters gelegt hatte, buchstäblich weggeblasen.

Mitunter geht dieser Ansatz, der den Klangraum bis in dynamische Extreme auslotet, sogar über die akustischen Möglichkeiten der Maag-Halle hinaus. Womöglich hat Järvi dabei grössere Säle wie die Pariser Philharmonie im Sinn (wo er lange gewirkt hat) oder bereits die historische Tonhalle am See, wohin man im März 2021 gemeinsam zurückkehren will. Der leichte Überschwang, der sich in beiden Konzerten manifestiert, ist sicher auch dem euphorischen Geist dieser Anfangszeit geschuldet, in der das Orchester spürbar jede Erinnerung an die vergangenen Krisenjahre vergessen machen will.

Sinfonische Erzählungen

Zugleich hat die Intensität, mit der hier gemeinsam musiziert wird, etwas unmittelbar Mitreissendes. Das kommt einem oft geschundenen Werk wie Tschaikowskys Vierter zugute. Deren stilistische Gegensätze zwischen Tragik, Fatalismus, Tanz- und Zirkusmusik mildert Järvi nicht etwa ab, er kostet sie in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit aus. Das ist ein Drahtseilakt, den Järvi aber mit einer aussergewöhnlich klaren Formdisposition und deutlich unterschiedenen, meist straffen Tempi meistert. Zudem lässt er die einzelnen Sätze ohne längere Räusperpausen aufeinanderfolgen; dahinter steht offenkundig die Idee einer übergreifenden sinfonischen Erzählung, die das jeweilige Werk als Ganzes, als dramaturgische Einheit fassbar macht.

Besonders bezwingend gelingt dies bei Tschaikowskys «Pathétique», die das Mittwochskonzert beschliesst. Über die nahezu ohne Unterbrechung ineinandergreifenden vier Sätze spannt sich ein atemberaubender Bogen – von der requiemartigen Einleitung bis zum verlöschenden Herzschlag-Pulsieren der Bässe am Schluss des Finales. Dazwischen schillert die Musik in ihrer ganzen Ausdrucksfülle: leidenschaftlich, doch immer vorwärtsdrängend das Ringen im Kopfsatz; von kantabler Eleganz der ebenfalls sehr fliessende 5/4-Takt-Walzer des zweiten Satzes; mit beeindruckender Virtuosität zum (voreiligen) Triumph gesteigert der Geschwindmarsch des dritten.

Gleichwohl meidet Järvi die bei diesem durch und durch autobiografisch konnotierten Opus ultimum übliche Ergriffenheitsgeste und jegliche Larmoyanz. Vielmehr setzt er dem Schicksalsraunen nicht zuletzt klanglich klare Vorgaben entgegen: einerseits einen herrlich aufblühenden, aber bis ins Vibrato kontrollierten Streicherton; andererseits ein ungewohnt, ja manchmal irritierend scharf akzentuiertes Blech, das jede Idylle – wie später bei Schostakowitsch – bedrohlich durchkreuzt. Straff und unerbittlich führt Järvi damit seine Erzählung bis zum bitteren Ende und lässt das Publikum zunächst in atemloser Stille zurück, bevor sich Jubel Bahn bricht.

Kaffeehaus und Konzert

Abgerundet werden beide Konzerte jeweils durch konzertante Werke. Vor Tschaikowskys Vierter haucht der Schwede Martin Fröst dem einst für Benny Goodman komponierten Klarinettenkonzert von Aaron Copland dezent jazzige und impressionistische Töne ein und begeistert anschliessend noch mit einer ebenso stilsicheren Klezmer-Zugabe. Am zweiten Abend nimmt sich der Finne Pekka Kuusisto in Erstaufführungen der äusserst selten zu hörenden Humoresken und Serenaden für Violine und Orchester von Jean Sibelius an.

Diese kurzen Stücke, teilweise während des Ersten Weltkriegs zum Broterwerb entstanden, sind – wie Beethovens Violinromanzen – Nebenwerke zum grossen Solokonzert. Knapp, lakonisch, skizzenhaft. Doch Kuusisto macht daraus mit geigerischer Finesse und leicht skurriler Selbstironie Kabinettstücke einer reizvoll zwischen Kaffeehaus und Konzertsaal, zwischen Experiment und höherem Anspruch changierenden Unterhaltungsmusik. Järvi und die feinsinnig begleitenden Tonhalle-Musiker greifen diesen Ton mit Humor und Charme auf. Mehr frischer Wind ist am Beginn einer Ära kaum denkbar.

Tuesday, October 29, 2019

Messiaen, L'Ascension, Orchestral Works of the '30s and '80s, Tonhalle-Orchester Zurich, Paavo Jarvi

classicalmodernmusic.blogspot.com
Grego Applegate Edwards
29.10.2019



On today's CD (Alpha 548) we have three orchestral works by Olivier Messiaen (1908-1992) from the 1930s and one from the 1980s. Paavo Jarvi most ably and dynamically directs the Tonhalle-Orchester Zurich for the duration of the program.

Early Messiaen is a world apart from anything that preceded him, even at times that which followed, namely his later works. I was happily introduced to his music years ago by way of a recording of his "Turangalila-Symphonie" of 1948, a remarkable work in so many aspects but also in part very much a model recapping of his first period (that aside from his fascinating incorporation of "popular" melodics that almost sound like music hall pieces from another planet!) .

Much of the charm and original daring of that work is contained in microcosm in the three early works we hear on this program, "Le Tombeau Resplendissant" (1931) for a rhythmic-melodic asymmetry and vibrancy, "Les Offrandes Oubliees" (1930) for its supernatural, otherworldly chorale sort of sound with a remarkable Modern harmonic movement that was all his own. Interestingly that motion is echoed in the 1989 "Un Sourire" (spelled by a well-developed, contrasting birdcall-like set of interjections).

Finally "L'Ascension" (1932-33) begins with another such chorale, beautifully orchestrated for brass and other instruments in a block of pristine sound initially unprecedented in modernity outside of Messiaen himself. This the first of four movements sets us up for what follows. Restlessly then sublimely unfolding whole-tone melodic chains of linking sound follow and we proceed happily further from there for surely one of his greatest early endeavors.

The appearance of tonal light so pronounced in Debussy and Ravel takes on further luminosity in "L'Ascension." Messiaen matched himself for the refracted light sound he was so endowed to produce but in my opinion never quite surpassed himself either. It is a true revelation to hear this early masterwork in the hands of Paavo Jarvi and the Tonhalle-Orchester Zurich. And so I unhesitatingly call this one to your attention.

Jarvi and the Zurich orchestra give us carefully executed and often rousing renditions of the works, which afford us a catbird's seat view of the early (and later) brilliance of this supreme master of Modern music.The volume is a great place for the Messiaen acolyte to start and a worthy addition to the Messiaen lover's collection. Essential.





https://classicalmodernmusic.blogspot.com/2019/10/messiaen-lascension-orchestral-works-of.html

Paavo Järvi: ‘het gaat erom of je samen kunt dansen’

preludium.nl
Ruud Meijer
29.10.2019

De Estlandse dirigent Paavo Järvi dirigeert deze maand het Concertgebouworkest in Amsterdam en op tournee door Japan en Taiwan. Preludium zocht hem op in zijn geboorteplaats Pärnu.


Soms heb je geluk. Ben je panisch op zoek naar een nooduitgang omdat je pedante gesprekspartner tot vervelens toe doorratelt over zijn journalistieke heldendaden, komt er ineens een man met uitgestoken hand op je af lopen. Je herkent hem onmiddellijk, maar het is frappant dat hij jou kent.




Paavo Järvi
FOTO: KAUPO KIKKAS



Paavo Järvi
FOTO: JEAN CHRISTOPHE UHL

Saillant detail: je hebt inderdaad een afspraak met hem, alleen niet hier en nu in ­Ingolstadt, maar twee weken later in Pärnu. ‘Maestro Järvi!’, zeg je bij wijze van groet, en je schudt hem de hand en vertelt hem over het toeval van deze vroege ontmoeting. De journalistieke held, wreed gestoord in zijn betoog, druipt af.

‘Dus je komt op ons feestje,’ zegt Paavo Järvi, refererend aan het Pärnu Music Festival dat hij jaarlijks met vader Neeme en broer Kristjan neerzet in de Estlandse badplaats. ‘Vergeet de muziek en ga vooral naar het strand,’ adviseert hij met een knipoog, ‘Pärnu is all about relaxing.’

Gekte

Järvi dirigeerde eerder die avond zijn eigen orkest, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Je complimenteert hem met zijn visie op de Tweede symfonie van Schumann. Je bekent hem dat je met Schumann niet zo veel op hebt. Dat je al luisterend vaak denkt ‘kom op Robert, zó erg kan het allemaal toch niet zijn?’

Järvi lacht en zegt dat hij dat gevoel herkent. ‘Dat komt omdat wat je hoort meestal nog niet erg genoeg is. Laten we eerlijk zijn: Schumann was compleet van de pot gerukt, depressief, manisch, bipolair… Die gekte moet je terug horen in de muziek.

'Schumann was compleet van de pot gerukt'

Wat er vaak gebeurt is dat de muziek van Schumann een beetje wordt gladgestreken, zo van: het getuigt niet van goede smaak als je hem zó te kijk zet als een dorpsidioot. Dus haalt men de scherpe kantjes er een beetje af en dan blijft er inderdaad iets larmoyants over. Ik ben van mening dat je de man moet laten horen zoals hij was: over the top in alles.’

Intimiderend

Fast forward naar Pärnu waar we de maestro in de dirigentenkamer treffen voor een gesprek over zijn gastdirigentschap bij het Concertgebouworkest. Pärnu is niet zomaar een stad in Estland. Zoals veel andere Russische musici verbleef bijvoorbeeld Dmitri Sjostakovitsj er vaak. Het was ook de plaats in de Sovjet-Unie die het dichtst bij een aantal Europese steden lag en waar je, binnen de grenzen van het systeem, toch nog van een soort vrijheid kon genieten die elders in het land ver te zoeken was. Die sfeer van zorgeloze vrijheid hangt er nog steeds.

Järvi kijkt uit naar de samenwerking met het orkest. Al pratend werkt hij een bak kruisbessen weg, vruchten waaraan hij verslaafd is sinds zijn jeugd. Als kind luisterde hij al naar zijn vaders platen van het Amsterdamse orkest en ook stond hij er al meerdere malen op de bok.

'Een slimme dirigent laat een orkest eerst spelen'

Of die faam iets intimiderends heeft? Dat zou niet zo moeten zijn, meent hij. ‘Het hangt ervan af hoe oud je bent. Wanneer je pas begint, zijn alle orkesten intimiderend. Je moet ook pas naar de grote orkesten gaan wanneer je er klaar voor bent. Je bent namelijk niet verplicht om ‘ja’ te zeggen wanneer je een uitnodiging ontvangt.’

Järvi moet toegeven dat hij zelf ook nooit ‘nee’ heeft gezegd. ‘Maar achteraf gezien had ik dat vaker wél moeten doen. Dat is ook het advies dat ik geef aan jonge dirigenten. Als je een orkest moet leiden dat een stuk heel goed kent en dat voor jou nog nieuw is, wat sta je daar dan eigenlijk te doen?’

Brahms

Een monumentaal werk dat Järvi met het Concertgebouworkest zal uitvoeren is Brahms’ Vierde symfonie, een werk dat de Est recent nog heeft opgenomen met Die Deutsche Kammerphilharmonie. Hoe bereid je zoiets voor?

‘Een slimme dirigent laat een orkest eerst spelen. Vaak kom je er dan achter dat je er voor een groot deel hetzelfde in staat. Uiteindelijk wil je samen gewoon goede muziek maken. Ik vertel ze niet wat ze moeten doen en zij vertellen mij niet wat ik moet doen. Het gaat er niet om wie er aan het eind heeft gewonnen. Het gaat om the joy of music making. Het gaat erom of je samen kunt dansen. Het is de kunst van geven en nemen. Als twee hele sterke persoonlijkheden kunnen geven en nemen, wordt er iets wonderbaarlijks gecreëerd.’

De maestro plopt de zoveelste kruisbes in zijn mond en denkt even na. Hij herneemt zijn betoog met een waarschuwing. ‘Wat ik nu ga zeggen, klinkt misschien raar. Daar gaat-ie: hoe beter een orkest is, hoe langzamer het gaat spelen. Iedereen in het orkest wil namelijk dat de mooie toon die hij op zijn instrument heeft hoorbaar is.

Iedereen die een solopartij heeft, wil dat die solopartij eruit springt. De diverse instrumentgroepen willen dat de inner voices van een orkestratie niet worden weggedrukt door het geweld van het geheel. Ik verheug mij misschien nog het meest op Brahms’ Vierde met het Concertgebouworkest.

Een geweldig werk als je het met een soort organische flow kunt spelen. Maar ‘Brahms 4’ heeft – en dat geldt eigenlijk voor al zijn symfonieën – een merkwaardig probleem. Het is zó moeilijk om je niet over te geven aan de klankrijkdom, de warmte, de schoonheid en het schallen van een groot orkest. Als je je daarin weg laat zuigen, dan hoor je die inner voices niet meer.

Ik zeg dan: okay, dat was prachtig, maar er was daar ook nog een hoornpartij en daar waren ook nog wat strijkers. Waar zijn die gebleven? Bij Brahms zijn de inner workings zó belangrijk. Het midden vinden tussen die enorme, krachtige klankrijkdom van een groot orkest en die kleine, zangerige schoonheid van het subtiele binnenwerk – dát is het moeilijke van Brahms.’

Andere dimensie

Paavo Järvi, sinds 2015 chef-dirigent van het NHK Symphony Orchestra in Tokio, gaat ook met het Concert­gebouworkest op tournee door Oost-Azië. Heeft dat nog een speciale betekenis voor hem? ‘Zeker! Ik heb er bijzondere dingen meegemaakt. Ik werk nu alweer een paar jaar in Japan met het beste orkest van Azië. Toen ik het voor het eerst hoorde, was ik verbaasd over de virtuositeit van het orkest.

Bovendien heb ik de Japanse cultuur erg hoog zitten: het respect voor de ander en hun eigen eer­gevoel brengen Japanse musici tot grote hoogten. Die state of mind voel je ook uit het publiek komen, wat weer een enorme invloed op het orkest heeft. Een concert in Japan kan daardoor zomaar een andere dimensie krijgen. Daar hoop je op, daar leef je voor, soms gebeurt het, maar meestal niet. Ik hoop dat natuurlijk ook met het Concertgebouworkest te bereiken, maar afdwingen kun je dat niet.’

Nuchter

Even terug naar Järvi’s expliciete mening over hoe Schumann gespeeld moet worden. Wat nou als een orkest niet mee wil gaan in zijn benadering? Wat als het Concertgebouworkest een heel andere mening heeft over Brahms’ Vierde? Järvi glimlacht minzaam.

‘Weet je, ik ben in de loop der jaren heel nuchter geworden. Vroeger vocht ik voor ieder detail. Door schade en schande ben ik erachter gekomen dat iets werkt, of dat iets níet werkt. Ik kan niet méér doen dan laten horen hoe ik het zou willen. Soms reageren de musici dan met een ‘Hé, interessant! Zo hebben we het nooit bekeken.’ Bij anderen zie je en voel je dat ze de deur voor je dicht gooien. En dat is ook goed. Als ik maar een paar weken bij een orkest ben, is dat echt geen reden om een Derde Wereldoorlog te beginnen.’

wo 6, vr 8 november | Grote Zaal
Concertgebouworkest, Paavo Järvi
en Lang Lang: Wagner, Beethoven, Brahms
Bekijk dit concertprogramma

za 9 november | Grote Zaal
Concertgebouworkest,
Paavo Järvi: Brahms
Bekijk dit concertprogramma

Saturday, October 26, 2019

A joust with fate and fantasy in Zurich

bachtrack.com
Sarah Batschelet
26.10.2019

Tchaikovsky’s short fantasy for orchestra Francesca da Rimini reflects the tragic tale from the fifth canto of the Inferno in Dante Alighieri’s Divine Comedy. It is the story of a woman who marries the son of a nobleman but regrettably falls in love with that man’s more appealing brother. The lovers are ultimately killed by the woman’s jealous husband and condemned to Hell for their adultery. Given that background, Tchaikovsky’s symphonic poem, which premiered in Moscow in 1877, had every reason to explore what was dark and ominous. When the two lovers are trapped in their damnation, the strings wheeze up and down the scales to recreate a violent storm, one as palpable as in a Hollywood movie. Indeed, the sense of foreboding marks the piece from the very start and is said to show a debt to works both of Franz Liszt and Richard Wagner.


Martin Fröst
© Martin Bäcker | Sony Music Entertainment

The Tonhalle's configuration is a large one and its orchestra’s new Chief Conductor Paavo Järvi did a superb job of embracing and expounding on the work with the more than 80 musicians on stage. From his posture alone one might think him detached and inapproachable, for he stands straight as an arrow, two feet firmly on the ground. On the contrary, though, his composure and fixed centre on the podium made a hugely resonant and muscular body of the musicians. His signals are clear and his passion for the music palpable. Here in the Tchaikovsky, he made gold in the solo flute (Sabine Poyé Morel) and collective woodwinds, all of whom deserve special accolades.

Next came the open, changing harmonies of American composer Aaron Copland. His Clarinet Concerto was premiered in 1950 in New York by the great Benny Goodman, who commissioned the piece. The solo part readily switches from a whisper to a loud complaint, from an almost symphonic order into a jazz mode. Over the long years of his composing activity, Copland was aware of his contemporaries’ gradual shift into twelve-tone and serial music, but was to say that his own genre “allowed him to incorporate elements associated with the twelve-tone method and also with music tonally conceived”. In other words, he readily employed the best of both.

Here in Zurich, the long and lanky Martin Fröst played the solo clarinet, categorically mesmerising the crowd with his tonal colours – to say nothing of his ever-changing body movements. He would seem to pose a question with his instrument airborne, tell a secret to the woodwinds with his body turned away from the strings or greet one of the cellists with a light serenade. He stood as the Colossus of Rhodes at one moment, a lion on tiptoes tracking a mouse in the next. In short, the dance integral to a Fröst performance is compelling and lends a whole new dimension to any work he plays. The effervescence and virtuosity of his music are incomparable, but his lithe physical performance as much a delight to watch. Being “moved by the music” takes on a whole new connotation.

Atypical of most soloists, Fröst also joined the audience after the interval for the second half of the evening’s programme: Tchaikovsky’s Fourth Symphony. When, twelve years after its premiere in Moscow, the work was premiered in 1890 in New York, one local reviewer wrote of it: “The Fourth... proved to be one of the most thoroughly Russian, i.e. semi-barbaric, compositions ever heard in this city... If Tchaikovsky had called (it) ”A Sleigh Ride Through Siberia” no one would have found this title inappropriate”.

Today, the work is often thought to reflect the personal dilemma Tchaikovsky faced at the time, having entered into a disastrous marriage with one of his female students to temper rumours of his homosexuality. The bombastic horn and bassoon fanfare at the start is a tone that recurs in the work with a vengeance – the modus that Tchaikovsky himself called “the fatal force which presents our hopes of happiness from being realised”.

The second movement begins with a melancholy, folk-like melody by the poignant oboe, played here by soloist Simon Fuchs, whose sublime rendition could melt even the hardest heart. The Scherzo that follows includes what Tchaikovsky cited as “capricious arabesques”, its playful pizzicato strings lightening the load of the movement that came before it. The last movement starts by rejoicing: a rush of strings, brass and cymbals said to incorporate a Ukrainian folk song In the Field Stood a Birch Tree as its second subject. At this point, the conductor moderated his gestures, at first like a sole figure waiting for a partner from the side of a dance hall. But coming to the huge crescendo that ends the symphony, he moved demonstrably onto the balls of his feet and sealed the work with an ending that was as tight as a tick. In short, this was a terrific concert evening at the Tonhalle Maag, whose unexpected encore – the spirited Polonaise from Tchaikovsky’s Eugene Onegin – sent most of us home humming.

Tuesday, October 15, 2019

Paavo Järvi nimetati Saksamaal aasta dirigendiks

kultuur.postimees.ee
15.10.2019

Pühapäeval, 13. oktoobril, anti Berliini Konzerthausis peetud galal üle auhinnad Opus Klassik ja aasta dirigendiks kuulutati Paavo Järvi. 


Gaetan Bally

Auhindade kodulehel tutvustakse Paavo Järvit: «Kuulsa dirigendi poeg Paavo Järvi, nagu ka tema vend, on saavutanud edu kogu maailmas. Paavo Järvi on meie aja üks nõutumaid orkestrijuhte. Sel sügisel alustas ta oma esimest hooaega Zürichi Tonhalle orkestri peadirigendina, samas jätkates NHK sümfooniaorkestri juhtimist Tokyos, samuti tööd Deutsche Kammerphilharmonie Bremeni orkestriga.»

Paavo Järvi töödest tuuakse esile plaadifirmalt Sony sel aastal ilmunud Jean Sibeliuse sümfooniate kogumikku. «Paavo Järvi. Orchestre de Paris. Sibelius Symphonies 1–7» salvestas Paavo Järvi Orchestre de Paris'ga, mille peadirigent ta oli aastatel 2010–2016.

Saksamaal jagatav Opus Klassik on klassikalise muusika auhind, millega tunnustatakse muusikaedendajaid – lauljaid, interpreete, orkestreid, dirigente, heliloojaid jt. Võitjad valib välja muusika- ja meediatööstuse esindajatest koosnev ekspertžürii, kokku jagatakse auhindu 24 kategoorias. Opus Klassiku auhindu anti esimest korda välja 2018. aastal.

https://kultuur.postimees.ee/6801948/paavo-jarvi-nimetati-saksamaal-aasta-dirigendiks

Saturday, October 12, 2019

Berliner Philharmoniker – Paavo Järvi conducts Tapiola & Rhenish Symphony – Janine Jansen plays Tchaikovsky [live webcast]

classicalsource.com
Colin Anderson
12.10.2019

No sooner had Paavo Järvi opened the Tonhalle’s season (October 2-4) than he was in London for unfinished business as part of a fifty-year celebration (October 6) – links below – and now Berlin for three concerts (10-12). Add travel and rehearsal.

Opening Sibelius’s final major work, Tapiola, was a made-distinct timpani motto, cueing a masterpiece eerie and elemental, suspenseful, baleful woodwinds and strings, lightly dancing fireflies to illumine the forest at night, Järvi keeping guard during the calm-before-the-storm that erupts yet brings with it a suggestion of daybreak, nightmare over, to complete Sibelius’s remarkable opus, music that for Sir Colin Davis was ‘symphony 8’, the one that got away.

By contrast the first movement of the ‘Rhenish’ Symphony was a joyous outburst, music on the move, to the extent that the first few bars were rather squashed together, following which the Berliners were responsive to Järvi’s flexibility of pace and concern for detail (even with many performances of this wonderful work under my belt I heard oboe-writing that hadn’t been registered before). This was Järvi’s success, an accommodating approach that never sectioned-off any one episode; especially ingratiating was the poetic third movement and how solemn and imposing the next one, Cologne Cathedral captured in sound. The Finale, launched indivisibility to its predecessor, was nimble and poised, and in the closing flourishes Järvi did majesty and sprinting as togetherness.

It has been an on-off year for Janine Jansen in terms of appearances. Here she radiated positivity and gave a fabulous account of the Tchaikovsky – seductive, fiery, songful, confidential (dips in dynamics), sultry in the slow movement (with lovely nocturnal colours in the orchestra) and exhilarating (the Cossacks of the Finale were high-kick dancing, maybe supplemented with a nip of vodka). To Järvi and the Berliners’ tailor-made collaboration, Jansen’s bow and fingers were at-one with notes and intonations, and she followed-up with the ‘Sarabande’ from Bach’s D-minor Partita (BWV1004), romantically expressive.

http://www.classicalsource.com/db_control/db_concert_review.php?id=16900

Wenn Musiker Robert Schumann tanzen lassen

morgenpost.de
Martina Helming
12.10.2019

Die Berliner Philharmoniker finden unter Paavo Järvi zum passionierten Spiel. Und Janine Jansen entdeckt Tschaikowsky neu.

Geigerin Janine Jansen
Geigerin Janine Jansen Janine Jansen ist eine Künstlerin mit Wow-Effekt. Mit ihrer Vitalität und Perfektion kann sie einen schwindelig spielen. Tschaikowskys Violinkonzert hält heute niemand mehr für unspielbar wie vor der Uraufführung. Im Gegenteil, es gehört zu den Herzstücken im Repertoire jedes Geigenvirtuosen. Wie oft mag die Niederländerin das Stück schon gespielt haben? Wenn sie in der Philharmonie anfängt, wird die Frage irrelevant, weil sie das Konzert in jedem Moment mit allen Fasern ihres Körpers neu entdeckt.

Die Ganzkörpergeigerin musiziert passioniert, kommunikativ und geistesgegenwärtig. Ihr Spiel wirkt riskant und trifft doch immer den Nerv. Vor allem ist es aber die Unmittelbarkeit, die das Publikum mitreißt. Man möchte glauben, dass Janine Jansen immer im Hier und Jetzt gestaltet und niemals etwas Vorproduziertes abruft.

Daneben haben es Sibelius und Schumann wirklich nicht leicht. Der allseits beliebte Paavo Järvi gehört zu den Stammdirigenten der Berliner Philharmoniker. Die Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren intensiviert. Zwei Mal pro Jahr steht er am Pult. Diesmal lässt er sich von der Geigerin, mit der er oft zusammenarbeitet, die Show stehlen. Der Programmrahmen fällt grundsolide aus, aber nicht spektakulär.


Das nordische Repertoire liegt dem Esten immer am Herzen. Mit seiner letzten Tondichtung „Tapiola“ ist Jean Sibelius 1926 noch einmal in die Welt des finnischen Nationalepos „Kalevala“ eingetaucht. Das Stück ist nach dem Gott des Waldes benannt, und tatsächlich beginnt es wie ein romantischer Märchenwald mit ein paar vorbeihuschenden Schatten. Doch Järvi entzieht der Tondichtung bald den Boden der Gemütlichkeit und lässt eine spukhafte Gegenwelt zur Realität aufleuchten. Hier sind keine pittoresken Waldgeister am Werk, eher abgründige Gestalten.

Umso fröhlicher klingt Robert Schumanns Rheinische Sinfonie. Järvi nimmt sie musikantisch, ausgelassen, da hängt kein Klotz am Bein. Im Entstehungsjahr 1850 ging es dem Komponisten gut und er warf seine „Sinfonienskrupel“ über Bord. Der ewige Grübler fand Halt in seiner neuen Stellung als Städtischer Musikdirektor von Düsseldorf und schrieb seine heiterste Sinfonie. Der Dirigent lässt sie schlank und rhythmusbetont spielen. Die Musiker drehen kräftig am Schwungrad und setzen viel quirlige Energie frei. Sie lassen Schumann nicht nur singen, sondern auch tanzen.

https://www.morgenpost.de/kultur/article227341407/Wenn-Musiker-Robert-Schumann-tanzen-lassen.html

Friday, October 11, 2019

Glanz und entfesseltes Gefühl

tagesspiegel.de
Isabel Herzfeld
11.10.2019

Hinreißendes Virtuosentum und größte Hingabe: Die Geigerin Janine Jansen brilliert in der Philharmonie mit Tschaikowskys Violinkonzert. 




Nie war sie besser: Tschaikowskys Violinkonzert ist für Janine Jansen eine fast zwanzigjährige Erfolgsgeschichte, mit vielen Orchestern erprobt und bekräftigt. Auch Paavo Järvi ist ihr darin ein vertrauter Partner. Doch mit ihm am Pult der Berliner Philharmoniker erfindet sich die Geigerin noch einmal neu, angefeuert durch ein Orchester, das sie ebenso diskret auf Händen trägt wie ihr kräftige Impulse gibt.

Ein kleines Wunderwerk an subtilem Nuancenreichtum bereits, wie sie die Einleitungstakte zum sanft intonierten Hauptthema quasi im Flüsterton anheben lässt, eine geheimnisvolle Erzählung. Und doch liegt in intensiven Spitzentönen bereits ein Feuer, das sich später in federnden Rhythmen und mühelos-rasantem Laufwerk entlädt.

Jansens Hingabe übertrifft alle Erwartungen: im sehnenden, noch im zartesten Pianissimo gegen den reichen Orchesterklang vernehmbaren Seitenthema wie in den Farbexplosionen der lupenreinen Flageoletts der Kadenz und erst recht in der immer neue Energien entfesselnden Stretta. Nach dem Kopfsatz brandet Beifall auf.

Die Grundlage solch mitreißenden Virtuosentums heißt Sensibilität, eine flexible, dem melodischen Atem folgende Tempogestaltung, die das Orchester in fulminanten Tutti-Ausbrüchen wieder ins pulsierend rechte Lot bringt. Dem Hexenritts des Finales, aus dem die Funken eines fast leichtfertigen Humors hervorblitzen, ziehen wunderbare Dialoge von Oboe und Klarinette, Flöte und Fagott eine melancholische Schicht ein, neben Jansens manchmal wie gehauchter unendlicher Melodie.

Nicht leicht hat es Schumanns Es-Dur-Sinfonie nach dieser bejubelten Entfesselung von Glanz und Gefühl; doch was zunächst im Kopfsatz massiv-behäbig klingt, enthüllt dann doch seine subtilen Verflechtungen und nachdenklichen Untertöne. Immer hält Järvi auch den großen Apparat transparent, zeigt seinen Klangsinn in feinen Abschattierungen wie in großen Steigerungen. Sehr eindrucksvoll die Moll-Einleitung zum Finale mit prächtigen Hornisten. Auch zu Beginn kehrt Jean Sibelius’ Tondichtung „Tapiola“ die Solistenqualitäten der Berliner Philharmoniker hervor, deren Klangschichten samtig vibrierender Streicherdialoge, flirrender Holzbläserklänge und dämonischen Blechs Järvi im nachwagnerianisch-impressionistischen „Waldweben“ feinsinnig zu koordinieren weiß.

Paavo Järvi sobib hästi Tonhalle psüühega

sirp.ee
Ates Orga
11.10.2019

Nüüd, mil Paavo Järvi on peadirigendina ohjad haaranud, algab Zürichi Tonhalle orkestril põhjendatult uus peatükk.

Paavo Järvi esimene kontsert Zürichi Tonhalle orkestri peadirigendi ja muusikajuhina 2. X Tonhalle Maagi kontserdisaalis. Johanna Rusanen (sopran), Ville Rusanen (bariton), Eesti Rahvusmeeskoor, Zürichi Sing-Akademie, Zürichi Tonhalle orkester, dirigent Paavo Järvi. Kavas Arvo Pärdi ja Jean Sibeliuse muusika.

1968. aastal asutatud veteran Tonhalle orkester ei kavatse loorberitele puhkama jääda. Selle energia ja juhtkond on neil päevil nooruslik, suure kujutlusvõimega ja otsusekindel. Tonhalle Maagi kontserdisaalis, praeguses Zürichi lääneosa ajutises kontserdisaalis – seitsme kuuga ehitatud meeldiva kõlaga ruumis, mida kasutatakse ajal, mil 1895. aastal Brahmsi sissepühitsetud hunnitu järveäärne saal on taastamisel, et see 2021. aasta märtsis taas avada – segunevad solistid, muusikud ja publik vabalt. Üleolekut, staaritsemist ja elitismi siin ei sallita. Industriaalsete torudega rohmakalt saetud puidust koridorides publikualal uidates võib igaüks kellega tahes rääkida muusikast või seinamaalingutest, poliitikast või psühholoogiast, kunstist või esteetikast – elust. Entusiasm, torm ja tung luua mitmekülgne avatud XXI sajandi keskkond on ilmne.

Nüüd, kui Paavo Järvi on peadirigendina ohjad haaranud, algab põhjendatult uus peatükk. Tuues endaga rea tunnustatud Euroopa orkestrite, nagu Stockholmi Kuninglikud Filharmoonikud, Bremeni Saksa Kammerfilharmoonikud, Frankfurdi Raadio sümfoonia­orkester ja Pariisi orkester juhtimise kogemuse, sobib ta hästi Tonhalle psüühega. Visiooniga, kuid pragmaatilise ja ligipääsetava, sõnaosava mehena räägib ta oma ideedest kirglikult. Ootus, et orkester naaseb selle algsesse koju, väljavaade, et hakatakse harjutama ja muusikat tegema sellise õhkkonnaga akustilises atmosfääris, „mängima saali“ nagu küpset instrumenti, kus lava­põranda vibratsioon ulatub publikuni, on midagi selgelt tähenduslikku. „Võib ehitada uue saali,“ ütleb ta, „aga mitte vana.“ Näha Tonhallet jälle kunagiste tähtsamate Euroopa kontserdipaikade seas, nagu Concertgebouw, Musikverein ja Rudolfinum, on midagi sellist, mida tema ja teda ümbritsevad vaatavad arusaadava uhkuse ja ootusärevusega.

Järvi on varasemates ametites dirigeerinud väljapaistvaid salvestusi ja videoprojekte, näiteks Beethoveni tsükleid Bremenis ja Sibeliuse omi Pariisis. Tonhalle orkestriga, kellega ta andis just välja sel aastal salvestatud Messiaeni albumi, võtab ta ette Tšaikovski sümfooniad plaadifirmale Alpha Classics. Ta hakkab juhtima ka dirigente koolitavat akadeemiat. Ja tema valvekorra ajal on orkestri resideeriv helilooja Erkki-Sven Tüür, saareelanik ja oma sõnade kohaselt Tausendsassa ehk Hunt Kriimsilm. Õhus on elektrit.

2. oktoobril peetud Järvi piduliku ametisse pühitsemise galakontserdi märksõnad olid otsusekindlus, ajalugu ja suur lava. Täis elujõus noortest kuni keskealisteni koosnenud publikus oli mõningaid tuntud nägusid. Üks neist oli vilgas 84aastane Arvo Pärt, teine Paavo isa Neeme. Saalis valitses Paavo soomlasest ristiisa Paavo Berglundi vaimsus, kuna orkester mängis tema märgetega partiidest (Berglund on silmapaistev Sibeliuse varase, postuumselt avaldatud „sümfoonilise kantaadi“ „Kullervo“ taasesitamise poolest).

Umbes 77 minutiga andis Järvi teosest kõlavalt ruumika ülevaate. Muusikuna, kes on elanud terve elu Sibeliuse muusika kõla ja mootoriga, seadis ta juba varakult hea pulsi ja temperatuuri. Keelpillidel – antifoonilistel viiulitel, tšellodel ja viooladel poodiumi ees, kontrabassidel üleval vasakul – oli külluslik, tume paatina, mis kaevus kolmandas osas sügavale, nende pizzicato-akordid olid läbitungivad ja soojad. Puupillid olid tähelepanuväärsed, sealhulgas oboe ja inglissarv, vaskpillid ergasid ja krigisesid. Ammu on kadunud aeg, kui Sibeliuse revolutsiooniliste timpani­partiide pärast tuli vabandada: atakk, täpsus ja detailsus olid märkimisväärsed ning paisutused ja kadentsid tormasid koju täieliku meistri juhtimisel. Kultuurselt esinduslik Järvi ei ole kunagi olnud väljakutsuv dirigent, kuid siin andis ta järele elevusele ja füüsilisele pingele, mis tõi jahmatavaid hetki, see omakorda julgustas orkestrit kõrgendatud tähelepanuga reageerima. Tema pika hingamisega lõigud, koguvad lained ja kulminatsioonid, mis tekkisid ringlevatest, rakulistest kordustest, avaldasid muljet eriti iseloomulike tulemustega kahes viimases pildis. Tempo oli samuti hästi häälestatud, neljas osa „Kullervo läheb sõtta“ oli suisa tihedas tempos ja armutu.

Soome õe-venna duo Johanna ja Ville Rusanen tõi kolmandasse osasse oma harjumuspärase vokaalse pädevuse, Johanna oli ilmselt tulisem, kui olen varem kuulnud, ning Ville suutis luua veenva karakteri ja teatraalse pinge. Kõrgele orkestri kohale oli paigutatud Eesti Rahvusmeeskoori ja Zürichi Sing-Akademie ühendkoor, veidi alla 70 tugeva hääle, kes lisasid murdelisele tekstile kivise, jõulise tämbri ning kavandasid kogu teose tugevana, tingimata pisut karedana. Lõpuks, kui õnnetu Kullervo surmab end mõõga läbi, müristab orkester võimsalt, koor laulab täistuuridel, iga paus on laitmatult tunnetatud ja esitatud ning teadmine kõrgvormis olemisest on vältimatu – viis sümfoonilist poeemi on sulatatud üheks tervikuks. Õhtu virtuoossust ja stilistilist hingust arvestades on hämmastav mõelda, et see oli Tonhalle esimene ettekanne, millele eelnes ainult kümme tundi (kaks päeva) proove. Mängijad – Šveitsi tuumikuga sadakond rahvusvahelise taustaga muusikut – panustasid Järvi rütmi ja suhtlusselgusesse, et ta saavutaks vajaliku tulemuse minimaalse rahmeldamisega.

Kontsert algas Pärdi väikese pärliga, mis ei olnud tellimus, vaid kingitus – b-a-c-h-teemalise lühikese teose „Kui Bach oleks mesilasi pidanud …“ (1976, algne pealkiri „Muusikateadlase portree ühe herilaspere foonil“) orkestri­töötlusega, mida tuntakse tänapäeval rohkem 2001. aasta uusversiooni kaudu klaverile, puhkpillikvintetile, keelpillidele ja löökpillidele. Uutmoodi esitatud tuttav muusika mõjus kaunilt, selle õrn koosseis sisendas mahedat prelüüdi või vaheaega, prelüüdi h-moll lõpp (koodas on vihje Bachi HTK I prelüüdile h-moll) tõmbas vaikse kardina üle aja. „Tintinnabuli-stiil,“ lausub Pärt, „on ala, kus ma aeg-ajalt ekslen, otsides lahendust oma elule, oma muusikale või oma tööle. Rasketel aegadel tunnen ma päris selgelt, et kõik, mis midagi ümbritseb, on tähtsusetu. See, mida on palju ja mis on mitmekesine, ajab mind vaid segadusse ja ma pean otsima Ühte.“* Vastuvõtt oli soe, dirigendi ja helilooja suhtlus puudutas tuttaval moel.

Järvi taotlus uue orkestriga ongi tuttava ja ootamatu ühendamine. Ta lubab aga, et mitte kõik ei saa olema tume ja põhjamaine, ehkki võib olla emotsionaalne ja pingeline. Tema lisapala, Sibeliuse „Laul Lemminkäisele“ (1895, Lemminkäinen on läänemeresoome mütoloogias šamanistlik tegelaskuju, „Kalevala“ arhetüüpne sõjakangelane) esitles jõuliselt koori ja orkestrit, täies kõlajõus sarvesid, parimas vormis rütmi, suurepärasesse valgusse tõusvate elementide lihvi ja galoppi. See oli meeldejääv õhtu.

Tõlkinud Maria Mölder

Täispikk artikkel on ilmunud veebilehel www.classicalsource.com ning tõlgitud kokku­võte on avaldatud toimetuse nõus­olekul.

* Toomas Siitan, Laudatio Konrad Adenaueri Fondi korraldatud austamisõhtul „Hommage für Arvo Pärt“, 19. I 2011. – Arvo Pärdi Keskus. https://www.arvopart.ee/arvo-part/artikkel/hommage-fur-arvo-part/

Thursday, October 10, 2019

«Wiedergeburt» eines Konzertsaals — der Gesamteindruck soll jedoch erst an der Eröffnung an die Öffentlichkeit

limmattalerzeitung.ch
Katrin Oller
4.10.2019



Paavo Järvi, neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, bei einem Rundgang auf der Baustelle.
© ALBERTO_VENZAGO


Seit zwei Jahren werden die Tonhalle und das Kongresshaus umgebaut. Eröffnet wird am 11. März 2021. Die Restaurierung des Tonhalle-Saals ist bereits beendet, und vom Foyer sieht man wieder auf den See.


Von einer Zeitreise spricht Paavo Järvi, als er den unter Renovation stehenden grossen Saal der Tonhalle betritt. Der Este hat am Mittwoch sein Amt als neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich angetreten. Das Eröffnungskonzert fand in der Tonhalle-Maag in Zürich-West statt. Dort spielt das Orchester seit Sommer 2017, als die Arbeiten am Stammhaus am See begannen. Während die Box aus 80 Tonnen Fichtenholz für die Gegenwart steht, bringt der Saal von 1895 die Jahrhunderte zusammen. Järvi spricht gestern auf einem Medienrundgang von der «Wiedergeburt» des Konzertsaals.


Dies ist das Werk einer engen Zusammenarbeit der Denkmalpflege mit der Architekten-Arbeitsgruppe, wie die Architektin Elisabeth Boesch sagt. Zuerst musste aber entschieden werden, an welcher Tonhalle man sich orientieren wollte. Denn bereits um 1900 hielt man den Saal für zu überladen. Die üppigsten Dekorationen wie nackte Engelsfiguren wurden abgespitzt und der dritte Kronleuchter verschwand von der Decke.

Wieder lachsfarbig statt grau

1939 haben die Architekten Haefeli, Moser und Steiger die Tonhalle ins neue Kongresshaus integriert. Dabei wurde das Innere farblich an die neue Ummantelung angepasst. Der lachsfarbene Stuckmarmor der Säulen wurde grau übermalt – «aber nicht zerstört, wie sich jetzt gezeigt hat», sagt Boesch.

So wurde entschieden, den Saal farblich ins 19. Jahrhundert zurückzuführen, aber ohne die verlorenen Dekorationen. Von oben nach unten wurden die verschmutzten Deckenbilder, Säulen und Ornamente geputzt und geflickt. «Wir haben den tristen Eindruck der dunkelbraunen, oxidierten Goldbronze verschwinden lassen», sagt Boesch.

Dennoch sei es nicht dasselbe Gold, das Brahms 1895 beim Eröffnungskonzert gesehen habe. Die Farbe sollte ihre Patina bewahren. Um den Grauton zu bestimmen, seien mehrere Sitzungen nötig gewesen, sagt Boesch. Mithilfe von Resten der Originalfarbe in versteckten Ecken fand man die richtige Farbtemperatur. So wirkt der Saal nun zwar aufgefrischt, aber weder bunt noch kitschig.

Neben dem Erscheinungsbild kümmerten sich die Architekten und Ingenieure auch um die Struktur des Saals. Die schwere Stuckdecke ist nun mit 1400 Nägeln zusätzlich gesichert und der Boden wird verbessert. Bisher reichte das Parkett nur bis zum Bühnenanfang. Der neue Holzboden wird sich über die gesamte Fläche erstrecken und mit der Musik mitschwingen. Das Geld für diese Verbesserung der Akustik sowie für neue Stühle ist erst am Mittwoch vom Gemeinderat bewilligt worden.
Fotografieren verboten im Tonhalle-Saal

Der Saal wird auch eine neue Orgel vom Männedörfler Orgelbauer Kuhn erhalten. Diese ist weniger hoch und passt besser in die Nische als die alte Orgel. So gewinnt die Bühne 80 Zentimeter dazu und das Volumen des Saals steigt, was sich positiv auf die Akustik auswirkt.

Die Restauration des Tonhalle-Saals ist weitgehend abgeschlossen, deshalb verbieten die Verantwortlichen das Fotografieren – der Gesamteindruck soll erst an der Eröffnung an die Öffentlichkeit. Verlässt man den Saal, wird einem im Foyer die grösste Veränderung des Umbaus von Tonhalle und Kongresshaus bewusst: Jetzt sieht man den See.

Statt dem Panoramasaal, einer Bausünde aus den 1980er Jahren, erstreckt sich eine Terrasse zwischen Tonhalle und Kongresshaus-Saal, worauf das rundum verglaste Restaurant Formen annimmt. Dieses soll das Publikum vor und nach Konzerten zum Verbleiben animieren, sagt Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel. Auch damit wolle man das jüngere Publikum, das die Tonhalle-Maag anzieht, mitnehmen an den alten Standort.

Ob dies gelingt, zeigt sich ab dem 11. März 2021, dem Eröffnungsdatum der Tonhalle und des Kongresshauses nach der Renovation. Für Paavo Järvi ist der renovierte alte Saal «a dream come true». Jedes Orchester brauche ein Zuhause und es gebe nichts wie den Originalsaal. Da der Raum dabei helfe, den Ton zu produzieren, werde der Konzertsaal selber zum Instrument.



Trotz Misstönen wurde mehr Geld gesprochen

Gemeinderat Dass der Umbau von Tonhalle und Kongresshaus mehr kosten wird als die 165 Millionen Franken, die das Stadtzürcher Stimmvolk 2016 bewilligte, zeichnete sich bald nach Start der Arbeiten 2017 ab. Im vergangenen April nun gab der Zürcher Stadtrat bekannt, dass er vom Gemeinderat einen Zusatzkredit von 13,1 Millionen Franken verlangen muss.

9,4 Millionen Franken soll die Kongresshaus-Stiftung erhalten für bauliche Mehrkosten und die Aufstockung der Reserven, 3,7 Millionen Franken die Tonhalle-Gesellschaft für den Mehraufwand, da der Umzug um ein halbes Jahr auf März 2021 verschoben wurde.

Am vergangenen Mittwochabend hat das Zürcher Parlament den gesamten Zusatzkredit bewilligt, allerdings nicht ohne Misstöne und in leicht veränderter Form. Unumstritten waren die 3,7 Millionen für die Tonhalle-Gesellschaft. Die Terminverschiebung habe für die Tonhalle «schwerwiegende finanzielle Auswirkungen», schreibt der Stadtrat in der Weisung, da sie wegen des Umzugs mitten in der Hochsaison den Betrieb für einen Monat einstellen muss.
Kritik übten die Gemeinderäte beim Zusatzkredit für bauliche Mehrkosten, die wegen schlechter Bausubstanz, dem Denkmalschutz und Fehlern bei der Planung entstanden. Laut Medienberichten sprach die SVP von «Missmanagement» und «groben Fehlern in der Bauleitung». Die FDP kritisierte die mangelnde Kontrolle des Stadtrats.

Die für Unvorhergesehenes gedachten Reserven waren stattdessen für Projektoptimierungen verwendet worden wie zusätzliche WCs, Lüftung und Kühlung im Verwaltungstrakt und die Verbesserung der Akustik. Deshalb wollte die FDP die Reserven nicht aufstocken und lediglich 2,5 Millionen Franken bewilligen für Verbesserungen wie neue Stühle und einen Parkettboden mit Schallankoppelung an die Bühne. So hätte sich der Gesamtbetrag von 13,1 Millionen auf 6,2 Millionen reduziert. Die GLP wollte weniger Reserven gutheissen, den Gesamtbetrag allerdings nur auf 10,4 Millionen kürzen.

Hochbauvorstand gestand im Gemeinderat Fehler

Hochbauvorstand André Odermatt (SP) gestand im Rat Fehler ein und sprach von «Planungslücken». Der Steuerungsausschuss des Stadtrats habe Entscheide aufgrund von falschen Annahmen getroffen, sagte Odermatt laut «NZZ». Man habe aber immer gewusst, dass die Sanierung kein Spaziergang werden dürfte. Bis jetzt habe es effektiv noch keine Kostenüberschreitungen gegeben. Lediglich die Reserven seien so gut wie aufgebraucht, deshalb wolle man frühzeitig den Zusatzkredit verlangen. Mit 70 zu 16 Stimmen bei 31 Enthaltungen der FDP und der GLP bewilligten die Gemeinderäte schliesslich den gesamten Zusatzkredit. Allerdings wird der Betrag aufgeteilt, wie ein mehrheitsfähiger Kompromiss von SP, AL und den Grünen vorschlug. Die Hälfte der 9,4 Millionen für die Instandsetzung wird als Investitionsbeitrag gesprochen, die andere Hälfte als rückzahlbares Darlehen gewährt – falls es denn nötig würde.

Zudem unterstützte das Parlament ein SVP-Postulat, das vom Stadtrat einen Bericht verlangt. Dieser soll nach Abschluss der KongresshausSanierung aufzeigen, wie Kostenüberschreitungen und Planungsfehler künftig vermieden werden können. (kme)

Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi mit Janine Jansen

rbb-online.de
Andreas Göbel
10.10.2019

Ein Konzert der Extreme: Janine Jansen steigert Tschaikowskys Violinkonzert in die Extreme. Paavo Järvi sorgt für Entschlackung und setzt die großen romantischen Brocken wohltuend auf Diät.

Janine Jansen und das gewaltige Violinkonzert von Peter Tschaikowsky – da nimmt die Geigerin nichts leicht, kein einziger Ton ist einfach nur so da. Und selbst wenn sie sich mal zurücknimmt, dann nur, um gleich mit doppelter Energie voraus zu stürmen.

Das überträgt sich auch sofort auf das Publikum. Was man bei einem Abonnementkonzert bei den Philharmonikern so gut wie nie erlebt – hier wurde schon nach dem ersten Satz applaudiert. Und nach dem Starkstrom-Finale gab es sogar Ansätze von stehenden Ovationen.

Katzenartige Biegsamkeit

Janine Jansen interpretiert Tschaikowsky jenseits des allzu bekannten Virtuosenkonzerts, nicht als technischer Marathonlauf mit schwelgerischen Melodien. Sie nimmt die Musik als ständige Geste. Gleich am Beginn die endlose Linie ist von geradezu katzenartiger Biegsamkeit, die einzelnen Töne fast klebrig miteinander verbunden.

Da gibt es wahnwitzigen Furor, aber auch untertourte Stellen, bei denen man Angst hat, ob der Ton überhaupt anspricht. Das Risiko geht sie bewusst ein. Entspannung gibt es bei ihr nicht einmal im langsamen Satz. Sie opfert den Melodiker Tschaikowsky, gewinnt aber dadurch eine Aufmerksamkeit, die das Emotionale noch einmal ganz neu erlebbar macht. Das ist nichts zum Zurücklehnen, sondern zum Mitfiebern. Beeindruckend.

Paavo der Fels

Violine und Orchester – das war hier ein bisweilen köstlicher Kontrast. Janine Jansen ist in ständiger Bewegung, auch körperlich. Und einen halben Meter entfernt steht der Dirigent Paavo Järvi auf seinem Pult und hält das Orchester betont lässig mit knappsten Bewegungen zusammen.

Das allerdings genügt völlig als Ausgleich: Hier gibt es die schönen Melodien, die das Konzert zweifelsohne auch besitzt. Paavo Järvi ist der Fels in der Brandung, an dem sich Janine Jansen festhalten kann. Sie kann sich auch nur deswegen die ganzen Freiheiten erlauben, weil er ihr dafür die notwendige Sicherheit gibt.

Raus aus der Kitschecke

Jean Sibelius‘ letztes großes Orchesterwerk, die Tondichtung „Tapiola“, führt tief hinein in die finnische Mythologie zum Wohnsitz des Waldgottes Tapio. Der Komponist hat sich stets vehement dagegen verwahrt, hier einfach Naturkitsch komponiert zu haben. Und hat Paavo Järvi ganz auf seiner Seite.

Klar und markant durchleuchtet er das ganze Geflecht, bietet feinstes Funkeln mit den Berliner Philharmonikern, aber komplett unsentimental mit wuchtigen, allerdings gut abgefederten Akzenten. Am Ende war das Publikum von dieser geheimnisvollen Musik spürbar fasziniert. Tiefe Stille als Ausklang – bis diese durch zwei laute Nieser beendet wurde.


Schumann auf Diät

Die Nörgeleien über Robert Schumanns angeblich schlechte Instrumentierungen wollen nicht abreißen. Der Orchestersatz angeblich undifferenziert und platt wie ein Kuhfladen. Paavo Järvi hat jetzt endgültig gezeigt: stimmt nicht. Man muss Schumann nur so aufführen, als wäre es für ein Kammerorchester gedacht, weniger pauschal, mehr Kommunikation der einzelnen Stimmen und Gruppen.

Der Ansatz mit der „Rheinischen“ geht auf. Das ist schon mal mindestens zehn Kilo leichter. Schöne Raumeffekte lassen Schwerpunkte durch das Orchester wandern. Große Flächen, strahlendes Geschmetter, aber auch intime Stellen, bei denen der Große Saal der Philharmonie zu einem kuscheligen Wohnzimmer wird. Im Ergebnis ist man allerdings nicht ganz fertig geworden. Eine Probe mehr hätte geholfen. Vieles war nicht zusammen, und Järvis raffiniert ausgeklügelte Tempomodifikationen waren noch nicht von wirklich allen im Orchester verinnerlicht. Aber offensichtlich spielen die Philharmoniker ihre Programme meistens dreimal, damit es dann am zweiten und dritten Abend umso schöner wird …

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/themen/musik/rezensionen/buehne/2019/10/Berliner-Philharmoniker-unter-Paavo-Jaervi-mit-Janine-Jansen.html

Wednesday, October 09, 2019

Paavo Järvi, Steuermann

peterhagmann.com
Peter Hagmann
9.10.2019


Neubeginn beim Tonhalle-Orchester Zürich



Paavo Jaervi Im Antrittskonzert vom 2. Oktober 2019 / Bild Gaëtan Bally, Tonhalle-Gesellschaft Zürich

Mit ernster Miene, wenn auch einem leisen Lächeln in den Mundwinkeln schreitet der ganz in Schwarz gekleidete Mann einer schiefergrauen Betonwand entlang. Es ist der Neue, der Repräsentant der Neuen Zeit – es ist Paavo Järvi, Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich und, wie es auf Neudeutsch heisst, dessen «Music Director» seit Beginn dieser Saison. Zu sehen ist der musikalische Wanderer auf dem Umschlag zur ersten, rechtzeitig zum offiziellen Amtsantritt Järvis bei Alpha erschienenen CD – in einer bildlichen Anordnung, welche die Situation des Orchesters im so gar nicht provisorisch wirkenden Provisorium auf dem Maag-Areal und zugleich seine klare Ambition umreisst. Trotz der postindustriellen Umgebung (oder gerade wegen ihr) ist ein Neubeginn angesagt – der Aufbruch in eine neue Ära nach den zwei goldenen Jahrzehnten mit David Zinman, dem Ehrendirigenten, der eben erst noch einmal liebevoll gefeiert worden ist. Das vierjährige Zwischenspiel mit einem Jüngling am Pult, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war, ist abgehakt und zu den Akten gelegt.

Auch inhaltlich spricht die neue CD bei dem aufstrebenden französischen Label klare Worte. Nicht klassisch-romantisches Repertoire deutscher Provenienz wurde gewählt, das Programm umfasst vielmehr unbekannte Musik von Olivier Messiaen (1908-1992): drei Frühwerke und mit «Un sourire» eine von 1989 stammende, ganz zarte, durch Einlagen mit Vogelstimmen gegliederte Akkordstudie, die in ihrer Nähe zur Musik von Charles Tournemire viel aussagt über die ästhetische Herkunft Messiaens. Grossartig die farbenfrohe Ruhe, die Järvi und das Tonhalle-Orchester über den unerhört sinnlichen Harmonien walten lassen, und die Spritzigkeit, mit der sie die Gesänge der gefiederten Freunde zum Aufblitzen bringen. Wenn sich die zehn Minuten in einem ganz gelösten A-Dur-Akkord (natürlich in Terzlage, wie so oft bei den französischen Spätromantikern) erfüllt haben, geht man frohgemut von dannen. Hochinteressant auch die Begegnung mit «Le Tombeau resplendissant», mit «Les Offrandes oubliées» und der vierteiligen «Ascension» – Stücken aus den Jahren 1930 bis 1933, die den Wandel Messiaens zu einer Leitfigur der Nachkriegs-Avantgarde gut zehn Jahre später in keiner Weise erahnen lassen.

Nicht dass die CD eine radikale Kehrtwende anzeigte. Die Strukturen, die den Programmen des Tonhalle-Orchesters Zürich in der ersten Spielzeit mit Paavo Järvi zugrunde liegen, bleiben so gut wie unverändert. Und das Saisonprojekt für 2019/20, das wiederum in eine CD-Box münden soll, gilt den sechs Sinfonien Peter Tschaikowskys – von denen freilich die ersten drei zu Unrecht am Rand des Repertoires stehen. Dennoch werden sich Veränderungen einstellen, denn der Blick richtet sich in den kommenden Monaten nach Nordeuropa. Den «creative chair» nimmt der sechzigjährige Komponist Sven-Erik Tüür ein; wie Järvi stammt er aus Estland. Dazu kommen drei «artists in residence», nämlich der schwedische Klarinettist Martin Fröst, der finnische Geiger Pekka Kuusisto und die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova. Folgerichtig wird auch vermehrt Musik aus dieser Gegend zu hören sein; das Violinkonzert von Jean Sibelius freilich wird beiseitegelassen.

Der grosse, bis heute nicht wirklich geschätzte Finne kam gleichwohl zu einem mächtigen Auftritt. Paavo Järvis Antrittskonzert in der zum Bersten vollen Tonhalle Maag galt nämlich «Kullervo», der Sinfonischen Dichtung auf einen Text aus dem finnischen Nationalepos «Kalevala» – einem Werk, das so gut wie unbekannt ist und vom Tonhalle-Orchester noch nie aufgeführt wurde. Es schildert eine schauerliche Geschichte von Mord und Totschlag, von inzestuöser Liebe und ihren fatalen Folgen. Und es tut das mit einer Musik, die von erstaunlicher Individualität zeugt – immerhin war Sibelius, als er die Partitur noch während des Studiums in Wien begann, erst 26 Jahre alt. Beim ersten Anhören findet man sich nur schwer zurecht, weil hier ausgesprochen wenig geschieht. Die Bässe bilden lange Orgelpunkte, die Oberstimmen ergehen sich in unendlichen Wiederholungen – was Handwerk und Kunst in der Komposition allgemeiner Vorstellung gemäss ausmacht (und sich in den Sinfonischen Dichtungen des um ein Jahr älteren Richard Strauss in überreichem Mass findet), bleibt hier ausgespart.

Die vorzügliche Aufführung durch das Tonhalle-Orchester Zürich – nach einem kleinen Vorspiel mit Arvo Pärts B-A-C-H-Studie «Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte…» – hob indessen ans Licht, wie sehr «Kullervo» anstelle der thematisch-motivischen Arbeit mit Farben und mit Stimmungen arbeitet. Fast könnte man sagen, dass es sich diesem jugendlich-monumentalen Wurf um ein impressionistisches Stück avant la lettre handelt. Jedenfalls führte Paavo Järvi das stark besetzte Orchester in Gefilde grossartig nuancierter Instrumentalwirkungen. Er liess erleben, wie im zweiten Satz, wo es um des Helden Jugend geht, durch die Holzbläser flirrende Sommerstimmung erzeugt wird, und wie im dritten Satz, wo es auf einem Schlitten zum Liebesakt Kullervos mit der eigenen Schwester kommt, das Geschehen durch den Galopp der Pferde vorangetrieben wird. Überaus eindrucksvoll der Bariton Ville Rusanen als Kullervo und die Sopranistin Johanna Rusanen als dessen Schwester Sisar, erst recht aber der Estnische Nationale Männerchor und die Herren der Zürcher Sing-Akademie mit ihrem kompakten vokalen Glanz. Hätte es etwas mehr Licht auch fürs Publikum gegeben, man hätte mit Vergnügen den im Programmheft angedruckten Originaltext in finnischer Sprache verfolgt.

Nun ist sie also in Gang gesetzt, die erste Saison mit Paavo Järvi – und beinah die letzte in der Tonhalle Maag, deren Zukunft leider ungewisser scheint denn je. Die in einem Jahr folgende zweite Spielzeit Järvis, 2020/21, beginnt dann aber nicht wie geplant in der frisch renovierten Tonhalle am See. Dort schreiten die Bauarbeiten langsamer voran als gedacht, weshalb der Umzug des Orchesters erst kurz nach dem Jahreswechsel 2020/21 erfolgen kann, was einen einmonatigen Unterbruch des Konzertbetriebs und erhebliche, vom Stadtparlament inzwischen abgesegnete Mehrkosten zur Folge hat. Auf die Rückkehr ins Stammhaus darf man sich allerdings sehr freuen, wie eine Baustellenbesichtigung erahnen liess. Der Grosse Saal wird annähernd wieder so aussehen wie bei seiner Eröffnung 1895 – und dank der Wiederherstellung des schwingenden Bodens vielleicht auch wieder so klingen. Besonders spektakulär wirken wird aber der Blick aus dem mit Fenstern versehenen Foyer; er reicht über eine weite Terrasse mit einem Restaurant hin zum See und den Alpen. Schönste Aussichten – in wörtlichem Sinn.

Olivier Messiaen: Le Tombeau resplendissant (1931), Les Offrandes oubliées (1930), Un sourire (1989), L’Ascension (1932/33). Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi. Alpha 548 (1 CD, Aufnahmen 2019).
Blick aus dem noch in Renovation befindlichen Foyer der Zürcher Tonhalle von 1895 / Bild Alberto Venzago, Tonhalle-Gesellschaft Zürich


http://www.peterhagmann.com/?p=2379

Tuesday, October 08, 2019

Alanud on Paavo Järvi ajastu

postimees.ee
Heili Sibrits
8.10.2019


Fraasi «Paavos Life» ehk «Paavo elu» võib lugeda finantsteenuseid ja kindlustust pakkuva firma SwissLife reklaamilt – nii tähistab väärika ajalooga Šveitsi ettevõte Paavo Järvi saamist Tonhalle orkestri peadirigendiks ja muusikajuhiks.






Väidetavalt on Zürichi orkestri peadirigent mõjukam amet kui sealse linnapea oma, sest maailma parimate – neid loetakse kokku vähem kui kümme ja selles rivis on näiteks nii Viini kui ka Berliini Filharmoonikud – sekka kuuluv orkester on linna au ja uhkus. Linn aga omakorda on üks maailma juhtivaid finantskeskusi. Kui Paavo Järvilt sellele väitele kommentaari küsida, jääb ta tagasihoidlikuks, öeldes: «Vaatame, mis saab.» Ent tema silmis helgib kelmikas säde.

Kindel on, et Paavo Järvile on 150-aastase kollektiiviga liitumine tähtis. «See on üks maailma parimaid orkestreid, nad on vägevad. Olen väga õnnelik. Mu unistus on saamas tõeks,» teatab Paavo Järvi rahulolevalt pärast edukat – publiku aplaus oli tugev ja pikk – esimest kontserti vastses ametis.


Et Paavo Järvi peadirigendiks saamine on orkestrile, aga ka sealses kultuuriruumis suursündmus, kinnitas oktoobri alguses toimunud kontsertidel viibinud ajakirjanike hulk, neid oli paarikümne ringis. 2. oktoobril kontserdi kandis üle Mezzo, paar päeva hiljem näidati salvestust ka Šveitsi televisioonis. Kusjuures 13. oktoobril näeb Šveitsis uut dokumentaalfilmi Paavo Järvist.

Paavo Järvi tunneb end vabalt mitte ainult orkestri ees, vaid ka meediaga suheldes, sealjuures sotsiaalmeedias – tema Instagrami kontot jälgib üle 23 600 inimese, Facebookis on tal 13 160 ja Twitteris 25 200 fänni.

Muusikaajakirjanike-kriitikutega kohtumisel jätkub Järvil kõigile tähelepanu, ta viskab nalja, poseerib fotode jaoks, ta on igati kohal, sest teab, et mida meeldivama emotsiooniga tema vestluskaaslased Zürichist lahkuvad, seda parem talle. Sest Zürichi orkestri peadirigendiks olemine pole lihtne ülesanne – publikuks on teadlikud, kuid pigem konservatiivse maitsega inimesed, kes on harjunud parimaga ja teavad, mida tahavad. «Nad on nõudlikud,» lausub Järvi.


Rahvusvaline ajakirjanike seltskond ja Paavo Järvi tutvumas renoveerimisel oleva kontserdimajaga. FOTO: Alberto Venzago


Eelmise peadirigendi ametiaeg piirdus nelja aastaga, see-eest üle-eelmine oli ametis 19 aastat. Paavo Järvi leping on sõlmitud viieks aastaks ja kontraht näeb ette, et Zürichi orkestriga peab ta veetma aastas 14 nädalat. «Eks ta natuke tihe ole, aga põnev on ka,» nendib Järvi, kelle käe all tegutseb peale Tonhalle veel Jaapani NHK Sümfooniaorkester, ta on ka Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen kunstiline juht ning peadirigent. Järvi südameorkester on aga endiselt Eesti Festivaliorkester.

Ent Paavo Järvi ei ole ainult Tonhalle peadirigent, vaid ka muusikajuht ja just see viimane tiitel annab talle võimaluse rääkida kaasa kogu orkestri tegevuses, muu hulgas on temal lõplik sõna, mis teoseid kavva võetakse ja keda dirigendipulti kutsutakse. See on suur vastutus, aga veelgi suurem võimalus. «Ja siin on mul ka väga head partnerid, nad on auahned nagu mina,» tunnistab Järvi.

Aga kuidas valib dirigent endale orkestri ja vastupidi? «See on nagu partneri valimine elus. Kui sa tunned, et on mingisugune side, ühine energia, räägite sama keelt, siis on eeldus koostööks loodud,» vastab Paavo Järvi, lisades, et kõigepealt peab olema mõlemapoolne huvi.

Kuigi orkester tegi Järvile ettepaneku alustada läbirääkimisi peadirigendi koha üle kohe pärast esimest kontserti, kestis üksteise katsetamine mõnda aega. Lisaks kontsertidele pandi end proovile ka Olivier Messiaeni muusikaga CD salvestamisel.


«See on kõige imelikum muusika, mis üldse on võimalik klassikalises muusikas välja anda. Ma tahtsin just esimese plaadina anda välja midagi, mida meilt ei oodataks,» selgitab Järvi, miks anti Tonhalle orkestri ja Alpha Classicsi plaadifirmaga välja just see plaat.


Vana kontserdimaja ulatusliku renoveermise ajaks ehitas orkester endale ajutise kodu, kus antakse kontserte 2021. aasta märtsini. EMTA Kontserdi-ja teatrimaja meenutavas Maagi nimelises majas astus Paavo Järvi esimest korda publiku ette kui Tonhalle peadirigent. FOTO: Gaetan Bally FOTO: Gaetan Bally


Paavo Järvi renoveermisel oleva kontserdimaja katusel, taamal paistab Zürichi järv ja Alpid. Tulevikus saab siin olema kõigile avatud kohvik. FOTO: Heili Sibrits


Las harjuvad!

Ametlikult peadirigendina oli Paavo Järvi Tonhalle orkestri ees esimest korda 2. oktoobril, mil pidulikult avati sügishooaeg. Paavo Järvi juhatusel kõlas Arvo Pärdi teose «Kui Bach oleks mesilasi pidanud…» uue versiooni esiettekanne ning Jean Sibeliuse looming: soomlaste rahvuslik uhkus «Kullervo-sümfoonia» ja kantaat «Laulu Lemminkäiselle», kus solistide Johanna ja Ville Rusaneni ning Zürichi Lauluakadeemia koori kõrval astus lavale Eesti Rahvusmeeskoor (koormeister Mikk Üleoja).

Sama kavaga kontserdid toimusid veel 3. ja 4. oktoobril Tonhalle Maagi moodsas ja askeetlikus, kuid suurepärase kõlaga ja 1224 kuulajat mahutavadskontserdisaalis. See kunagisse tööstuspiirkonda Tonhalle orkestrile ehitatud ajutine kontserdimaja on muusikute koduks 2021. aasta märtsini. Täpselt nii kaua kestavad ulatuslikud renoveerimistööd Zürichi järve ääres asuvas kontserdimajas. Selle 1895. aastal valminud hoone avas toona Brahms isiklikult.


Paavo Järvi tutvumas renoveerimisel oleva kontserdimajaga. FOTO: Alberto Venzago



Uuest avamisest saab Järvi ennustuste järgi suursündmus, sest juba enne suurremonti oli see eriliselt hõrgu ja ainulaadse akustikaga saal. «Nüüd saab see veelgi parem olema,» usub Järvi. Saal on Järvi hinnangul mitte ainult orkestri kodu, vaid instrument, mis annab oma hindamatu panuse muusikasse.

Pressituuril renoveeritavasse majja, tellingute ja kaitsekiledega kaetud saalis teatas Paavo Järvi naljatledes rahvusvahelisele ajakirjanike seltskonnale, et aastal 2021 kuulevad nad teist korda «Kullervot» – see Sibeliuse teos tekitas oma ootamatuses Paavo Järvi ametisse pühitsemise kontserdil kõige rohkem vastakaid arvamusi.

Paavo Järvi möönab, et avakontserdile valitud heliteosed on ootamatud ning Zürichi publiku jaoks võib-olla isegi raskepärased ja sünged. «Jah, aga ma tahtsingi nii, las harjuvad,» ütleb Järvi. «Kõik arvasid, et teen Mahlerit või Beethovenit, midagi populaarset. Aga miks teha nii nagu teised? Tahtsingi näidata, et toimumas on muutus, et kõik ei lähe vanaviisi edasi, et ei kuule ainult seda muusikat, mida eluaeg on juba kuuldud. Küll tulevad ka Tšaikovski, Beethoven ja kõik teised. Balti- ja Põhjamaade muusikat siin väga sageli ei mängita ja minu missioon on seda tutvustada. Kuigi keegi ei uskunud, et ma sellise kava teen, jäädi jubedalt rahule, see meeldis neile!» selgitab Järvi.

Paavo Järvi muljet kinnitavad ka kontserdijärgsed vestlused, kus kuulis ainult ülistavaid hinnanguid vastsele peadirigendile ja kontserdil osalenud Eesti Rahvusmeeskoorile. Avakontserdi vastuvõtuga jäi ka Järvi ise rahule, orkester kõlas tema hinnangul imeliselt ning kõik läks nii, nagu ta oli soovinud.

«Kogu kamp oli koos,» lisab Järvi, pidades silmas, et tähtsal õhtul istus saalis ka tema perekond: teiste seas isa maestro Neeme Järvi ja ema Liilia, õde Maarika, aga ka helilooja Arvo Pärt.


Esimese teosena kõlas Paavo Järvi juhatamisel Arvo Pärdi «Kui Bach oleks mesilasi pidanud…» uusversioon, fotol on helilooja tänamas orkestrit ja publikut. FOTO: Gaetan Bally FOTO: Gaetan Bally

Ikka Eesti eest

Oma esimesel hooajal Tonhalle sümfooniaorkestri peadirigendina soovib Järvi keskenduda Põhjamaade heliloojate loomingu tutvustamisele. Alanud hooajal on Tonhalle orkestri juures resideeriv helilooja Erkki-Sven Tüür, mis tähendab, et tema heliteosed on Zürichis fookuses. Esimene kontsert Tüüri loominguga kõlab juba 21. oktoobril.

Avakavast rääkides nendib Järvi, et esimene kontsert ei saanudki olla enam rohkem Eestile pühendatud: kohal oli Eesti Rahvusmeeskoor (isegi rikkale orkestrile on meeskoori lennutamine-majutamine paras väljakutse, eriti veel kallis linnas, nagu seda on Zürich, ja sellist luksust sai Järvi sõnul lubada vaid erilise sündmuse puhul) ja kavas oli Arvo Pärdi heliteose uusversioon.


Jean Sibeliuse viieosalise sümfoonilise poeemi orkestrile meeskoori ja solistidega, eepose «Kalevala» ainel loodud «Kullervo» op. 7 kandsid ette koos Tonhalle orkestriga Eesti Rahvusmeeskoor ja Zürichi Sing-Akademie' meesrühm ning Soome solistid Johanna ja Ville Rusanen. FOTO: Gaetan Bally



Paavo Järvit ja Arvo Pärti seob juba aastatepikkune inspireeriv koostöö. «Paavo Järvi ei ole mitte ainult minu kaasmaalane, vaid ka muusik, keda ma väga kõrgelt hindan ja kelle muusikalist tunnetust ma usaldan. Võin täie kindlusega oma viimase töö tema kätesse anda ja ootan rõõmuga meie koostööd Zürichis,» ütles Arvo Pärt enne kontserti saadetud teates.

3. oktoobri kontserdil Zürichis oli kohal ka Arvo Pärt, kes jäi orkestri ja Paavo Järvi tööga väga rahule. Tonhalle orkestri esituses kõlas teose «Kui Bach oleks mesilasi pidanud …» uusversioon. Tegemist on 1976. aastal valminud teosega, mida helilooja on hilisematel aastatel korduvalt ümber töötanud.

Algselt klavessiinile, instrumentaalansamblile ja lindile loodud originaalversioonist tegi Arvo Pärt juba 1984. aastal uue seade klaverile, puhkpillikvintetile, keelpilliorkestrile ja löökpillidele. Nüüd, 35 aastat hiljem pöördus ta sama materjali juurde tagasi ning töötas 2019. aasta kevadel kogu partituuri veel kord läbi.

«Soovisin muuta teost senisest kompaktsemaks ja haaratavamaks ning tuua muusikalist struktuuri veelgi selgemalt esile. Selleks oli vaja läbi viia n-ö partituuri salenduskuur,» on selgitanud Arvo Pärt. «Kuna tegemist on väga range süsteemiga, mis põhineb arvul neli ja nootidel B-A-C-H, siis ei olnud seda võimalik teha ainult kustutuskummi ja kääridega,» lisab ta, «vaid pidin teoses läbivalt tegema uued arvutused ning muutma pisut ka muusikas peituvat valemit.»

Ka rahvusmeeskoori ja Paavo Järvit seob pikk koostöö. 2004. aastal võitis rahvusmeeskoor koorimuusika kategoorias Eesti esimese Grammy – auhinna tõi Sibeliuse kantaatide salvestus Paavo Järvi juhatamisel.

Sibeliuse «Kullervo-sümfooniat» esitas Eesti Rahvusmeeskoor Paavo Järvi dirigeerimisel esimest korda 1997. aastal Rootsis Stockholmis ja sellest koostööst valmis toona CD. Zürichi kontsertidel on «Kullervo-sümfoonia» solistid õde-venda Johanna Rusanen ja Ville Rusanen, kellega koos on seda teost esitatud nii Eestis, Soomes kui ka Jaapanis.

«Suvel on Pärnus festival, tema ja tema on minu õpilased, te peate kindlasti tulema Eestisse, see on suurepärane koht, Pärnu festival on fantastiline.» Need lausekatked noppisin Paavo Järvi jutuajamistest kriitikute ja muusikaajakirjanikega. Ta ei jätnud kordagi mainimata Eestit. «Eesti asja propageerimine ei saagi kunagi lõppeda,» ütleb Järvi veendunult.

Aga mitte ainult Paavo Järvi ei algatanud Eesti reklaami kampaaniat, seda tegi ka orkester. Tonhalle kodulehelt võib näiteks leida videoõpetusi, kuidas tuleb öelda «head aega» või hääldada sõna «jäääär». Loomulikult ei puudunud sealt Eestit ja Paavo Järvit tutvustavad tekstid. Selline peadirigendi koduriigi promomine pole sugugi tavaline, pigem erakordne, ja seegi näitab, kui oluline on Zürichile koostöö Paavo Järviga. «Ja Eesti on neile eksootika,» teab Paavo Järvi. Aga mitte enam kauaks, vähemalt Zürichis.


https://leht.postimees.ee/6797057/alanud-on-paavo-jarvi-ajastu

Friday, October 04, 2019

Ganz nah an einem Unnahbaren - Begegnung mit Arvo Pärt

tagblatt.ch
Anna Kardos
4.10.2019

Der Kultkomponist probte mit dem Tonhalle-Orchester das Antrittskonzert von Chefdirigent Paavo Järvi. CH Media war dabei.


Arvo Pärt (links) und Paavo Järvi (rechts) bei der Probe am 1. Oktober in der Tonhalle Maag. Bild: Colin Frei

Die kleinste Regung, und schon ist sie da. Die schützende Hand im Rücken. Sie gehört Chefdirigent Paavo Järvi (56), der Rücken dem Kultkomponisten Arvo Pärt (84). Es ist eine Geste voller Menschlichkeit und beinahe das erste, was ich bei der Probe in Zürich zu sehen bekomme. Dieselbe Hand wird einen Tag später jene wuchtigen Klangmassen bändigen, welche Sibelius in seiner Chorsinfonie «Kullervo» aufgetürmt hat. Glanzvoll, gross, aber stets voller Eleganz.


Das Konzert ist die Saisoneröffnung des Tonhalle-Orchesters Zürich. Eine besondere Eröffnung, schliesslich läutet sie die Zusammenarbeit mit dem neuen Chefdirigenten ein. «Der elfte in der 151-jährigen Geschichte des Orchesters», verkündet Intendantin Ilona Schmiel am Eröffnungsabend sichtlich stolz.

Hände, fest wie Stahl aber verpackt in Samt

Viel hat man gehört über diese Hand von Paavo Järvi. Muskelbepackt sei sie, sogar fest wie Stahl, aber stets umhüllt von einem Samthandschuh. «Ich weiss bis heute nicht, was die Kritiker damit meinen», erklärt der estnische Dirigent gegenüber dieser Zeitung bei seinem jüngst vergangenen Gastspiel in Zürich.

Nun wird man Gelegenheit haben es herauszufinden. Viel Gelegenheit: Järvis Vertrag läuft ab 2019/20 für fünf Jahre. Und der 56-Jährige will in Zürich präsent sein: Hörbar, sichtbar und spürbar – gerade auch, weil man letzteres bei seinem Vorgänger Lionel Bringuier vermisste.

Dass er im Rahmen der Saisoneröffnung eigenhändig durch das in Renovation befindliche Tonhallegebäude führt, ist diesem Willen zur Spürbarkeit zuzuschreiben. Ungleich schöner ist es, Paavo Järvi und Komponist Arvo Pärt beim gemeinsamen Proben zuschauen zu dürfen.

Und an diesem Dienstagvormittag, einem Tag vor der Eröffnung, scheint sich die Tonhalle Maag unversehens in eine estnische Insel verwandelt zu haben (das Land im Baltikum zählt real über 2000 davon). Leise und in sanftem Stakkato wird nämlich in der Landessprache diskutiert.


Neben Dirigent Paavo Järvi sitzt Arvo Pärt auf einem Orchesterstuhl. Aber lange hält es den 84-Jährigen da nicht. Schon steht der hochgewachsene Mann erstaunlich behende auf: «Vielleicht ist das zu laut», sagt er leise.

«Vielleicht» ist ein Wort, das Arvo Pärt oft verwendet

«Vielleicht» ist ein Wort, dass Arvo Pärt ohnehin oft verwendet. Etwa, wenn er um mehr Form in der Musik bittet. «Sie entwickelt sich und sie verschwindet», erklärt er den Instrumentalisten des Tonhalle-Orchesters Zürich und beantwortet damit gleichzeitig eine meiner lang gehegten Interview-Fragen an ihn: Wie man seine Musik spielen soll, die sich aus vielen kleinen Mustern zusammensetzt.

Kontemplativ wie ein Naturphänomen oder mit Willen zu Form und Richtung? Im soeben zu probenden Werk «Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte...» ist es eindeutig letzteres.

Interviews gibt der medienscheue Komponist so gut wie nie. Als ich ihm spontan beim Verstauen der Noten in die volle Aktentasche helfe und dabei frage, wie schwierig es für das Orchester sei, seine transparente Musik zu spielen, holt Arvo Pärt tief Luft und antwortet: «Nu ja». Ich hake nach: Dass eine einzelne Bratsche hinten im Orchester das Stück solistisch beginne, sei geradezu gewagt. Ich schaue erwartungsvoll, Pärt überaus freundlich. Schliesslich meint er nur: «Nu ja».

Was eine Journalistin enttäuscht, gilt in Estland offenbar als Antwort auf alle Fragen des Lebens, wie ich von Einheimischen erfahre. «Nu ja» ist also wie Theodor Fontanes «Das ist ein zu weites Feld» – bloss mit noch weniger Worten. Das passt zur Musik von Pärt, die sich ebenfalls auf wenige Töne beschränkt.


Doch in seinem eigens für Zürich neu bearbeiteten und an der Saisoneröffnung uraufgeführten Werk summt und flirrt es. Die erste Hälfte ist ungewohnt voll von Spannung, Vorhalten und Chromatik – wohl auch wegen der vier chromatischen Tönen B-A-C-H, die das Stück strukturieren.



Das Tonhalle-Orchester lässt es sich nicht nehmen, zu sirren und ja, auch zu schwelgen. Denn: Man könnte das Werk unter leisen Kitsch-Verdacht stellen, wenn Arvo Pärt selbst nicht komplett unkitschig wäre.

Musik mit Kitschverdacht?

Aber möglicherweise hat Kitsch im hohen Norden eine andere Bedeutung. Schliesslich spart auch Sibelius in seiner Orchester-Saga «Kullervo» nicht an Pathos, wenngleich dieses von ganz anderem Kaliber ist.

Und der neue Chefdirigent Paavo Järvi? Er lässt die Schwere der Musik zu, bringt sie zum Glänzen – beinahe in der Art amerikanischer Orchester – und unterstützt von der souveränen Sopranistin Johanna Rusanen und Ville Rusanen als Kullervo. Vor allem aber hält er die Kräfte und Klangmassen in schönstem Gleichgewicht. Da ist nichts Willkür, nichts forciert, nichts dressiert.

Viel war über die vermeintlich eisern-samtbepackte Hand Järvis zu lesen. An diesem Abend gelingt es ihr tatsächlich, die Schwere der Musik zu modellieren, als handle es sich dabei um etwas Feines und Leichtes. Und als zum Schluss, beim begeisterten Applaus, eine Zuhörerin mit einer Schachtel Schweizer Pralinen an den Bühnenrand tritt – da wandert diese Hand wie unwillkürlich zu Paavo Järvis Herzen.

https://www.tagblatt.ch/kultur/ein-augenblick-mit-arvo-paert-ld.1157286

Die «Wiedergeburt» der alten Tonhalle

tagesanzeiger.ch
Martin Huber
4.10.2019

Die Restaurierung der Tonhalle am See ist bereits weit fortgeschritten. Der neue Chefdirigent Paavo Järvi zeigt sich auf einem Baustellenbesuch begeistert.


Er setzt grosse Hoffnungen in den sanierten Konzertsaal: Tonhalle-Chefdirigent Paavo Järvi auf der neuen Terrasse vor der Tonhalle am See. Bild: Sabina Bobst


«This is cool!» So reagierte Paavo Järvi gestern Nachmittag beim Betreten des Zürcher Tonhallesaals, der derzeit saniert wird. Der neue Tonhalle-Chefdirigent war bei einer Baustellenbesichtigung mit Medienvertretern beeindruckt vom historischen Konzertsaal mit Baujahr 1895. Obwohl noch im Umbau, höre man schon jetzt dessen einmalige Akustik, sagte Järvi. Für ihn ist die Tonhalle nichts weniger als ein «Ort der europäischen Kulturgeschichte».

Fotografieren noch nicht erwünscht


Noch stehen im imposanten Saal allerdings die Baugerüste. Die Kronleuchter an der Decke sind mit Plastikplanen abgedeckt, ebenso wie die Brüstungen mit ihren üppigen Goldverzierungen. Die Bühne fehlt ebenso wie die neue Orgel, und auch der Parkettboden wird noch erneuert. Immerhin: Die Restaurierungsarbeiten an Decken und Wänden sind inzwischen weit fortgeschritten, wie Elisabeth Boesch vom verantwortlichen Architektenteam sagte. Deckengemälde, Stuckmarmor, Dekorationsmaterial und die zahlreichen Vergoldungen wurden allesamt sorgfältig gereinigt und neu gefasst. 
 

«Die Decke mit ihren Gemälden sieht aus wie in einem Palazzo in Venedig im 16. Jahrhundert», sagte die Architektin. Ziel sei es, die ursprüngliche Atmosphäre des Saals wieder aufleben zu lassen. Er solle zu einem «wirklich schönen Rahmen für die Musik werden». Allerdings: Fotografiert werden durfte der Saal gestern noch nicht. Die Bauherrschaft habe entschieden, in dieser Phase der Sanierung keine Bilder des grossen Saals zu zeigen, um künftigen Besuchern «einen Überraschungseffekt zu ermöglichen», wie es bei der Tonhalle-Gesellschaft hiess.

«Orchester erhält Heimat zurück»

Für Dirigent Järvi wird mit der Sanierung der Tonhalle ein Traum wahr, wie er sagte: «Ein grosses Orchester erhält seine Heimat zurück.» Der Tonhallesaal sei unglaublich wichtig für den Klang, der Raum selbst sei «wie ein Instrument». Er freue sich sehr, bei einem solchen «Moment einer Wiedergeburt» dabei zu sein. «So etwas erlebt man nicht oft als Dirigent», sagte er.

Begonnen haben die Bauarbeiten im Gebäudekomplex Tonhalle/Kongresshaus am See im Juli 2017. Die Instandsetzung soll laut dem Stadtrat «die ursprüngliche Qualität des Ensembles wieder sicht- und erlebbar machen» sowie die gesamte Infrastruktur verbessern. Das architekturgeschichtlich bedeutende Haus soll wieder «zu einer der ersten Adressen Zürichs» für Veranstaltungen werden. Laut aktuellem Fahrplan ist der Umbau allerdings erst im März 2021 abgeschlossen – ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant.

Kritik an Mehrkosten

Das Grossprojekt verläuft nicht ohne Nebengeräusche. So musste das Zürcher Stadtparlament am Mittwochabend einen vom Stadtrat beantragten Zusatzkredit von 13 Millionen für die Sanierung von Kongresshaus und Tonhalle bewilligen. Die von den Stimmberechtigten 2016 genehmigten 165 Millionen Franken reichen nicht aus. Die Mehrkosten stiessen auf harsche Kritik. Bürgerliche Politiker sprachen von Planungsfehlern und Missmanagement, die Stadtregierung musste Fehler einräumen. 3,7 Millionen des Zusatzkredits gehen an die Tonhalle als Entschädigung für die Mehrkosten, die ihr wegen der verspäteten Eröffnung entstehen. Die Tonhalle gastiert in der Zwischenzeit in der Maag-Halle in Zürich-West.

Chefdirigent Paavo Järvi nimmt die Verspätung gelassen. «Das ist kein Problem.» Er habe noch kein Bauprojekt dieser Grössenordnung gesehen, bei dem es nicht ebenfalls zu Verzögerungen gekommen sei. «Später interessiert das niemanden mehr.» Wichtig sei, dass der Umbau gut wird, «und die Tonhalle wird gut», ist Järvi überzeugt.

Terrasse lässt hoffen

Vielversprechend präsentierte sich bei der gestrigen Baustellenführung nicht nur die neue, alte Tonhalle, sondern auch das Konzertfoyer beim Eingang zum Saal und die davor liegende grosszügige Terrasse. Dort soll es ein frei zugängliches Restaurant geben. «Ein öffentlicher Ort mit Blick auf den See und die Alpen», sagte Architektin Elisabeth Boesch.

https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/erste-einblicke-in-die-sanierte-tonhalle/story/30364371

Er mag es direkt

landbote.ch
Susanne Kübler
2.10.2019

Heute startet Paavo Järvi als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters: mit Humor, Lust auf viel Arbeit und einem Werk, das hier noch nie gespielt worden ist.


Paavo Järvi, was lernen Sie von Ihren beiden Töchtern? «Wieder Kind zu sein und ein bisschen weniger diplomatisch. Teenagertöchter sagen sehr direkt, was sie denken, und manchmal braucht man das.» Welchen Rat hätten Sie als estnisch-amerikanischer Doppelbürger für Donald Trump? «Zurücktreten. So schnell wie möglich.» Können Sie tanzen? «Nicht so gut, wie ich möchte. Und wenn ich etwas nicht sehr gut kann, bin ich immer ein bisschen befangen. Deshalb schaue ich lieber zu.»

Die Antworten kommen schnell bei diesem Gespräch im Foyer der Tonhalle Maag, dabei ist Paavo Järvi eigentlich müde. Dieser Jetlag! Eben erst ist er aus Tokio zurückgekommen, auch dort ist er Chefdirigent, beim NHK Symphony Orchestra. Und nun hat er den ganzen Tag geprobt mit dem Tonhalle-Orchester Zürich.

Das allerdings hat ihn nicht müde gemacht, sondern glücklich. Schon zu Beginn, da haben die Musikerinnen, Musiker und das Management-Team «Luegid vo Bärg und Tal» gesungen für ihn, «mit Alphorn, ich war gerührt». Und dann hätten sie wirklich gut geprobt, «kein Zögern, straight on, direkt auf die Musik los – so mag ich das».

Hohe Erwartungen

Auch die Zürcher mögen ihn, seit er 2017 als neuer Tonhalle-Chefdirigent vorgestellt wurde. Seine Wahl bedeutete eine Erlösung nach dem missglückten Intermezzo mit Lionel Bringuier, denn Järvi hat alles, was man sich wünschen kann von einem Chef: viel Erfahrung, einen exzellenten Ruf, originelle Programmideen; dazu einen ausgeprägten Sinn für Humor und eine Grundsympathie, die einen sofort für ihn einnimmt.

Die Erwartungen an ihn sind entsprechend hoch, und sie sind noch gestiegen nach den ersten, kurzfristig ins Programm gequetschten Konzerten, in denen er die Tonhalle-Musiker wie auch das Publikum elektrisiert hat. Luzid und warm klangen die Werke von Olivier Messiaen, die nun pünktlich zu seinem Amtsantritt auf CD erscheinen. Und Beethovens Sinfonie Nr. 1 hat einen fast vom Stuhl gefegt.

Beim offiziellen Eröffnungskonzert gibts nun aber keinen Beethoven, kein «Freude schöner Götterfunken», auch sonst nichts, was Dirigenten gern aus der Schublade ziehen, wenn sie irgendwo ein neues Amt antreten. Järvi hat sich für «Kullervo» entschieden, für ein episches, chorsinfonisches Werk also, das noch nie in einem Tonhalle-Programm aufgetaucht ist. Seltsam findet er das, «es ist ja immerhin von Sibelius!».

Aber ihm ist es recht so, eine Entdeckung passt bestens für einen festlichen Neustart, und es macht gar nichts, dass in der «Kullervo»-Legende am Ende alle tot sind. In der Kunst gehe es nun mal nicht nur um «Feel-Good-Momente», sagt Järvi, «in der Oper wird ja auch dauernd gestorben, und niemand stört sich daran». Entscheidend sei, ob die Musik gut sei, ob die richtigen Interpreten zur Verfügung stünden, ob die Programmwahl die erwünschten Signale aussende. In diesem Sinn ist «Kullervo» tatsächlich ein perfekter Start: Järvi will mit den Zürchern auch in Zukunft immer wieder jene «interessanten Ecken» aufsuchen, in denen sich Werke verstecken, die zu selten gespielt werden.

Start als Rockschlagzeuger


Oft befinden sich diese Ecken im Norden. Denn Järvi wurde 1962 im estnischen Tallinn geboren, als Sohn des Dirigenten Neeme Järvi. Dass auch er Dirigent werden wollte, war früh klar. Gestartet ist er dann aber als Schlagzeuger, nicht nur im Orchester, sondern auch in einer eigenen Rockband.

Er korrigiert dann nebenbei gleich den Wikipedia-Eintrag, in dem steht, dass er in Erkki-Sven Tüürs legendärer Band In Spe gespielt habe: «Tüür ging mit mir in die Schule, und sie hatten mich tatsächlich eingeladen, mitzumachen, aber genau da wanderte meine Familie in die USA aus.» Richtig ist dagegen, dass der Kontakt zu Tüür eng blieb; dieses Jahr besetzt dieser den Creative Chair in der Tonhalle Maag.

Auch sonst bringt Järvi Verbündete mit nach Zürich. Zum Eröffnungskonzert wird Arvo Pärt anreisen, der estnische Kult-Komponist, den er schon als Kind kennen gelernt hat, weil er halt zu Besuch war bei den Järvis (genau wie Dmitri Schostakowitsch und viele andere). Pärt liefert das zweite Stück des Abends mit dem schönen Titel «Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte ...». Und neben dem Podium jenen Schalk, den Järvi so mag an ihm: «Sie müssen ihm nur in die Augen schauen, da sieht man alles.»

«Unter den erwachsenen Järvis gibt es wohl niemanden, der nicht Musiker ist.»Paavo Järvi

Ist Musizieren also eine familiäre Angelegenheit? Klar, sagt Järvi. Am ausgeprägtesten gilt das bei seinem Festival im estnischen Pärnu, bei dem in den Orchestern und Ensembles jeweils rund zwanzig Järvis vertreten sind: Geschwister, Cousinen, deren Kinder, «es gibt zumindest unter den erwachsenen Järvis wohl niemanden, der nicht Musiker ist».

Auch bei den Orchestern ist ihm die familiäre Atmosphäre wichtig, und gefunden hat er sie vor allem in Bremen. Seit zwanzig Jahren leitet er die dortige Kammerphilharmonie, die sich unter seiner Leitung in Bereiche hochgespielt hat, die man ihr zuvor nicht zugetraut hätte. Und er wird weitermachen dort, genau wie in Tokio; beim Tonhalle-Orchester tritt er also seinen dritten Chefposten an.

Respekt für Greta

Damit wären wir wieder beim Jetlag, und bei der Frage, wie denn die Dirigenten-Fliegerei zusammenpasse mit Greta Thunbergs Rede, die Järvi kürzlich vertwittert hat. Ein Widerspruch, er will ihn gar nicht schönreden. Also spricht er davon, wie sehr es ihn beeindruckt, dass da ein Teenager mehr bewirke als all die mächtigen Politiker und Businessmen, «einfach, weil sie fokussiert ist, weil sie wirklich glaubt an das, was sie tut».

Er selbst stellt immerhin das Wasser ab, wenn er die Zähne putzt. Verzichtet darauf, für glamouröse Gastspiele kreuz und quer durch die Welt zu jetten, wofür er sowieso keine Zeit hätte neben den festen Verpflichtungen. Und tut ansonsten, was er kann, um jene «innere Kultur» zu vermitteln, an die er glaubt. «Wenn die Politiker heute so sind, wie sie sind, dann doch auch darum, weil sie vieles nicht mitbekommen haben», sagt er. Was da fehlt, die Empathie, die Menschlichkeit, aufeinander hören: Das könne man unter anderem in der Musik lernen.

Auch in Zürich übrigens. Dass die Zukunft der Tonhalle Maag auf der Kippe steht, findet Järvi schade: «Büros kann man überall bauen, einen solchen Konzertsaal nicht.» Ein guter Ort sei das, «mit einer guten Energie». Sonst kann er noch nicht viel sagen zur Stadt, neben dem Saal kennt er bisher nur sein Hotel. Aber das soll sich ändern, «bitte schreiben Sie das: Wenn jemand Tipps hat für gute kleine Restaurants, für schöne versteckte Orte, also für Dinge, die das Tourismusbüro nicht weiss – unbedingt melden.»

Wenn umgekehrt jemand einen Tipp braucht, wo sich in nächster Zeit das Hinhören lohnt: Dann wäre die Adresse die Tonhalle Maag.

https://www.nzz.ch/feuilleton/einstand-paavo-jaervi-beim-tonhalle-orchester-zuerich-da-lacht-die-sphinx-ld.1512356

Thursday, October 03, 2019

Wenn der Bruder mit der Schwester

tagesanzeiger.ch
Susanne Kübler
3.10.2019

Paavo Järvi ist als Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters gestartet. Fulminant. Und höchst eigenwillig.



Paavo Järvi und das Orchester konnten in der Tonhalle Maag minutenlangen Applaus entgegennehmen. Foto: Gaëtan Bally

Wie Schwerthiebe zerteilen die Akkorde den Raum, zack, zack, ausweichen zwecklos. Etwas Schlimmes ist passiert in Jean Sibelius’ «Kullervo», etwas, das sich nicht mehr gutmachen lässt. Das Mädchen, das Kullervos Gold nicht widerstehen konnte, hat sich als seine verschollene Schwester herausgestellt. Und bevor er sich selbst richten kann für diese Blutschande, tut das schon die Musik.


Ein düsteres Stück? Oh ja. Und zweifellos ein überraschendes für ein Konzert, mit dem ein neuer Chefdirigent sein Amt antritt. Aber wenn dieser Chefdirigent Paavo Järvi heisst: Dann passt das bestens.

Er hätte es sich ja leichter machen können. Einen Schlager programmieren, einen Starsolisten einfliegen lassen, die Standing Ovation abholen. Aber Järvi wollte mehr, nämlich zeigen, worum es ihm geht hier in Zürich, und warum er neben dem Titel eines Chefdirigenten auch jenen eines Music Directors trägt: Er will nicht nur dirigieren, sondern die künstlerische Ausrichtung des Orchesters prägen.



Mehr als für Glamour interessiert sich Järvi für die Arbeit mit dem Orchester.



Also importierte er statt eines Starsolisten den Estnischen Nationalen Männerchor RAM, der zusammen mit den Männern der Zürcher Singakademie die Erzählerfunktion in «Kullervo» übernahm: so klangstark und unerbittlich, dass es einen schauderte. Die Solopartien sangen Johanna und Ville Rusanen, die neben den Tönen auch den altfinnischen Text lebendig werden liessen (und tatsächlich Geschwister sind).

Und noch ein weiterer Gast war da: der estnische Komponist Arvo Pärt, der für diese Eröffnung sein 1976 komponiertes Werk «Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte…» überarbeitet hat. Dieses Sechsminutenstück wurde zum Auftakt des Abends gespielt, als witzig-skurriler Kontrapunkt zum dramatisch-archaischen «Kullervo».

Der Este Järvi brachte damit seine eigene Welt nach Zürich – und betonte gleichzeitig, dass ihn nichts mehr interessiert als die Arbeit mit dem Orchester. Denn die Tonhalle-Musikerinnen und -Musiker konnten in diesem Programm zeigen, was sie können; und auch, mit wie viel Energie und Ambitionen sie in die Zusammenarbeit mit Järvi steigen.

Bedrohliche Liebesszene

Mit Verve gestalteten sie Pärts Pointen, das Summen der Geigen, das B-A-C-H des Horns, den pseudobarocken Satz, in den das Ganze ausläuft. Bei «Kullervo» dann hätte man das Klangbild malen können, moosgrün und schweflig gelb, mit einem Stich ins Düstere schon da, wo die Welt noch in Ordnung scheint.

Eine volle halbe Stunde dauert es, bis Chor und Sänger in diesem 70-Minuten-Stück einsetzen, auch danach tritt das Orchester immer wieder in den Vordergrund: mit Naturschilderungen, mit der wohl bedrohlichsten Liebesszene der Musikliteratur, mit der klanglichen Übersetzung von inneren wie äusseren Kämpfen.

Järvi spitzte zu, justierte die Balance, lockte Orchestersolisten aus der Reserve, rundete den Gesamtklang, kurz: Er sorgte dafür, dass diese Tonhalle-Erstaufführung minutenlangen Applaus verdiente. Und kündigte damit auch schon an, was drinliegt beim nächsten Projekt, bei der Gesamtaufführung und -aufnahme der Tschaikowsky-Sinfonien. Dass er auch diese Hits nicht einfach als Hits abfeiern wird – darauf kann man sich nach diesem Auftakt verlassen.

Wiederholung des Programms heute Donnerstag und morgen Freitag, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag.