Orchestrales Sperrfeuer


Dmitri Schostakovitsch schuf sein Lebenswerk unter deprimierenden äußeren Umständen. Wie schwer die ideologischen Repressalien auf ihm lasteten, spiegelt der Kosmos seiner fünfzehn Sinfonien, die in Gesamteditionen (Kondrashin, Roshdestwenskij, Haitink, Ashkenazy, Barshai, Jansons) oder in einer stattlichen Zahl von Einzelaufnahmen vorliegen. Die Zehnte Sinfonie, entstanden zwischen der klassizistisch-ironischen Neunten und der finster eingefärbten Elften, gilt als ein unterschwellig beißend zersetzendes Werk.

Die Sinfoniker aus Cincinnati realisieren mit Paavo Järvi am Pult eine absolut authentische Lesung des voll hintergründiger Programmatik steckenden Werkes. Was oft genug glamourös in praller philharmonisches Luxusverpackung im Stil einer „East-Side-Story“ oder als modifizierter Tschaikowsky-Schocker vorüberwogt, gewinnt in der fabelhaften Wiedergabe durch das amerikanische Orchester besondere Linienschärfe und Transparenz in den stimmlichen Verläufen. Der gestalterische Ansatz meidet jegliche pauschale Oberflächenpolitur. Präzise rattert das maschinell-brutuistische Scherzo. Wie Fallbeile sausen die Akkorde nieder – eine richtige Inkarnation des wütend Diabolischen. Das vermeintlich bitterböse stalinistische Porträt (so die Aussage des Komponisten gemäß Volkov-Memoiren) reflektiert im niederwalzenden Spielimpuls grelle Eruptionen im Orchester. Da wird orchestrales Sperrfeuer in großformatig ausgeformte Zusammenhänge integriert. Die philharmonischen Solisten bringen ihre gefürchteten Soli (Hornruf im dritten Satz, feine Kommentare der Holzbläser) bravourös über die Runden. Ob Dissident oder sozialistischer Held – der Schostakowitsch-Diskurs wirkt in dieser Aufnahme aggressiver den je. Die Aufnahme zeichnet sich durch gute klangliche Balance aus, die keine Überbelichtung einzelner Instrumentengruppen zulässt.

Grüße aus seiner estnischen Heimat bestellt Paavo Järvi mit der 1959 in Tallin aus der Taufe gehobenen Ouvertüre Nr. 2 von Veljo Tormis. Der gilt als Meister großer Chorkompositionen, der nur vereinzelt sich reiner instrumentaler Musik widmete. Freilich lässt das musikalische Material seiner zweiten Ouvertüre sein farbiges Folklore-Idiom spüren. Von einem international repräsentierten Label erwartet man mehr editorische Sorgfalt als nur die Beilage eines einsprachigen windigen Booklets im Kleindruck.

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