Thursday, December 16, 2010

Junges Konzert / hr-Sinfoniekonzert mit Janine Jansen und Paavo Järvi

09./10.12.2010 | Frankfurt | Alte Oper:
»"Eine hochmusikalische Glanzleistung ..." (FAZ)«



"Chefdirigent Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester haben sich jetzt an das gewaltige Orchesterwerk "Amériques" von Edgard Varèse gewagt. ... Im wahrhaft riesigen Schlagzeugensemble des Orchesters finden sich auch Windmaschinen und - besonders häufig hervortretend - eine Sirene. Überdies hat Järvi beim "Freitagskonzert" in der Alten Oper die Kontraste und Akzentuierungen noch zugespitzt bis zu spektakulär anmutenden akustischen Grenzen. ... Eine hochmusikalische Glanzleistung war an diesem Abend der halbstündige Auftritt der niederländischen Geigerin Janine Jansen, die derzeit als 'Artist in Residence' beim hr-Sinfonieorchester ist. Äußerst konzentriert, doch mitreißend lebendig und klangvoll gestaltete sie Leonard Bernsteins fünf Sätze umfassende Serenade. ... Es bietet ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten, die von der Solistin auch genutzt und von Paavo Järvi liebevoll unterstützt wurden.

Harald Budweg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2010


Das Schwierigste zum Schluss: Edgard Varèses beunruhigtes, wie von innen her überquellendes Orchesterstück "Amériques" (1920) war das zweitälteste Stück beim HR-Sinfonieorchester in der Alten Oper Frankfurt in einem Konzertprogramm, das die USA thematisch umkreiste - und das bei weitem komplexeste. … Bernsteins fünfsätzige "Serenade" (1954) ist die durchaus nicht revolutionäre Version eines romantischen Violinkonzerts, von beträchtlicher Sentimentalität und binnendifferenzierter Prägnanz. Solistin Janine Jansen (zurzeit Artist in Residence beim HR-Orchester) machte das Stück zum Höhepunkt des Abends mit ihrem feinen, singenden Ton, ihrer sensiblen Farbigkeit, ihrer zurückhaltenden Dynamik. Sie dosierte den in der Musik enthaltenen Überschwang präzise und knapp und ließ sich keinen Augenblick davon treiben, sondern wandte sich eher nach innen und ließ sich im Jugendkonzert auch von den begeisterten Beifallsbekundungen nach fast jedem Satz nicht aus dem Intensitäts-Konzept bringen.

Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau, 11.12.2010


Janine Jansen, "Artist in Residence" beim HR, hatte sich Bernsteins "Serenade" für Orchester und Violine ausgesucht, ein zugleich wirkungsvolles und technisch anspruchsvolles Stück, das Platons "Gastmahl" zum Vorbild hat. Besonders die lebhaften Abschnitte "Phaedros" und "Sokrates-Alkibiades" brachten ein ausgewogenes Zusammenspiel des von Paavo Järvi akzentreich geleiteten Orchesters und der niederländischen Geigerin zur Geltung. Die Wiedergabe des Werks (1954) bestach durch die präzise Ausleuchtung seiner klanglichen Nuancen, wobei immer wieder ein sehr präsenter und kraftvoller Geigenton Jansens zu bestaunen war.
Begonnen hatte der einzig der amerikanischen Musik gewidmete Abend ("Junge Konzerte") ebenfalls mit Bernstein. Dicht und temperamentvoll ließ das Orchester die drei Tanzepisoden zu "On the Town" erklingen, auf seine Streicher konnte sich Maestro Järvi wieder verlassen. Nach der Pause Charles Ives' "Unanswered Question" sowie Edgar Varèses "Amériques": Beide Werke standen in großem dynamischen Kontrast zueinander. Das in sich gekehrte Brüten Ives über die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Daseins wich der großformatigen Darstellung Varèses vom Großstadttreiben in New York, einschließlich Alarmsirenen, Pistolenschüssen, Autogehupe und Menschengewimmel. Man plünderte den Instrumentenfundus und war dieser gewaltigen dynamischen Aufnahme bestens gewachsen.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse, 11.12.2010


Aschaffenburger Stadthalle: Begeisternde musikalische Visionen aus Amerika mit dem HR-Sinfonieorchester und Geigerin Janine Jansen:
Ohne sichtbares Vorzählen stürzen sich der dynamische Dirigent Paavo Järvi und sein fantastisch aufspielendes Orchester in die drei Tänze, die Leonard (»Lenny«) Bernstein (1918 bis 1990) aus seinem ersten Musical »On the town« 1945 zusammengestellt hat. Das Sinfonieorchester wird zur Big-Band, die tänzerische, vor rhythmischem Elan überschwappende Musik reißt mit, und an der wortlosen, aber sichtbar heiteren Kommunikation zwischen dem ersten Bratschisten und dem Cellisten sieht man, welchen Spaß die Musiker dabei haben. ... Blut- und glutvoll präsentiert sich Bernsteins »ernsthafteres« Werk, die 1954 entstandene »Serenade«, die eigentlich ein Violinkonzert ist, das in der holländischen Geigerin Janine Jansen eine phänomenale Interpretin gefunden hat. Mit jeder Faser ihres Körpers geht sie mit der Musik mit. Wenn sie nicht spielt, lauscht sie aufmerksam, die musikalischen Energieströme kriechen förmlich in sie hinein und lassen sie beben; wenn sie spielt, ist sie geballte musikalische Präsenz.
... Als gewaltiges Klangexperiment, als Erkundung des gesamten Klanguniversums entpuppt sich »Amériques« des in Frankreich geborenen Wahlamerikaners Edgar Varèse (1883 bis 1965). ... Dieser musikalischen Welt eignet etwas Gewalttätiges. In jedem Zuhörer wird ein anderer innerer Film ablaufen: die Stadt als alles verschlingender Moloch oder das Bild einer unkontrollierbar gewordenen Maschine, die auf einen Abgrund zugeht. Und doch ist da einer, der standhält: Paavo Järvi, der Dirigent, der große Organisator des Ganzen, der mit stoisch ruhigen Armbewegungen Takt und Einsatz vorgibt. Das Werk ist eine Herausforderung an Musiker und Zuhörer: Wenn Musik existenziell ist, so darf sie schon auch mal weh tun.

Werner Ziegler, Main-Echo, 13.12.2010

http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=37844&key=standard_document_40344501

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