Monday, December 23, 2013

Anrührend: Paavo Järvi am Pult, Viktoria Mullova an der Violine

Hamburger abendblatt.de
21.12.2013

Hamburg. Krise? Welche Krise? Wer am Donnerstagabend das Publikum im randvollen Saal der großen Laeiszhalle jubeln und feiern erlebt hat wie bei einem Rockkonzert, dem könnten das mantraartige Reden über Publikumsschwund und Nachwuchssorgen bei klassischen Konzerten glatt überflüssig vorkommen. Ebenso wie all die Symposien und Forschungszweige zu dem schönen Feld der Musikvermittlung. Die Deutsche Kammerphilharmonie, derzeit Residenzorchester bei den Elbphilharmonie Konzerten, kam, spielte und siegte auf ganzer Linie.
Das leicht militärisch angehauchte Bild passt in diesem Fall zum Programm. Denn das drehte sich, ohne dass sich das in den Werktiteln niedergeschlagen hätte, um persönliche und kollektive Kämpfe, um politisch motivierte Tragödien. Dass der stürmische Beginn von Beethovens "Fidelio"-Ouvertüre etwas wackelte und die Hörner ihren ersten leisen, hohen Einsatz verkicksten, war vor lauter Spannung spätestens ab Takt sieben vergessen. Paavo Järvi formte das kurze Stück zu einem einzigen Fanal; die ganze Oper schien Platz zu haben in den scharfkantigen Phrasen, den jähen dramatischen Wendungen und den unvermutet wie Waldlichtungen aufscheinenden lyrischen Passagen.
Die erschütternde Antwort auf Beethovens kristallines E-Dur gab Viktoria Mullova als Solistin des ersten Violinkonzerts von Schostakowitsch. Mullovas herber Zugriff war wie geschaffen für das Werk ihres Landsmanns, in dem dieser die seelischen Erfahrungen politischer Repression verarbeitet hatte. Mullova kehrte das Sprachliche, das Strenge an der Musik heraus. So mühelos sie den rhythmisch komplexen, haarsträubend virtuosen Part auch beherrschte, Lockerheit wäre um des Ausdrucks willen fehl am Platz gewesen. Gerade bei dieser sonst zurückhaltenden Geigerin wirkte die Wärme ihres Tons um so anrührender. Fast war es dem Hörer, als belauschte er ein Gespräch, so haarfein, geradezu intim, reagierten Orchester und Solistin aufeinander.
In Beethovens Siebter nach der Pause entwickelten die Steigerungen eine solche Kraft, als würden sie das Publikum aufsaugen und auf Sturmes Schwingen davontragen. Berückende Tanzrhythmen und todesfahle Klangflächen wechselten jäh ab. Verblüffend die expressionistischen Farben der Bläser, verblüffend auch, wie eine pieksaubere Intonation die Obertöne des doch eher klein besetzten Streicherapparats befeuerte und den Klang zur Kathedrale anwachsen ließ. Den zweiten Satz, einen Trauermarsch, nahm Järvi im vorgeschriebenen Allegretto-Tempo, gänzlich unsentimental und gerade darum so ergreifend.
Es bleibt ein Rätsel, wie dieses Ensemble mit diesem Dirigenten es fertigbringt, immer wieder so zu spielen, als hinge davon das ganze Leben ab, und seine Hörer unfehlbar auf die Stuhlkante zu fesseln. Womöglich ist diese Energie das Geheimnis seines weltweiten Erfolgs. Solange wir Musiker mit einem solchen Berufsethos haben, braucht uns um die Zukunft der klassischen Musik jedenfalls nicht bange zu sein.

http://mobil.abendblatt.de/kultur-live/article123190978/Von-der-Kammerphilharmonie-lernen-heisst-siegen-lernen.html

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