Thursday, June 06, 2019

EFO Shostakovich

Gewandhaus-MagazinMartin Hoffmeisters
06.2019

Schostakowitsch aus Pärnu Begegnungen zwischen Komponist und Interpret zeitigen in der Regel entscheidende Impulse auf beiden Seiten. Insbesondere Dmitri Schostakowitsch wusste bei Gesprächspartnern und Freunden durch Persönlichkeit und Intellekt bleibenden Eindruck zu hinterlassen, nicht zuletzt mit wertvollen Hinweisen zur Deutung seiner Werke. Der estnische Dirigent Paavo Järvi lernte als Zehnjähriger den russischen Komponisten zwei Jahre vor dessen Tod über seinen Vater, den Dirigenten Neeme Järvi, in Pärnu kennen. Das Treffen, so bemerkte der renommierte Maestro mehrfach, stehe für eine der bedeutsamsten initialen Erfahrungen seines Lebens. Als Hommage an diesen Umstand muss die Einspielung von Schostakowitschs 6. Sinfonie mit dem von Järvi 2011 formierten Estonian Festival Orchestra gelten. Das Ensemble aus den profiliertesten Nachwuchsmusikern Estlands und führenden Kollegen aus europäischen Spitzenorchestern trifft sich alljährlich für eine Woche im Sommer, um als Residenzorchester das Pärnu Music Festival zu unterstützen. Im vergangenen Jahr ging man außerdem erstmals auf Tournee durch europäische Metropolen und nahm vorliegende Debüt-CD auf. Schostakowitschs von persönlichen Schicksalen, politischer Repression und wechselnden Zeitläuften geprägtes Werk vereint wie kein zweites konträre Stil- und Stimmungstableaus, oszilliert zwischen romantisch-poetischer Einlassung, ironischer respektive zynischer Sentenz, irrwitziger Klangver dichtung und greller Attacke. Järvis Annäherung an Schostakowitschs 6. Sinfonie fokussiert auf Kontraste und zeichnet die heterogenen atmosphärischen Linien nach. Dabei liegt das Augenmerk nicht auf klanglicher Versöhnung zugunsten übergeordneter Konsistenz, eher auf Akzentuierung des Schroffen und grundlegender Zerrissenheit. Järvi lässt unmittelbar und ungeschönt die existenziellen Aspekte der Partitur aufscheinen. Auf kontinuierlich höchstem energetischen und spieltechnischen Level folgt ihm das Ensemble so skrupulös wie emphatisch bei der Ausfaltung des vielgestaltigen Nuancenkosmos. Exemplarisch!

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