Friday, July 19, 2019

Pärnu und Pizza: das Familienfestival der Järvis in der estnischen Sommerhauptstadt geht in die 9. Runde

klassiker.welt.de
Manuel Brug
19.07.2019



Der Himmel ist blau, die Lärchen und Birken schimmern auf der schnurgeraden Straße im Vorbeifahren so grün wie die Wiesen. Man meint, die Ostsee schon zu riechen. Ideales Pärnu-Wetter also. Dabei hat es gestern noch heftig geregnet. Aber jetzt, wo das 9. Pärnu Music Festival in die Wochenendhöhepunktkurve einer intensiven Konzertwoche geht, ist nicht nur das Wetter ideal für Strand, Musik und mehr. Später wird das, nach getaner Programmarbeit, selbst der Beschäftigtsein als Dauerzustand begreifende Pavo Järvi sagen: „Das ist die schönste, aber auch intensivste Zeit meines Jahres. Familie, Freunde und viel Musik, so wie ich sie programmieren möchte. Meist schlafe ich hier nur drei Stunden, wenn überhaupt, aber es schmeckt sich wunderbar an.“ Und auch den wieder zahlreich erschienen Besuchern schmeckt es offenbar wunderbar, nicht nur der im Foyer der Pärnu Konserdimaja ausgeschenkte estnische Cognac und die reichlich verteilten Orangenpralinées, auch das klangliche Kulinarium. Von der kurzen Hose bis zur Fliege, dem Gesundheitsschuh bis zum Tiroler Janker, dazu lokale Tracht und sehr viel Mustermix, das Publikum ist so bunt wie altersmäßig divers. Und total entspannt. Man kommt schließlich mehrheitlich vom Sonnenbaden und Wasserpantschen, sei es im Meer oder in einem der vielen Spas. Und am Ende wird gejohlt und gibt es Standing Ovations als sei das hier eines der populären lokalen Sängerfeste.

Dabei hat Paavo Järvi, wie immer stoisch schauend, aber umso temperamentvoller muszierend, für den ersten Auftritt seines Estonian Festival Orchestra ein durchaus anspruchsvolles Programm gewählt. Von seinem alten Hard Rock-Band-Weggefährten Erkki-Sven Tüür, der einmal mehr auch im Festival-Fokus steht, hat er dessen Streichorchesteradaption „L’ombra della croce“ an den Anfang gesetzt. Eines dieser neotonalen Werke, für die die estnische Musik, angefangen mit Arvo Pärt berühmt ist, obwohl Tüür früher anders konnte. Aber da hatte Paavo auch noch Haare und die Nächte waren noch kürzer.


Jetzt tönt das wohlgefällig, die Streicher können ihren vollen, ebenmäßigen Sound bestens ausstellen, das Musikleben als großer, ruhiger Fluss. Und auch der Urheber verbeugt sich brav mit silberner Krawatte und schwarzem Hemd.


Truls Mørk hingegen kommt ganz konventionell im Frack – und auch von Festival-Laissez-faire ist in seiner ernsthaften, fokussiert glühenden Interpretation von Dvořáks Cellokonzert nichts zu spüren. Wie oft er das wohl schon gespielt hat? Egal. Es klingt feingeistig, frisch, spontan, sehr musikantisch, weich, mit fast samtigem Bogenstrich. Ein Romantiker eben. Und man mag so gar nicht Dvořáks (nicht ganz ernst gemeintem) Diktum über das Cello folgen: „Ein Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt.“


Wunderbar gesanglich kommen die Themen, idiomatisch richtig angehaucht von den Melodien aus Dvořáks Böhmen. Wir hören große dramatische Steigerungen, lyrische Gänsehaut-Stellen, eine fein ausgeklügelte Instrumentation. Mørk kann alles, die virtuosen Sprünge, Läufe und intonationssicheren Doppelgriffe, dann wieder die schwelgerisch langsamen Passagen, ganz vom Gesang inspiriert, bevor sich dann das Orchester zu einer grandiosen Schluss-Steigerung aufschwingt.

Überhaupt das Estonian Festival Orchestra, Rückgrat dieser Musikwoche und längst auch international auf Tournee bewährt! Das letzte, tolle Baby des großen Erziehers Paavo Järvi. Diesen erzieherischen Zug hat er von seinem Vater Neeme geerbt, der natürlich auch mit Mama Liilia im Saal sitzt. Die nicht eben kleine Abordnung des Freundeskreis des Zürcher Tonhalle Orchesters, wo Paavo im Herbst als Chef anfängt, wird das wohlgefällig zur Kenntnis nehmen.

Jung mutet die diesjährige Orchesterformation an, doch das täuscht. Ein Blick ins Programmbuch verrät – da sitzen neben ein paar Scholaren lauter allererste Musiker aus den großen, zum Teil mit Paavo Järvi verbundenen Orchestern auf dem Podium: Neben diversen estnischen Formationen sind das die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Orchestre National de France und das hr-Sinfonieorchester, das Russische Nationalorchester und die St. Petersburger Philharmonie, die Dresdner Philharmonie, das NDR Elbphilharmonie Orchester und die Münchner Philharmoniker, das Finnische Opernorchester, das Turku Philharmonic und das Lahti Symphony Orchestra, die Königlich Schwedische Philharmonie und die Göteborger Symphoniker, das Budapest Festival Orchestra, das Royal Scottish National Orchestra und das Cleveland Orchestra.

Nach der Pause geht es weiter, das hier ist ein Familienbetrieb, mit einer umgearbeiteten Uraufführung von Paavos jüngerem Bruder, dem wilden, spielverliebten Kristjan, der seit 2015 wieder in Tallinn lebt. Doch bei dem wiederum tonal schwelgerischen, eine Choralmelodie mit Vibraphon- und Glockenunterstützung zur crescendierenden Tuttiexplosion bringenden „Korale für 80“ macht fast der Kamerakran der für Artes „48 Stunden“-Reportage mitfilmenden Teams mehr Bewegungen. Brüderliche Umarmung für den Urheber.

Dieses Orchesterauftaktkonzert endet mit einer eindrücklichen 1. Sinfonie von Carl Nielsen, einem besonderen Paavo-Järvi-Liebling. Deutlich arbeitet er heraus, wie in diesem Jugendwerk die Melodik immer wieder durch eine Dur-Tonleiter mit kleiner Septime bestimmt wird. Auch für Nielsens geliebten Wechsel zwischen Dur- und Moll-Terz hat er ein offenes Dirigentenohr, und nach dramatischen Steigerungen zieht er den Abschwung lang hin, bis zum Fast-Stillstand der Musik: befreiten Zeit im scheinbar endlosen Ausklingen, auch im Als-ob-Stillstand harmonischer Bewegungen, die gern kreisförmig ablaufen.

So geht es durch die sehr ernsthaft musikalisch auseinandergenommenen vier Sätze. Das Orchester tönt wie aus einem harmonischen Guss. Fein ausgewogen sind die Gruppen, supersynchron, aber nie mechanisch wird gespielt. Sie alle eint Spontanität und Wollen. Im zugegebenen Leroy-Anderson-Schmankerl macht sich das rhythmisch pfeffrig Luft.

Und hinterher wird gefeiert, auch so ein Pärnu-Charakteristikum. In einem der wie Pilze hier aus dem Zentrumsboden schießenden Einkaufsmalls sponsert der Besitzer des Shoppinghauses und des italienischen Restaurants auf dem Dach die Party. Diesmal also Pärnu mit Pizza. Mit viel Käse, köstlich und heiß.

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