Sunday, December 11, 2005

CONCERT REVIEW: In Frankfurt schon jetzt angekommen: Paavo Järvi, designierter Chef des hr-Sinfonieorchesters, in der Alten Oper

Many thanks to our friend Friederike Westerhaus from Radio Bremen for alerting paavoproject about this review of Paavo's Frankfurt concert as published in the Frankfurter Allgemeine Zeitung!
11. Dezember 2005

Jenes "Thema regium", das Johann Sebastian Bach 1747 zu einem so geist- und kunstvollen Werk wie dem "Musikalischen Opfer" veranlaßte, hat knapp 200 Jahre später auch Anton Webern inspiriert. Der Schönberg-Schüler, der die Gesetzmäßigkeiten der Dodekaphonie am konsequentesten für sein Werk nutzbar gemacht hat, interessierte sich im Zusammenhang mit Bachs chromatischem königlichen Thema vor allem für die Intervallbeziehungen und die damit verbundene Gewichtung des Einzeltons. Seine Orchesterbearbeitung des Ricercar a 6 aus dem "Musikalischen Opfer" ist deswegen auch eine allem möglichen Beiwerk entkleidete Konstruktion aus Einzeltönen bei ständig wechselnder Instrumentation. Für die Musiker ist das vordergründig sperrig wirkende Achtminutenstück eine heikle Herausforderung, weil eine völlige Gleichmäßigkeit der Tonfortschreitungen gefordert wird, keinesfalls jedoch eine von bequemer Spielbarkeit oder Intonationsgewohnheit abhängige Hierarchie der Töne.

Mit dieser für manche Musikfreunde eher fremd anmutenden Musik stellte sich der aus Estland gebürtige Dirigent Paavo Järvi als designierter Chef des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper vor. Järvi entstammt einer Musikerfamilie mit langer Tradition. Sein Vater Neemi Järvi gehört zu den seit Jahrzehnten weltweit angefragten Künstlern, und auch Paavos Karriere führt längst auf sämtliche Kontinente. Sein Frankfurter Amt wird Järvi, der bis mindestens 2009 auch Chef des Cincinnati Symphony Orchestra ist, im September nächsten Jahres antreten.

Weberns klingendes Bach-Kleinod gestaltete Järvi zu Beginn des hr-Freitagskonzerts mit umsichtiger Sorgfalt, offenbarte dabei jedoch überraschend eine romantische Interpretationstendenz, spürbar an unvermittelten Ritardandi und einer dem Individualismus des einzelnen Spielers mehr gehorchenden als die Gleichförmigkeit des Melodieflusses herausstellenden Klangkonzepts. Völlig überzeugend gelang hingegen Järvis Gestaltung des Orchesterparts in Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37. Gerade die "Begleitung" des Solisten war wie aus einem Guß, klanglich überaus präsent auch dank der Verwendung von Naturhörnern und -trompeten.

Järvi betonte auf erfrischende Weise den Energiefluß dieser von jeder Mozart-Tradition sich absetzenden Komposition - ungeachtet der Tatsache, daß ein 1800 komponiertes Klavierkonzert in c-Moll stets den Vergleich mit Mozarts Gattungsbeiträgen (KV 466 und 491) nahelegt. Doch ist es bei Beethovens Opus 37 noch nicht - wie in den Klavierkonzerten Nr. 4 und 5 - die Überwindung der Formkonvention, sondern der ins Sinfonische, den Dialogcharakter stärker beschwörende und damit emanzipierte Orchesterpart, was in Järvis Interpretation auch deutlich zum Vorschein kam.

Solist des Beethoven-Klavierkonzerts war Olli Mustonen, dessen Eigenart, den Solopart eines klassischen Klavierkonzerts grundsätzlich in einem mehr oder weniger sinnzerstörenden Staccatissimo-Stil mit unabhängig voneinander dynamisch herausplatzenden Einzeltönen zu "gestalten", auch diesmal erkennbar blieb, und doch bot der auf Individualismus bedachte Interpret diesmal mehr gestalterischen Zusammenhang, der seine Darbietung durchaus diskutabel erscheinen ließ. An den erstaunlichen technischen Fähigkeiten des Pianisten ist ohnehin nicht zu zweifeln.

Mit der hierzulande äußerst selten dargebotenen Sinfonie Nr. 6 von Carl Nielsen machte Järvi mit einem ungewöhnlich interessanten Werk bekannt. Der Titel "Sinfonia semplice" der 1925 vollendeten Komposition ist insofern ernst zu nehmen, als der Komponist tatsächlich nach einer Vereinfachung der musikalischen Mittel sucht. Doch bietet diese Sinfonie harmlosen Neoklassizismus allenfalls als kurzen Ruhepunkt oder in ironischer Verfremdung. Schon der riesige Schlagzeugapparat deutet auf ungeahnte Energien, und tatsächlich stößt Nielsen mit diesem Spätwerk auf erstaunlich neuartige Klangfelder der neuen Musik, unterstützt auch durch eine rücksichtslos dem Eigenleben musikalischer Linien verpflichtete Harmonik. Von früheren Werken des Komponisten scheint diese Sechste so weit entfernt wie etwa Sibelius' urromantische erste Sinfonie von den "brennenden" Streicherchören seiner späten Tondichtung "Tapiola". Das Freitagspublikum jedenfalls zeigte sich so verblüfft wie begeisterungsfähig. Paavo Järvi und das sehr engagiert musizierende hr-Sinfonieorchester haben überzeugt. Järvi scheint schon ein Jahr vor Amtsantritt in der Stadt angekommen. HARALD BUDWEG

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