Wednesday, December 02, 2009

Rezension der RCA-CD 88697576062 bei Klassik Heute

Benjamin G. Cohrs
13.11.2009
Klassik Heute

Mit der Neu-Einspielung der neunten Sinfonie kommt der Beethoven-Sinfonienzyklus der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi zu seinem fulminanten Abschluß. Zwar überschreitet die Kammerphilharmonie hier ausnahmsweise die Grenzen ihrer selbstgewählten kleinen Besetzung und stockt die Streicher um jeweils ein Pult auf, doch 9-8-6-6-4 ist natürlich noch bei weitem nicht die übliche, repräsentative Grossbesetzung, sondern entspricht der Stärke vieler Orchester der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (vergleichbar etwa dem Gewandhausorchester zur Zeit Mendelssohns oder der Meininger Kapelle). Die Durchschlagskraft dieses kleinen Ensembles ist allerdings erstaunlich. Das ist nicht der modernen Tontechnik zu verdanken, wie der Verfasser weiss, denn er hatte das Vergnügen, dieses Werk mehrmals auch live mit der Kammerphilharmonie zu hören. Es ist vor allem der Zugriff der Musikerinnen und Musiker, die an den entscheidenden Stellen in die Instrumente langen, als ginge es um ihr Leben. Es ist auch der Zugriff von Paavo Järvi, der den deklamatorischen Gestus von Beethovens Musik sicher erfaßt. Und es ist die Zusammenarbeit und Erfahrung aus vielen Aufführungen, bei denen Orchester und Dirigent allmählich ein fast unfehlbares Gespür für den Zusammenhang von Tempo und Klangentfaltung im jeweiligen Raum entwickelt haben. Die sehr gute Klangbalance ist der Mischung aus modernen Holzblasinstrumenten und Hörnern, Naturtrompeten, eng mensurierten Posaunen, historischen Pauken und modernen Streichinstrumenten (wobei die Bässe umsponnene Darmsaiten verwenden), aber auch der antiphonalen Aufstellung der Violinen und recht hohen Holzbläserpodesten zu verdanken. So hört man auch im lauten Tutti die Holzbläser stets durch, der Klang wird nie vom Blech dominiert, die Naturtrompeten wirken schneidig und voll, aber nie brutal.

Gearbeitet haben die Tontechniker allenfalls an der Balance von Soli, Chor und Orchester: Der 40-köpfige Deutsche Kammerchor hat in allen Aufführungen, die ich hörte, nicht so viel Wucht entwickelt, wie es auf der Aufnahme scheint. Aber das ist bei Studioproduktionen natürlich völlig legitim, man will ja als Hörer ein optimales Ergebnis. Außerdem versteht man so erfreulicherweise vom Chor jedes Wort. Auch das Solo-Quartett ist alles in allem vorzüglich, doch geht der für die Produktion bestellte Tenor Klaus Florian Vogt seine Partitur eine Spur zu lyrisch-leicht an. Donald Litaker sang in den Konzerten der Kammerphilharmonie den berühmten Triumphmarsch „Froh wie seine Sonnen“ (Tr. 6) doch kraftvoller und mitreißender. Produzent Philipp Traugott (der übrigens auch als Studienleiter fungierte) und das Technik-Team von Polyhymnia haben im Übrigen ganze Arbeit geleistet: Im Zweikanalmodus klingt die Aufnahme kaum schlechter als im SACD-Surround, auch wenn in der Mehrkanalwiedergabe ungleich mehr Räumlichkeit erlebbar wird.

Die Interpretation selbst atmet den gleichen Geist wie die der vorausgegangenen Sinfonien: Zu hören sind bestürzende Details durch penible Beachtung der Spielanweisungen, eine vorbildliche Auslotung der Dynamik und nachtwandlerische Sicherheit beim Erfassen der Tempi; dies alles führt zu größtmöglicher Geschlossenheit im Ganzen. So manche als problematisch geltende Interpretationsklippe (zum Beispiel des Tempos im Scherzo-Trio) wirkt hier wie selbstverständlich umschifft. Kopfsatz und Finale entwickeln einen nie nachlassenden Drive; im Finale spürt man endlich einmal die geistige Vaterschaft der Neunten zu Berlioz’ Symphonie fantastique. Zugleich gibt das Tempo sofort nach, wenn die Musik es einmal erfordert, zum Beispiel im Finale bei dem Wort „Brüder“ (Tr. 9, 2’03). An den entscheidenden Stellen kommt das Werk also zum Atmen, ungeachtet der sicher von manchen als schockierend empfundenen raschen Tempi. Das Adagio erzielt durch das flüssige, kantable Tempo eine eigenartig jenseitige, exaltierte Atmosphäre, die ganz merkwürdig berührt, auch oder gerade weil jedes überzogene Pathos wie weggeblasen scheint. Dies gilt auch für die Sinfonie im Ganzen. Abgerundet wird die Produktion durch den vorzüglichen Booklet-Text von Peter Schleuning. Nichts weniger als eine neue Referenzaufnahme und eine diskographische Sternstunde!

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