Friday, June 11, 2010

Pulsierende Energie statt Bedeutungsschwere

Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe
10.6.2010


Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Restlos überzeugende Aufführungen sind im klassischen Konzertbetrieb ähnlich selten wie Interpreten, die sämtliche Anweisungen der Partitur genauestens erfüllen. Noch rarer ist nur noch der Fall, dass beides gleichzeitig stattfindet. Dass die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter ihrem künstlerischen Leiter Paavo Järvi diesem Ideal so nahe kommt wie nur wenige Orchester, die ganz Großen eingeschlossen, hat sie in den letzten Jahren vor allem mit Beethoven bravourös demonstriert.

Davon kann man sich inzwischen anhand aller neun Symphonien, die vergangenes Jahr auch bei den Salzburger Festspielen zu hören waren, auf CD überzeugen (Sony/RCA). Im Wiener Konzerthaus trat die basisdemokratisch organisierte Formation am Dienstag mit Beethovens 5. Symphonie an: Akkurat und voller pulsierender Energie, ganz anders als der bedeutungsschwere Brocken, als der das Werk sonst häufig erklingt, sondern voller Esprit, der sich trotz schlanker Tongebung auch als enorme Schlagkraft manifestieren konnte. Da gab es kein Sforzato, das nicht passgenau eingefügt worden wäre, keine dynamische Abstufung, die gefehlt hätte.

So war etwa auch das Fagott-Fortissimo in der Reprise des ersten Satzes (wie sonst fast nie) als solches zu erkennen, die ausgedehnte, huschende Pianissimo-Passage im Scherzo tatsächlich so lange im leisesten Bereich angesiedelt, wie es Beethoven vorschreibt, was in den letzten Takten ein fulminantes Crescendo ermöglichte.Und das Presto im Finale wurde so ruppig akzentuiert, dass es seine ganze treibende Kraft entfalten konnte - und nicht wie häufig nach Stillstand roch.

Zuvor hatten die Bremer Beethovens Ouvertüre Die Weihe des Hauses mit unerhörten Schärfen ausgestattet - und mit Sibelius' Violinkonzert überrascht. Mit Viktoria Mullova als zugleich innig und zurückhaltend, aber nie verhalten spielender Solistin erschien es als fragiles, mit experimentellen Klängen hantierendes Gebilde voller Herbheiten, bei denen Järvi ebenfalls Extreme auslotete. Und als das Orchester bei Sibelius' zugegebener Valse triste fast schon unhörbar wurde, war die Luft zum Zerreißen gespannt.


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