Tuesday, July 27, 2010

„Salzburger Festspiele, Hochschaubahn der Gefühle“

18. Juli 2010 | 11:12 | Salzburg Stadt

Im Wortlaut: Die Rede der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler beim Festakt zur offiziellen Eröffnung der Ausstellung „90 Jahre Salzburger Festspiele“ im Karl-Böhm-Saal am Samstag, den 17. Juli.

Salzburger Festspiele, welche Hochschaubahn der Gefühle. Atemberaubende Aufführungen, aber auch Skandale, mitreißende Theaterabende, aber auch Streitigkeiten,
außerirdisch schöne Konzerte, aber auch allzu menschliche Eifersüchteleien. Und immer wieder die lebhafte Reaktion unseres Publikums, Jubelstürme, Standing Ovations, aber auch Buhrufe und dann die Begleitung der Medien, Lobeshymnen, scharfe Kritik, blanker Hohn. Großes Welttheater eben, auf der Bühne, hinter der Bühne und neben der Bühne.

Das alles hatten wir uns vorgenommen in einer Ausstellung in Erinnerung zu rufen. Erst als wir so mitten drin waren in der Arbeit, wurde uns klar, wie schwierig, ja wie unmöglich es ist, dem Mythos Salzburger Festspiele gerecht zu werden. Dann aber gab es kein Zurück mehr. Jetzt sehen wir unsere Ausstellung als verführerische Ouvertüre zum Opus Magnum 100 Jahre Salzburger Festspiele im Jahre 2020.

Warum ist es so schwierig, den Festspielen gerecht zu werden? Weil ihre Wirkungsgeschichte nicht nur eine künstlerische ist, sondern auch eine politische und eine wirtschaftliche.

Werfen wir einen Blick zurück in jene Zeit, da alles begann.

„Österreich hat Grillparzer und Karl Kraus, es hat Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal, für alle Fälle auch die neue freie Presse und den Esprit de Finesse“, aber trotzdem es gäbe „nicht eine österreichische Kultur, sondern nur ein begabtes Land, das einen Überschuss an Denkern, Dichtern, Schauspielern, Kellnern und Frisören erzeugt.“ So lautete 1919 in „Buridans Österreicher“ Robert Musils literarisches Attest. Musil überträgt den unter Logikern beliebten Fall von Buridans Esel auf den mentalen Zustand der Österreicher. Das arme Tier steht verzweifelt zwischen zwei Heubündeln, die genau gleich frisch und gleich groß sind. Ohne Anstoß von außen scheitert der Esel jedoch an der Qual der Wahl, verhungert elend, weil er sich nicht entscheiden kann. Diesen Fall der tödlichen Unentschlossenheit bezieht Musil auf die seiner Meinung nach nötige Entscheidung Österreichs für eines der zwei Heubündel, die Donauföderation oder Großdeutschland, und empfiehlt den Anschluss an Deutschland als die bessere Lösung, denn sonst werde Österreich als ein „europäischer Naturschutzpark für vornehmen Verfall“ fortwursteln.

Für uns überzeugte Österreicher von heute hat dieser Anschlussgedanke etwas geradezu Empörendes. Damals allerdings, als Österreich vom Europa umspannenden Habsburgerreich zum Rest, der übrig blieb, schrumpfte (l’Autriche, c’est ce qui reste, wie es der Französische Außenminister Clemenceau kalt formulierte), sahen viele Dichter, Denker und Politiker darin die einzige Chance für eine Zukunft.

Der Skeptiker Robert Musil beschrieb das Leiden des österreichischen Möglichkeitsmenschen an der Wirklichkeit.

Der Schwärmer Hugo von Hofmannsthal hingegen schritt zur Tat. Er nutzt nicht weniger beeindruckend seine dichterischen Möglichkeiten um Österreich ein neues Selbstbewusstsein zu geben. Österreich sollte zu einem Leuchtturm der Gesamtdeutschen Kultur werden. Österreich sollte aber auch stolz sein auf die Jahrhunderte lang geleistete mitteleuropäische Vermittlungsarbeit. Hofmannsthal war überzeugt von der österreichischen Berufung zur kulturellen Synthese.

Und der Wahl-Salzburger Hermann Bahr sprach gar von der „Möglichkeit eines Nachkriegseuropas als ein vergrößertes Österreich“.

Hofmannsthals politische Schriften sind so bedenkenswert, dass der amerikanische Kulturgeschichtler William M. Johnston, in seinem Buch „Der österreichische Mensch“ schreibt: „Wenn man sich einen Leser für Hugo von Hofmannsthals Kriegszeit Essays wünschen dürfte, so müsste es der amerikanische Präsident Woodrow Wilson sein.“ Vielleicht wären dann die für Europas Entwicklung so fatalen 14 Punkte anders ausgefallen.

Was sich ein Deutsch-Schweizer oder ein Deutscher nicht vorzustellen vermögen: Erst die Katastrophe des 1. Weltkrieges zwang uns Österreicher über unsere Eigenart nachzudenken. Wie resümierte Friedrich Heer so treffend: „Allein der Österreicher weiß nicht, wer er ist, ja ob er ist. Und es dünkt ihn bereits eine gewisse Leistung, wenigstens das zu wissen.“

„Österreich ist ja noch nie formuliert worden, es hat keine Sprache, es kann sich nur durch Musik und die bildende Kunst oder unmittelbar durch die Tat verständigen.“ urteilte Hermann Bahr. Er muss apropos zu den vielen Gründern gezählt werden, die vor den eigentlichen Gründervätern die Festspielidee beförderten. Er plante bereits 1904 ein 5 Städte-Theater mit Berlin, Hamburg, München, Salzburg, Wien, das aber wie so vieles auch in dieser Zeit am Geldmangel scheiterte.

Welch’ ein in jeder Beziehung Gewinn bringender Zufall für das verarmte Salzburg, dass Max Reinhardt 1893 seine Karriere als Schauspieler im damaligen Stadttheater, dem heutigem Landestheater, begann und sich sofort in die Stadt verliebte.

Und was für ein Glücksfall, dass Max Reinhardt Hofmannsthals Schauspiel Elektra in Berlin zur Uraufführung brachte und Richard Strauss begeistert im Zuschauerraum saß.

Strauss war sich sofort sicher, wenn er Hugo von Hofmannsthal schrieb: „Wir sind füreinander geboren und werden sicher Schönes zusammen leisten, wenn Sie mir treu bleiben.“ Der erste himmlische Beweis für dieses Diktum war dann die Oper Elektra, die uns im diesjährigen Jubiläumsprogramm besonders wichtig ist.

Ich möchte die Strauss’sche Prophezeiung auch auf die Gründung der Festspiele beziehen.

Es waren Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Richard Strauss, Alfred Roller und Franz Schalk, die ein Festspiel als Projekt gegen die Krise nach dem ersten Weltkrieg, die Sinnkrise, den Werteverlust, die Identitätskrise des einzelnen Menschen, aber auch ganzer Völker sehen wollten.

Im ersten Aufruf zum Salzburger Festspielplan stehen unvergleichlich formuliert von Hugo von Hofmannsthal der Friede und der Glaube an Europa im Mittelpunkt. Ein herrlicher, zeitlos gültiger, brandaktueller Gründungsauftrag.

Aber ohne den damaligen Landeshauptmann Franz Rehrl hätten die Künstler dieses für die 20er Jahre tollkühne Projekt nie verwirklichen können. Rehrl erkannte als einer der Wenigen das wirtschaftliche Potential einer großen Kulturveranstaltung. Er rettete mehrfach die Festspielhausgemeinde vor dem Ruin. Mit der Bildung eines Fonds zur Förderung des Fremdenverkehrs im Land Salzburg am 27. Dezember 1926, dessen Aufgabe laut Protokoll expressis Verbis die bleibende Finanzierung der Festspiele sein sollte, setzte er eine echte Pioniertat. Dies wusste Max Reinhardt auf’s Rührendste zu würdigen. 1930 ließ er dem landesherrlichen Schutzpatron der Festspiele eine Büste anfertigen und schrieb, „dass es zumindest ebensoviel bedeutet, künstlerische Dinge zu verwirklichen, wie sie zu ersinnen.“

Dass die Festspiele seit den späten 1950er Jahren künstlerischer und wirtschaftlicher Motor einer ganzen Region sind, hätte Rehrl allerdings nicht zu hoffen gewagt.

Auch beim Wiedererstehen eines freien, unabhängigen Österreichs erfüllten die Festspiele eine eminent politische Funktion. Es gibt ernstzunehmende historische Hinweise darauf, dass die großen Drei in Jalta die Festspiele als Beweis für ein eigenständiges Österreich kannten und anerkannten, diese also im dramatischsten Sinne identitätsstiftend am Wege zur zweiten Republik waren. Und nur wenige Wochen, nachdem sich Salzburg am 4. Mai 1945 entgegen dem Befehl kampflos ergeben hatte, gab der amerikanische General Clark Präsident Puthon den Auftrag, noch im selben Sommer wieder Festspiele zu veranstalten - „obwohl die Bahnanlagen hier und außerwärts zum Großteil zerstört waren und notdürftig nur Militär und Flüchtlingszüge verkehrten, obwohl die Stadt in vielen Teilen noch in Trümmern lag – es waren 1800 Objekte durch die Fliegerangriffe ganz oder teilweise zerstört und manche Gassen wegen der Schuttmassen nicht passierbar , obwohl auch die Nachbarschaft des Festspielhauses durch Schuttmassen aus den Luftschutzstollen direkt blockiert war, obwohl die Stadt von 10.000 Flüchtlingen und ca. 40.000 Mann amerikanischer Truppen so überfüllt war, dass kein Hotel und Privatzimmer zu haben war.“ (Emmanuel Jenal zur Geschichte der Salzburger Festspiele.)

Dazu General Clark in seiner Eröffnungsrede am 12. August: „Es macht mir fernerhin Freude, dass meine erste öffentliche Ansprache an das österreichische Volk im amerikanisch besetzten Gebiet bei einer solchen Gelegenheit stattfindet, nämlich bei einer Feier zur Wiedergeburt der kulturellen Freiheit. Ich bin mir sicher bewusst, dass diese frühe Einführung ihrer Festspiele ein Beweis dafür ist, dass die gemeinsame Arbeit des österreichischen Volkes und der Vereinten Nationen, ein freies unabhängiges Österreich wiederherzustellen, bald glücken wird.“ Positiver Nebeneffekt für die Amerikaner, man konnte die Festspiele als Kontrapunkt zum Kulturleben im sowjetisch besetzten Wien positionieren.

Die politische Sendung der Festspiele scheint mir gerade heute wichtig. Darum freut es uns, dass die Landeshauptfrau in diesem Jahr Daniel Barenboim als Eröffnungsredner eingeladen hat. Daniel Barenboim wird als einer der großen Künstler unserer Zeit das Festkonzert zum 50 Jahr Jubiläum des Großen Festspielhauses dirigieren. Er wird aber auch als unermüdlicher Kämpfer für den Frieden versuchen, von Salzburg aus seine Botschaft zu formulieren. Er hat aus den Söhnen und Töchtern der miteinander im Krieg liegenden Völker das West Eastern Divan Orchestra geformt. Sir Georg Solti wollte ebenfalls mit einer Orchestergründung, dem World Orchestra for Peace, die Musik in den Dienst des Friedens stellen. Es ist uns ein besonderes Anliegen, dass dieses Orchester 2010 unter der Leitung von Valerie Gergiev erstmals bei den Salzburger Festspielen auftritt.

Und es passt wunderbar in die Programmatik dieses 90 Jahr Jubiläums, dass Claudio Magris, der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, unser Dichter zu Gast ist. Ein Zitat aus seiner Preisrede soll uns Auftrag sein: „Viele Utopien von einem Paradies auf Erden sind verflogen, doch nicht verflogen ist die Forderung, dass die Welt nicht nur verwaltet, sondern vor allem auch verändert werden muss.

Und nun zur eigentlichen Berufung der Festspiele, der künstlerischen. Über die wurde schon vor ihrer Gründung heiß diskutiert.

Denn so klar im Festspielplan die politische Botschaft formuliert war, so vergleichsweise lapidar hieß es zur Dramaturgie: „Oper und Schauspiel, von beiden das Höchste“ und später „Wir stellen in die Mitte Mozart, sämtliche Opern und Goethes Faust, so vollständig, wie er noch nie auf der Bühne war. Daneben Grillparzer sowie Schiller, Gluck so wie Weber.“

Karl Kraus war natürlich der schärfste in seiner Kritik an „Herrn Reinhardt, dem Träger des Problems dieser Theatermenschheit.“ Vor einer Lesung des von ihm so geliebten Nestroyschen Talisman am 24. September 1922 in Wien brachte er ein Pamphlet gegen den ebenso innig gehassten Festspielgründer zu Gehör. Er geißelte den großen „Welttheater-Schwindel“, bei dem es ja doch nur um „Ehre sei Gott in der Höhe der Preise“ ginge.

Und 1926 – die Festspiele hatten gerade ihren zweiten Fast-Konkurs hinter sich – schrieb der Wiener Morgen „Gegen Salzburg – die große Enttäuschung“ an.

„Man sollte nicht ausschließlich auf Reinhardt das Programm und auf seine Zukunft die Erwartungen aufbauen. Man sollte danach trachten, dass sich alljährlich aus bestimmten künstlerischen Gründen in Salzburg eine Gemeinde versammle und nicht bloß die der Dicken und Dünnen Vetter.“

Und auch ohne Reinhardt ging nach dem zweiten Weltkrieg der journalistische Rundumschlag weiter. „Salzburger Liebeskummer“, „Salzburger Perchtenlauf“, „Küss die Hand Tradition“, „gegen den Notstand der Festspielidee“ lauteten die wenig freundlichen Schlagzeilen im In- und Ausland, die sich Ende der 50er Jahre, in den 70er Jahren und schließlich Ende der 80er häuften.

Bernhard Paumgartner, Mitglied des Festspieldirektoriums seit 1952, Präsident von 1960 bis 1971, Gründer der Camerata Academica, Erfinder der Serenadenkonzerte im Residenzhof, Mozartforscher mit dem großen Verdienst, die Jugendwerke dem Vergessen entrissen zu haben, stöhnte in einer öffentlichen Diskussion 1960: „Es gibt die Fabel von einer wunderbar vollkommenen Epoche der Festspiele, nur weiß keiner, wann sie war“.

Und mein Vorgänger im Amt Heinz Wiesmüller konstatierte 1992 pragmatisch: „Die jeweils vergangene Saison ist die gute alte Zeit.“ Sein historisches Verdienst war es, Gerard Mortier und Hans Landesmann nach dem Tod von Herbert von Karajan die Rückendeckung für einen Neubeginn zu geben.

Aber jede Generation der Festspielmacher kämpfte und kämpft gegen den Vorwurf der Beliebigkeit an, gegen den sich zu verteidigen besonders schwierig ist.

Was war im Weltkrisenjahr 2009 beliebig bei einer Eröffnung mit Händels Theodora? Was war im Haydn-Jahr 2009 beliebig mit seiner herrlichen Oper Armida? Was ist in der Mozart-Stadt Salzburg beliebig mit einer Neuinszenierung von Cosi fan tutte, möchte ich gerne raisonieren.
Die Ursache für diesen Vorwurf muss man sicher im Gründungsstatement suchen.

Hilde Spiel, beherrschende Wiener Kulturjournalistin der 50er und 60er Jahre analysiert in einem ihrer Essays 1958 die Salzburger Festspielidee: „Bayreuth war von jeher ein ordentlicher, Salzburg dagegen ein schlampiger Begriff. Drüben im Fränkischen wird unanfechtbar und ausschließlich das Erbe eines einzigen Meisters verwaltet...hier aber in Salzburg hat es solche Eingleisigkeit, solche Geradlinigkeit nie gegeben.“ „Sorglos – diffuses Treiben“ nannte Spiel die Programmierung der Gründerväter, in der immerhin der unersetzliche Jedermann, ein unvergesslicher Faust in der Felsenreitschule oder die in jeder Beziehung Maßstab setzenden Meistersinger von Nürnberg auf dem Spielplan standen. Wirklich sorglos diffuses Treiben?

Eine zweite Chance sah Hilde Spiel durch Oskar Fritz Schuhs geniale Salzburger Dramaturgie für die Festspiele „Nicht in einer besonderen Themenwahl, sondern in einer formalen Vollendung sah er Salzburgs Sendung. Es kamen neue Höhepunkte zustande.“ Herrliche Mozart-Inszenierungen, die Entdeckung der Felsenreitschule als Opernbühne, die vielen Uraufführungen.

Besonders bemerkenswert war in diesem Jahr 1958 eine Kritik aus dem Inneren der Festspiele, von Josef Kaut, Mitglied des Festspieldirektoriums seit 1952, gleichzeitig Landesrat für Kultur ab 1956, Festspielpräsident von 1972 – 1983. „Salzburg – Festival oder echte Festspiele. Die Krise der Mozartstadt, zuwenig Eigenständiges und zu viele Klischees“. Und so manche Kritik von Kaut finde ich auch heute noch ziemlich berechtigt, würde sie als Mitglied des Direktoriums allerdings nicht bei einer Festversammlung oder in einem Zeitungsartikel, sondern in einer Direktoriumssitzung äußern. Wenn Kaut meint, „die Festspiele verlieren immer mehr ihren österreichisch-salzburgischen Charakter“ dann treibt ihn nicht spießiger Provinzialismus. Es ist vor allem sein Verdienst, dass Thomas Bernhard fünf seiner besten Stücke in Salzburg zur Uraufführung bringen konnte. Kaut ging von der immer noch richtigen Idee der Gründer aus, die Festspiele müssten sich für Künstler und Kunst aus aller Welt öffnen, aber gleichzeitig starke österreichische Wurzeln haben.

Darum freut es mich, dass wir mit der Dramatisierung von Angst gerade im 90igsten Jahr der Festspiele Stefan Zweig erstmals mitspielen lassen, was ihm die Zeitgenossen Hofmannsthal und Reinhardt verwehrten. Und hoffentlich gibt es zum 100 Jahr Jubiläum Hofmannsthals „Lustspielversuche“ (wie er sie nannte), Den Rosenkavalier und Den Schwierigen, die er auch als Dokumente der österreichischen Wesensart sehen wollte. „Selbstgefühl und Bescheidenheit, sicherer Instinkt und gelegentliche Naivität, natürliche Balance und geringe dialektische Fähigkeit sind auch die Hauptzüge der Gestalt der Marschallin und des Hans Karl Bühl.“

Und darum ist es wichtig, dass neben den Besten aus aller Welt auch die besten österreichischen Künstler bei den Festspielen auftreten, was nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist. Die Wiener Philharmoniker sind unser künstlerisches Herz, das Mozarteum Orchester, die Camerata, das immer wieder in seiner Existenz bedrohte, hervorragende Radio Symphonie Orchester Wien, das Klangforum Wien und das Österreichische Ensemble für Neue Musik, das Hagen Quartett, Solisten wie Thomas Zehetmair und Benjamin Schmid, Sängerinnen wie Angelika Kirchschlager, Genia Kühmeier und Elisabeth Kulman sind die herrlichen Botschafter der Kulturgroßmacht Österreich.

Wenn Kaut davor warnt, von der Praxis der jährlichen Uraufführung einer modernen Oper und eines modernen Schauspiels abzugehen, hat er recht. Freilich musste er als Präsident dann selbst die finanziellen Grenzen seiner Vorsätze erkennen.

Wichtig, dass wir mit dem Auftragswerk für Wolfgang Rihm als Eröffnungspremiere der Jubiläumsfestspiele ein klares Zeichen setzen können. „Die Kunst, die Musik, das Theater werden am Leben gehalten nicht durch neue Interpretationen, sondern durch neue Werke“ zitiere ich Gerhard Wimberger, der als Direktoriumsmitglied von 1972 bis 1991 so viel Gescheites geschrieben und so viel Richtiges durchgesetzt hat. Aber selbstverständlich schreiben die Salzburger Festspiele auch Musikgeschichte durch ihre Interpretationen. Man denke nur an Beethoven von Furtwängler über Karajan, Harnoncourt, Rattle bis zu Paavo Järvi.

Und wenn Kaut 1958 die Einmaligkeit der Festspielaufführungen gefährdet sieht, dann ist dies ebenfalls ein Vorwurf, der Festspielmacher von Anfang an begleitet. Nur zur Erinnerung, von Reinhardts 14 in Salzburg gespielten Produktionen waren nur 5 exklusiv für die Festspiele.
Für uns gilt als Maxime: Nein zum Nachspielen, aber Ja zu Salzburg als Initialzündung, von der wie z.B. bei der Toten Stadt eine gelungene Inszenierung in die Welt hinausgeht und dadurch die Renaissance des schändlich von den Nazis zum Schweigen verurteilten Komponisten Erich Korngold gelingt.

Womit ich beim wichtigsten Teil unserer Geschichte bin und gleichzeitig bei dem in der Ausstellung am schwierigsten Darzustellenden, den prägenden Persönlichkeiten. So bemerkte Karl Löbl in einem Artikel im Kurier am 30. Mai 1979 „…Unbestritten ist jedoch jene Schizophrenie, an der Salzburg nun schon seit Jahrzehnten leidet. Denn einerseits sind die Salzach-Bürger stolz auf die sogenannte Umwegrentabilität, auf das sensationelle Einspielergebnis der Festspiele (…) und auf die weltweit nur noch von Bayreuth übertroffene Auslastung ihrer Veranstaltungen. Andererseits werfen sie ihren Festspielen immer wieder Personenkult, Mangel an Wagemut und elitäre Gesinnung vor. Das war schon immer so. Denn die Salzburger Festspiele sind seit ihrer Gründung Spiele der dominierenden Persönlichkeiten und ihrer künstlerischen Launen. Wer das leugnet, kennt die Geschichte nicht: Zuerst hießen jene, die bestimmten, was geschehen soll, Reinhardt und Strauss, Walter und Toscanini, dann hießen sie Furtwängler und Lothar, und jetzt heißen sie Karajan und Böhm. Und Toscaninis „Meistersinger“ passten nach Salzburg ebenso wie Karajans „Aida“, weil hier von Anfang an künstlerische Qualität die eigentliche Festspiel-Idee war.“

Die künstlerische Qualität war die eigentliche Festspielidee der Gründer. Sie gab und gibt uns späteren Festspielverantwortlichen jene programmatische Freiheit, die „frau“ sich in Bayreuth sicher manchmal herbeisehnt.

Aber an dieser Freiheit prallt der Vorwurf der Beliebigkeit nur dann ab, wenn sie höchstem Qualitätsanspruch standhält.

Mozarts Don Giovanni, Wagners Tristan und Isolde, Strauss’ Rosenkavalier, diese Werke gehören alle auf den Salzburger Spielplan. Ob diese Meisterwerke der Gründungsidee Genüge tun, entscheidet hingegen die Qualität der Interpretation. Die besten Regisseure und Dirigenten, die herrlichsten Orchester und Chöre, die atemberaubendsten Sängerinnen und Sänger, die mitreißendsten Schauspielerinnen und Schauspieler, das erwartet sich zu recht unser Publikum. Und wenn sich die einzelnen Aufführungen zu einem besonderen Programm formen, dann ist die Mischung selbst eine zusätzliche Qualität der Salzburger Festspiele. Dann können wir die ganze Stärke unserer drei Sparten, Oper, Theater und Konzert ausspielen.

Dass uns dies im Jubiläumsjahr gelingen wird, ist unsere große Hoffnung.

Es sollte uns gelingen, was von Anfang an im Wettstreit lag. Manchmal edel, manchmal weniger edel. Die Gleichwertigkeit von Oper, Theater und Konzert.

Max Reinhardt erträumte sich ein Bayreuth des Sprechtheaters mit einem Festspielhaus in Hellbrunn.

Erst am 14. August 1922 stand mit Mozarts Don Juan dirigiert von Richard Strauss die erste Oper auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele, ein Gastspiel der Wiener Staatsoper.

Damit begann der ewige Konflikt zwischen der Opern und dem Schauspiel. Dieser führte 1954 praktisch zur totalen Niederlage der Schauspielfraktion.
Will Quadflieg kämpfte einsam als Jedermann vor dem Dom, während das Opernprogramm weltweit Schlagzeilen machte. Wilhelm Furtwängler brillierte mit Don Giovanni und Freischütz. Karl Böhm dirigierte Ariadne und seine geliebte Cosi, wie er zärtlich Mozarts Cosi fan tutte nannte. George Szell, Oscar Fritz Schuh und Caspar Neher waren das Winning Team für Rolf Liebermanns Penelope. 13-minütiger Applaus und 31 Vorhänge sind ein Erfolg, wie wir ihn uns auch für unsere Uraufführung wünschen.

1955 konnte dann Peter Weiser in den Salzburger Nachrichten jubeln: „Ernst Lothar hat mit einer Aufführung von Schillers Kabale und Liebe den Festspielen das Schauspiel zurückgegeben.“

Ernst Lothars Erfolgsrezept, Schauspielerinnern und Schauspieler mit aus Filmen international bekannten Stars, wie z.B. Maria Schell, Will Quadflieg, Ewald Balser, Adrienne Gessner, zu besetzen, ist noch heute gültig. So wie auch die Probleme von damals nichts an Aktualität verloren haben. Weiser fordert die Bildung eines Salzburger Ensembles und schreibt: „Manche Schauspieler werden nach den Vorstellungen mit dem Flugzeug abgeholt, um anderswo zu filmen. Andere wieder mussten durch auswärtige Bühnen und Fernseh-verpflichtungen ihre Probezeit verkürzen…aber all diese Schwierigkeiten stehen an jedem Beginn…noch eine so erfolgreiche Sprechstückaufführung würde genügen, um ein Engagement zu den Salzburger Festspielen jedem ernst zu nehmenden Schauspieler attraktiver erscheinen zu lassen, als die materiellen Vorteile von Film und Fernsehen…“

Aber welche Sprechstücke sollte man wählen, um dem Schauspielprogramm eine unverkennbare Salzburger Note zu geben? Unter anderem deshalb entsann man sich 1955 des Kunstrates, mit dem alles einst begonnen hatte. Am 15. August 1918 wurde im Marmorsaal von Schloss Mirabell der erste Kunstrat mit den Mitgliedern Max Reinhardt, Richard Strauss und Franz Schalk gewählt. Wenige Monate später wurde dieser mit Hugo von Hofmannsthal und Alfred Roller auf fünf Personen erweitert.

Aber schon 1929 war man sich einig, dass die Zusammenarbeit zwischen Kunstrat und Direktorium nicht funktionierte: „Die Tätigkeit des Kunstrates besteht in Wirklichkeit darin, dass der Präsident oder der Generalsekretär der Festspielhausgemeinde sich fallweise bei einem der genannten Herren, meist ist es Schalk oder Hofmannsthal einen Rat oder Vorschlag holt, der subjektiv, ohne Zusammenhang mit den lebendigen Forderungen Salzburgs, oft mit dem Persönlichen vermengt abgegeben wird. Strauss und Roller sind an Salzburg fast völlig desinteressiert. Reinhardt den größten Teil des Jahres nicht interessiert und wenn, dann nur unter größten Mühen und meist ohne konkretes Resultat zu erreichen…so gesehen kann von keiner Programmatik der Festspiele die Rede sein, sondern wohl nur von einem Notprogramm, bei dem die Vorlieben und persönlichen Wünsche der Kunstratmitglieder zum Zug kommen“ zitiert Gisela Prossnitz aus einem Protokoll in ihrem Band 1 der Salzburger Festspielgeschichte.

Der Kunstrat kam erst dann wieder ins Gespräch als man Gottfried von Einem mit einem Sitz für den Rauswurf aus dem Direktorium entschädigen wollte. Aber selbst Einem, dem manchmal recht erfolgreichen Kämpfer gegen Windmühlen, gelang keine Belebung dieses Gremiums. So urteilte Josef Kaut am 19. Juni 1961: „Der ganze Kunstrat ist allmählich zu einer Verlegenheit geworden.“ Ein Gremium, das Ratschläge gibt ohne finanzielle Verantwortung zu tragen, hat meines Erachtens keinen Sinn. Außerdem fehlen uns nicht die Ideen, sondern oft das Geld um sie zu verwirklichen.

Wenn schon Kunstrat, dann wie in vergangenen Zeiten ein um alle künstlerisch Verantwortlichen angereichertes Direktorium.

Aber eine Diskussion über die Struktur der Festspiele würde den Rahmen des heutigen Vortrags sprengen.

Ebenso bedürfte die wirtschaftliche Bedeutung, also das dritte wichtige Thema in der Geschichte der Festspiele nach dem Künstlerischen und dem Politischen eines eigenen Referats. Auch das möchte ich heute nicht halten. Nur so viel: Kunst darf ihre Rechtfertigung niemals aus ihrer Rentabilität beziehen. Wir kämpfen daher für finanziell unrentable Produktionen wie Uraufführungen und finanziell unrentable Spielstätten wie die Perner Insel. Denn diese rentieren sich in einem viel umfassenderen Sinne des Wortes.

Aber jetzt noch eine Antwort auf eine vielgestellte Frage: Wer finanziert die Festspiele?

Festspielfinancier Nummer 1 ist das zahlende Publikum, rund die Hälfte des Budgets nimmt das Kartenbüro ein. 2009 waren das 23,4 Millionen Euro. Eine für europäische Kultureinrichtungen einmalige Leistung. Und wir sind auch 2010 guten Mutes, dass wir unseren seit 2001 bestehenden finanziellen Erfolgskurs fortsetzen und sogar mehr Karten verkaufen als im Budget veranschlagt.

Financier Nummer 2 ist die öffentliche Hand. Aus dem Budget von Bund, Land und Gemeinde erhalten die Festspiele rund 10,7 Millionen Euro. Dafür herzlichen Dank in diesen schwierigen Zeiten.

Die Tatsache aber, dass die Festspiele noch im selben Jahr 11,1 Millionen Euro an Steuern und Abgaben zurückzahlen, bedeutet: In Wahrheit zahlen sich die Festspiele ihre Subventionen selbst. Dazu kommt noch, dass die Festspiele gesamtwirtschaftliche Produktions- bzw. Umsatzeffekte von rund 227 Millionen Euro auslösen.

Financier Nummer 3 ist die Wirtschaft: Der Tourismusförderungsfonds trägt jährlich mit 2,7 Millionen Euro zur Finanzierung der Salzburger Festspiele bei.

Financier Nummer 4 ist der Verein der Freunde der Salzburger Festspiele, der mit 2,2 Millionen Euro jährlich die Salzburger Festspiele unterstützt und damit ebenso wichtig ist, wie jeder einzelne öffentliche Subventionsgeber. Ohne die Freunde hätten wir auch diese Jubiläumsausstellung nicht verwirklichen können. Und ich danke Dir, lieber Heinrich Spängler als Präsidenten der Freunde, für Dein Motto „Da sein, wenn wir gebraucht werden, aber nicht einmischen.“ Financier Nummer 5 sind die Sponsoren. Sie steuern insgesamt 11% unseres Budgets bei und machen damit vieles erst möglich, was uns künstlerisch wichtig ist. Ich danke unseren treuen Hauptsponsoren Nestlé, Audi, Siemens, Uniqa und Credit Suisse. Ich danke den engagierten Projektsponsoren Montblanc, Roche und Lange. Ich danke posthum auch Erich Schumann, mit dessen großzügiger Spende wir das West Eastern Divan Orchestra und das Simon Bolivar Orchestra einladen konnten. Und ich danke vor allem heute der Berenberg Bank, die diese Ausstellung gemeinsam mit den Freunden ermöglicht hat. Für uns jedenfalls bringen Sponsoren nicht die Gefahr der Einschränkung der programmatischen Freiheit, sondern die Chance zur Ausweitung der programmatischen Möglichkeiten.

Heinrich Spängler hat Ihnen schon all die Partner genannt, die uns die Möglichkeit geben, die Vielfalt der Salzburger Festspiele darzustellen.

Die Idee, 90 Jahre Festspielgeschichte darzustellen, kam mir im Frühjahr 2009. Dass sie Wirklichkeit wurde verdanken wir Margarethe Lasinger, Virgil Widrich und vielen anderen Mitarbeitern. Margarethe Lasinger, Chefin unserer Dramaturgie, Gestalterin praktisch aller Publikationen der Salzburger Festspiele, vom Jahres- bis zum Abendprogramm, ist Herz, Seele und Hirn dieses Unternehmens. Virgil Widrich mit seiner Firma checkpointmedia hat das Ausstellungskonzept ersonnen. Wir haben ihn deshalb darum gebeten, weil er einen hervorragenden Ruf in der Branche hat und weil er die Festspiele durch seinen Vater, den früheren Pressechef der Salzburger Festspiele Hans Widrich, in den Genen hat.

Gerne hätten wir einen eigenen Ausstellungsraum für jeden Künstler gestaltet. Sie sind es, die unvergessliche Sternstunden in das Gedächtnis unserer Zuschauer und Zuhörer gebrannt haben. Ihnen wollen wir durch die Hör- und Sehstationen gerecht werden, Karajan und seinen Sängern, Giorgio Strehler und Michael Heltau, Willy Decker, Anna Netrebko und Rolando Villazon, um drei Konstellationen völlig willkürlich herauszugreifen.

Wir hoffen, dass unsere Ausstellung Erinnerungen weckt und unser Programm Erwartungen erfüllt, die die heutigen Besucher auch im nächsten Dezennium zu unseren Begleitern machen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Bernhard Paumgartner recht hatte in seiner Analyse, was die anhaltende Anziehungskraft der Festspiele ausmacht: „Der Star ist Salzburg.“

http://www.salzburg.com/online/nachrichten/kulturthemen/Salzburger-Festspiele-Hochschaubahn-der-Gefuehle.html?article=eGMmOI8VdopLt6OwgiZpIqjSkh2I6BRrDwzIj0e&img=&text=&mode=

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