Sunday, September 29, 2013

Musikfest: Beethovens „Fidelio“ eine Sternstunde in der Glocke

Weser-Kurier
Markus Wilks
27.09.2013
Vollendet. Endlich. Mit den Interpretationen der Beethoven-Sinfonien hat die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen die globale Klassikwelt erobert und selbst in New York und Salzburg für Furore sorgen können. Nun, nach einigen Jahren des Wartens, musizierte das Orchester in einem Musikfest-Sonderkonzert Beethovens einzige Oper „Fidelio“ in der Glocke– eine Sternstunde.
Manchmal ist es nicht so einfach, Wünsche in Taten umzusetzen, denn viele Details und Interessen müssen einfach stimmen. Umso größer ist das Glücksgefühl, dass die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und ihr künstlerischer Leiter Paavo Järvi sich jetzt mit „Fidelio“ beschäftigt haben. Ermöglicht wurde dieses Projekt (finanziell) sicherlich auch dank des Bonner Beethovenfestes, bei dem „Fidelio“ heute und übermorgen gegeben und dabei für das Radio aufgenommen wird.
Während sich das Orchester bei der stürmisch gespielten Ouvertüre noch ein wenig sortieren musste, wurde alsbald der exemplarische Rang dieser Beethoven-Interpretation deutlich. Wie man es vom Sinfonien-Zyklus kennt, überwältigten die Musiker mit ihrer energievollen Spielweise. Insbesondere die Kombination aus scharfen, aber nicht unkultivierten Blechbläsern mit der ungewöhnlich hart gespielten Pauke prägt Järvis Beethoven-Verständnis. Traumhaft schöne Holzbläserpassagen und meistens ideal aufeinander hörende Streicher komplettieren diese wilde Seite zu einem komplexen Beethoven-Bild.
Dass Järvi den Schlussjubel „Wer ein holdes Weib errungen“ bis an die Grenze des Spielbaren aufgeheizt hat, versteht sich bei ihm fast von selbst. Unterstützt wurde er vom vorzüglich singenden Deutschen Kammerchor (Einstudierung: Michael Alber), der eine gute Kombination aus Kraft und schlankem Ton einbrachte.
Wenn auch nicht durchgehend auf allerhöchstem Niveau besetzt, konnte auch das Sängerensemble überzeugen, zumal einige groß dimensionierte Stimmen engagiert waren, die sich klanglich durchzusetzen wussten. Insbesondere die kurzfristig engagierte Sopranistin Cécile Perrin (Leonore/Fidelio) brachte die Mauern der Glocke fast zum Erzittern. Eine aufregende, aber auch unausgeglichene Stimme, die mit abrupten Lautstärkeveränderungen, schönen Pianoklängen und großem Theatergefühl gestaltete. Es war eine Freude zu hören, wie sich das ehemalige Bremerhavener Ensemblemitglied Burkhard Fritz in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat. Er sang die gefürchtete Partie des Florestan souverän, mit vielen klangschönen und (angemessen) schmerzvollen Tönen. Sein Tenor besitzt Kraft, durchaus Klangqualität und Differenzierungsvermögen. Als Florestans Gegenspieler Pizarro war Evgeny Nikitin perfekt besetzt, da er mit gut trainiertem Heldenbariton das Ideal eines Bösewichtes verkörperte. Einen prachtvollen, vielleicht etwas zu vorsichtig geführten schwarzen Bass besitzt Dimitry Ivashchenko, wohingegen Detlef Roth in der undankbaren Rolle des Don Fernando eher blass blieb. Mojca Erdmann als – wie gewohnt – blitzsauber und tonschön singende Marzelline sowie Julian Prégardien als ähnlich geschmackvoll intonierender Jaquino komplettierten das umjubelte Ensemble.
Zur Verbindung der Musiknummern wurden Zwischentexte von Walter Jens gewählt. Kennern sind sie ein Graus. Daran konnte auch Ulrich Tukur nichts ändern, der in die Rolle des alten Rocco schlüpfte. Er wirkte wie ein Fremdkörper in der Welt der Musiker.
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