Tuesday, October 14, 2014

Klassik-CD der Woche: Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Das Flehen der Römerinnen

Der Tagesspiegel
Udo Badelt
13.10.2014

Die CD der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen liegt vor und zeigt, dass Beethoven einen ganz eigenen Weg zum dramatischen Genre gegangen war: über seine Ouvertüren.


Nobody is perfect: Goethe brillierte als Lyriker, Epiker und Theaterdichter – und scheiterte doch als Naturwissenschaftler, der er so gerne gewesen wäre. Und Beethoven? Den kennen wir natürlich als grundstürzenden Schöpfer revolutionärer Symphonien, Streichquartette, Klaviersonaten. Mit dem Theater tat er sich schwerer. Nur eine Oper hat er geschrieben, „Fidelio“, und auch die erst nach vielen Be- und Umarbeitungen. Er konnte nicht für Stimmen komponieren, sagen böse Zungen, und führen den vierten Satz der neunten Symphonie als Beweis an. Umso schöner, dass jetzt diese CD der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen vorliegt, die zeigt, dass Beethoven einen ganz eigenen Weg zum dramatischen Genre gegangen war: über seine Ouvertüren.

Sinn und Zweck dieser Kompositionen, die heute – wie damals – meist völlig unabhängig von einem konkreten Theaterstück aufgeführt werden, sind um 1800 leidenschaftlich diskutiert worden. Sollen sie allgemein auf den Charakter des Dramas einstimmen, wie Mozarts „Figaro“-Ouvertüre, oder den konkreten Handlungsgang musikalisch nachzeichnen? Sechs Ouvertüren aus verschiedenen Schaffensperioden Beethovens sind auf dieser CD versammelt, mit den „Geschöpfen des Prometheus“ von 1801 fängt es an, es endet bei der klassizistisch-entspannten Gelassenheit der „Weihe des Hauses“ von 1822, die alle Formdiskussionen souverän hinter sich zu lassen scheint.

Beethovens Ouvertüren: kleine Symphonien, Experimente

Die Kammerphilharmonie Bremen und Paavo Järvi sind in den letzten Jahren durch ihre Interpretationen der Beethoven-Symphonien bekannt geworden. Mit dieser CD wollen sie offenbar weiteres symphonisches Material von Beethoven sichten. Denn das sind die Ouvertüren ja auch: kleine Symphonien, Experimente. Die Bremer setzen das auf berückende Weise um. Weil sie die konstrastierenden Themen, elementar für die Wirkung, so plastisch ausformen. Die herrischen Streichergesten in der „Coriolan“-Ouvertüre etwa, die im schroffen Gegensatz steht zu den elegischen, flehenden Bitten der Frauen, die den abtrünnigen Feldherrn beschwören, Rom nicht anzugreifen. Oder der samtgoldene Streicherklang, die flinken, koboldhaften Holzbläser in der grandiosen dritten Leonoren-Ouvertüre von 1806, die glücksdurchpulste Jubelstretta, in die das alles mündet. Wir erleben hautnah einen Beethoven, der über 20 Jahre hinweg tastet, sich ausprobiert, scheitert – und triumphiert.

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