Thursday, November 16, 2017

Rhetorischer Jungbrunnen

swr.de
Christine Lemke-Matwey
3.11.2017




Schlank, transparent, effizient

Die Kammerphilharmonie Bremen wird gerne angeführt, wenn es darum geht, den Luxuslinern unter unseren Sinfonieorchestern – den Wienern, den Berlinern, den Dresdnern oder auch den großen Amerikanern – etwas entgegenzusetzen: Hört her, es muss nicht immer die klangliche Doppelrahmstufe sein (die ist es bei den genannten auch nicht immer), es geht auch schlanker, transparenter, effizienter. Sogar bei Brahms.


Mut zur Deutlichkeit

Geradezu legendär ist ja der Beethoven-Zyklus, den der estnisch-amerikanische Dirigent Paavo Järvi zusammen mit den Bremern vor ein paar Jahren erarbeitet hat, durchsichtig, unprätentiös und fast immer rasant in den Tempi. An diese Erfolgsgeschichte knüpfen die Musiker nun mit Brahms an, und natürlich fragt man sich, geht das überhaupt, braucht Brahms nicht etwas anderes, mehr Körper, mehr Tiefe und Sentiment, ja, Gefühl? Braucht er sicher, gerade in der als „pastoral“ geltenden Zweiten – und Järvi gibt es ihm. Das heißt, ästhetisch bleibt er sich und den Kammerphilharmonikern treu, wieder geht es klanglich transparent zu und geschmeidig in den Tempi, wieder hören die Musiker extrem wach und sehr genau in die Noten hinein, mit Mut zur Deutlichkeit, zur Schärfe auch.


Juvenile Interpretation
Das Ergebnis ist gleichsam ein rhetorischer Jungbrunnen für den „alten“ Brahms, der natürlich niemals nur alt war oder altbacken oder ein verknöcherter Traditionalist. Mit der Musik des Spätromantikers in keiner Richtung ideologisch umzugehen und sich dem Emotionalen darin nicht zu verweigern, das ist, wenn man so will, Järvis Schlüssel zu Brahms. Und der schließt selbst etwas schwerere Schlösser – wie das zur Akademischen Festouvertüre – mit leichter Hand auf – in einer geradezu juvenilen Interpretation der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi. Zu finden ist sie auf der ersten CD eines geplanten Brahms-Zyklus‘, auf den man sich sicher freuen kann.


CD-Tipp vom 3.11.2017 aus der Sendung „Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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