Monday, February 04, 2008

CD REVIEW: Prokofiev Symphony No 5, Lt. Kije Suite


February 4, 2008



Label: Telarc , VÖ: 25.01.2008

An seiner dirigentischen Erfolgsbilanz gibt es kaum etwas zu rütteln. Er tanzt auf vielen Hochzeiten: als Musikdirektor in Cincinnati, beim neuntältesten Orchester der USA. Hinzu kommen zahllose Gastdirigate bei renommierten Orchesteradressen. Unlängst erfolgte der ehrenvolle Ruf zu den Kammerphilharmonikern in Bremen. Seit Beginn der Spielzeit 2007/08 nimmt er nach der Demission von Hugh Wolff Frankfurts Rundfunksinfoniker unter seine Fittiche. Furore machten die Einspielungen mit Werken von Ludwig van Beethoven – die Siebte lässt förmlich ein Pulverfass explodieren – das Erfrischendste, was in der letzten Zeit vom Erzsinfoniker in die Rillen gepresst wurde (Sony classical).

Der Este Paavo Järvi verkörpert eine sympathische Mischung aus reger Arbeitsökonomie und wohl kalkulierter Emotion – ein von Pultgymnastik unbehelligter Mittvierziger, der Ausgewogenheit in der klanglichen Disposition dem Affekt und der Interessantmacherei vorzieht. Klare Strukturen, leuchtende Farben und kantige Rhythmen stehen Sergej Prokofjews fünfter Sinfonie trefflich zu Gesicht. Wie leicht könnte dieser brillant komponierte, ausdrucksintensive sinfonische Brocken unter den Händen von second class Dirigenten zu laut krachenden Gefühlsbomben entladen. Järvi weiß um diese Gefährlichkeiten. Er serviert das Werk subtil und vital zugleich. Und dies mit einer klanglichen Pracht, die Cincinnatis Symphoniker mit hoher Spielkultur adeln. Wo sich bei Leonard Bernstein die ‘Fünfte’ quasi als eine ‘East Side Story’ im hemmungslosen Gefühlsexhibitionismus austobt, behält Paavo Järvi Maß, nimmt manche Crescendi an die Kandare. Alles wird akkurat ausrhythmisiert und europäisch kernig formuliert. Hier knirscht es sicher nicht mehr so dämonisch wie bei den früheren Werken Prokofjews. Unter den Händen Järvis rollt das einleitende üppig instrumentierte, melodisch getränkte Andante als ein in dunkler Tinta leuchtendes Spiel der Farben vorüber, das im kräftigen Vibrato mit den sich in höheren Lagen hoch windenden Geigen kontrastiert. Dieser nachdenklich-bombastisch anmutende Satz scheint ein Brückenschlag zu sein zu den großen bekenntnishaften sinfonischen Sätzen Schostakowitschs.

Im abrupten Szenenwechsel folgt das Allegro marcato samt fulminant hingezauberten quirligen Figurationen. Mitreißend die kontrastreichen Proportionen, die das Orchester im turbulenten tänzerischen Finalsatz mit allem erdenklichen artikulatorischen Witz vorführt. Das Schlagwerk wetteifert mit knatternder Begeisterung mit den Bläsern. Wie in den letzten Phasen des Satzes das auf Hochtouren flitzende Getriebe die Wirkung einer erfrischenden Droge annimmt, macht die musikalische Aktion zum Ereignis. Da hilft nur noch ein Griff in das Plattenregal zu Paavo Järvis Neueinspielung der 7. Beethoven. Mit diesem umwerfenden Schwung schlägt er Vater Neeme wahrlich um Längen.
Im Sog der Paavo Järvischen Überzeugungskraft präsentiert sich auch die mit überschäumendem musikalischen Witz, Ironie und tragischen Abschnitten angereicherte Sinfonische Suite aus ‘Leutnant Kijé’. Auf Paavo Järvis Einsatz antwortet das Orchester mit finessenreichem Spiel.

Die zweikanalig realisierte Aufnahme lässt an klanglicher Ausgewogenheit keine Wünsche offen. Nur scheint das in englischer Sprache verfasste spindeldürre Booklet nicht recht zu einem hochpreisigen Produkt zu passen. Einen innovativen Tag haben auch die Produkt-Designer nicht erwischt. Die farbliche Anmutung im Erscheinungsbild (grau in grau) weckt optisch kaum Begehrlichkeiten. Das wird dem guten Ruf des Telarc Labels nicht gerecht. Null Bock auf Corporate Design?


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