Wednesday, October 29, 2008

CONCERT REVIEW




October 24, 2008
Musik
Ungarn mit Überraschungs-Finale
VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Kräftige Ungarn-Akzente beim jüngsten HR-Sinfoniekonzert in der Alten Oper: Paavo Järvi dirigierte mit Bravour die beiden Bartók-Meisterwerke "Tanz-Suite" und "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta".
Diese letztere, die Bartók 1936 komponierte, ist eine reife Spätlese folkloristischer Inspirationen, sublim gekeltert durch eine synthetisierende, die Sprach- und Formelemente der Moderne auf höchstem Niveau "aufhebende" Könnerschaft, während die frühere "Tanz-Suite" (mit der poetischen Klammer eines alle Sätze durchziehenden lyrisch-schwärmerischen "Refrains") noch unbelasteter die vitalen Energien der undomestizierten Musiksphäre ausschöpft.
Mit seiner aufmerksamen, die rhythmischen Finessen wie die klangliche Balance (besonders bei den flexiblen Charakteren und Tempi der jeweiligen Schlussätze) klar erfassenden Diktion zeigte Järvi seine besondere Kompetenz für die auf tiefgründige Weise virtuose Idiomatik Bartóks.
Nach so Hochkarätigem war nicht unbedingt zu erwarten, dass die wirkliche Überraschung, ja Sensation dieses Abends erst ganz zum Schluss kam. György Ligetis 1949 komponiertes "Concert românesc", eine orchestrale Imagination rumänischer Motive aus der Frühzeit des in Transsylvanien aufgewachsenen, Ende der fünfziger Jahre zu den deutschen Avantgardisten gestoßenen ungarischen Komponisten. Dessen Abarbeitung an den nationalen Heroen Bartók und Kodály ist im "Concert" überall noch spürbar, und der etwas dröge Kopfsatz verspricht zunächst nichts Exorbitantes. Die raschen Sätze 2 und 4 zeigen indes den "echten" Ligeti in einer nicht bloß zigeunerisch-zünftig angeheizten, sondern hurtig ins Extrem getriebenen dämonischen Virtuosität, mit funkensprühenden, ins Witzig-Skurrile und Atemberaubende überdrehten Instrumentalpointen.
Aus der SchubladeDie im dritten Satz exponierten, zu ruhevollem Hin- und Nachhören einladenden Alphorn-Beschwörungen werden - und das erhebt dieses Stück in den Rang eines Geniestreichs - am Ende des Finales in all dessen Turbulenzen nochmals eindringlich rekapituliert. Ligeti, der nach dem Ungarnaufstand im Westen den problemlosen Schulterschluss zu den Darmstädter Serialisten verblüffend erfolgreich anstrebte, ließ das "Concert" und weitere ähnliche Werke ein halbes Leben lang in der Schublade und gestattete ihr Publikwerden erst in den neunziger Jahren. Ein Glück, dass er sie nicht vernichtete; einzigartige Interessantheiten wären dann verloren gegangen. Hätte er etwa das "Concert" um 1960 in Darmstadt präsentiert, wäre er als kruder Neo-Folklorist (dem freilich auch die östliche Ästhetik keine Chance gegeben hatte) in der Luft zerrissen worden. Diesem unübertrefflichen Konzertfinale (in seinen knappen Ausmaßen einem klassischen "Rausschmeißer") brachten die HR-Sinfoniker mit Järvi nicht bloß diszipinierte Tugenden, sondern alle erdenklichen Facetten entfesselter Spiellust entgegen. Die perfekte Konzert-Dramaturgie zeigte sich vollends in der vor Ligeti eingeschobenen Mozartaufführung - dem Klavierkonzert C-Dur KV 467 mit dem wunderbar klar disponierenden und nuancensicheren Solisten Lars Vogt. Eine völlig andere Klang- und Ausdruckswelt als die des neuzeitlichen Magyarentums. Und gleichwohl, weil in ihrer Art außerhalb von Geschichte und ohne alle Affinität zu Überbietungskonkurrenz, kompatibel auch mit jedem anders profunden musikalischen Ausdruck.

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