Monday, August 30, 2010

Konsumtempel wird Konzertsaal

Montag, 30. August 2010
(Sächsische Zeitung)
Von Ines Eifler und Bernd Klempnow

Ein Jahr nach seiner Schließung öffnete das Görlitzer Jugendstil-Kaufhaus seine Türen – für ein Benefizkonzert der Sächsischen Staatskapelle.


Die Mädchen kreischen im Walzertraum zum Schlagerlärm. Zwei Peruaner spielen Panflöte. Und die Losbudenfrau ruft: „Versuchen Sie ruhig Ihr Glück!“ Direkt neben dem Görlitzer Altstadtfestrummel aber erwacht am Sonnabendnachmittag das Jugendstilkaufhaus, Perle der Stadt, zu neuem, ungewohntem Leben. Der Klavierstimmer Olaf Mehlich streicht über die Tasten des glänzenden Konzertflügels. „Einen Steinway in einem Kaufhaus zu stimmen, das ist einmalig“, sagt er. Es ist der Flügel der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die am Abend im ehemaligen „Hertie“ ein Benefizkonzert für das Görlitz-Zgorzelecer Jugend-Kunst-Projekt „Meetingpoint Music Messiaen“ geben wird. Zum ersten Mal seit der Schließung vor einem Jahr öffnet das Kaufhaus seine Türen. In Windeseile waren alle über 1000 Karten ausverkauft.

Von der Parfümerie aus, die den Eingangsbereich gemietet hat, schauen Leute dem Klavierstimmer zu, viele filmen den ungewohnten Anblick: Ein Kaufhaus wird Konzertsaal. Drei Wochen lang hat der Förderverein des „Meetingpoint“ geräumt, geputzt, für Brandschutz und Technik gesorgt. Wo einst Süßwaren, Koffer und Haarbürsten in Regalen lagen, stehen jetzt Stuhlreihen um eine extra aufgebaute Bühne. Die Ränge, wo früher Kleider und Dessous hingen, sind nun Foyers mit Sekttafeln.

Als die Parfümerie drei Stunden vor Konzertbeginn schließt, hält vorm Seiteneingang der Lkw der Staatskapelle. Orchesterdisponent Matthias Gries weist seine Mitarbeiter an: Die großen Instrumentenkisten ins Kaufhaus, die Anzüge und Kleider in die Kirche gegenüber, wo sich die Musiker umziehen werden. „Wir kommen direkt aus Österreich“, sagt Gries. Dort hatte die Kapelle ihre erste Kurztournee dieser Saison absolviert.

Es war ein scharfer Ritt, den die Musiker innerhalb der ersten Spielzeitwoche hinter sich hatten – erst Konzerte und Opern-Aufführungen in Dresden, dann Flug nach Wien und Konzert beim Festival Grafenegg, retour und dann direkt vom Flugzeug in den Bus nach Görlitz. Besonders das Festival steckte in den Knochen. Dieses Fest ist kein leichtes Terrain. Nur die Creme de la Creme wie das Mariinsky-Theater St.Petersburg oder das Concertgebouw-Orchester Amsterdam tritt dort auf. Doch mit zwei zupackenden Beethoven-Werken im geschmeidigen, warmen Dresdner Sound gewann die Kapelle das verwöhnte Publikum. Die Zuschauer klatschten, bis Solist Rudolf Buchbinder und das Orchester mit Zugaben nochmals begeisterten. Doch das ist schon wieder Musik von gestern. Am frühen Abend trifft der Staatskapellen-Bus in Görlitz ein. Dirigent Paavo Järvi betritt als Erster das Kaufhaus. „Prächtig, luxuriös!“, sagt er, „ich bin auf die Akustik gespannt.“ Albrecht Goetze, Ideengeber des „Meetingpoint“, faltet die Hände, verbeugt sich und dankt dem Esten für den Auftritt zugunsten der „Kids“, die Goetze für Kunst begeistern will. Sie sind ihm so wichtig, dass er die besten Plätze für Schüler reserviert hat.

Nur wenig später ist alles bereit. Paavo Järvi hat das Orchester einige Passagen anspielen lassen und sich von der Akustik überzeugt: „Very fine!“ Goetzes freiwillige Helfer, Sicherheitsleute und Feuerwehr postieren sich an den Türen. Inzwischen ist auch Pianist Rudolf Buchbinder eingetroffen. Der vielbeschäftigte Wiener ist extra für das Benefizkonzert innerhalb einer Woche das zweite Mal nach Sachsen gereist. „Jedes Mittel ist recht, um Kindern Musik ans Herz zu legen“, sagt er. „Außerdem geht es doch hier auch um die Versöhnung der Deutschen und Polen.“

45 Minuten vor Konzertbeginn drängen sich die Menschen vor den Glastüren. „Es ist so weit“, ruft Goetze. Rasch füllt die Menge das Haus, bewundernde Blicke. Einige sind aus Liebe zu ihrem Kaufhaus gekommen. Andere wegen der Musik von Beethoven, die ungemein populär ist. Die meisten wegen beidem. Hannelore Großer, 67, kann sich das Kaufhaus sogar dauerhaft als Konzerthaus vorstellen. Aber auch Albrecht Goetzes Vorhaben, Jugendliche zu erreichen, geht auf. Die 15-jährige Julia Hausmann sitzt auf einem „Schülerstuhl“ und ist „nur wegen der Musik“ gekommen.

Töne bis unters Glasdach

Dann wird es ruhig. Paavo Järvi hebt den Taktstock. Albrecht Goetze, der noch unruhig war, ob der Rummel vor der Tür zwei Stunden lang still sein würde wie versprochen, entspannt sich. Walzertraum und Peruaner sind nicht mehr zu hören. Mit Geigenzauber und Pauken beginnt das Konzert. Die Töne fließen über die prunkvollen Doppeltreppen hinauf bis unters gläserne Dach. „Diese Musik braucht Höhe“, hatte Järvi nach der Probe gesagt. Und dieses Haus ist hoch.

Aber auch Beethovens kraftvolle Fünfte und sein berühmtes Klavierkonzert Es-Dur machen die einst profane Funktion des prächtigen Baus vergessen. Wie den Wienern und den Dresdnern schenken die Musiker den jubelnden Görlitzern am Ende eine Zugabe.

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