Tuesday, January 20, 2015

Jean Nouvels Vogel-Fels

Neue Zürcher Zeitung
Marc Zitzmann
16/01/2015
 
Mit der neuen Philharmonie von Jean Nouvel verfügt nun auch Paris über einen den Anforderungen entsprechenden Konzertsaal. (Bild: PD)
 
Zu weiten Teilen noch im Bau, wurde der langerwartete Musikkomplex im Pariser Nordosten am 14. Januar eröffnet. Sein Konzertsaal ist ein schwebender Traum mit vielversprechender Akustik.
Es ist ein Saal, der Assoziationen an Veloursleder weckt, an das luxuriöse Understatement geschwungener Art-déco-Möbel, an die Zauberwelt der Nixen. Er vermittelt einen Eindruck von Komfort, von Grosszügigkeit ohne Ostentation, von Fremdheit, die nicht verunsichert, sondern fasziniert. Der Saal von Jean Nouvels Philharmonie de Paris, die am 14. Januar eingeweiht wurde, ist ein architektonisches Wunderwerk von einschmeichelnder Weichheit. Gleich einem mentalen Raum in Samttönen versetzt er den Geist des Konzertgängers in einen wohligen Schwebezustand und erzeugt so eine mehr lockere als verkrampfte Aufmerksamkeit. Man lauscht der Musik mit entspannten Nerven und hellwachen Neuronen.

Forcierte Frühgeburt

Das eminent plastische Aussehen des Saals verdankt sich der Anordnung der Sitzreihen und Balkone in langgezogenen, weich verformten Waben rund um die Bühne. Die Horizontalität wird durch stilisiert wolkenartige Reflektoren, die von der Decke hängen, noch verstärkt, erhält durch die rundgeschliffenen, durchweg asymmetrischen Formen aber etwas Fliessendes und zugleich Dynamisches. Nichts hier ist eckig, selbst die breiten Sitze weisen zugleich schlichte und elegante Kurven auf. Von dem vergleichsweise strengen Konzertsaal des KKL Luzern, der dem Schuhschachtel-Prinzip gehorcht, unterscheidet sich der dem Weinberg-Modell der Berliner Philharmonie folgende Pariser Saal grundlegend. Doch auch der grosse Saal von Nouvels Konzerthaus in Kopenhagen wirkt, wiewohl derselben Typologie verpflichtet, kantiger; seine ebenfalls terrassenförmig um die Bühne herum angeordneten Balkone schneiden kristallartige Zacken, wo jene in Paris zu Schwaden zerfliessen.
Als Meister der Farb- und Materialgebung hat Nouvel sich hier selbst übertroffen. Grundton ist das Crèmeweiss der Gipswände und -decke, von dem sich das Tiefschwarz der samtenen Sitze, hölzernen Balkon-Ummantelungen und Trennwände im Rücken der Zuhörer abhebt. Je höher der Saal, desto leuchtender: Das Schwarz wandelt sich in ein blondes Gelb; indirektes Licht erlaubt es zudem, die weissen Flächen in kräftige Farben zu tauchen. Von hohem Reiz ist der Kontrast zwischen der matten Textur der Gipswände und dem glänzenden Lack des Holzes. Letzteres übernimmt die unregelmässigen Stanzmuster von Ersteren, wendet sie aber sozusagen ins Positive: Aus Löchern werden reliefartige rechteckige Ausbuchtungen.
Spektakulär wirkt, dass sämtliche Balkone sich von den Wänden abheben, mit denen sie durch Brücken verbunden sind. Hinter den schalenartigen Trennwänden im Rücken der Zuhörer entsteht so ein zweiter Hohl- und Resonanzraum, der das Saalvolumen auf stolze 30 500 Kubikmeter anhebt. Mittels Vorhängen und eines höhenverstellbaren Schallreflektors kann die Akustik angepasst werden. Auch ist es möglich, die Ränge unter der Orgel abzubauen, die Bühne dorthin zu verlegen und so das Parterre zu vergrössern. Oder aber dieses in ein Stehparterre zu verwandeln, was das Fassungsvermögen von 2400 auf 3650 Zuhörer erhöht. In einer Orchesterprobe, bei der man von einem Platz zum andern wechselte, wirkte der Klang klar und körperhaft, bestach zugleich aber durch einen weichen, warmen Nachhall.
Freilich ist der Saal – wie der ganze Bau – noch in einem Mass unvollendet, das weit über französische Usancen bei Neueröffnungen hinausgeht. Nouvel, der für eine Einweihung im Herbst plädiert hatte, blieb dem Eröffnungsabend demonstrativ fern. Und protestierte harsch: In den letzten Jahren seien Entscheide ohne ihn gefällt worden, das heutige Erscheinungsbild der Philharmonie, das ein «cost killer» mitverantwortet habe, sei eine Mischung aus Pfusch und Sabotage. Es werde viel Zeit und Aufwand brauchen, die Folgen dieser forcierten «Frühgeburt» zu korrigieren.

Ein Haus für Orchester

Von aussen gleicht der Komplex, dessen Fassade und dessen begehbare «Dachlandschaft» vielerorts noch im Bau sind, einem zerklüfteten Felsen. 340 000 stark stilisierte Aluminium-Vögel in sieben Grössen und vier Grautönen tapezieren den Bau, Vorplatz und monumentale Zugangsrampe inbegriffen. Sie evozieren einen Vogelflug, wirken im Winterlicht aber wie ein Tarnkleid: Die Konturen verfliessen, zumal matte und spiegelnde Flächen alternieren, was den Komplex vexierbildhaft entmaterialisiert – ein typisch Nouvelscher Effekt. Im Innern umgeben den Saal auf drei Niveaus Gänge mit Foyer-Funktion, die hier breiter, da schmaler werden, den Schwung der Balkone auf ihre ondulierenden Decken übertragen und entlang streifenförmiger Fensterfronten Ausblicke auf den Vorplatz des Parc de La Villette bieten.
Hier erblickt man auch die benachbarte Cité de la musique von Christian de Portzamparc. Ursprünglich sollte dieses 1995 eröffnete «Centre Pompidou der Musik» neben seinen zwei 650 bis 1400 bzw. 250 Zuhörer fassenden Sälen auch einen grossen Konzert- und sogar einen Opernsaal enthalten. Letzterer wurde an der Place de la Bastille erbaut, Ersterer fehlte Paris seit je. Im Gegensatz zu ausländischen Metropolen (und sogar zu Provinzorten wie Dijon, Grenoble, Metz und Poitiers) entbehrte die Lichterstadt bis jetzt eines modernen Auditoriums mit erstklassiger Akustik.
Die Philharmonie behebt dieses Manko. Und bietet überdies dem Orchestre de Paris endlich wieder ein festes Zuhause. Nicht nur werden dessen Musiker dort proben und all ihre hauptstädtischen Konzerte geben, sie verfügen auch über zwei grosse und vier mittlere Probesäle sowie zehn Studios zum Üben allein, zu zweit oder zu dritt. Nachgerade luxuriöse Räumlichkeiten, die sie mit vier «residierenden» oder «assoziierten» Ensembles teilen werden, von denen zwei ebenfalls ihre Büros vor Ort haben: das von Thomas Zehetmair geleitete Orchestre de chambre de Paris und William Christies Barockensemble Les Arts Florissants.

Boulez' Traum erfüllt sich – zu spät

Die Philharmonie bietet nicht nur Konzerte, sondern auch ein reiches Begleitprogramm für Musikliebhaber «von 7 Monaten bis 107 Jahren». Etwa eine 12-teilige Einführung in die zeitgenössische Musik, eine Schau über David Bowie in dem 850 Quadratmeter grossen Ausstellungssaal oder Schnupperkurse zu klassischen Streichinstrumenten, baskischem Gesang oder E-Gitarre. Der neue Musikkomplex teilt mit der Cité de la musique, mit der er noch heuer rechtlich fusionieren soll und deren Equipe um Laurent Bayle sein Programmkonzept entworfen hat, die Neugier für nichtklassische Musiken jeder Couleur. Auch darin dürfte er sich vom Théâtre des Champs-Elysées abheben, das unter den Pariser Konzertsälen nunmehr den konservativen Gegenpol bildet.
Ist das Ganze tragfähig? Laurent Bayle gibt sich gelassen: La Villette und Umgebung seien sozial stark durchmischt, befänden sich aber im Aufschwung – und in 15, 20 Jahren womöglich gar im Herzen des «Grand Paris». Unverantwortlich wirkt indes, dass die Pariser Stadtverwaltung, die – gleichberechtigt mit dem Staat – das Projekt zu 45 Prozent trägt, kurz vor der Eröffnung ihren Beitrag zum diesjährigen Betriebsbudget verweigert hat. Für 2015, hiess es, fehlten der Stadt infolge einer «brutalen» Senkung der staatlichen Dotationen 400 Millionen Euro, folglich müsse sie den Rotstift ansetzen. Immerhin hat sie inzwischen 6 der versprochenen 9 Millionen Euro zugesagt. Aber das ursprüngliche Betriebsbudget der Philharmonie lag bereits unter jenem der Cité de la musique (35 Millionen Euro), was knapp bemessen schien. Nun sind es noch einmal 3 Millionen Euro weniger – keine idealen Startbedingungen!
Jean Nouvels Vogel-Fels ist wohl das letzte «grand projet» in Frankreich: Die öffentlichen Kassen sind jetzt definitiv leer, auf Jahr(zehnt)e hinaus. Womöglich noch trauriger stimmt freilich, dass der geistige Vater des «Centre Pompidou der Musik», der 89-jährige Pierre Boulez, zu geschwächt ist, um den Saal, für den er seit den 1970er Jahren gekämpft hat, in Augenschein zu nehmen.
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/jean-nouvels-vogel-fels-1.18461951

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