Friday, November 13, 2015

Präzises Zusammenspiel

Suddeutsche.de
Rita Argauer
12.11.2015

Das Orchestre de Paris stiehlt Sol Gabetta die Show
Sol Gabetta hat es mit Camille Saint-Saëns' erstem Cello-Konzert in der Münchner Philharmonie nicht ganz leicht. Das liegt zum einen an ihren musikalischen Partnern. Denn das Orchestre de Paris stiehlt ihr unter der Leitung seines Chefdirigenten Paavo Järvi tatsächlich ein wenig die Show. Aber noch viel mehr liegt das an dem Stück selbst: Eingerahmt von Berlioz' "Symphonie fantastique" und dessen ebenso spektakelfreudiger Konzertouvertüre "Le Corsaire" kann die abstrakte Verlorenheit von Saint-Saëns' Komposition ihre Wirkung kaum voll entfalten.

In der Ouvertüre überzeugen die Pariser Musiker ungemein. Denn dass ein so effektvolles Spiel nicht manieriert oder gewollt wirkt, gelingt selten in solcher Perfektion. Doch das Orchestre de Paris ist ein Klangkörper, der tatsächlich so agiert, als wären die Musiker ein einziges Wesen: Die Präzision des Zusammenspiels der ersten Geigen schon während des rasenden Anfangs und die auf das Genaueste abgestimmten Tempi und Dynamiken verleihen dem Klang einen besonderen und seltenen Glanz. Und Järvi weiß, diesen zu nutzen. Mit Hilfe der im Zusammenspiel so ungemein genauen Musiker gelingen ihm musikalische Spannungsbögen, die faszinieren. Besonders bei einem Komponisten wie Berlioz, dessen Musik durch starke dynamische Kontraste einen besonderen Glanz bekommt.

Anders ist das jedoch bei Saint-Saëns: Natürlich spielen Gabetta und das Orchester hier mit ähnlicher technischer Perfektion. Doch was Berlioz' Musik zum Glänzen brachte, wirkt bei Saint-Saëns' einsätzigem Werk fast etwas zu glatt. Denn das Stück will von sich aus weniger erzählen als Berlioz, es setzt weniger auf Spektakel. Gabetta spielt natürlich toll und vermag die schnellen, fast bipolaren Stimmungsschwankungen der Komposition schön zu färben. Das Orchester begleitet elegant, doch ein wenig mehr Widerhaken im Spiel, etwas, das die Aufmerksamkeit fängt und polarisiert, hätte gut getan.

Bei Berlioz' "Symphonie fantastique" braucht es das nicht. Hier entwickelt das glasklare Spiel des Orchester erneut seine Strahlkraft. All die in die Musik hineinkomponierten Bilder erscheinen anschaulich, was das Publikum mit donnerndem Applaus belohnt.

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