Friday, January 26, 2018

Paavo Järvi: Dirigenten sind wie Rotwein­

crescendo.de
Barbara Schulz
23.01.2018



Über die Kunst des Reifens, die Verlockung Estlands und die Kraft musikalischer Brückenschläge – ein Gespräch mit Dirigent Paavo Järvi.

crescendo: Herr Järvi, Sie haben einmal gesagt, man müsse logisch an ein Werk herangehen. Ist das Ihre Art zu interpre­tieren?
Paavo Järvi: Nicht unbedingt. Aber Musik hat eine innere Logik, die muss man verstehen. Natürlich gibt es nichts Langweiligeres als die pedantische, analytische Aufführung eines Werks. Und man kann es hören, wenn ein Dirigent die innere Logik eines Stücks nicht verstanden hat. Jeder Komponist schreibt ein Stück mit einer genauen inneren Logik im Kopf, das muss man als Dirigent wissen. Als Hörer nicht. Denn in der Aufführung selbst passiert das Gegenteil: Es soll natürlich und organisch sein und nicht akademisch.

Sie haben ursprünglich Schlagzeug gelernt. Hilft das beim Dirigieren?

Ja, Rhythmus ist das Wichtigste in der Musik überhaupt. Das gilt für alle Musiker. Damit meine ich nicht das klassische Taktschlagen, sondern dass man diesen inneren Sinn für Rhythmus im Blut haben muss. Ein Orchester, das rhythmisch nicht völlig klar ist, kann auch die Essenz von Musik nicht transportieren, egal, ob bei Wagner, Beethoven, Strawinsky oder in der Barockmusik.

Noch ein Zitat von Ihnen: „Dirigenten werden mit den Jahren wie Rotwein immer besser“ …

Definitiv. Dirigieren ist kein Job, es ist ein echter Beruf – im besten Sinne. Und Erfahrung ist essenziell! Es geht um Weisheit. Und für die muss man Erfahrungen und Fehler machen. Musikalische, vielleicht auch persönliche. Ein Beispiel: Bernard Haitink. Er macht nicht viel, nur sehr kleine, konzentrierte, fast minimalistische Bewegungen – und doch macht er alles. Er hat so viel Erfahrung, Weisheit und Wissen, wie man etwas formen und gestalten muss. Das hilft, die Dinge anders zu sehen. Ja, irgendwie ist es ein Beruf für die zweite Lebenshälfte.

Und was ist mit Champagner?
Je älter ich werde, umso notwendiger finde ich es in der Musik, Spaß zu haben, zu genießen, loszulassen – eines der schwersten Dinge überhaupt. Hat man ein Orchester vor sich und etwa 3.000 Leute hinter sich, dann ist Loslassen ein ziemlich riskantes Geschäft. Es aber nicht zu tun, ist auch nicht der ultimative Weg zu einer guten Aufführung. So ist es ein persönlicher innerer Kampf, wie sehr man es kann und will. Natürlich auch eine Frage dessen, wie eng die Beziehung mit dem Orchester ist. Mit dem eigenen lässt man sich auf andere Risiken ein als mit einem, das man nicht kennt. Es ist eine komplett andere Art zu dirigieren.

Was ist mit den nationalen Unterschieden von Orchestern?

Es ist unmöglich, von der Gesellschaft, in der man lebt, nicht beeinflusst zu sein. Insofern besteht offensichtlich eine Beziehung zwischen der Tatsache, aus welcher Kultur das Orchester kommt und wie es funktioniert. Gleichzeitig gibt es natürlich sehr integrative und gemischte Orchester – ein Mikrokosmos, in dem ein ganz eigener Sound kreiert wird.

Wie bei dem von Ihnen gegründeten Estonian Festival Orchestra …

Das Orchester ist einzigartig für mich, weil es ein Herzensprojekt ist: Ich bin Este, ich bin weggegangen aus Estland und wiedergekommen. Ich glaube, ich kann nützlich sein, um Estland und seine Musiker populärer zu machen. Estland ist so klein, aber seine geographische Lage ist fantastisch. So viele Menschen wollten dieses Stück Land haben. Wir waren besetzt von den Schweden, den Dänen, zweimal von den Russen, zweimal von den Deutschen. Jeder im finnischen Krieg wollte diesen Zugang zum baltischen Meer, dieses Fenster nach Europa. Und die estnische Geschichte ist eine europäische Geschichte, eng verbunden mit der unserer baltischen Nachbarn, mit Skandinavien, Russland und Deutschland.

Auch der Ort des Festivals, Pärnu, hat eine Geschichte …
Ich bin im russischen Teil Estlands aufgewachsen, mit einer ausgesprochen hohen Dichte an Musikern, die alle unter dem sowjetischen System litten. Viele von ihnen verbrachten ihre Sommer in der kleinen Stadt Pärnu, dem Spa Estlands. Dort traf man Oistrach, Rostropowitsch, Roschdestwenski, Gilels, Schostakowitsch. Ich dachte also, es wäre logisch, mit einem nicht-estnischen Album zu beginnen, zugleich aber mit etwas, das mit unserer Geschichte und diesem Ort zu tun hat. Und letztlich sind wir doch eine musikalische Organisation, die internationale Brücken bauen will. Wir haben Musiker von überall her. Das Orchester ist nicht limitiert auf Esten.

Ab Januar 2018 gehen Sie mit dem Orchester erstmals auf Tournee.
2018 ist ein ganz wichtiges Jahr, denn unsere Unabhängigkeit wird 100 Jahre alt – so jung sind wir. Ein Meilenstein. Deshalb dachte ich, es sei die richtige Zeit, zum ersten Mal auf Tournee zu gehen und dieses Orchester vorzustellen. Der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür hat seine neue Sinfonie für uns geschrieben, wir spielen Schostakowitsch und vieles mehr – es ist das erste Outing für unser Orchester.

Daneben stehen auch Brahms, Sibelius und Pärt auf dem Programm.
Als ich das Estonian Festival Orchestra gegründet habe, war mir sehr wichtig, dass es in seinem Repertoire nicht festgelegt ist. Natürlich werde ich gefragt, warum unser Fokus nicht auf estnischer Musik liegt. Aber es ist ja kein estnisches Orchester – es ist ein europäisches Orchester. Pärt, Sibelius, Schostakowitsch und Brahms zusammenzubringen, ist insofern sehr wahrhaftig.

Der Spirit des Orchesters ist also Vielfalt?
Genau das. Zugleich ist er von der Grundzügen her sehr idealistisch. Wir alle wissen, dass wir die Welt nicht verändern können. Aber wir können die Botschaft in die Welt hinaustragen, dass die Musik Brücken schlagen kann. Die Politiker aus aller Welt machen ihren Job im Moment nicht gerade gut. Und so ist es von uns eine symbolische Geste, unserem Bestreben angemessen Ausdruck zu verleihen, die Leute durch menschliche Qualitäten zu vereinen.

Im Grunde nichts anderes als Barenboims Orchester des West-Östlichen Divans.

Ja, die Botschaft ist: Vereinigung. Barenboim ist brillant, ein Vorbild für mich. Er hat den Mut und die Ausdauer, die Botschaft wirklich voranzutreiben und nicht nachzulassen. Es gibt so viele Plätze auf der Welt, wo es gut ist zu heilen.

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