Sunday, July 26, 2020

Ein Verrückter mit Mission: Paavo Järvi, Chefdirigent in Zürich, betreibt im estnischen Pärnu dirigierend Politik

Luzerner Zeitung
Christian Berzins aus Pärnu, Estland
25.07.2020

Die Zeit, von den Dünen aufs Meer hinaus zu blicken, hat Paavo Järvi während des Festivals in Pärnu nicht.
Bilder: Kaupo Kikkas

Paavo Järvi, Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, leitet in seiner Heimat ein Festival und zeigt mit dessen Orchester Spitzenleistungen.

Wenn die Zürcher und Zürcherinnen ihren Chefdirigenten Paavo Järvi verstehen wollen, müssen sie zuerst akzeptieren, dass er verrückt ist. Grossartig verrückt! Zu welchen Hexereien er fähig ist, zeigt der 57-Jährige in seiner Heimat Estland. In Pärnu – einem Kaff mit Bäderhotels, ewiglangem weissem Strand, farbigen Holzhäusern, Alleen, einem Grand Café und drei Einkaufszentren - machte er aus einem unbedeutenden sowjetischen Festival ein einzigartiges, und estnisches. Mit Haut und Haar.

Järvi steht innerhalb von acht Festivaltagen fünf Abende auf dem Podium. Daneben leitet er stundenlange Dirigenten-Workshops, ist bereit für einen Nacht-Talk auf dem Podium und zeigt sich an den Partys des Orchesters genauso stilsicher wie an den Empfängen von Ministern. Warum?

Järvi verfolgt eine Mission. In und für Pärnu schlägt sein Herz – hier wallt sein blau-schwarz-weisses Blut. Naturgemäss würde Järvi nie so chauvinistisch sprechen, aber man fühlt es, man hört es.

«Ich verliess das Land mit 17. Aber ich habe meine tiefen ­Wurzeln hier.»

Esten unter sich: Pianist Kalle Randalu, das Kammerorchester Tallinn und Dirigent Paavo Järvi. Auf die Frage, warum er sich auch noch mit dem dirigierenden Nachwuchs befasse, sagt Paavo Järvi: «Weil sie dann besser werden!»
Bilder: Kaupo Kikkas

Als Estland 1991 von den Sowjets befreit war, bean­tragte Paavo Järvi den estnischen Pass, die Steuerresidenz blieb Palm Beach, Florida. 

Sein Vater Neeme dirigierte vor 50 Jahren in Pärnu, als man noch vom David-Oistrach-Festival
sprach. Die Helden der Arbeit genossen es im Sommer, fernab von Moskau West-Luft zu schnuppern. 2009 übernahmen die Järvis: Paavo, Bruder Kristjan, Schwester Maarika – und wie einst Neeme.

Zu meinen, dass der Familienknäuel oder die Dichte des Festivals das Haar in der Suppe seien, wäre falsch: Die ­Järvis geben dem Festival ein Gesicht, und jedes der Konzerte ist von einem unbändigen Willen beseelt und von intensiver Probenarbeit gestützt.

Bemerkenswerter Durchlauf zur Weltspitze

Fundament des Festivals ist sein Orchester, das innerhalb von zehn Jahren zu einem Topklangkörper reifte und seinem Vorbild, dem Budapest Festival Orchestra, prächtig nacheifert. Der Durchlauf zur Weltspitze ist umso erstaunlicher, als diese Gemeinschaft bloss zehn Tage in Pärnu und auf einer dem Festival folgenden Tournee existiert.

Das Modell kennen wir auch aus Luzern. Dort hat man um Claudio Abbado herum im Jahr 2003 das Lucerne Festival Orchestra ­geschaffen. Die «Frankfurter Allge­meine Zeitung» behauptete diese ­Woche keck, dass Järvis Orchester das Niveau habe, wie es das Luzerner unter der Leitung Abbados einmal hatte. Hatte...

Im Unterschied zu Abbados Orchestergründung hat Järvi nicht einfach den Ort mit den besten Bedingungen (und hohen Gagen) dafür ausgewählt, sondern quasi das Gegenteil.

Egal: Florian Donderer war von Beginn weg der Konzertmeister – und Järvis rechte Hand. Beeindruckend, mit welcher Ruhe und Autorität der Konzertmeister der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen bisweilen einer Phrase eine neue Richtung gibt. Nach einem langen Probentag setzt sich Donderer beim Konzert des Jugendorchesters und den Dirigenten-Schülern ans hinterste Pult und spielt Dvořáks 6. Sinfonie mit.

Diese Gesten und Grossartigkeiten zeugen von Järvis Geist. Da hat der Dirigent am sechsten Festivaltag Mendelssohns 1. Sinfonie so stürmisch belebt, dass sie klang wie vier «Italienische» zusammen, schon steht er entspannt auf dem Balkon des Konzertsaales, um mit dem Kulturminister zu plaudern. Keine 15 Minuten später taucht er im T-Shirt beim Empfang an der Bar auf und schmunzelt mit halben Auge ob des Lobes, das von allen Seiten auf ihn niederprasselt: da ein Ellbogenschlag, dort eine Coronafaust.

Typisch Pärnu: Man ist nicht in einem kristallleuchterbehangenen Saal eines Fünfsternehotels, wo nur die Festival-Elite zugelassen ist, sondern im Restaurant eines Einkaufszentrums. Man nimmt, was die Sponsoren geben, der Stimmung tut das keinen Abbruch. Wer um 1.30 Uhr nach Hause geht, gehört zu den Ersten. Ob man getanzt habe, werden wir am Morgen gefragt. Und die Festivalagentin schreibt, dass letztes Jahr eine Gruppe nach Mitternacht im Meer schwimmen ging.

«Und um 10 Uhr zur Probe»?, möchten wir fragen, schweigen aber, denn wir haben schnell gelernt, dass in Pärnu eine Frage tabu ist: «Wann schläft ihr?» Allerdings gibt es Gerüchte aus dem Kulturministerium, dass es Paavo Järvi jeweils am Nachmittag tut. An welchem Nachmittag bloss?, fragen wir uns, denn Montag, Dienstag Mittwoch steht er pausenlos im Saal. War es am Sonntag, als Bruder Kristjan die Dirigierklasse allein betreute?

Anderswo arbeitet Järvi still, in Pärnu treibt er (Kultur-)Politik. Stolz sagt er, dass beim Festkonzert 17 von 18 Kulturministern, die seit der Revolution regierten, im Saal waren – der Einzige, der fehlte, war der verstorbene Komponist Lepo Sumera. «Damals vertraute das Volk keinem Politiker», lächelt Järvi.
«Es brodelt unter der Decke, klar»

Die Politik ist in Estland ein heikles Thema, vor allem für einen liberalen Menschen. Viele Esten verspüren nach wie vor Hass auf die Russen, die ehemaligen Besetzer. Das wissen Politiker auszunutzen. 

«Es brodelt unter der Decke, klar. Die Leute vergessen den russischen Terror nicht. Gegen die russische Politik habe auch ich viele Vorbehalte, aber das russische Volk ist uns nahe – vor allem die Russen, die seit Jahrzehnten hier leben.»

Järvi spricht von einer Art Selbstverteidigung der Nationen: Wenn es Probleme gibt, mobilisiere man sich und kämpfe gegen den «Feind»: «Aber die Russen sind genauso gut oder normal wie andere Menschen. Ihnen geht es noch schlechter: Schauen Sie die Gewalt gegen Journalisten und andere Gruppen an. Ich bin nicht naiv, wir verändern hier nicht die Welt, aber Kunst und Kultur können Menschen zusammenführen – auch Esten und Russen.»

Aber auch bei ihm gilt: «Esten zuerst» – und das hat 2020 nicht nur mit Corona zu tun. Järvi lässt in fast jedem Konzert estnische Musik spielen, von Pärt bis Sumera. «Ich will estnischen Komponisten helfen, aber das ist keine chauvinistische Sache. Ich bin in einer Position, in der ich dem Land etwas Positives bringen kann. Das Festival gibt mir die Möglichkeit, mich mit vielen tollen jungen estnischen Musikern zu verbinden: Das hilft ihnen und mir. So werde ich Teil des Musiklandes.»

Es erfüllt Järvi mit Stolz, wenn er sieht, dass das Musikleben Estlands dank des Festivals und des Orchesters wahrgenommen wird. 

«Wir wurden eine Kulturdestination für gewisse Leute. Das ist grossartig.»

Und dringend nötig, denn die benachbarten Letten singen und spielen sich locker aufs Podest der drei baltischen Staaten: Weltstars noch und noch. Inklusive Dirigenten.

Und als ob er den Letten die Vormacht streitig machen wollte, stürzt er sich mit Inbrunst in den Dirigier-Meisterkurs mit einem Dutzend estnischer Talente. Macht einer zu wenig, springt er los wie ein Panther, lenkt, beschwört das Jugendorchester, (s)einen Klang gross werden zu lassen. Auf die Frage, warum er das alles tagelang mache, schaut er mit grossen Augen und sagt: «Weil sie dann besser werden!»

Jemand mit einem solchen Geist hat dem Tonhalle-Orchester bisher gefehlt, um doch noch unter die zehn Besten der Welt zu kommen. Järvi ist jener Diri­gent, der nicht nur die Zeit mit Vorgänger Lionel irgendwer in wenigen Monaten vergessen machte, sondern auch die verklärten Jahre mit David Zinman überflügeln wird. Järvis Schwärmen über das Tonhalle-Or­chester ist keine Schmeichelei, sondern er weiss: Zürich kann auch ihm zu einem weiteren Karriereschub ver­helfen. Vielleicht hilft es am Ende auch Estland.

https://www.aargauerzeitung.ch/kultur/ein-verrueckter-mit-mission-paavo-jaervi-chefdirigent-in-zuerich-betreibt-in-estland-dirigierend-politik-138543504

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