Tuesday, September 05, 2006

CD REVIEW: Britten/Elgar, Cincinnati Symphony

How's this for irony? Even though its release date is not until September 26 in the U.S., the first review of Paavo and the Cincinnati Symphony's new Britten/Elgar CD is in ... German! Here it is, from klassik.com:
Britten, Benjamin The Young Persons Guide to the Orchestra, Op. 34

Orpheus Britannicus im Bombast-Sound

Kritik von Erik Daumann, 04.09.2006
Interpretation: 4 out of 5 stars
Klangqualität: 4 out of 5 stars

Man mag schon erschrecken, liest man sich durch die technischen Informationen, die so eine Telarc-CD immer gerne bereit hält. Da ist von ‚EMM Labs Switchman MK’, von ‚UpState Audio Lens 20/20’ und gar vom ‚Monster Cable’ die Rede. Das heißt, mit Hilfe noch weiterer komplizierter Komponenten, übersetzt: der aufnahmetechnische Supersound, mit dem Telarc seit bereits sehr vielen Jahren beim Hörer punkten kann. Nie wird bei den akustischen Orgien gekleckert, sondern geklotzt. Dass bei all dem, mitunter durchaus synthetisch wirkenden Klangpanorama, immer wieder, ja sogar sehr oft der Sound mehr Gewicht bekam als die eigentliche musikalische Substanz, hat Telarc auf zahlreichen Veröffentlichungen hörbar gemacht. Es gab Aufnahmen, bei denen die Präferenz eindeutig beim Sound und nicht in der musikalischen Qualität lag. Inzwischen schließen sich beide nicht mehr aus. Wenn nun Paavo Järvi mit seinem Cincinnati Symphony Orchestra die mittlerweile zehnte Scheibe für Telarc aufgenommen hat, so lässt sich dieser Weg oder die besser die Gratwanderung zwischen akustisch Machbarem und musikalischer Qualität sehr gut nachzeichnen.

Keine Experimente

Paavo Järvi liebt das oft gespielte Repertoire und bei den Aufnahmen mit dem Cincinnati Symphony Orchestra will er offenbar keine Experimente eingehen, selbst wenn er sich dadurch permanent dem Vergleich mit anderen Einspielungen aussetzen muss. Für die vorliegende Aufnahme hat er ein rein britisches und wahrlich nicht selten eingespieltes Programm ausgewählt: Brittens ‚The Young Person’s Guide to the Orchestra’, die ‚Sea Interludes’ aus der Oper ‚Peter Grimes’ vom selben Komponisten sowie Edward Elgars ‚Enigma-Variationen’. Schön und gut. Zahlreiche andere Sammelprogramme enthalten eben diese Werke auch. ‚Was’, so fragt sich der Hörer, ‚macht Paavo Järvi anders, dass diese Aufnahme überhaupt gerechtfertigt ist?’

Kleine Experimente

‚The Young Person’s Guide to the Orchestra’, von Benjamin Britten in durchaus pädagogischer Absicht geschrieben, ist zugleich ein in Töne gesetztes Grußwort des zweiten ‚Orpheus Britannicus’ Britten an den berühmten ‚Orpheus Britannicus’ Henry Purcell. Für ein Kind kann Brittens Orchesterführer die erste Begegnung mit klassischer orchestraler Musik sein. Und genau hier setzt Järvi an. Denn er besinnt sich des pädagogischen Zwecks des Stücks, trotzdem er die Fassung ohne den gesprochenen erläuternden Text eingespielt hat. Wie in abgeklärter Würde präsentiert Järvi den ‚Young Person’s Guide’, lässt sich mehr Zeit, das Thema und seine Variationen vorzustellen und weniger Zeit, um die Bindetakte markierter zu setzen, so dass die Variationen nahezu hastig aufeinander folgen. Das eigentliche Profil gewinnen die Variationen dann aber durch Järvis Detailarbeit an der Partitur, gerade so, als schlage er das große Lehrbuch über den Klangcharakter der jeweiligen Instrumente auf. Das Cincinnati Symphony Orchestra spielt in jeder Gruppe mit äußerster Präzision, weicher, manchmal zu weich ausgespielter Phrase und runder Klangschönheit. Järvi gibt dem Orchester Zeit, die Musik fließen zu lassen und dem Hörer die Zeit, das Thema von Purcell in den Variationen verfolgen zu können. Dass die gediegenen Tempi, die Faktur hier und da verwaschen, trübt die ansonsten bemüht stringente Einspielung, die eine wirkliche Enttäuschung letztlich nur in der Fuge am Ende des Werks ist. Wo sich Purcells Originalthema und Brittens Fugenthema kontrapunktisch überlagern, vermag es Järvi nicht, dem Orchester den nötigen Glanz und kernige Präsenz abzuluchsen. Die Blechblsäereinsätze klingen wie auf Watte gebettet, wo sie sich doch klar vom Fugenthema abgrenzen sollten.

Järvis Anliegen, die Schichten der Partitur hörbar zu machen, wird dann vor allem erkennbar in den ‚Four Sea Interludes’ aus ‚Peter Grimes’. Auch hier lässt er ungewöhnlich langsame Tempi walten und läuft Gefahr, den stringenten Zug zu verlieren, auch wenn er hörbar bemüht ist, die ‚Sea Interludes’ klangdramatisch im Kontext der Oper zu verorten. Es ist nicht zuletzt dem herausragend homogen spielenden Orchester zu verdanken, dass die vier Zwischenspiele Charakter und Binnenspannung besitzen. Der ‚Morgendämmerung’ gesteht Järvi eine implizite Bedrohlichkeit zu. Was hier evoziert wird, ist nicht die Unschuld der frühen Stunde, sondern das Fanal des unabwendbaren Schicksals des Protagonisten Peter Grimes, von den Blechbläsern ungemein tief ausgelotet und von der großen Trommel magenkitzelnd profiliert. Die Betonung der Tiefe und der tiefen Register prägt auch den ‚Sonntagmorgen’ mit dezidiert angeschlagenem Gong und Glocken, die Järvi derart überinterpretiert, dass man meinen könnte, hier würde zur Messe einer riesigen Kathedrale und nicht zum Gottesdienst in einem windschiefen Kirchlein eines englischen Fischerdorfes geläutet. Die perkussiven Momente fordert Järvi zudem auch im ‚Sturm’ ein. Er macht daraus keinen Sturm von Naturgewalten, sondern eine Art ‚Sturm auf die Bastille’, wie Kanonenschläge peitschen Pauken und große Trommel in die Textur des Stücks.

Der eigentliche Glanzpunkt der CD ist Paavo Järvis Interpretation der ‚Enigma-Variationen’ von Edward Elgar. Er zeichnet mit dem Cincinnati Symphony Orchestra mit feinem, detailverliebten Pinsel ganz plastische Charakterstudien. Man höre nur, wie in Variation IV das spielerische Moment Oberhand gewinnt, wie in Variation V die Phrase ungemein weit und ergreifend schön ausgespielt, ja nachgerade ausgesungen wird. Järvis Herausarbeiten der gleichsam in Töne gesetzten Marotten und der Facettenreichtum der musikalisch Porträtierten evoziert den Anschein eines geradezu Mona Lisa’schen Lächelns: wenn man glaubt, den Charakter des Porträtierten erfasst zu haben, entzieht er sich durch Impulse schaffende, leichte Tempoverzögerungen. Es sind genau diese Impulse, die Järvis Interpretation der ‚Enigma-Variationen’ zu einem Ereignis werden lassen, weil sie der Musik als Ganzem gut tun, weil sie Elemente des Apollinischen und Dionysischen auf ganz subtile Weise ausbalancieren. Die Schichten der Musik hörbar zu machen ist auch hier Järvis Anliegen und er fördert zutage, was anderen der zahlreichen Aufnahmen abgeht: die Transparenz der Harmonik. Man erkennt die ‚Enigma-Variationen’ oftmals an ihren rhythmischen Komponenten, kann aber das harmonische Potential nicht genügend würdigen. Dem bereitet Järvi ein Ende. Das Cincinnati Symphony Orchestra formt die Harmonik sehr subtil und fein ziseliert heraus und arbeitet klanglich Dinge heraus, über die in anderen Aufnahmen schlichtweg hinweginterpretiert wird.

Wenn der bombastische Supersound noch eine Entsprechung auf der Ebene der Booklet-Gestaltung hätte, könnte Telarc noch mehr punkten. Ein mehrsprachiges Booklet und ein wenig mehr profunder Text wären sehr wünschenswert.
Järvi mit einem faden Britten, aber exzellentem Elgar.

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