Wednesday, September 23, 2009

Intensives Bekenntnis zu Mahler

Konzert der hr-Sinfoniker

Offenbach-Post vom 11. 05. 2009
KLAUS ACKERMANN

Als Eliahu Inbal Mitte der 1980er Jahre mit dem hr-Sinfonieorchester (damals Radio-Sinfonie-Orchester) sämtliche Sinfonien Gustav Mahlers zyklisch aufführte, war das eine Pioniertat. Denn der letzte große Spätromantiker schien nahezu vergessen, was man sich heute kaum vorstellen kann. Seither ist der HR eine Art Klang-Hort der Mahler-Pflege.

Hatte Chefdirigent Paavo Järvi in der vergangenen Saison noch Mahlers sinfonische Einzelsätze vorausgeschickt, so gestaltete er jetzt mit der "Auferstehungs-Sinfonie" ein Bekenntniswerk in Mahlers Sinn: als packendes Musikdrama ohne Szenerie, das den Raumklang akribisch ausreizte. Mit einem Orchester, dessen Durchschlagskraft und Intensität bannte. Mit dem spanischen Chor Orfeón Donostiarra, der noch an den leisen Stellen Klangfülle bezeugte. Und mit den Gesangssolisten Natalie Dessay sowie Alice Coote, die den Lied-Charakter berückend innig ausstellten.

Tiefe Cello-Einschnitte durchziehen ein Klanggefüge, dessen Quint- und Oktav-Motive die gewisse Leere anzeigen. Als stehe Mahlers Held, der hier zu Grabe getragen wird, für die Vergeblichkeit des Seins. Ein Trauermarsch mit orchestralen Haltepunkten und lichtem Streicherschimmer. Doch bevor Järvi und Mahler einen klanglich realistischen Herzstillstand des dauerhaft Getriebenen inszenieren, hat die Wirklichkeit der Alten Oper das Geschehen eingeholt. In Form eines unüberhörbaren Handy-Tons.

Dann ein typischer Mahler-Ländler, auch gezupft oder in dramatisches Moll gewendet, wie eine sehnsüchtige Erinnerung an bessere Tage. Konterkariert von einer gespenstischen Maskerade,
ebenfalls im Dreivierteltakt, in die doppelt besetzte Kesselpauken wie Donnerschläge fahren. Der keine Klanghärten und -schärfen fürchtende Järvi und die hoch motivierten Bläser misstrauen allen glättenden Effekten. Der von Mahler geforderte Fernklang - auch von der hohen Empore - gewinnt Allgegenwart, ein infernalisches Orchestergebrüll, das nur von gläubiger Beschwörung der Auferstehung in Schach gehalten wird. Doch vor Klopstocks Ode "Auferstehen, ja Auferstehen wirst du" entführt die britische Mezzosopranistin Alice Coote per poesievollem Gesang in transzendentale Sphären: "O Röschen rot!" aus der "Wunderhorn"-Sammlung, die Mahler so liebte.

Vom baskischen Chor mit feinster dynamischer Nuancierung verinnerlicht, wird Glaube zur sinfonischen Gewissheit. Und fürs zwischen Choral und Hymnus aufbegehrende Finale - Natalie Dessays opernartig deklamierender Sopran inbegriffen - ziehen Järvi und das hr-Sinfonieorchester alle Register. Samt Jericho-Posaunen, Orgelbrausen und Glockenklang: Keine Chance für böse Geister - oder ungläubige Zweifel ...

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