Tuesday, December 04, 2012

Grabdenkmal und reiner Ton

Kreiszeitung.de
02/12/2012

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Schostakowitsch und Mozart.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Seine Sinfonien seien „Grabdenkmäler“ sagte Dmitri Schostakowitsch über seine 15 Sinfonien, Grabdenkmäler als Dokumente des Leidens unter staatlichen Repressionen, denen der russische Komponist zeitlebens ausgesetzt war.
© Foto: Ixi Chen
Paavo Järvi
 Früh geriet er ins Visier von Stalins Verfolgungen, rettete mit der fünften Sinfonie 1937 regelrecht sein Leben und fiel 1948 mit den Kulturbeschlüssen der Partei erneut in Ungnade. Gleichwohl zwang man ihn zum Eintritt in die kommunistische Partei. Und nun erklang mit der Deutschen Kammerphilharmonie seine letzte, die 15. Sinfonie in A-Dur, die er 1971 vier Jahre vor seinem Tod schrieb.

Vieles ist rätselhaft in diesem erschütternden Spätwerk, so das Zitat aus Rossinis „Wilhelm Tell“, das von Brünhildes Todesankündigung an Sigmund aus Wagners Walküre, das Tristan-Zitat, die Zwölftonelemente und vieles mehr. Paavo Järvi setzte mit dem phänomenal aufmerksamen Orchester und extremen Tempi im ersten Satz auf Wut und Aggressivität, formte in den folgenden Sätzen vor allem die zahlreichen „Löcher“ und den Stillstand, die das Komponieren selbst infrage stellen: So als wüsste der Komponist nicht mehr, wie es weitergeht und ob es überhaupt weiter geht. Dies vor allem im letzten ausgedünnten Satz. Eine tief bewegende Wiedergabe, die, wenn nicht alles täuscht, den Dirigenten selbst erschütterte. Die „tiefe unaufdringliche Verzweiflung“, die Joachim Kaiser einst stellte, verwandelte Järvi in eine in bestem Sinne „aufdringliche“: alle Huster waren verstummt. Man versuchte sich vorzustellen, wie das Werk in der von Schostakowitsch geforderten Besetzung mit 16 ersten Geigen geklungen hätte – hier waren es nur zehn. Inhaltlich bemerkenswert in einer unendlichen Einsamkeit: das Flötensolo von Bettina Wild und noch mehr das Cellosolo von Tanja Tetzlaff und das Violinsolo von Florian Donderer. „Bitte setzen Sie sich dieser Musik aus, wann immer Sie ihr begegnen“, forderte 1984 der Komponist Wolfgang Rihm. Dem kann man nur erneut zustimmen.
© Foto: MillerHilary Hahn
Forsch und kraftvoll dagegen die eingangs gespielte Ballettmusik zu „Idomeneo“ von Mozart. Regelrecht etwas zu wuchtig gespielt folgten dann aber doch filigrane kammermusikalische Abschnitte. Und die Geigerin Hilary Hahn, seit 2006 eng mit dem Orchester verbunden, interpretierte Mozarts Violinkonzert A-Dur, KV 219. Ihr großer Name basiert auf der schwer beschreibbaren glasklaren Schönheit und Ebenmäßigkeit des Tones, die sie wie unter einer zerbrechlichen Glaskugel zelebriert. Gelegentlich fehlt das Existentielle, das sie dann im wild-chromatischen Mittelteil doch überzeugend herausbrachte. Wenn Mozart über sein eigenes Violinspiel an den Vater schrieb: „Es gieng wie öhl. Alles lobte den schönen reinen Ton“, so könnte man diesen Satz für Hahns wunderschöne Wiedergabe hier wiederholen. Und ebenfalls wunderbar, wie Järvi, der kürzlich bekanntgab, dass er so lange bei dem Orchester bleiben wird, wie dieses ihn will, die zarten Impulse von Hahn aufnahm und zurückgab. Besonders viel Beifall für das Programm.
 http://www.kreiszeitung.de/nachrichten/kultur/lokal/grabdenkmal-reiner-2647130.html

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