Thursday, March 02, 2017

NHK Orchestra in Berlin: Sachlich im Gralstempel


klassiker.welt.de
Manuel Brug
1. 03.2017

Na klar, alle internationalen Orchester kommen gerne in die Suntory Hall in Tokio, die gerade ihren 30. Geburtstag gefeiert hat und deren Vorhof ein Salzburger Straßenschild als Herbert-von Karajan-Platz ausweist. Aber für die japanischen Orchester, die eher selten auf Europatournee gehen, gibt es gleich zwei Gralstempel, in denen sie unbedingt mit den höheren Weihen der Klassikwelt gesalbt werden wollen: den Wiener Musikvereinund die Berliner Philharmonie. Der Musikverein kommt für das NHK Symphony Orchestra, Japans führenden Klangkörper, diesmal gar nicht dran, aber am 7. März spielen sie immerhin im Wiener Konzerthaus. In Hans Scharouns heiliger Klangschüssel aber war man eben. Zum ersten Mal seit 11 Jahren und zum ersten Mal mit dem in der zweiten Spielzeit amtierenden Chefdirigenten Paavo Järvi, der den bereits 2007 dort ausgeschiedenen Vladimir Ashkenazy beerbt hat. Und man hörte es: Järvi, ein exzellenter Orchestererzieher hat viel vor. Schließlich steht der vielbeschäftigte Este ausnahmsweise nur einem einzigen Orchester vor (bei der deutschen Kammerphilharmonie Bremen richtet man sich ganz nach seinem Terminkalender und beim Estnischen Nationalorchester fungiert er hauptsächlich als Berater).


Den Auftakt in dem ungewöhnlich anspruchsvollen Tourneeprogramm machte die von Järvi gern gebuchte Janine Jansen mit Mozarts 3. Violinkonzert. Während das klein besetzte Orchester sich bei dieser Musik richtig nackich machen musste und noch ein wenig verspannt (und leicht unsauber am Anfang) klang, spielte Jansen geschwindig, klar, ohne exaltierte Ausschläge. Ein Middle-of-the Road-Mozart, schön, klar, aber mit wenig Nachhall. Am meisten beeindruckte ihr wie von Schwarz überkleckerte oranjeornage Robe: ein Kleiderkommentar auf die von rechts verschmutzende Politik ihre Heimat Holland?



Und dann kam es knüppeldick: Gustav Mahlers 6. Sinfonie ist nicht nur wegen 90 Minuten Spieldauer alles andere als ein routiniert heruntergepinseltes Wohlfühlstück für harte Reisewoche. Und Paavo Järvi holte vom klar akzentuierten Auftakt an sein furios folgendes Orchester mit Vehemenz aus der Komfortzone. Wobei sein Mahler-Zugang wohltuend sachlich und unsentimental ist, er versucht ein vergleichsweise objektive Interpretation, was sicherlich dem japanischen Wesen entgegenkommt. Und was so ganz anders klingt als etwa Alain Altinoglus tief im europäischen Gefühlswesen schürfende, weit verletzlichere Interpretation der 3. Sinfonie mit dem Rundfunk Sinfonie-Orchester Berlin nur zwei Tage vorher auf diesem Podium.
Bei Järvi wird weder orchestral geschluchzt, noch instrumental gejammert, man arbeitet sich diszipliniert, mit feiner Artikulation und weichem, doch strukturiertem Klang durch melancholische Märsche und schräge Scherzi. Besonders die Ecksätze werden so zu Musterstücken souverän bewältigter, extrem eigenwilliger und doch einen Bogen wie eine sinnstiftende Entwicklung vorführender, spätromantisch sinfonischer Großanlagen. Man meinte von Järvi die Noten vorbuchstabiert zu bekommen, und dennoch sind diese mit klugem Klang und individuellem Leben erfüllt. Ähnlich schön hört sich auch sein geradliniger Strauss an, von dem er Heldenleben und Don Juan gerade auch bei uns als erster Teil einer CD-Trilogie veröffentlicht hat.



Hinterher wurde es aber im Tempel ganz profan: Da warteten die Kamerateams von NHK, die den schwitzenden, aber glücklichen Dirigenten gleich für die ersten Post-Konzert-Eindrücke einfingen, während die Berliner philharmonischen Kollegen für ihre japanischen Musikerfreunde bereits das Bier zapfen ließen…
Strauss: Heldenleben, Don Juan. NHK Symphony Orchestra, Paavo Järvi (RCA/Sony Classical)



http://klassiker.welt.de/2017/03/01/nhk-orchestra-in-berlin-sachlich-im-gralstempel/



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