Friday, March 31, 2017

Unabgenutzte Vermittler

fr.de
Bernhard Uske
24.03.2017

Das hr-Sinfonieorchester mit dem Pianisten Yefim Bronfman und markanten Zeugnissen in Frankfurts Alter Oper.
Ein Rüchlein musikalischer Bückware haftet den beiden Werken an, die auf dem Programm des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt standen. Unreife sinfonische Frucht auf Seiten Anton Bruckners und konzertantes Fallobst bei Peter Tschaikowsky – konnte man meinen. Die „Nullte“ ist der Beiname der frühen d-Moll-Sinfonie des österreichischen Komponisten, was aber keinen mathematischen Unsinn bedeuten sollte, sondern vom selbstkritischen Schöpfer als Nullnummer gemeint war, als nichtiges Resultat seiner Bemühungen nach der großen, gar organischen Form. Peter Tschaikowskys 2. Klavierkonzert wiederum, als Folge-Schöpfung seines originellen konzertanten Erstlings, zeigt viel Vorgestanztes und Schematisches.

Pianistische Spitzengruppe

Zwei Musiker stellten sich der Aufgabe, die Werke an den Zuhörer zu bringen – zwei höchst frisch und unabgenutzte Vermittler. Zum einen der Ehrendirigent des hr-Sinfonieorchesters Paavo Järvi, zum anderen Yefim Bronfman, einer der Größen in der pianistischen Spitzengruppe. Er schien seine Rolle darin zu sehen, der planen und thematisch überschaubaren Vorzeige-Virtuosität ein Höchstmaß an wirbelnder und grollender Verve auf stark durchwühlten Sequenzierungs-Bahnen zuteil werden zu lassen.

Das schloss nicht aus, dass der 59-jährige gebürtige Usbeke im Andante non troppo des zweiten Satzes das lang währende, gemeinsame Konzertieren mit der Solo-Violine und dem Solo-Cello zu einem echten Trio und damit zu einem partiellen Tripelkonzert machte. Denn dezent und kammermusikalisch eingestellt agierte Bronfman mit den phänomenalen hr-Solisten: dem Konzertmeister Alejandro Rutkauskas und dem Cellisten Peter-Philipp Staemmler.

Mit Anton Bruckners „Nullter“ von 1869 vervollständigte Paavo Järvi nicht nur seinen mit dem hr-Sinfonieorchester produzierten Bruckner-Zyklus, sondern legte ein besonders markantes Zeugnis seines Bruckner-Zugangs ab, der ebenso differenziert wie subtil selbst bei den gewaltigsten und schneidendsten Ausbrüchen und Einschlägen zu bleiben vermag. Hier, bei den kunterbunt durcheinander gestellten und verbauten Klangklötzen und -klötzchen war die Brachial-Tüftelei ein blitzblankes, hochartistisches Ereignis, das obendrein überragend präzise und volumendifferenziert vom Orchester geboten wurde.

Eine gewaltige bricolage lange vor der Zeit: ein echter junger Wilder, gegen den der Zeitgenosse Gustav Mahler mit seiner 1. Sinfonie, die den Titel „Titan“ trägt, doch ziemlich alt aussieht.

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