Thursday, January 31, 2019

Elbphilharmonie: Reine Erotik mit der Geigerin Hilary Hahn

abendblatt.de
Verena Fischer-Zernin
31.01.2019

Hamburg. Paavo Järvi muss eine obsessive Beziehung mit der „Valse triste“ von Sibelius haben. Jedenfalls hat die Rezensentin noch nicht erlebt, dass er mal etwas anderes als Zugabe gespielt hätte. Mit dem Philharmonia Orchestra Londonsetzte er seinen persönlichen Running Gag in der Elbphilharmonie fort. Wie die Beteiligten schmachteten und lockten, drängten und nachgaben, das war reine Erotik. Und das Publikum entsprechend aus dem Häuschen.

Järvi hat es ja sowieso raus, seine Musiker mit einem Zucken der Augenbraue zu entfesseln. Schon bei Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre ließ er, nachdem sich die Streicher auf ihre Achtel-Figuren eingependelt hatten, nichts anbrennen. Die Akzente waren Schreck-Millisekunden, die Crescendi hielt der Dirigent so lange im Zaum, bis es fast nicht mehr zu ertragen war.

Hilary Hahn behielt jederzeit die Kontrolle


Ehrensache, dass bei Beethoven Naturtrompeten und historische Pauken zum Einsatz kamen – beim 1. Violinkonzert von Prokofjew bedienten dieselben Herren dann selbstverständlich das moderne Instrumentarium. Englische Musiker sind für ihre Perfektion bekannt. Was zu erleben war.

Da trafen sie sich mit der Solistin. Hilary Hahn fegte durch das heiter-romantische, mal zauberzarte und mal sprudelnd virtuose Stück, als gäbe es so etwas wie spieltechnische Hürden nicht. Musik hat auch etwas mit Hingabe zu tun? Nicht bei Hahn. Die behielt jederzeit die Kontrolle, bis in die höchsten Höhen ihrer Vuillaume-Geige und bis in den letzten Zentimeter Bogen. Dafür jazzte sie an den groovigen Stellen mit sichtlichem Vergnügen. Das Schönste aber war, wie liebevoll sie die Solobläser umspielte, wenn diese die Melodie hatten. So geht Kammermusik, auch auf der großen Bühne.

100 Prozent gefühlsecht


In der ersten Hälfte hatte das Orchester bei aller Brillanz bisweilen einen Hauch distanziert geklungen. Nach der Pause war das vergessen. Da gab’s Romantik fürs Herz.

Sergej Rachmaninow hat in seine 2. Sinfonie alles an Empfindungen hineingelegt, dessen ein Mann und Komponist von 34 Jahren fähig ist. Die Streicher schwelgten, die Flöten schwangen sich himmelwärts, und das Schicksal schlug zu in Gestalt einer wagnerartigen Blech-Phalanx. 100 Prozent gefühlsecht, diese Musik. Anhaltender Jubel.

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