Tuesday, November 06, 2007

CONCERT REVIEW: Lars Vogt, Frankfurt Radio Orchestra


October 30, 2007


Frankfurter Rundschau

Autor: VON BERNHARD USKE

Lyrische Talente
HR-Sinfoniekonzert

Es war sinfonische und konzertante Lyrik, was Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester zusammen mit dem Pianisten Lars Vogt im Abonnement-Konzert des Hessischen Rundfunks in Frankfurts Alter Oper boten. Die Kantilene der Bratschen zu Beginn des einzigen vollendeten Satzes aus Gustav Mahlers 10. Sinfonie präludierte das Klima des Abends: weit schwingende, leichte und mit eigensinnigen pagogischen Rückungen versehene Klangflüsse, für die der Chef der hr-Sinfoniker offensichtlich ein Händchen hat. Als würden die Intervallschritte immer kurz in die Knie gehen, bevor sie ihre jeweils neue lineare Höhe gefunden haben. So glitten die Melodiefäden dahin. Verblüffend, wie drastisch sich in diesem Adagio dagegen die kurzen, grellen Holzbläser-Interventionen, wie säulenhaft die wenigen Blechbläser-Manifestationen ausnahmen. Man fühlte sich an die Nacht-Musiken aus der 7. Sinfonie erinnert, an deren sanften, geschmeidigen Horror. Die fast 25-minütige Versenkung wirkte wie eine konzentrierte Sinfonie - in Zeitlupe.

Gegen Ende gab es drastische Ritardandi und schluchzige Momente – vielleicht etwas zuviel des Guten. Danach Mozarts letztes Klavierkonzert in B-Dur KV 595 - vorgestellt als jenseits aller Rokokogeläufigkeit und munterer Musikalität angesiedelter lyrischer Klassizismus.

Ausbalanciert zwischen Lars Vogt und Paavo Järvi, so als brächte die Potenzierung lyrischer Talente das Entscheidende dieses so wenig auffälligen Werks heraus: Musik ohne Blick auf den Effekt, sondern als Zentrum einer autonomen, apollinischen Ausdruckswelt. Danach hätte Jean Sibelius eigentlich das polternde, holzschnittartige Finale des Abends sein können. Aber die 5. Sinfonie, zwischen 1915 und 1919 entstanden, ist kein nationalmusikalischer Parforce-Ritt in die finnischen Weiten, sondern ein bizarr wirkender Versuch, stabile, räumliche Zustände in der Zeitkunst der Musik zu vermitteln. Das hr-Sinfonieorchester und Paavo Järvi brachten das Kunststück fertig, ein sinfonisches Auf-der-Stelle-Treten zu erzielen im pausenlosen Wispern und Wabern des pixeligen Motivgeflechts: Sibelius' harte Statik in weichem Fundament
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