Wednesday, March 05, 2014

Ein Bündel Orchestermusik

Klassik.com
Dr. Stefan Drees
04/03/2014

Armonica - Werke von Widmann, Kagel, Furrer & Ruzicka
Label/Verlag: Pan Classics

Das hr-Sinfonieorchester Frankfurt widmet sich unter Leitung von Paavo Järvi sechs Werken von vier zeitgenössischen Komponisten.
Unverkennbare Stile sind es, die auf dieser CD von Panclassics vereinigt sind: Unter Leitung von Paavo Järvi nähert sich das hr-Sinfonieorchester Frankfurt insgesamt vier zeitgenössischen Komponisten unterschiedlicher Generationen und lädt dazu ein, den ästhetisch differenten Umgang mit dem großen Orchesterapparat an mehreren Beispielen einsätziger Orchesterstücke über einen Zeitraum der letzten drei Jahrzehnte hinweg zu vergleichen.
Die Auswahl von Werken Mauricio Kagels (1924–2008), Peter Ruzickas (*1948), Beat Furrers (*1954) und Jörg Widmanns (*1973) erweist sich als apart; ihre Logik bleibt dem Zuhörer allerdings verschlossen, denn außer der Besetzung und der Tatsache, dass zwei der Stücke von den hier spielenden Interpreten aus der Taufe gehoben wurden, gibt es keinerlei Bezüge zwischen den Arbeiten der einzelnen Kompositionen. Lässt man sich allerdings auf die Zusammenstellung ein, kann man erleben, dass Järvi ein ausgesprochen starker Sachverwalter für diese Musik ist und – mit Hilfe eines mit ungemeiner Präzision spielenden Orchesters und von einem sehr klaren Klangbild unterstützt – die Eigenheiten der einzelnen Stücke hervorragend herauszuarbeiten versteht. Dass es sich dabei in allen Fällen um Live-Aufnahmen aus den Jahren 2008 bis 2012 handelt, vermag man angesichts dieser Qualität kaum zu glauben.
Einfallsreich eröffnet Kagels 'Etüde Nr. 3' (1996), deren einerseits enges und andererseits wandlungsfähiges metrisches Korsett Järvi in ein überraschend vielfältiges Farbenspiel taucht, den Reigen der sechs Kompositionen. Im Falle von Furrers 'Chiaroscuro – Für R.H.R' (1983/86) gewinnt das Spiel mit den Orchesterfarben noch weitaus größere an Bedeutung: Die charakteristischen Klänge eines vor allem in den Bassregionen eingesetzten Klaviers und die fein ziselierten Aktionen des Streicherapparats bilden die Pole, zwischen denen sich die musikalischen Ereignisse abspielen: Järvi schafft eine ausgeglichene Balance zwischen dem nervösen Geflecht aus unterschiedlichen, einander durchkreuzenden orchestralen Bewegungsverläufen und den zu identifizierbaren Gestalten gerinnenden Konturen, die immer wieder daraus hervorblitzen. Vom hier erkennbaren Wissen um die Stärken des hr-Sinfonieorchesters zeugt auch die Umsetzung von Ruzickas Orchesterstück 'Clouds' (2012), dessen Wirkung sich ganz aus dem Gegenüber von fein instrumentierten, in den Pianobereichen konzentriert dargebotenen Passagen und den in Wellen heranrollenden, jedoch klanglich immer anders wirkenden orchestralen Tuttis verdankt.
Der eigentliche Schwerpunkt der CD liegt indes auf drei Kompositionen Jörg Widmanns: In der 'Antiphon' für Orchestergruppen (2007/08) greift der Komponist eine dramaturgischen Idee aus die Praxis der Mehrchörigkeit auf, wobei jedoch der handwerkliche Aspekt der Kontrapunktik die Musik überwuchert. Der räumlichen Disposition, in der Aufnahme sehr gut nachvollziehbar, verleiht Järvi eine an den auskomponierten Gesten orientierte Formung, wodurch die Längen des Werkes einigermaßen überbrückt werden. Von den Interpreten klanglich fantastisch umgesetzt ist das Orchesterstück 'Armonica' (2006), dessen Raffinement darin besteht, dass Widmann das Orchester um eine aus Glasharmonika und Akkordeon zentrierte Klangachse lagert und den musikalischen Verlauf in Anlehnung an Atemzüge gestaltet. Warum dann allerdings am Ende der Produktion das obskure 'Souvenir bavarois' (2010) – vom Publikum frenetisch bejubelt – erklingt, erschließt sich mir nicht, ist dieses Stück klingenden Altherrenhumors mit seiner Verwurstung bayerischer Marschmusik (die ich im Gegensatz zum Bookletautor Joachim Berenbold weder als ‚geistreich‘ noch als ‚gewitzt‘ empfinde) doch eine eher peinliche Angelegenheit. Der Gesamteindruck der CD wäre ein besserer gewesen, wenn man darauf verzichtet hätte – und auf drei Minuten Spielzeit weniger wäre es nun wirklich nicht angekommen.
Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:
http://magazin.klassik.com/reviews/reviews.cfm?task=record&RECID=25947&REID=14990

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