Sunday, April 13, 2008

Die Welt: USA - Orchester Reise

April 7, 2008

Paavo Järvi Byzantinischer Sauerbraten: Unter Paavo Järvi startet das Cincinnati Symphony heute seine Deutschland-Tour Das deutscheste Orchester der USAV on Manuel Brug Es ist eine dieser urbanen amerikanischen Fehlleistungen, die man als Europäer nie begreifen wird: Eine Stadt gibt in den Sechzigerjahren ohnewirtschaftliche Not ihre Mitte einfach auf. Der Geschäftsdistrikt hatsich immer gewandelt, da stehen längst die Hochhäuser der großen Firmen. In Cincinnati (der Name geht ausnahmsweise mal nicht auf einenIndianerstamm, sondern auf einen römischen Kriegsführer zurück) ist diesvor allem der Pampers- Produzent Procter & Gamble, der sich mit Artdeco-Zwillingstürmen in die Silhouette am Ohio River eingemeißelthat., Davor stehen noch die Stadienkessel des Footballteams Cincinnati Bengals und der Baseball- Mannschaft Cincinnati Reds. Dahinter aber, bis zu den sanften Hügeln, auf denen die Universität,die hervorragenden Museen und Theater sowie die Viertel der Reichenliegen, macht sich das Viertel "Over the Rhine" breit. Wo heute Schwarzelungern und nicht wenige Häuser im größten zusammenhängenden Backsteinviertel der USA nur noch Ruinen sind, hatten sich ab 1830 vorwiegend deutsche Einwanderer angesiedelt. Auch wenn deren Nachkommenschon lange dorthin gezogen sind, wo es Doppelgaragen, große Swimmingpools und Einkaufszentren gibt - im etwa 300 000 Einwohnerzählenden Cincinnati ist noch heute die Hälfte der Bevölkerungdeutscher Abstammung, und an den übrig gebliebenen Häusern findet manvielfach deutsche Beschriftungen, sogar Germania-Statuen. In einerurigen Bierkneipe wird auf dem Wandgemälde die "Gemütlichkeit" besungen,und die katholischen, heute von Sekten besetzten Kirchen zeugen vonvergangener Tradition. In der heruntergekommenen "Protestantischen Johannis Gemeinde" istheute ein Obdachlosenasyl untergebracht. Direkt daneben freilich, gegenüber dem liebevoll gepflegten Washington Park, vor dem sogarnoch alte Straßenbahnschienen im Kopfsteinpflaster verlaufen, erhebtsich das Backsteinungetüm der Music Hall: Heimat des Cincinnati SymphonyOrchestra (CSO) und der im Sommer spielenden Opernkompanie, zu der baldsogar der hier geborene James Levine für ein "Meistersinger"-Gastspielzurückkehren wird. Music Hall hat über 3600 Sitzplätze und Räumlichkeiten, in denen einst Boxkämpfe und Tierschauen abgehalten wurden, sie hat Kristalllüster, ineinen Flügel gewuchtete Rolltreppen und eine riesige Fensterrose, diedem Haus den Spitznamen "Byzantinischer Sauerbraten" einbrachte. Ein Gebäude, das für das 98-köpfige Cincinnati Symphony Orchestra, denimmerhin fünftältesten Klangkörper der USA, Tafelsilber und Bleischuhzugleich ist. "Wir haben eine der schönsten historischen Hallen des Landes, mit einer hervorragenden Akustik", erzählt der 45-jährige Chefdirigent Paavo Järvi, der die siebte Saison amtiert, "aber wirfüllen sie natürlich nie."Ausverkauft ist Music Hall nur beim May Festival, einem ebenfalls aufder deutschen Chortradition fußenden Musikfest, für das die Halle 1878 eingeweiht wurde. 17 Jahre später gründete dann ein örtlicher Frauenclubdas Orchester, das sich bis heute seinen weichen, dunklen, europäischen Klang bewahrt hat. Viele seiner Chefdirigenten waren Deutsche, Richard Strauss ist hier aufgetreten. Mit den letzten drei Chefs, Michael Gielen, Jesus Lopez-Cobos und Järvi, dem Esten mit amerikanischem Pass,wird dieser Tradition fortgesetzt.Das Orchester ist flexibel wie kaum ein anderes und gehört damit in die Reihe der ehrgeizigen Klangkörper, die den sieben großen US- Orchesternbeständig Konkurrenz machen. Es spielt neben seinen Saison-Konzertenauch beim May Festival unter seinem Chef James Conlon regelmäßig diegroßen Chorwerke und im Sommer die zehn Opernvorstellungen. Außerdem konzertiert man Open Air beim eigenen Sommerfestival am Ufer des Ohio River. Und kümmert sich als Cincinnati Pops unter seinem berühmten Leiter Erich Kunzei um jene rauschhaft glanzpolierten light classics, die eine große Tradition haben. Allein die Pops haben 50 CD seingespielt. Und auch Paavo Järvi kann in sieben Jahren bereits auf 13 Einspielungen mit dem CSO für Telarc verweisen. Er ist so mit seinen Aufnahmen für Virgin und Sony auf dem CD-Markt präsent wie neben Simon Rattle kaum einer seiner Generation. Noch ist er ein stiller Star, doch sein Orchester imperium umfasstaugen blicklich neben der Bremer Kammerphilharmonie, dem Estnischen Nationalorchester (das er berät) und dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunk ab 2010 auch das Orchestre de Paris. Natürlich wirder in diesem Portfolio etwas ändern müssen, aber Cincinnati wird wohlbleiben."Die Stadt ist mein Hauptwohnsitz. Es gibt ein erstaunlicheskulturelles Angebot. Außerdem mag ich die Musiker sehr. Sie können viel, gehen die Dinge aber entspannt an", sagt ihr Chef. Das hört man in einem konzentrierten Programm, das sie auch auf der zweiten gemeinsamen Europatour spielen: Schuberts große C-Dur-Sinfonie hat wenig gefährliche Längen, man spürt in der biegsamgelenkigen Gangart Järvis Beethoven-Praxis. Brittens Violinkonzert mit der technisch astreinen Janine Jansen gerät zur seelenvollen Meditation, zu der Arvo Pärts Britten-Epitaph perfekt passt. Und wenn Järvi einmal von Cincinnati scheiden wird, dann soll es hiernicht nur das einzige (neben Tokio) lizenzierte Hofbräuhaus geben - dieStadt heißt wegen ihrer guten Würste übrigens auch Porkopolis - sondernauch einen neuen, kleineren Konzertsaal. Gleich neben Music Hall. Denndie Stadt saniert endlich "Over the Rhine". Die Gelegenheit ist alsogünstig. Termine: 4. Frankfurt am Main, 5. München, 6. Wien, 8. Stuttgart, 12. Hamburg, 13. Dortmund, 14. Düsseldorf

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