Saturday, April 05, 2008

Mile-High Paavo Brings Cincinnati Symphony to Frankfurt

Frankfurt Rundschau

Posted in: News
By Mary Ellyn Hutton
Apr 2, 2008

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Alte Oper, Frankfurt
The Cincinnati Symphony Orchestra led by music director Paavo Järvi arrives in Frankfurt, Germany April 2, first leg on their two-week tour of Europe. Järvi is already well known in the German city, not only because he is principal conductor of the Frankfurt Radio Orchestra but because of the seven-story-high image of him on displayed a downtown Frankfurt department store when he led his inaugural concerts there in 2006.
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Paavo Järvi on Frankfurt skyline, November, 2006

Järvi gave this interview to the Frankfurt Rundschau in advance of the CSO's arrival (publication date March 28, 2008). He and the orchestra perform April 4 in Frankfurt's Alte Oper. On the program are Schubert's Symphony No. 9 ("Great") and Rachmaninoff's Piano Concerto No. 3 with guest artist Nikolai Lugansky.
Here's the link and the German text, followed by an English translation (if the link doesn't work try copying it into the address bar of your browser):

http://http//www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/
?em_cnt=1310394&sid=22a5453eae5106eadbfb94eee2a65ed3


"Das europäischste Orchester der USA"


Stefan Schickhaus: Herr Järvi, Sie wechseln als Chefdirigent laufend zwischen zwei Pulten: Heute stehen Sie vor dem hr-Sinfonieorchester in Frankfurt, morgen dann wieder vor dem des Cincinnati Symphony Orchestra. Woran erkennen Sie als erstes, welches Orchester Sie gerade vor sich haben?

Paavo Järvi: Dieser Wechsel gelingt mir mittlerweile ganz natürlich. Mein Ziel ist es jetzt, diese beiden Positionen sich gegenseitig befruchten zu lassen. Was ich hier in Frankfurt lerne, möchte ich in Cincinnati zur Anwendung bringen und umgekehrt. Dem deutschen Orchester fehlt manchmal die letzte Spur Brillanz, aber die Musiker haben mehr von dem, was ich "inneres Verstehen" nennen möchte. In Amerika sieht das Problem dagegen genau anders herum aus. Woran ich zum Beispiel das deutsche Orchester sofort erkenne? Von der ersten Minute an am Streicherklang. Die Streicher hier haben eben jene "Klangkultur" (Anmerkung: ein deutsches Wort im englisch geführten Interview), die man gerne als typisch deutsch bezeichnet. Man spürt einfach die Tradition in der Beschäftigung etwa mit Bruckner oder Brahms. Der Strich ist länger, saftiger, tragender. Auch in diesem Orchester sind die unterschiedlichsten Nationalitäten versammelt, das ist dabei gar nicht der Punkt. Ein Orchester spielt nicht deutsch, weil die Musiker Deutsche sind. Sondern weil der Dirigent genau diesen Klang sucht. Ich hörte neulich die Wiener Philharmoniker Tschaikowsky spielen, ein ungeheuer gutes Orchester. Aber man merkte: Es war nicht ihr Repertoire, und das halte ich doch für eine Beschränkung. Im 21. Jahrhundert sollte jedes Orchester in der Lage sein, die kollektive Intelligenz aufzubringen, eben einen russischen Klang herzustellen.




Schickhaus: Ein anderer Unterschied zwischen Ihren beiden Orchestern dürfte auch das Alter der Musik sein, die auf die Notenständer kommt. In Frankfurt führen Sie Zeitgenössisches auf von Widmann oder Tüür, in den USA wäre das wohl wesentlich schwerer zu handhaben.

Järvi: Wenn ich Chefdirigent zweier Orchesters dieses Kalibers bin, dann bin ich das mit Haut und Haaren. Und nicht dort mit ein bisschen mehr Anspruch, hier ein bisschen weniger. So bringe ich das komplette Material des neuen Werkes von Jörg Widmann nach Cincinnati, und wir spielen dort dessen US-Premiere, was wahrscheinlich die erste Aufführung eines Widmann-Orchesterwerks in den USA überhaupt sein wird. Diese Herausforderung nehme ich sehr, sehr ernst: Die Hörgewohnheiten des US-Publikums zu öffnen, Barrieren abzubauen. Sie haben aber natürlich Recht, eine solche Musik ist dort schwerer zu vermitteln, und anders als das Radio-Orchester in Frankfurt haben die Sinfoniker in Cincinnati sozusagen nicht das Mandat für zeitgenössische Musik. Darum sehe ich es auch als großen Vorteil an, gleich zwei Orchester zu haben. Nur eines, das wäre eine zu große Einschränkung für mich.

Schickhaus: Für Ihr Orchester in Cincinnati haben Sie einmal ein sehr schönes Bild gefunden: Es sei wie eine gut geölte Lokomotive, präzise, dafür ein bisschen mechanisch. Wie sähe das Bild denn für das HR-Sinfonieorchester aus?

Järvi: Es geht nicht um das reine Funktionieren. Die Qualität einer Aufführung hängt damit zusammen, wie sehr die Musiker die Musik verinnerlicht haben. In den USA sind die Musiker mitunter durchaus besser technisch vorbereitet, doch garantiert das nicht ein besseres Musizieren. In Deutschland ist der Grad der individuellen Vorbereitung vielleicht nicht so hoch, doch was ich speziell in Frankfurt so schätze: Hier will man wissen, was man spielt und warum man es so spielt. Ich selbst bevorzuge Orchester, die mit Verständnis für die Sache spielen; und nicht solche, die perfekt spielen, dabei aber nicht verstehen, was sie tun. Und so geht mein Streben in Cincinnati dahin, aus diesem amerikanischen Orchester das gewissermaßen europäischste der USA zu machen. Wo bei aller Brillanz, allem Muskelspiel auch nach dem Warum gefragt wird.

Schickhaus: Das klingt nach einem modernen, kommunikativen Typus des Dirigenten. Ist selbst in den USA die Zeit des Maestro vorbei?

Järvi: Ich jedenfalls bin kein Maestro. Ich bin Musiker. Sehen Sie sich meinen Vater an, Neeme Järvi: Er ist ein Maestro. Ein 70 Jahre alter Mann, der sich seinen Namen verdient hat. Ich sage immer, Dirigieren ist etwas für die zweite Hälfte des Lebens, wenn man die Reife dazu hat. Ich hoffe es zwar nicht, aber vielleicht bin ich ja bereits bei dieser zweiten Hälfte angekommen. Begriffe wie Maestro sind bedeutungslos, sie entbehren jeder Substanz. Das ist einer der Gründe, warum ich mein drittes Orchester, die Kammerphilharmonie Bremen, so sehr liebe. Da wird gemeinsam gearbeitet, jeder mit jedem und ohne eine Hierarchie.

Schickhaus: Wenn Sie jetzt Ihr Cincinnati Symphony Orchestra auf Europa-Tournee führen, haben Sie unter anderem die neunte Sinfonie von Franz Schubert im Programm. Das ist nicht unbedingt ein Werk für die Stärken eines US-Orchesters, oder?

Järvi: Das möchte ich nicht sagen. In Cincinnati haben 40 Prozent der Einwohner deutsche Wurzeln, und das Orchester hat eine lange Tradition mit deutschen Dirigenten. Die Affinität für Brahms, Schubert oder Bruckner ist enorm dort. Wir spielten Schuberts Neunte oft genug, und ich denke, es ist für ein deutsches Publikum interessant zu hören, wie diese Sinfonie von einem amerikanischen Orchester gespielt klingt.

Schickhaus: 2004 waren Sie zuletzt hier auf Tournee mit dem CSO, auch da traten Sie in der Alten Oper Frankfurt auf. Wusste Sie zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Sie 2006 Chefdirigent werden würden hier in der Stadt? Oder fanden Sie die Alte Oper so toll, dass Sie sich gesagt haben: Hier muss ich hin?

Järvi: Ich kannte die Alte Oper bereits von früheren Konzerten mit anderen Orchestern. Mag sein, dass die Gespräche mit dem Hessischen Rundfunk 2004 schon begonnen hatten, dann aber wohl erst in einem frühen Stadium.

Schickhaus: Bei Ihrem 2004er-Konzert gab es Mahlers Fünfte, und ich erinnere mich: Das Publikum klatschte hinein zwischen das Scherzo und das Adagietto. Das wäre ja eher ein Grund gewesen, nicht genau dort ein eigenes Orchester haben zu wollen, wo man nicht das Ende einer Sinfonie abwarten kann...

Järvi: Wissen Sie, als ich kürzlich Bruckners Neunte in Paris dirigierte, klatschten zwei, drei Leute unmittelbar nach dem letzten Ton - das störte wirklich. Aber na ja, nach einem Scherzo... Menschen reagieren eben unterschiedlich. Manchmal fällt es eben wirklich schwer, nicht zu applaudieren und still sitzen zu bleiben nach einem Satz wie diesem. Über so etwas rege ich mich nicht auf. Aber nach Bruckners Neunter, das tut schon weh."


" America's Most European Orchestra"


Stefan Schickhaus: " Mr. Järvi, currently, you alternate as chief conductor between two podiums: Today you stand before the Hessiche-Rundfunk Symphony Orchestra in Frankfurt, then tomorrow before the Cincinnati Symphony Orchestra. Whichever orchestra you have directly before you, what do you notice first?"

Paavo Järvi: “This change comes to me quite naturally. It is my goal now to allow these two positions to mutually fertilize themselves. What I learn here in Frankfurt, I would like to bring to Cincinnati for application and vice versa. Sometimes in a German orchestra the last bit of brilliance is missing, but here the musicians have more of what I like to call "inner comprehension." In America, the problem looks the other way around. What do I notice immediately in a German orchestra? From the first moment on, the string sound. The strings here have precisely that "sound culture,” which one readily designates as typically German. One simply feels the tradition in the process, say, with Bruckner or Brahms. The line is longer, juicier, weightier. Also in this Orchestra, the most different nationalities are brought together, which is nevertheless absolutely not the point. An orchestra does not play German because the musicians are German. On the contrary, because the conductor seeks precisely this sound. I heard recently the Vienna Philharmonic play Tchaikovsky, an exceedingly good orchestra. But one noticed: It was not their repertoire and I took that for a limitation. In the 21st century, each orchestra should be in a position to apply collective intelligence to evenly produce a Russian sound.”

Schickhaus: "Another difference between your two orchestras may also be the age of the music on their music stands. In Frankfurt, you advance the contemporary (music) of Widmann or Tüür, in the USA it would be substantially harder to manage."

Järvi: “When I am chief conductor of two orchestras of this caliber, then I am completely that, not there with a few more demands, here a little less. Therefore I bring a complete new work by Jörg Widmann to Cincinnati and we play there its U.S. premiere, which will probably be the first performance of a Widmann orchestra work in the USA at all. This challenge I take very, very seriously: To expand the hearing comfort of the U.S. public, to break down the barriers. You are naturally right, however, such music is more difficult to negotiate, and contrary to a radio orchestra in Frankfurt, the symphony in Cincinnati does not, so to speak, have the mandate for contemporary music. Therefore, I regard it also as a great advantage to have two equal orchestras. Only one would be a great limitation for me.”

Schickhaus: "You have found a very beautiful picture one day for your orchestra in Cincinnati: It will be like a well oiled locomotive, precise, for that a little bit mechanical. How does the picture look for the HR Symphony Orchestra?"

Järvi: It’s not about pure functioning. The quality of a performance has to do with how much the musicians have internalized the music. In the USA the musicians are sometimes absolutely better prepared technically, yet that does not guarantee better music. In Germany, the level of individual training is perhaps not so high, yet what I treasure, especially in Frankfurt: Here one wishes to know what one plays and why one plays it that way. I myself prefer an orchestra that plays with understanding for the piece, and not those that play perfectly, but still do not understand what they do. And so my striving goes towards this in Cincinnati, to make this American orchestra to some degree the most European in the USA. (One that) with all the brilliance, all the muscular playing will also ask about the Why.”

Schickhaus: "That sounds like a modern, communicative type of conductor. Is the time of the maestro past even in the USA?"

Järvi: “I am no maestro in any case. I am a musician. Look at my father, Neeme Järvi: He is a maestro. A 70-year-old man who has earned his name. I say always, conducting is something for the second half of life, when one has the maturity for it. (Though) I hope not, perhaps I have already arrived at this second half. Ideas like "maestro" are without meaning, they lack any substance. That is one of the reasons why I love my third orchestra, the Kammerphilharmonie Bremen, so much. There (everyone) works together, each with the other and without a hierarchy.”

Schickhaus: "When you lead your Cincinnati Symphony Orchestra on the European tour, you have among others the Ninth Symphony of Franz Schubert on the program. That is not necessarily a work for the strength of a U.S. orchestra, or (is it)?"

Järvi: “I don't want to say that. In Cincinnati, 40 percent of the residents have German roots and the orchestra has a long tradition with German conductors. There is a huge affinity for Brahms, Schubert or Bruckner there. We play Schubert's Ninth often enough, and I think it is interesting for a German public to hear how this symphony sounds played by an American orchestra.

Schickhaus: "You were here on tour with the CSO in 2004, also you were there at the Alte Oper Frankfurt. Did you know at that time already that you would become chief conductor in 2006 here in the city? Or did you find the Alte Oper so mad, that you said to yourself: I must be here?"

Järvi: “I knew the Alte Oper already from earlier concerts with other orchestras. It may have been that the discussion with the Hessian Radio had already begun in 2004, however then, probably only in an early stage.”

Schickhaus: "At your 2004 concert there was Mahler's Fifth and I remember: The audience clapped between the Scherzo and the Adagietto. That would have been rather a reason not to want to have you own orchestra there where one cannot wait for the end of a symphony . . ."

Järvi: “You know, when I conducted Bruckner's Ninth in Paris recently, two or three people clapped immediately after the last note – it
was really disturbing. But, well, after a Scherzo people just react differently. Sometimes it is really hard not to applaud and to remain sitting still after a moment like this. Over something so lively, I (am) not (worked) up. But after Bruckner's Ninth, that really causes pain."

Interview: Stefan Schickhaus
Frankfurt Rundschau

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