Sunday, April 13, 2008

Interview in Frankfurt about Paavo with the CSO on tour

March 29, 2008
Frankfurter Rundschau

Interview mit Stefan Schickhaus

Estland - Paavo Järvi "Ich möchte aus dem Orchester das europäischste der USA machen "Paavo Järvi vor seiner Europa-Tournee mit dem Cincinnati Symphony Orchestra über die kollektive Intelligenz eines Orchesters unddeutsch-amerikanische Unterschiede Interview: Stefan Schickhaus Herr Järvi, Sie wechseln als Chefdirigent laufend zwischen zwei Pulten: Heute stehen Sie vor dem hr-Sinfonieorchester in Frankfurt, morgen dannwieder vor dem des Cincinnati Symphony Orchestra. Woran erkennen Sie alserstes, welches Orchester Sie gerade vor sich haben? Dieser Wechsel gelingt mir mittlerweile ganz natürlich. Mein Ziel istes jetzt, diese beiden Positionen sich gegenseitig befruchten zu lassen. Was ich hier in Frankfurt lerne, möchte ich in Cincinnati zur Anwendungbringen und umgekehrt. Dem deutschen Orchester fehlt manchmal die letzte Spur Brillanz, aber die Musiker haben mehr von dem, was ich "inneresVerstehen" nennen möchte. In Amerika sieht das Problem dagegen genauanders herum aus. Woran ich zum Beispiel das deutsche Orchester soforterkenne? Von der ersten Minute an am Streicherklang. Die Streicher hierhaben eben jene "Klangkultur" (Anmerkung: ein deutsches Wort im englischgeführten Interview), die man gerne als typisch deutsch bezeichnet. Manspürt einfach die Tradition in der Beschäftigung etwa mit Bruckner oder Brahms. Der Strich ist länger, saftiger, tragender. Auch in diesem Orchester sind die unterschiedlichsten Nationalitäten versammelt, dasist dabei gar nicht der Punkt. Ein Orchester spielt nicht deutsch, weildie Musiker Deutsche sind. Sondern weil der Dirigent genau diesen Klangsucht. Ich hörte neulich die Wiener Philharmoniker Tschaikowsky spielen, ein ungeheuer gutes Orchester. Aber man merkte: Es war nicht ihr Repertoire, und das halte ich doch für eine Beschränkung. Im 21. Jahrhundert sollte jedes Orchester in der Lage sein, die kollektive Intelligenz aufzubringen, eben einen russischen Klang herzustellen.Ein anderer Unterschied zwischen Ihren beiden Orchestern dürfte auchdas Alter der Musik sein, die auf die Notenständer kommt. In Frankfurtführen Sie Zeitgenössisches auf von Widmann oder Tüür, in den USA wäre das wohl wesentlich schwerer zu handhaben. Wenn ich Chefdirigent zweier Orchesters dieses Kalibers bin, dann binich das mit Haut und Haaren. Und nicht dort mit ein bisschen mehr Anspruch, hier ein bisschen weniger. So bringe ich das komplette Material des neuen Werkes von Jörg Widmann nach Cincinnati, und wirspielen dort dessen US-Premiere, was wahrscheinlich die erste Aufführungeines Widmann-Orchesterwerks in den USA überhaupt sein wird. DieseHerausforderung nehme ich sehr, sehr ernst: Die Hörgewohnheiten des US-Publikums zu öffnen, Barrieren abzubauen. Sie haben aber natürlich Recht, eine solche Musik ist dort schwerer zu vermitteln, und anders alsdas Radio-Orchester in Frankfurt haben die Sinfoniker in Cincinnatisozusagen nicht das Mandat für zeitgenössische Musik. Darum sehe ich esauch als großen Vorteil an, gleich zwei Orchester zu haben. Nur eines,das wäre eine zu große Einschränkung für mich. Für Ihr Orchester in Cincinnati haben Sie einmal ein sehr schönes Bildgefunden: Es sei wie eine gut geölte Lokomotive, präzise, dafür einbisschen mechanisch. Wie sähe das Bild denn für das HR-Sinfonieorchesteraus? Es geht nicht um das reine Funktionieren. Die Qualität einer Aufführunghängt damit zusammen, wie sehr die Musiker die Musik verinnerlichthaben. In den USA sind die Musiker mitunter durchaus besser technischvorbereitet, doch garantiert das nicht ein besseres Musizieren. In Deutschland ist der Grad der individuellen Vorbereitung vielleicht nichtso hoch, doch was ich speziell in Frankfurt so schätze: Hier will manwissen, was man spielt und warum man es so spielt. Ich selbst bevorzuge Orchester, die mit Verständnis für die Sache spielen; und nicht solche, die perfekt spielen, dabei aber nicht verstehen, was sie tun. Und sogeht mein Streben in Cincinnati dahin, aus diesem amerikanischenOrchester das gewissermaßen europäischste der USA zu machen. Wo beialler Brillanz, allem Muskelspiel auch nach dem Warum gefragt wird. Das klingt nach einem modernen, kommunikativen Typus des Dirigenten. Ist selbst in den USA die Zeit des Maestro vorbei?Ich jedenfalls bin kein Maestro. Ich bin Musiker. Sehen Sie sich meinen Vater an, Neeme Järvi: Er ist ein Maestro. Ein 70 Jahre alter Mann, dersich seinen Namen verdient hat. Ich sage immer, Dirigieren ist etwas fürdie zweite Hälfte des Lebens, wenn man die Reife dazu hat. Ich hoffe eszwar nicht, aber vielleicht bin ich ja bereits bei dieser zweiten Hälfteangekommen. Begriffe wie Maestro sind bedeutungslos, sie entbehren jederSubstanz. Das ist einer der Gründe, warum ich mein drittes Orchester,die Kammerphilharmonie Bremen, so sehr liebe. Da wird gemeinsamgearbeitet, jeder mit jedem und ohne eine Hierarchie.Wenn Sie jetzt Ihr Cincinnati Symphony Orchestra auf Europa-Tourneeführen, haben Sie unter anderem die neunte Sinfonie von Franz Schubert im Programm. Das ist nicht unbedingt ein Werk für die Stärkeneines US-Orchesters, oder? Das möchte ich nicht sagen. In Cincinnati haben 40 Prozent derEinwohner deutsche Wurzeln, und das Orchester hat eine lange Traditionmit deutschen Dirigenten. Die Affinität für Brahms, Schubert oder Bruckner ist enorm dort. Wir spielten Schuberts Neunte oft genug, undich denke, es ist für ein deutsches Publikum interessant zu hören, wiediese Sinfonie von einem amerikanischen Orchester gespielt klingt. 2004 waren Sie zuletzt hier auf Tournee mit dem CSO, auch da traten Siein der Alten Oper Frankfurt auf. Wusste Sie zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Sie 2006 Chefdirigent werden würden hier in der Stadt? Oder fanden Sie die Alte Oper so toll, dass Sie sich gesagt haben: Hier muss ichhin? Ich kannte die Alte Oper bereits von früheren Konzerten mit anderen Orchestern. Mag sein, dass die Gespräche mit dem Hessischen Rundfunk 2004 schon begonnen hatten, dann aber wohl erst in einem frühen Stadium.
Bei Ihrem 2004er-Konzert gab es Mahlers Fünfte, und ich erinnere mich:Das Publikum klatschte hinein zwischen das Scherzo und das Adagietto. Das wäre ja eher ein Grund gewesen, nicht genau dort ein eigenes Orchester haben zu wollen, wo man nicht das Ende einer Sinfonie abwartenkann...Wissen Sie, als ich kürzlich Bruckners Neunte in Paris dirigierte, klatschten zwei, drei Leute unmittelbar nach dem letzten Ton - dasstörte wirklich. Aber na ja, nach einem Scherzo... Menschen reagiereneben unterschiedlich. Manchmal fällt es eben wirklich schwer, nicht zuapplaudieren und still sitzen zu bleiben nach einem Satz wie diesem. Über so etwas rege ich mich nicht auf. Aber nach Bruckners Neunter, das tut schon weh.

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