Saturday, April 05, 2008

Das deutscheste Orchester der USA

April 4, 2008
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Von Manuel Brug

Byzantinischer Sauerbraten: Unter Paavo Järvi startet das Cincinnati Symphony heute seine Deutschland-Tour

Es ist eine dieser urbanen amerikanischen Fehlleistungen, die man als Europäer nie begreifen wird: Eine Stadt gibt in den Sechzigerjahren ohne wirtschaftliche Not ihre Mitte einfach auf. Der Geschäftsdistrikt hat sich immer gewandelt, da stehen längst die Hochhäuser der großen Firmen. In Cincinnati (der Name geht ausnahmsweise mal nicht auf einen Indianerstamm, sondern auf einen römischen Kriegsführer zurück) ist dies vor allem der Pampers-Produzent Procter & Gamble, der sich mit Art-deco-Zwillingstürmen in die Silhouette am Ohio River eingemeißelt hat. Davor stehen noch die Stadienkessel des Footballteams Cincinnati Bengals und der Baseball-Mannschaft Cincinnati Reds.

Dahinter aber, bis zu den sanften Hügeln, auf denen die Universität, die hervorragenden Museen und Theater sowie die Viertel der Reichen liegen, macht sich das Viertel "Over the Rhine" breit. Wo heute Schwarze lungern und nicht wenige Häuser im größten zusammenhängenden Backsteinviertel der USA nur noch Ruinen sind, hatten sich ab 1830 vorwiegend deutsche Einwanderer angesiedelt. Auch wenn deren Nachkommen schon lange dorthin gezogen sind, wo es Doppelgaragen, große Swimmingpools und Einkaufszentren gibt - im etwa 300 000 Einwohner zählenden Cincinnati ist noch heute die Hälfte der Bevölkerung deutscher Abstammung, und an den übrig gebliebenen Häusern findet man vielfach deutsche Beschriftungen, sogar Germania-Statuen. In einer urigen Bierkneipe wird auf dem Wandgemälde die "Gemütlichkeit" besungen, und die katholischen, heute von Sekten besetzten Kirchen zeugen von vergangener Tradition.

In der heruntergekommenen "Protestantischen Johannis Gemeinde" ist heute ein Obdachlosenasyl untergebracht. Direkt daneben freilich, gegenüber dem liebevoll gepflegten Washington Park, vor dem sogar noch alte Straßenbahnschienen im Kopfsteinpflaster verlaufen, erhebt sich das Backsteinungetüm der Music Hall: Heimat des Cincinnati Symphony Orchestra (CSO) und der im Sommer spielenden Opernkompanie, zu der bald sogar der hier geborene James Levine für ein "Meistersinger"-Gastspiel zurückkehren wird.

Music Hall hat über 3600 Sitzplätze und Räumlichkeiten, in denen einst Boxkämpfe und Tierschauen abgehalten wurden, sie hat Kristalllüster, in einen Flügel gewuchtete Rolltreppen und eine riesige Fensterrose, die dem Haus den Spitznamen "Byzantinischer Sauerbraten" einbrachte. Ein Gebäude, das für das 98-köpfige Cincinnati Symphony Orchestra, den immerhin fünftältesten Klangkörper der USA, Tafelsilber und Bleischuh zugleich ist. "Wir haben eine der schönsten historischen Hallen des Landes, mit einer hervorragenden Akustik", erzählt der 45-jährige Chefdirigent Paavo Järvi, der die siebte Saison amtiert, "aber wir füllen sie natürlich nie."

Ausverkauft ist Music Hall nur beim May Festival, einem ebenfalls auf der deutschen Chortradition fußenden Musikfest, für das die Halle 1878 eingeweiht wurde. 17 Jahre später gründete dann ein örtlicher Frauenclub das Orchester, das sich bis heute seinen weichen, dunklen, europäischen Klang bewahrt hat. Viele seiner Chefdirigenten waren Deutsche, Richard Strauss ist hier aufgetreten. Mit den letzten drei Chefs, Michael Gielen, Jesús López-Cobos und Järvi, dem Esten mit amerikanischem Pass, wird dieser Tradition fortgesetzt.

Das Orchester ist flexibel wie kaum ein anderes und gehört damit in die Reihe der ehrgeizigen Klangkörper, die den sieben großen US-Orchestern beständig Konkurrenz machen. Es spielt neben seinen Saison-Konzerten auch beim May Festival unter seinem Chef James Conlon regelmäßig die großen Chorwerke und im Sommer die zehn Opernvorstellungen. Außerdem konzertiert man Open Air beim eigenen Sommerfestival am Ufer des Ohio River. Und kümmert sich als Cincinnati Pops unter seinem berühmten Leiter Erich Kunzel um jene rauschhaft glanzpolierten light classics, die eine große Tradition haben. Allein die Pops haben 50 CDs eingespielt. Und auch Paavo Järvi kann in sieben Jahren bereits auf 13 Einspielungen mit dem CSO für Telarc verweisen. Er ist so mit seinen Aufnahmen für Virgin und Sony auf dem CD-Markt präsent wie neben Simon Rattle kaum einer seiner Generation.

Noch ist er ein stiller Star, doch sein Orchesterimperium umfasst augenblicklich neben der Bremer Kammerphilharmonie, dem Estnischen Nationalorchester (das er berät) und dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunk ab 2010 auch das Orchestre de Paris. Natürlich wird er in diesem Portfolio etwas ändern müssen, aber Cincinnati wird wohl bleiben.

"Die Stadt ist mein Hauptwohnsitz. Es gibt ein erstaunliches kulturelles Angebot. Außerdem mag ich die Musiker sehr. Sie können viel, gehen die Dinge aber entspannt an", sagt ihr Chef. Das hört man in einem konzentrierten Programm, das sie auch auf der zweiten gemeinsamen Europatour spielen: Schuberts große C-Dur-Sinfonie hat wenig gefährliche Längen, man spürt in der biegsam-gelenkigen Gangart Järvis Beethoven-Praxis. Brittens Violinkonzert mit der technisch astreinen Janine Jansen gerät zur seelenvollen Meditation, zu der Arvo Pärts Britten-Epitaph perfekt passt.

Und wenn Järvi einmal von Cincinnati scheiden wird, dann soll es hier nicht nur das einzige (neben Tokio) lizenzierte Hofbräuhaus geben - die Stadt heißt wegen ihrer guten Würste übrigens auch Porkopolis - sondern auch einen neuen, kleineren Konzertsaal. Gleich neben Music Hall. Denn die Stadt saniert endlich "Over the Rhine". Die Gelegenheit ist also günstig.

Termine: 4. Frankfurt am Main,

5. München, 6. Wien, 8. Stuttgart, 12. Hamburg, 13. Dortmund,

14. Düsseldorf

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