Thursday, May 24, 2012

Zart und Intim

NDR.de
25.05.2012
Friederike Westerhaus
Dmitrij Schostakowitsch: Klavierkonzerte Nr.1 c-Moll op.35 und Nr.2 F-Dur op.102, Concertino für zwei Klaviere a-Moll op.94
Alexander Toradze und George Vatchnadze, Klavier, Jürgen Ellensohn, Trompete
Hr-Sinfonieorchester, Ltg: Paavo Järvi
Vorgestellt von Friederike Westerhaus
Alexander Toradze gelingt es, Schostakowitsch so zu spielen, als würde die Zeit still stehen
31 Jahre alt war der Pianist Alexander Toradze, als er der Sowjetunion den Rücken kehrte und in die USA emigrierte. Das war 1982. Damals war er Professor am berühmten Moskauer Konservatorium, an dem traditionell viele der wichtigsten russischen Künstler ausgebildet werden. Auch der Georgier selbst hatte dort studiert. In den USA baute er an der Universität Indiana ein internationales Klavierstudio auf.
Besonders bekannt ist Alexander Toradze für seine Interpretationen des russischen Repertoires aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Seine Einspielung der Prokofjew-Konzerte mit dem Kirov Orchester unter Valery Gergiev gilt als Referenzaufnahme. Zusammen mit dem hr-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi hat Toradze jetzt die beiden Klavierkonzerte von Dimitri Schostakowitsch herausgebracht.
Direkt aus dem Herzen
Der zweite Satz des zweiten Klavierkonzerts von Dmitrij Schostakowitsch gehört zum Schönsten, was der Komponist je geschrieben hat. So zart und intim, berührend und emotional, dass man sich ganz darin verlieren kann. Alexander Toradze gelingt es, diesen Satz so zu spielen, als würde die Zeit still stehen.
Gerade für die großen russischen Konzerte hat der Georgier Toradze ein tiefes Verständnis, hat sie absolut verinnerlicht. Der Gestus von Schostakowitsch scheint ihm direkt aus dem Herzen zu kommen. Dirigent Paavo Järvi hatte lange den Wunsch, die Konzerte mit Alexander Toradze aufzunehmen:„Ich liebe Lexo – so nennen ihn seine Freunde. Er ist ein wunderbarer Mensch und Künstler mit einer enormen Phantasie, manchmal unvorhersehbar und herrlich impulsiv – außergewöhnlich!“
Dirigent des HR-Sinfonieorchesters, Paavo Järvi.
Überaus phantasievolles Spiel
Das erste Klavierkonzert wird oft als etwas leicht und gefällig abgetan. Alexander Toradze aber hat darauf einen ganz besonderen Blick. Er sieht darin eine direkte Verbindung zur Jugend von Dmitri Schostakowitsch, in der er im Kino Stummfilme am Klavier begleitete, erklärt Järvi.
"In diesen alten Filmen gibt es keine sanften Übergänge, sie sind ziemlich unbeholfen geschnitten. Im einen Moment geht’s um eine Liebesgeschichte, im nächsten stürmen plötzlich 50 Soldaten ins Bild. Alles ist etwas schneller als im wirklichen Leben – das lag damals an der Technik. Lexo spielt das wie die Begleitung zu einem Stummfilm. Er zeichnet die Charaktere so stark und fast übertrieben, dass man in der Musik den Film vor sich sieht."
Wie genau dieser Film aussieht, bleibt Jedem selbst überlassen. Aber das phantasievolle, überaus plastische und kontrastreiche Spiel von Toradze dürfte auch die Phantasie jedes Hörers anregen. Dem Kopfkino des Pianisten zu folgen, erforderte von Paavo Järvi und dem HR-Sinfonieorchester große Flexibilität.
Dass sich Toradze, das Orchester und Järvi in einigen Momenten von ihrer eigenen Verve mitreißen lassen auf Kosten kleiner Details, tut dem hervorragenden Gesamteindruck keinerlei Abbruch.

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