Sunday, November 04, 2012

Auf der Suche nach dem Eigenen

HNA.DE
Werner Fritsch
30.12.2012

Interview: Der estnische Dirigent Paavo Järvi spricht über sein Konzert bei den Kasseler Musiktagen

Kassel. Gerade erst hat er für seine Einspielung der Sinfonien Robert Schumanns mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen höchstes Lob geerntet: Paavo Järvi, der heute weltweit zu den interessantesten Dirigenten zählt. Am Donnerstag dirigiert er bei den Kasseler Musiktagen das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. Gespielt werden die 1. Sinfonie von Carl Nielsen, das 1. Violinkonzert von Max Bruch mit Janine Jansen als Solistin sowie Paul Hindemiths Symphonische Metamorphosen. Wir sprachen mit dem Maestro.
 
Herr Järvi, Sie haben in Ihrem Programm drei Komponisten, deren Musik man nicht alle Tage hört. Wohl kein Zufall?
Paavo Järvi: Für mich ist es immer interessant, das übliche Repertoire etwas zu erweitern, besonders beim erfahrenen Publikum in Deutschland. Natürlich sind Beethoven, Brahms und Mahler von zentraler Bedeutung. Es gibt aber so viel andere Musik, die es nicht weniger wert ist, ins Bewusstsein gerückt zu werden.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den drei Werken, die Sie in Kassel dirigieren?
Järvi: In gewisser Hinsicht ähneln sich die Werke von Nielsen und Bruch. Beide wurzeln in der deutschen romantischen Tradition. Was Nielsens Sinfonie interessant macht, ist, dass es sich um ein Jugendwerk handelt. Er meidet bewusst die ausgetretenen Pfade und setzt eine etwas ungewöhnliche Harmonik mit einer Färbung ein, die ich als nordisch, ja als dänisch bezeichnen würde.

Was schätzen Sie besonders an der Geigerin Janine Jansen, mit der Sie das Bruch-Konzert aufführen werden?
Järvi: Man soll ja keine sportlichen Kategorien wählen, aber Janine zählt für mich als Geigerin zu den Top Drei in der Welt. Sie hat etwas, was sehr wenige haben: eine perfekte Verbindung von technischen Fähigkeiten, enormer Musikalität, Schönheit des Tons und der Gabe, sowohl mit den Musikern als auch mit dem Publikum zu kommunizieren.

Dieter Rexroth, der Leiter der Kasseler Musiktage, setzt auf Werke, die musikgeschichtlich bedeutsam sind. Welche sind das in Ihrem Programm?
Järvi: Ich denke, Hindemiths Symphonische Metamorphosen sind ein wahres Meisterwerk. Sie gehören zu den wichtigen Werken des 20. Jahrhunderts. Hindemith ist oft verkannt worden als trocken und akademisch. Ich finde das überhaupt nicht. Er ist ein sehr interessanter Komponist. Man muss die innere Bedeutung seiner Musik, auch die Freude, die darin steckt, entdecken. Seine Musik trägt eine große Tradition von Bach bis Wagner in sich.
Wie gehen Sie an Musik heran, wenn Sie Stücke einstudieren? Orientieren Sie sich an Aufführungstraditionen?
Järvi: Ich stamme aus einer Dirigentenfamilie, ich bin also mit Musik aufgewachsen und habe schon als kleiner Junge den Stil vieler Dirigenten kennen gelernt. Für mich ist die Beschäftigung mit einem Stück dennoch ein langer Prozess. Man stößt ständig auf Dinge, die auf eine bestimmte Weise gemacht werden, obwohl es gar nicht so in den Noten steht. Das nennt man dann Tradition. Die Frage ist aber: Ist es eine gute Tradition? Das kann alles betreffen: die Tempi, die Größe des Orchesters, die verwendeten Instrumente. Man ist ständig auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und den richtigen Lösungen. Am Ende steht dann hoffentlich etwas, was man sein Eigenes nennen kann.
Konzert: Donnerstag, 20 Uhr, Stadthalle Kassel. Karten: Tel. 0561 / 203 204.
 
http://www.hna.de/nachrichten/kultur/kultur-lokal/suche-nach-eigenen-2591045.html

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