Wednesday, November 21, 2012

"Der estnische Expressionist"

DW.de
Thomas Lindemann
19.12.2012

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet am 28. Oktober 2012 über Paavo Järvis Schumann-Interpretationen.
Der estnische Expressionist
Paavo Järvi ist ein Dirigent für eine neue Zeit. Jetzt holt er auch den Sinfoniker Schumann in die Gegenwart
Es gibt Musikerlebnisse, die können ein Leben verändern. Paavo Järvi saß gerade in Reihe sechs der New Yorker Met, direkt hinter ihm sein Mentor, die Legende Leonard Bernstein. "Ich konnte seine Whisky-Fahne riechen", sagt Järvi. Damals war Järvi Student, noch nicht lange zuvor aus Estland geflohen. Gegeben wurde "La Traviata", Carlos Kleiber stand am Pult. Das Orchester eines der besten der Welt, fast arrogant. Gleich auf der ersten Seite der Noten gibt es eine Fermate, einen Moment, an dem der Dirigent den Ton halten kann - meist nur einen Atemzug. Doch Kleiber hielt. Hielt weiter. Immer länger. "Alle Musiker rissen vor Schreck die Augen auf, wurden hellwach", erinnert sich Järvi. "In dieser Sekunde änderte sich alles. Er hatte sie gefangen und ließ sie nicht wieder los." Es wurde das beste Konzert, das Järvi je gehört hatte. Nach dem Schlussakkord schwieg das Publikum wie hypnotisiert. "Sie hätten eine Stecknadel fallen gehört, niemand traute sich zu atmen." Bloß eine Stimme hörte man stöhnen: "Wow, Man!" Das war Bernstein.
 In dieser Anekdote steckt schon der ganze Järvi: die Komik, die heiße Liebe zur Musik, die Freude an der Überraschung, das charakterisiert den 49-jährigen Esten. Den Mann, der bisher außerhalb der Szene noch gar nicht recht wahrgenommen wird, obwohl er längst zu den Größten der Welt zählt. Er dirigiert in Frankfurt, Paris, Cincinnati und New York - vor allem aber in Bremen. Mit der dortigen Deutschen Kammerphilharmonie, diesem erstaunlichen Orchester, das von einem japanischen Fachblatt unter die zehn besten der Welt gewählt wurde, hat Järvi nun die vier Sinfonien Robert Schumanns wiederentdeckt.

Stiefkind des Betriebs

Eine erstaunliche Wahl. Schumann ist ein Stiefkind des Klassikbetriebs, daran hat auch das Schumann-Jahr 2010 nichts geändert. Der Romantiker wird für seine Klavierstücke geschätzt, wurde aber nie ein populärer Symphoniker. Auf den Spielplänen steht er fast nie als Höhepunkt des Abends. Musikwissenschaftler schrieben immer wieder, Schumann habe schlecht instrumentiert. Im "New Grove", quasi die "Encyclopaedia Britannica" der Musikwissenschaft, steht: "Schumann war kaum fähig, in Kategorien des Orchesters zu denken."

Järvi legt die Stirn in wütende Falten. "Alles, was wir bisher über Schumann denken, ist Unsinn, man muss an ihn glauben. Nicht Schumann spielen und sich gleichzeitig dafür entschuldigen", sagt Järvi mit heftiger Geste. In seiner schwarzen Kleidung - Anzug, drei Knöpfe weit offenes Hemd, Lederhalsband - sieht er aus wie der Barkeeper eines sehr eleganten Clubs. Wenn er über Musik redet, schließen sich seine Augen halb, dann taucht er ab, singt Fragmente, schlägt in der Luft Pauken. Beim Treffen klopft er schon nach wenigen Minuten auf den Tisch im Takt von Schumanns Erster, singt eine Violinstimme, die "immer falsch gemacht wurde", sein Kugelschreiber entlädt die Wut am Wasserglas. Bäng! Hier ist der neue Bond der Klassik. So wie Daniel Craig das Image des Agenten entstaubt hat, gleichzeitig verroht vielleicht, jedenfalls aber in die Gegenwart geholt - so ist Järvi ein neuer Dirigent für eine neue Zeit.

Sezierter Orchesterklang

Perkussionist hat Järvi gelernt und dann getrommelt in der Rockband seines Landsmannes Erkki-Sven Tüür, des anderen großen estnischen Komponisten neben Arvo Pärt. Natürlich sind die drei Freunde und in Estland gleichermaßen Stars. Aber Järvis große Stunde schlug an der Weser. Mit der Bremer Kammerphilharmonie spielte Järvi zuletzt jahrelang Beethovens Sinfonien.

Es wurde ein Welterfolg. Kritiker schrieben Sätze wie: "Endlich kann man die Neunte wieder hören." Die Deutsche Welle, die schon die Arbeit an Beethoven begleitete, bringt nun zum Bremer Schumann eine DVD heraus, die das Traumpaar Järvi und Kammerphilharmonie intim bei der Arbeit zeigt. Der Deutsche-Welle-Redakteur Christian Berger hat eine frische Art von Konzertfilm erfunden - einzelne Musiker werden vor leerem Weiß mit ihren Stimmen herausgenommen, später wieder in den Orchesterklang hineinmontiert. Der Film seziert. Dennoch, auch das sieht man, beschwört Järvi in den Proben immer wieder das Klischee von Schumann als dem großen Romantiker. Dem kompromisslosen Träumer. "He was a mad genius!", ruft er seinen Musikern zu.

Paavo Järvi hat Schumann natürlich gewählt, gerade weil niemand ihn so ernst nimmt. Er sucht die Kraft im Problemfall. Schumann, geboren 1810, vierzig Jahre nach Beethoven, tritt Mitte des 19. Jahrhunderts in eine schwierige Phase der Musik. Der klassisch-romantische Urknall verhallt schon. Der neue Bombast Wagners klingt gerade erst an, Mahler ist noch fern. Franz Schubert klagte 1815 ausdrücklich: "Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen!" Robert Schumann steht ein paar Jahre später im tiefsten Schatten der Post-Symphonik. Er schreibt Klavierwerke, Lieder, kleine Formen. An Sinfonien wagt er sich erst spät. Erfolge werden sie nicht. Zu Unrecht, wie Paavo Järvi nun beweisen will. "Dass es Schumann geben konnte, ist das größte Faszinosum der Musikgeschichte", sagt Järvi. Sein Einfluss, auch orchestral, sei nicht zu überschätzen. "Heute wird überall nur Wagner, Wagner, Wagner gespielt. Und wo hat der für seinen ,Parsifal' geklaut? Bei Schumann."
Järvi und die Kammerphilharmonie Bremen spielen nun Schumann in direkter Linie von Beethoven. Järvi schwärmt vom Anfang der "Eroica": "Beethoven schlägt uns zweimal ins Gesicht, sagt, haltet alle das Maul, und dann baut er etwas darauf auf. Schumann tut das etwas anders - aber im selben Geist." Das nennt Järvi, zum Leidwesen seiner Musiker, immer wieder "neurotisch". Und erklärt es so: "Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Aber es ist nie Slapstick, nie billig, es bedeutet immer viel."

Schumann gilt auch als Charakter der modernen Wahrnehmung wenig. Der Zwickauer, der erst Jura studierte und dann überstürzt zur Musik wechselte, stand im Schatten seiner viel berühmteren Frau Clara. Einige Musikwissenschaftler behaupten, das fünfte Kind des Paars sei eigentlich von Brahms. Schumann stürzt sich in den Rhein, seine letzten zwei Lebensjahre verbringt er im Irrenhaus - Clara besucht ihn genau einmal. So steht er vor der Welt da: als gehörnter Jammerlappen. Beigetragen haben dazu auch manche Biographien und der Spielfilm von 1985 mit Nastassja Kinski und Herbert Grönemeyer, der den Komponisten als weltfremden Trotzkopf spielt. "Nicht Schumann ist das Problem, wir sind es", sagt Järvi dazu nur.

Der wahre Klang

Wurde bei Schumann-Sinfonien traditionell immer viel gestrichen, ganze Stimmen entfernt, so legen Järvi und die Bremer nun den wahren Schumann-Klang frei. Das scheint mitzureißen. "Dieses Orchester arbeitet nicht nur gern, es verlangt Mühe. Viele Musiker kommen zu früh, um ihre Stimmen noch zu üben." Das Wunder ist auch nicht ein Järvi-Sound, sagt Järvi, sondern "etwas Gemeinsames". Fünfzehn Jahre arbeitet er mit ihnen, bestimmt fünfzig Mal hat er Beethovens Siebte aufgeführt. "Wir verstehen uns." Järvi ist kein Autokrat mehr.

Es geht um die Sache selbst.

Etwa: Wenn eine Stimme unterzugehen droht, wurde sie oft verdoppelt. Das war die Wagnersche Megalomanie. Hier läuft es umgekehrt: Hört man die Oboen schlecht, lässt Järvi alle anderen leiser spielen, bis der Klang wieder da ist. So wird er feiner, durchsichtig. Deswegen mag er moderne Hörner nicht, bevorzugt Waldhörner - sie lassen mehr Platz im Klang. Kleinigkeiten, die einen Sound erzeugen. Akkurat.
Schumann wirklich verstehen, das ist seine Mission.

Ein Mittagessen mit ihm wird schnell zum Exkurs über die späte Klassik. "Brahms versteckt alles vor Ihnen, zeigt sich nicht hinter der komplexen Musik", sagt er. "Schumann dagegen kann nicht warten, alles auf den Tisch zu legen, Ihnen alles zu zeigen, bis dem keiner entkommt."

Diese Freude, sich zu offenbaren, teilt wohl auch dieser besondere Dirigent. Übrigens, wie vieles an ihm, ein Erbe von Leonard Bernstein, den er heute noch verehrt. "Von Bernstein habe ich gelernt, dass Musik etwas bedeutet, dass es wirklich um etwas geht. Der alte Mann gebrechlich, langsam, aber am Pult immer wie ein Kind. Auch bei Proben, fern aller Kameras. Er sprang, er jubelte, er lebte die Musik."

Kurz vor Schluss von Schumanns zweiter Sinfonie steht ein langes, breites Adagio, "espressivo" schrieb der Komponist darüber - weite Streicherflächen formulieren alle Sehnsucht nach Vollkommenheit und ihr trauriges Scheitern zugleich. Empfindsame Hörer kann das in den Selbstmord treiben. Und dann, eine Pause kurz wie ein Fingerschnipsen, und plötzlich stürzt Schumann uns in ein karnevaleskes, unbekümmert rasendes Finale. Als wäre doch nichts gewesen. Bei Järvi ist das eine Explosion - ein wahrhaft schockierender Moment eben.

Paavo Järvi und Bremens Orchester haben dem modernen Ohr etwas zurückgegeben, was verloren schien: vier wilde, ungestüme, zügellose Sinfonien, die wirklich berühren können. Damit ist der Sinfoniker Schumann gerettet.

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