Tuesday, October 12, 2010

Kein Ende mit diesem Beethoven

Kreis Zeitung
10.10.10

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze(Eig. Ber.) · Einst sagte ja Paavo Järvi, das Orchester sei „ein Traum“. Beim letzten Highlight-Konzert mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen wird er das wahrscheinlich wieder ganz besonders erlebt haben, denn – habe ich richtig gehört – an diesem Abend ging die Post noch mehr ab als sowieso schon immer.

Das war auch notwendig. Denn das Orchester muss inzwischen gegen den nicht ganz unberechtigten Vorwurf seiner Beethoven-Interpretationen rauf und runter anspielen, muss beweisen, dass das noch immer Sinn macht und es sich nicht nur um eine Frage des Marktes und der anhaltenden Verkaufbarkeit handelt (das natürlich auch).

Ludwig van Beethovens Siebte Sinfonie, die „Apotheose des Tanzes“, wie Richard Wagner sagte, war in Bremen nun schon dreimal zu hören. Aber wie beim Wiedersehen mit guten Freunden ist man mit dieser Musik nie zu Ende und schon mal gar nicht mit solchen – inzwischen international preisgekrönten – Interpretationen.

Wenn sich das kompositorische Niveau – Carl Maria von Weber hatte 1813 Beethoven als „reif für das Irrenhaus“ bezeichnet – derartig mit dem Niveau der Interpretation die Waage hält, so sind immer wieder neue Entdeckungen in dieser gewaltigen Partitur möglich. Die Meriten Järvis sind hier ganz schlicht zu wiederholen: die perfekte Ausgewogenheit zwischen kammermusikalischer Transparenz und den Fortissimoexplosionen. An diesem Abend gelang das geradezu ekstatisch ohne die geringste Gefahr, zu überdrehen. Wunderbar und häufig zum Atemanhalten, wie sich aus einer Atmosphäre eine neue herausschält – vieles tranceartig.

Also: Alles stimmte und ließ das zweite Werk des Abends ein wenig alt aussehen. Paul Hindemiths 1935 entstandenes Bratschenkonzert „Der Schwanendreher“ tapst so vor sich hin und oft recht mühsam weiter, das ist eben beim Neoklassizismus so und bleibt Geschmackssache. Wunderschön allerdings der Bratschenpart, deren sonorer Klang den verwendeten Volksliedern eine edle Nostalgie verleiht. Dies ganz besonders, wenn ein Interpret wie Antoine Tamestit bei der Arbeit ist. Er ist ohne Zweifel einer der ganz Großen und es ist in jedem Augenblick ein Geschenk, ihm zuzuhören. Eingeleitet wurde das Konzert mit Beethovens fetziger Ouvertüre „Geschöpfe des Prometheus“.

Das Publikum erhebt sich bei den Konzerten der Kammerphilharmonie nicht mehr so häufig zu Ovationen, es ist das außergewöhnliche Niveau gewöhnt. Diesesmal aber standen die Besucher wieder auf, vielleicht ein Beweis für mein Gefühl, dass wir eine erneute Sternstunde erlebt hatten, eines der seltenen Momente in der Geschichte der Interpretationen, die weder planbar noch wiederholbar sind.

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