Thursday, June 01, 2017

Ein Abenteuer, nun aber richtig

nzz.ch
30.05.2017
Christian Wildhagen

Der estnische Dirigent Paavo Järvi bringt beste Voraussetzungen mit, um mit dem Tonhalle-Orchester unmittelbar an das Niveau und die Erfolge der Ära von David Zinman anzuknüpfen.



Plötzlich ging alles ganz schnell. Überraschend hat die Tonhalle-Gesellschaft Zürich unter Federführung der Intendantin Ilona Schmiel einen Nachfolger für Lionel Bringuier, den 2018 scheidenden Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters, präsentiert und damit die Zeit der Ungewissheit im Zürcher Musikleben nach neun Monaten beendet. Eine Hängepartie, wie sie sich derzeit am Zürcher Schauspielhaus um die Nachfolge von Barbara Frey entwickelt, ist auf diese Weise geschickt vermieden worden.

Die Kandidatenfindung selbst ging erstaunlich unaufgeregt über die Bühne – auch dies war kaum zu erwarten gewesen nach den hohen Wellen, welche die Nichtverlängerung von Bringuiers Vertrag im August 2016, nach nur zwei Jahren im Amt, geschlagen hatte. Statt freilich jede Woche einen neuen Kandidatennamen öffentlich zu diskutieren (und damit in der Regel zu verbrennen), hat man in der Tonhalle nach dem klärenden Schlussstrich unter der Ära Bringuier ausgesprochen professionell gearbeitet: hat hinter verschlossenen Türen und in enger Abstimmung mit den Musikern zuerst eine Auswahl an geeigneten Künstlerpersönlichkeiten erwogen, dann das Profil des künftigen Chefdirigenten mithilfe von Long- und Shortlists weiter geschärft – und am Ende dem Vernehmen nach einen der Wunschkandidaten des Orchesters für das Amt gewinnen können.

Tatsächlich ist der Este Paavo Järvi eine ideale Lösung für den Zürcher Posten. Denn Järvi bringt beste Voraussetzungen mit, um den künstlerisch zurzeit ein wenig ziellos wirkenden Tonhalle-Tanker bald wieder auf Kurs zu bringen. Mit der Berufung Järvis ab der Saison 2019/20 knüpft die Tonhalle überdies klar an die hohen ästhetischen Ansprüche an, unter denen der heutige Ehrendirigent David Zinman das Orchester während knapp zweier Jahrzehnte auf das Niveau der Top-Orchester in Europa gehoben hat.

Die kurze Amtszeit Lionel Bringuiers, der die Tonhalle 2018 nach dann gerade einmal vier Jahren verlassen wird, wirkt dagegen nun noch mehr wie ein unglückliches Intermezzo. Denn die Berufung Järvis ist auch die deutliche Korrektur falscher Massstäbe, die man seinerzeit bei der Regelung der Nachfolge für David Zinman angelegt hat. Statt sich erneut in künstlerische Abenteuer mit einem jungen, international zu wenig erfahrenen Dirigenten mit obendrein überschaubarem Repertoire zu begeben, hat man mit dem 54 Jahre alten Järvi nun einen der profiliertesten Orchesterleiter aus der mittleren Generation engagiert.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass das Tonhalle-Orchester ganz unmittelbar von Järvis reichen Erfahrungen mit unterschiedlichsten Ensembles (auch in der Tradition der historischen Aufführungspraxis), von seiner starken medialen Präsenz und nicht zuletzt von seiner beachtlichen internationalen Reputation profitieren wird.

https://www.nzz.ch/feuilleton/paavo-jaervi-neuer-chefdirigent-des-tonhalle-orchesters-nach-dem-intermezzo-ld.1298434

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