Thursday, June 01, 2017

Paavo Järvi wird Tonhalle-Chefdirigent


tagesanzeiger.ch
30.05.2017
Susanne Kübler

Der 54-jährige Este kommt als Nachfolger des glücklosen Lionel Bringuier nach Zürich. Eine gute Wahl.
Es sind aufregende Zeiten für Paavo Järvi: Vor zwei Tagen erst hat er mit Mozarts «Don Giovanni» sein Debüt an der Mailänder Scala gegeben – und nun soll er, wie von verschiedenen Seiten her berichtet wird, in Zürich den Vertrag als neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters unterzeichnet haben. Die offizielle Bestätigung wird es heute um 16 Uhr an einer Medienkonferenz geben.

Das sind gute Neuigkeiten. Einerseits, weil der 54-jährige Järvi ein spannender, erfahrener, eigenwilliger, treuer Dirigent ist – das hat er vor allem mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gezeigt, die unter seiner langjährigen Leitung einen erstaunlichen Höhenflug erlebt hat. Und andererseits, weil die Nachfolge von Lionel Bringuier so zwar nicht nahtlos, aber immerhin nach nur einem Zwischenjahr geregelt werden kann: Järvi tritt sein Amt mit der Saison 2019/20 an. Er wartet also nicht, bis die renovierte Tonhalle wieder zur Verfügung steht, sondern startet im Maag-Exil.

Sport statt Glamour

Das passt zu einem, der sich von den glamourösen Gepflogenheiten der Klassik-Welt gern ein bisschen distanziert. Zwar ist Paavo Järvi in dieser Welt aufgewachsen; sein Vater ist der Dirigent Neeme Järvi, seine jüngeren Geschwister Kristian und Maarika (und zahlreiche weitere Verwandte) sind ebenfalls Musiker. Aber er hat schon immer gern eigene Wege eingeschlagen: zunächst als Schlagzeuger, später als Dirigent, der sein Tun auch mal mit selbstironischem Understatement als «Sport» bezeichnet.

Dass er mehr als nur Sportlichkeit zu bieten hat, war im vergangenen Dezember in der Tonhalle zu erleben. Da hat Paavo Järvi Werke von Prokofjew und Schumann dirigiert: dynamisch, kein bisschen wolkig, aber durchaus mit Sinn für Feinheiten. Sehr rasch hat er dabei den Draht zum Orchester gefunden, mit dem er zuvor erst ein einziges Mal zusammen gearbeitet hatte (im Jahr 2009). Und auch jenen zum Publikum – was vor allem in Prokofjews ziemlich sperrigem Cellokonzert keine Selbstverständlichkeit ist.

Vor allem aber hat sich in diesem Konzert gezeigt, dass er nicht blenden, sondern anpacken will: Genau das, was man sich von einem Chefdirigenten wünscht.

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